Ein furchtbarer Gott?

Wie ein Vater sich der Kinder erbarmt,
so erbarmt der HERR sich derer, die ihn fürchten.
Ps 103,13

Liebe Gemeinde

Vor zwei Wochen wurden meine Frau und ich von einem befreundeten Ehepaar besucht. Sie waren erst im Januar durch die Geburt ihres ersten Kindes zur Familien geworden. Nun kamen sie zum ersten Mal mit dem kleinen Tim zu uns. Klar, dass er ganz im Mittelpunkt dieses Besuches stand.

Gibt es etwas niedlicher als ein frisch geborenes Menschenkind? Die flache kleine Nase? Die grossen Augen? Das runde Gesicht, das zurücklacht, sobald man es anlächelt?

Kinder sind einfach ein Geschenk Gottes. Sie sind uns anvertraut. Wir dürfen uns um sie kümmern. Wir machen es gern.

Es macht Freude. Selbst Unangenehmes, wie Windeln zu wechseln, soll gar etwas Schönes haben, wenn es die Windeln des eigenen Sohns seien, habe ich mir sagen lassen.

Gott hat es gut eingerichtet. Nicht nur Mütter, auch Väter werden durch die Geburt eines kleinen Menschenwesens verwandelt. Ganz besonders gilt dies beim ersten Kind – doch ist die Freud nicht minder gross, wenn das Erstgeborene eine kleine Schwester oder ein kleine Bruder bekommt.

Babys sind herzig und süss. Kleine Wonnepropen. Dem Lachen eines Säuglings kann sich wohl kaum einer von uns entziehen.

Kinder sind ein Geschenk Gottes. Doch sie werden grösser. Und manchmal passiert es dann, dass aus dem Geschenk ein Geschenk wird. Denn hat man das Geschenk mit ihnen.

Babys bleiben nicht klein, süss und hilflose. Sie werden grösser. Sie entwickeln Kraft und Geschicklichkeit. Sie beginnen ihre Möglichkeiten auszuloten und Grenzen zu testen.

Wer Kinder hat, kann ein Lied davon singen. Es ist selten böse Absicht, doch manchmal geht etwas einfach schief. Eine Vase zerbricht, eine Hose reisst ein oder eine Scheibe zerspringt in tausend Stücke. Der Prozess des Heranwachsens fordert seine Opfer – auch von den Eltern. Es gibt viele Gründe um sich um seine Kinder zu sorgen. Vielleicht muss man ab und an sie schelten. Immer wieder aber erbarmt man sich ihrer und verzeiht ihnen.

Ich war als Kind keine Ausnahme. Auch meine Eltern mussten dies mit mir erfahren. Obwohl ich mich für ein pflegeleichtes Kind hielt und meine, dass ich das auch gewesen bin. Und doch sind auch bei mir das eine oder andere Mal Dinge in die Brüche gegangen – es war nie Absicht. Wie zum Beispiel damals, als es Scherben gab…

Mit meinem Vater durfte ich häufig am Samstagmorgen zur Grossmutter nach Nürensdorf. Das war immer toll. Direkt neben dem Bauernhaus floss ein Bach. Auch ein Wald grenzte an das Grundstück an. Ein richtiger Abenteuerspielplatz für einen Jungen wie mich.

Einmal da zeigte mir mein Vater, wie man Pfeil und Bogen baut. Wir suchten und fanden eine starke und doch flexible Haselrute. Als Sehne diente ein Stück Schnur. Ein prima Bogen war entstanden. Auch einige Pfeile aus Schilfrohr und Holunder waren rasch gebastelt.

Er funktionierte gut, mein Pfeilbogen. Die Pfeile flogen fast über den ganzen Baumgarten hinter dem Haus.

Natürlich nahm ich ihn mit nach Hause. Voller Stolz präsentierte ich ihn der ganzen Verwandtschaft. Auch meinem Grossonkel, der bei mir die Rolle meiner verstorbenen Grossväter eingenommen hatte. Doch ich zeigte ihm nicht nur den Bogen – Nein, ich wollte ihm auch demonstrieren, wie gut ich ihn spannen kann und wie viel Kraft ich in meinen Armen habe … Keine gute Idee!

In meinem Zimmer legte ich einen Pfeil auf und zog an der Sehne bis sich der Bogen spannte. Doch denn passierte es. Die Sehne war so stark gespannt, dass meine Kinderfinger sie nicht länger halten konnten und sie meiner Hand entglitt. Ihre Energie gab sie an den Pfeil weil und der schnellte davon. Glatt durch die Scheibe meines Zimmers.

„Das war aber eine grosse Zielscheiben!“ bemerkte mein Grossonkel lapidar.

Meine Mutter nahm es weniger lustig und schollt mich aus. Aber mein Vater tröstet mich und meinte nur: „Dafür haben wir die Haftpflichtversicherung!“

Mein Vater und meine Mutter erbarmten sich mir. Sie litten mit mir, der nach dem Missgeschick und vor lauter Schreck nur noch weinte. Sie nahmen mich in den Armen. Sie trösteten mich und versprachen mir, dass es nicht so schlimm sei, wie es mir in diesem Moment erschien.

