Die Dampfmaschine und der Heilige Geist

Jesus sagt:
„Wer mich liebt, wird mein Wort bewahren, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und uns bei ihm eine Bleibe schaffen.
Joh 14,23

Liebe Gemeinde

Mit Pfingsten verbinde ich ein Ereignis meiner Kindheit, dass mit Pfingsten eigentlich gar nichts zu tun hat. Zumindest ist die Verbindung auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Doch hört selber.

Das Pfingstwochenende ist kein gewöhnliches Wochenende. Man hat nicht nur die üblichen zwei, sondern sogar drei Tag frei. Das freut nicht nur Schülerinnen und Schüler, auch viele Erwachsene nutzen diese drei Tage gerne. Festivals, Ausstellungen und Treffen finden gerne während dem Pfingstwochenende statt.

So war es kein Wunder, dass Ende der 80er Jahre im Technorama – für mich als technikbegeistertem Bub, so oder so wie ein Schlaraffenland – just während dieser Tage die internationale Dampftage stattfanden.

Sammler, Hersteller und Tüftler kamen nach Winterthur in das Technikmuseum. Im Gepäck hatten sie Modelldampfmaschine in alle Grössen, Formen und Typen. Es gab Sterlingmotoren, welche so sehr miniaturisiert waren, dass sie gerade knapp über der Grenzen des technisch machbaren lagen. Ein paar Millimeter kleiner und die Physik hätte sie nicht mehr funktionieren lassen.

Neben der grossen Dampfbahnanlage, die zum Museum gehört, wurde eine zweite und dritte Gleisanlag mit unterschiedlichen Spurbreiten aufgebaut. So wurden alle mögliche Dampfloks betrieben.

Ja, es gab sogar einen ganzen Fuhrpark historischer Dampfwalzen, die dampfbegeisterte Enthusiasten liebevoll restauriert hatten. An jenem Wochenende setzten sie die Maschine für einmal wieder unter Dampf und drehten damit ihre Runden zur Freude der Besucherinnen und Besucher.

An verschiedenen Schnittmodellen konnte man sich gar darüber informieren, wie das nun genau funktioniert mit dem Feuer, dem Wasser und dem Dampf.

Ich war hin und weg! Mein Vater war gleichermassen begeistert. All das Zischen, Dampfen, Schnauben, Pfeifen, Rattern der Maschinen. Der Duft von glühender Kohle, verbranntem Spiritus, Öl und Esprit lag in der Luft. Eine inspirierende Atmosphäre.

Klar, dass ich mir, nach jenem Pfingstfest, nichts sehnlicher auf Weihnachten wünschte, als eine eigene Dampfmaschine. Selber Wasser einfüllen, die Gelenke und Lager mir Öl schmieren und dann einzufeuern – was für eine Freude!

Können sie sich vorstellen, wie gross mein Glück war, als ich halbe Ewigkeit später, unter dem Weihnachtsbaum tatsächlich eine Dampfmaschine fand? Ja, nicht nur ein Dampfmaschine, auch viel Zubehör, das man an ihr anschliessen konnte.

Trotz der Kälte der Jahreszeit musste ich sie unbedingt in Betrieb nehmen. So stand dann mein Vater mit mir zusammen auf dem Balkon und zeigte mir, wie ich das Modell bedienen müsse.

Jene Dampfmaschine war für eine lange Zeit mein ganzer Stolz. Mit viel Freude liess ich sie immer mal wieder laufen.

Doch dann wurde ich grösser. Anderes wurde mir wichtig. Immer seltener spielte ich mit dem Modell, bis es schliesslich in einem Schrank in eine Art „Dornröschenschlaf“ verfiel und ganz in Vergessenheit geriet.

Dort ruhte die Maschine, bis ich sie während einem Besuch bei meinen Eltern wieder entdeckte und sie mitgenommen habe.

