Von Pinocchio lernen

Aus freiem Willen hat er uns geboren durch das Wort der Wahrheit, damit wir gleichsam die Erstlinge seiner Geschöpfe seien.

Jak 1,18

Liebe Gemeinde

Die Trickfilmserie „die Abenteuer vom Pinocchio“ liebte ich als Junge heiss. Besonders beeindruckte mich das Ende der Geschichte. Nach abenteuerliche finden Pinocchio seinen Schnitzer Geppetto wieder. Doch beide haben sich verändert. Aus dem Schöpfer ist ein Vater geworden. Aus der Puppe ein Sohn. Parallelen zur Geschichte des verlorenen Sohns werden sichtbar.

Der Pinocchio verliert sich. Die Verlockungen von der Welt, das Streben nach Freiheit von Verantwortung und die Sehnsucht nach dem Schlaraffenland lassen ihn von zu Hause ausreisen. Er will der werden, wo er glaubt sein zu müssen.

Der Geppetto kann ihn nicht aufhalten. Der Pinocchio macht sich auf und davon. Doch der alte Puppenbauer kann ihn nicht vergessen. So macht sich der Geppetto auf. Er will den Pinocchio finden, denn er erkennt ihn ihm seinen Sohn. Kein Sohn nach dem Fleisch, aber Sohn noch dem Geist. Er liebt seinen Sohn – auch wenn der kein Musterknabe ist. So macht er sich auf um ihn zu suchen.

Die Suche ist voll Schwierigkeiten und Problemen. Der Unbill und die Widrigkeiten des Schicksals legen dem alten Geppetto immer wieder neue Steine in den Weg. So zuversichtlich er seine Suche begann, so aussichtslose wird sie ihm werden.

Schliesslich wagt er sich in einem kleinen Boot auf das offene Meer hinaus. Er klammert sich an das Gerücht, seine Puppe sei zusammen mit einer Gruppe Jungen zu einer mythischen Insel gefahren. Dieses Schlaraffenland ist der Strohhalm nach dem er greift.

Geppetto schlägt alle Warnungen in den Wind. Er will der Gefahr trotzen, so sticht er in See. Auf dem Meer begegnet er seinem vermeintlichen Schicksal. Ein Sturm zieht auf. Geppetto scheint verloren.

Ich erinnere mich noch gut an die dunklen und wilden Bilder. Die dramatische Musik und die Sturmgeräusche, welche die Sequenz unterlegten steigerten mein Empfinden. Geppetto ist in Seenot. Der Sturm wirft sein Boot hin und her. Es droht jeden Augenblick unter zu gehen.

Als es nicht mehr schlimmer kommen konnte, taucht ein Wal auf und verschlingt den armen Mann mit samt seinem Segelboot.

Der Fernsehschirm wird schwarz. Dann erscheint der Abspann. Ein Cliffhanger. Ich konnte die Fortsetzung kaum erwarten. Die Woche bis zur nächsten Folge schien mir eine Ewigkeit.

Endlich war es soweit. Wie geht es weiter? Stirbt Geppetto im Maul des Wales? Wird Pinocchio jemals erfahren, wie sehr ihn Geppetto liebte?

Ich hielt die Spannung kaum aus.

Wie enttäuscht war ich, als die neue Folge bei Pinocchio einsetzte.

Er hatte keineswegs das erstrebte Paradies, das Schlaraffenland für Jungen erreicht. Vielmehr musste er sich den Verlockungen und Gefahren der Welt stellen. Mit jeder Enttäuschung, mit jeder gemeisterten Herausforderung wurde er ein Stück erwachsener.

Die Lektionen des Lebens waren dabei hart. Zum Beispiel musste er am eigenen Leib erfahren, wie schmerzhaft Lügen sind. Denn seine Nase wuchs mit jeder List und bald schon war sie ihm hinderlich.