Wie ein Vater – und in Ergänzung zum Psalm: eine Mutter – so erbarmt sich Gott. Bei Erlebnissen, wie dem geschilderten, lernte ich, was erbarmen heisst. Weil meine Eltern mich trösteten und mir vergaben, entwickelte ich eine Vorstellung davon, was göttliche Vergebung sein könnte.

Meine Eltern haben mich angenommen – ich habe mich nie vor ihnen gefürchtet. Sie lieben mich. Vater und fürchten, dass passt für mich nicht zusammen, auch wenn ich um viele Menschen weiss, wo leider diese Erfahrung mit ihren Eltern gemacht haben.

Vielleicht bin ich gerade darum beim Psalmenwort gestolpert – es heisst dort: so erbarmt der HERR sich derer, die ihn fürchten.

Gott fürchten – da stocke ich. Warum soll ich Gott fürchten? Haben wir einen furchtbaren Gott? Einen Gott, der als gnadenlose Richter über uns Menschen sein gerechtes Urteil spricht und sich bloss durch nackte Angst vor ihm milde stimmen lässt? Das kann nicht sein.

Einen Gott, der zum fürchten ist – einen Gott, der Angst und Schrecken verbreitet; Er kann nicht mein Gott sein. Ich kann ihm nicht vertrauen. Es ist kein menschenfreundlicher Gott. Ihm fehlt, was ihn zum himmlischen Vater oder zur göttlichen Mutter macht.

Liest man den Psalm in deutscher Übersetzung, so entsteht leicht das Bild eines herrschsüchtigen Gottes. Er lehrt den Mensch das Fürchten mit seiner Macht. Sein Volk gehorcht, weil es die Strafe seines himmlischen Königs fürchten muss.

Ein Schreckensbild. Ein Schreckensbild mit Erfolg.

In der Geschichte der Kirche kommt es immer wieder zum Vorschein. Es ist nicht auszurotten, immer wieder wird es in unterschiedlicher Gestalt lebendig. Mal deutlich, mal verborgen. Mal im Grossen der Weltgeschichte, mal in der Biographie eines einzelnen Menschen.

Dies wird zum Beispiel sichtbar in der langen Tradition des christlichen Mittelalters, den Glauben mit dem Schwert zu verbreiten. Nach dem Motto „Im alten Glauben sterben oder im mit dem neuen Glauben leben“ wurde das Christentum seit dem vierten Jahrhundert als Staatsreligion verbreitet. Die Botschaft des göttlichen Friedens trat so ihren Siegeszug unter den Heiden mit Furcht, Gewalt und Mord an.

Die Praxis war erfolgreich, so dass man sie bald auch gegen andersdenkende in den eigenen Reihen anwandte. Der Glauben – oder besser gesagt, dass die Dogmen, die Kirche damals als den richtige Glauben lehrte – musste gegen jedes andere Verständnis verteidigt werden.

Im Gleichen ging es weiter. Die Gewalt, mit der zuerst die frühen Reformatoren wieder auf den rechten Weg ins Jenseits gebracht wurden, war dieselbe, mit der die späteren Reformatoren ihrerseits den Täufern begegneten.

Ein wirkmächtiges Bild, das Bild des strafenden Gottes. So mächtig, dass es auch im Kleinen seine Verwendung fand und findet.

„Pass nur auf! Der Liebe Gott sieht alles!“ Kommt ihnen das bekannt vor?

Gut möglich, dass es ihre Eltern zu ihnen gesagt haben, als sie noch ein Kind waren. Vielleicht haben sie es auch zu ihren Kindern schon einmal gesagt: „Pass nur auf! Der Liebe Gott sieht alles!“ Ein drohender Zeigfinger – so ein Gottesbild. Eines um sich zu fürchten.

„so erbarmt der HERR sich derer, die ihn fürchten!“

Bloss: Stütz der Psalmen dieses bedrohliche Bild wirklich? Was meint er eigentlich?

Im Hebräischen meint „JARA“, wie es im Psalm vor kommt, fürchten. Es kann so übersetzt werden. Doch geht dabei viel von seinem Ursprung verloren.

Denn JARA meint eigentlich: etwas raubt einem den Atem. Etwas lässt einem die Luft anhalten.

Das kann eine Gefahr sein. Eine Gefahr, die wirklich zum Fürchten ist und es einem Angst und Bang wird.

Doch den Atem kann einem auch ganz anderes verschlagen. Etwas Wunderschönes zum Beispiel. Ein Sonnenaufgang, ein gewaltiger Wasserfall oder die Schönheit des Sternhimmels auf freiem Feld in dunklere Nacht.

Oder, als meine Frau und ich Hochzeit feierten. Als Natalie in die Kirche trat und als wunderschöne Braut auf mich zu schritt. Da verschlug es mir auch den Atem – und es war bestimmt nicht vor Furcht.

JARA meint all das. Darum schlage ich vor den Vers neu zu verstehen:
„Wie ein Vater und eine Mutter sich der Kinder erbarmen,
so erbarmt der HERR sich derer, denen es den Atem vor seiner Herrlichkeit verschlägt.“

Da ist nichts mehr zum Fürchten. Da muss niemand Angst haben. Da darf der Mensch mit staunenden Augen vor Gott stehen. Dem Gott, der ihn in Liebe annimmt. So viel Erbarmen – Es raubt einem den Atem!
Amen

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