Wieder zu Hause wurde sie vom Staub der Jahre befreit und gründlich gereinigt. Sogar frische Esbit-Quader besorgte ich mir. Schliesslich war es soweit. Der Kessel wurde zum ersten Mal seit Jahren wieder mit destilliertem Wasser gefüllt. Feuer wurde im Brenner entzündet und alle Lager und Gelenke frisch geschmiert. „Ob sie nach so langer Ruhe wohl klaglos ihren Dienst tun würde?“ Frage ich mich.

Ich habe mich kindisch gefreut, als sie wie in alten Zeiten nach einem leichten Stoss am Schwungrad aus eigener Kraft lief. So sehr, dass ich den Moment als Videoclip festhalten musste. Es macht einfach Spass, das Modell surren zu sehen und zu hören.

IMG_2722

Beim Beobachten kam mir ein Gedanke. Ist nicht faszinierend, wie bei einer solchen Maschine alles ineinander greift?

Von aussen sieht man kaum etwas. Ein fast schon geheimnisvoller innerer Prozess beginnt, wenn man den Brenner unter den Kessel schiebt. Nur am leisen Zischen in den Druckleitungen kann man erahnen, wenn der Dampfdruck gross genug geworden ist. Gibt man nun dem Schwungrad einen leichten Stupf mit beginnt es sich zu drehen. Immer schneller wird es. So schnell wie die Kraft des Dampfs ausreicht.

Damit dies funktioniert, darf kein Teil fehlen. Es braucht nicht nur das Wasser im Kessel. Es braucht nicht nur das Feuer, das Energie abgibt. Es ist nicht nur nötig, dass alle Leitungen dicht sind und der Dampf an den rechten Ort geleitet wird…

Hätte ich das Wasser vergessen, so wäre zwar der Kessel heiss geworden, aber es wäre kein Dampf erzeugt worden, der durch die Leitungen zum Zylinder geführt hätte werden können und der dort den Kolben antreibt.

Wäre eine Dichtung nicht mehr dicht, die Kraft wäre entwichen und es hätte sich nichts bewegt. Ja, das nichts läuft, wenn das Feuer fehlt, muss man kaum erwähnen.

Alles greift ineinander. Doch dass es das macht, kann man von aussen nicht sehen. Nur das Resultat, das drehende Schwungrad, ist dem Betrachter nicht entzogen. An ihm erkennt er, wenn alles funktioniert.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Heiligen Geist.

Die Beschreibung von Pfingsten, wie sie uns in der Apostelgeschichte begegnet war, lässt grosses, ja spektakuläres erwarten.

Geist kommt, als grosse Flammen, die sich in viele kleine teilt, für alle sichtbar aus dem Himmel. Er legt sich auf die Jüngerinnen und Jünger. Allein das, so könnte man meinen, führe schon zum Glauben, bei den Augenzeugen dieses Geschehens.

Wie kleine müssen wir uns da vorkommen! Über keinem von uns schwebt der Geist Gottes als kleine Flamme für alle Welt sichtbar.

Was mich betrifft, so kann ich es mir vorstellen dass es an mir liegt, dass ich am Morgen zum Zähneputzen das Licht im Bad einschalten muss und nicht das Feuer über mir den Raum erleuchtet – aber das ich noch nie einem Menschen begegnet sein soll, auf dem der Geist Gottes ruht? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Es ist wohl so, dass der Bericht in der Apostelgeschichte ein Bild ist, das erklären will – ganz ähnlich den Schnittmodellen, die an den Dampftagen im Technorama gezeigt wurden.

Die Gab des Geistes und sein Empfang, dies sind inwendige Prozesse. Eine Art Kreislaufen, bei dem das eine jeweils das anderen bedingt und selber durch jenes bedingt wird.