Pinocchio begann sich zu bemühen. Er wollte ein guter Junge sein. Er bemühte sich redlich, doch das Schicksal meinte es vor erst nicht gut mit ihm.

Ja, einmal gerät er sogar in Todesgefahr. Eine gute Fee will ihn retten. Doch es gelingt ihr nur zum Teil. Pinocchio landet ihm Meer. Er kann nicht schwimmen, doch geht er dank seines hölzernen Körpers nicht unter.

Hilflos treibt er auf See bis auch er von einem Wal verschlungen wird.

Doch nun wendet sich das Schicksal. Im Maul des Wals finden sich Vater und Sohn wieder.

Gemeinsam stellen sie sich dem Kampf. Schliesslich gelingt die Flucht.

Der Pinocchio wird belohnt. Er hat sich dem Leben gestellt. Er ist erwachsen geworden. Die hölzerne Puppe verwandelt sich in einen jungen Mann aus Fleisch und Blut. Pinocchio findet, wo nach sein Herz strebte. Er wird frei indem er Verantwortung übernimmt.

Ein wunderbares Märchen! Oft wird es pädagogisch gedeutet. Es soll Kindern zu gehorsamen Knaben und Mädchen erziehen. Gewissermassen als moralischer Zeigefinger. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht träumen. Du sollst die Freiheit deiner Kindertage nicht auskosten! Du musst brav sein, so wirst du leicht erwachsen werden. Vor der Verantwortung kannst du nicht fliehen.

Alle Auflehnung, alles Ausreissen und alles Streben nach Freiheit wird in dieser Deutung als sinnlos erkannt. Es trägt nichts ein, als Schmerz und Todesgefahr.

Doch man kann die Geschichte auch anders deuten. Man kann sie als Erzählung des Erwachsen werden verstehen.

Pinocchio wird nicht getadelt. All sein Streben, all seine Auflehnung, aber auch all seine Selbstvergessenheit im Spiel führen in letztlich in das Maul des Wal. Erst hier erkennt er seinen Schöpfer als Vater. Erst hier, in der Finsternis des Tiers wird er ganz Mensch. Erst jetzt kann die Flucht gelingen.

Es ist eine Flucht, die zur Neugeburt wird. Das Kind Pinocchio ist tot und stirbt doch nicht. Es wird verwandelt. Es wird zum jungen Mann Pinocchio. Einem Jüngling aus Fleisch und Blut. Fähig zu lieben, zu scheitern, zu weinen und zu trösten.

Das erwachsen werden ist eine weiter Weg. Es ist eine Reise voller Herausforderungen und Gefahren mit manchem Umweg. Alles andere als gradliniger Prozess. Denn die Gipfel und die Täler gehören mit dazu.

Wie der Prophet Jona, so will auch Pinocchio am Anfang vor aller Verantwortung davon laufen. Wie Pinocchio flieht auch Jona zuerst vor seiner Bestimmung. Er will weg. Nicht in ein Schlaraffenland ohne Verantwortung, aber an eine Ort, an dem ihn der göttliche Auftrag nicht erreicht. Ein ganzes Meer soll ihn davon trennen.

Die Parallelen gehen noch weiter. Beide Erzählungen erreichen ihren dramatischen Höhepunkt im Innern eines Fischs.

Der Höhepunkt wird als Endpunkt eingeführt. Der Cliffhanger in der Zeichentrickserien – das Bild vom Verschlingen im biblischen Bericht – beides müssten eigentlich Endpunkte sein.

Nicht nur Endpunkt einer Geschichte, sondern es sind endgültige Endpunkte. Jona wird vom Fisch gefressen – Pinocchio vom Wal verschluckt. Sie sterben. Verschlungen von der Bestie sind sie tot. Es gibt kein Licht, kein Leben. Die Finstern der Todesnacht umgibt sie. Der Tod ist der ultimative Endpunkt jedes irdischen Lebens.

Doch da nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Jona verzweifelt nicht. Er betet.

Sein Gebet ist voller Dank und Vertrauen auf Gott. Kein Wort der Klage oder des Zweifels.

Pinocchio findet gar in diesem Moment sein Schöpfer. Er erkennt seinen Vater. Er erlebt seine Liebe. Denn Geppetto ist ihm aus lauter Liebe nachgegangen. Ja, er suchte ihn am äussersten Ende der Welt. Kein Ort war ihm zu abgelegen, als dass er es nicht zumindest versucht hätte.

Gemeinsam freuen sie sich über das unerwartete Wiedersehen. Freudentränen fliessen.

Gemeinsam entkommen sie dem Schlund. Der hölzerne Sohn vertraut ganz seinem Vater. Pinocchio darf Mensch werden. Er wird auf wundersame Weise erwachsen.

Auch Jona bleibt nicht im Maul des Fisches gefangen. Erneut nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Der Fisch spuckt ihn auf trockenes Land aus.

Es ist das Land, in das er als Prophet berufen wurde. Dort, auf diesem Fremden und noch unbekannten Boden, soll er wirken.

Den Auftrag hatte er von Anfang an. Doch jetzt ist er bereit dazu. E hat ihn angenommen. Er ist zum Prophet Gottes geworden. Er ist erwachsen geworden.

Der Übergang vom Kind zum jungen Mann in der Geschichte von Pinocchio und die Umkehr von Jona hin zu seinem Prophetentum sind dramatische Erzählungen voller tiefer Symbolik. In knappen Bildern und kurzen Worten wird geschildert, was jedes Kind durchleben muss. Es ist nicht einfach erwachsen zu werden. Der Weg braucht viele Jahre.

Brüche, Hügel und Täler, reissende Ströme und stille Wüsten gehören mit dazu. Ja, zum Übergang gehört eine Art von Sterben und von Tod mit dazu. Nicht der körperliche Tod am Ende des irdischen Wegs – aber doch ein Stück Abschied nehmen. Wer erwachsen wird, lässt auch etwas zurück. Etwas, das nicht wieder kehrt.

Und dennoch. Eines Tages muss jedes Kind erwachsen werden. Denn es gehört mit zu unserer Bestimmung dazu, dass die Kindheit nicht ewig dauern kann.

Es ist gut, dass wir erwachsen werden. Als Erwachsene können wir zurückblicken. In der Retrospektive verliert dieser Abschied seinen Schrecken. Obwohl es ein Abschied ohne zurück ist, ist es doch kein Abschied, z u dem nicht auch ein Stück Neugeburt gehört.

Pinocchio wird als Mensch neu geboren. Jona erlebt eine zweite Niederkunft zum vollgültigen Prophetentum. Beide sind verwandelt und doch die gleichen geblieben.

Tod und Neugeburt. Sterben und neues Leben. Sie gehören mit zum Erwachsen werden dazu. Bedenkt man dies, so kann uns dieser Prozess zum Trost werden. Denn wie Jona, so ist auch Jesus an Karfreitag vom Tod verschlungen worden. Doch an Ostern, am dritten Tag, ist er auferweckt worden. Als ersten ist er erstanden zu neuem Leben. Als erster erwachsen geworden vor Gott, damit auch wir wachsen dürfen im Glauben zu ewigem Leben.

Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

One Response to Von Pinocchio lernen

  1. Brigitta Gut sagt:

    Sehr geehrter herr vogt

    Am sonntag wurde meine enkelin lesly fischer getauft. Es war eine sehr schöne feier. Die predigt konnte ich aber nicht genau mitverfolgen, weil ich immer ein oder mehrere (ich habe 5) enkel auf meinen knien hatte. Dies hat mich nicht gestört, denn ich bin mit ganzem herzen grosi mit leidenschaft. Jetzt habe ich zeit ihre predigt zu lesen. Ich finde das ganz toll.
    Ich wünsche ihnen noch viele solch gute ideen.
    Mit freundlichen grüssen

    Brigitta gut

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.