In unserer Sprache, haben wir Mühe solche Kreisläufe zu beschreiben. Wir können nur linear erklären. Dadurch entsteht der Eindruck, dass ein Ereignis oder eine Tat eine ganze Kettenreaktion von Ereignis nach sich zieht. Dass das eine die Bedingung von allem anderen ist. Quasi der erste Dominostein, der umgestossen wird und der alle anderen Steine zu Fall bringt.

Doch stimmt das nicht. Denn in Wirklichkeit geht es nicht um eine Kette, sondern um einen Kreis. Der falsche Eindruck entsteht allein durch die begrenzten Möglichkeiten unserer Sprache.

Das ist wichtig, denn auch das Jesuswort, das über der heutigen Predigt steht, will einen Kreis und nicht eine Kette beschreiben. Jesus wählt ein Einstiegspunkt, nicht weil mit diesem alles anfängt, sondern weil der Punkt, durch die Frage bedingt ist, die dem Wort Jesus vorangeht.

Er erklärt: Wer ihn liebe, der halte sein Wort und erfülle seine Gebote. Wer die Gebote erfüllt, der wird vom Vater geliebt. Wer vom Vater geliebt wird, in dem werde Gott wohnen.

Das Jesus Wort könnte verstanden werden, wie der alttestamentliche Zusammenhang von Gesetz und göttlicher Belohnung oder Strafe, wenn es dem Menschen nicht gelingt das Gesetz zu halten.

Mit diesem Verständnis entscheidet sich alles am Verhalten des Menschen. Es liegt an ihm sich für das eine oder für das andere zu entscheiden.

In diesem Verständnis wäre mit Jesus Christus genau genommen nichts gewonnen. Lediglich würde die Gesetzestreue des Alten Testaments durch die Liebe zu Jesus und das Halten seiner Gebote ersetzt. Die 10 Gebote des mosaischen Gesetzes würden vertauscht durch die viel schwerer zu halten Gebot der Bergpredigt.

Doch zum Glück ist es nicht so. Wie das Schwungrad der Dampfmaschine sich fortwährend im Kreis bewegt und dabei die Kolbenbewegungen auf nimmt und wieder abgibt, so entspricht auch das Jesuswort einem Kreislauf. Man kann bei seiner Beschreibung an einem anderen Punkt einsetzten. So gilt:

Wenn Gott im Menschen Wohnung nimmt, wird es Pfingsten. Der Geist ist in den Menschen hineingelegt. Es ist der Geist, der die Weisungen Jesu Christi hält und so reiche Frucht bringt. Die Frucht aber, ist die Liebe zum Sohn und zum Vater.

Wie bei der Dampfmaschine, kann man von aussen nicht sehen, was inwendig passiert. Und doch hat der inwendige Prozess Auswirkungen nach aussen. Wie die Dampfmaschine das Schwungrad in Bewegung setzt, so setzt auch der Geist Gottes Menschen in Bewegung.

Die Kraft der Dampfmaschine kann man nutzen, weil sie nach aussen wirkt. Man kann ihre Kraft mit einem Riemen an der Welle abnehmen, die durch das Schwungrad in Bewegung gesetzt wird. Der Mensch kann mit dieser Kraft arbeiten.

Auch die Kraft des Geistes setzt in Bewegung. Kein Schwungrad, sondern Menschen. Sie ist kein Selbstzweck. Das Schwungrad muss Maschine antreiben, damit die Dampfmaschine ihren Sinn bekommt. Die Menschen, die vom Geist Gottes angetrieben sind, bringen sich ein. Sie engagieren sich zum Wohle der Schwachen, der Kranken, der Gefangenen.

Der Geist Gottes ist nicht sichtbar bei denen, die ihn empfangen haben, aber er wird sichtbar an jenen Menschen, die durch ihn als Nächsten erkannt werden. Wie das Schwungrad seine Kraft weitergibt, so dürfen und sollen auch wir die Kraft von Pfingsten, die Wirklichkeit des Heiligen Geistes weitergeben. So erfüllen wir, was Jesus geboten hat.
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.