Gottes Waschanlage

Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und Finsternis ist keine in ihm.
Wenn wir sagen: Wir haben Gemeinschaft mit ihm, und gehen unseren Weg in der Finsternis, dann lügen wir und tun nicht, was der Wahrheit entspricht.
Wenn wir aber unseren Weg im Licht gehen, wie er selbst im Licht ist, dann haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde.
Wenn wir sagen: Wir haben keine Sünde, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns.
Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, ist er so treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.
Wenn wir sagen: Wir haben nicht gesündigt, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.
1. Joh 1,5-10

Liebe Gemeinde

Das sommerlich warme Wetter der letzten Tage ist herrlich. Ich könnte den ganzen Tag daraus verbringen. Vielleicht im Garten arbeiten oder einfach die Freude eines Spazierganges durch die Natur geniessen. Am Abend den Grill einfeuern und auf dem Rost eine Wurst oder ein Stück Fleisch brutzeln lassen. Unter freiem Himmel das Abendessen geniessen. Ein Wort beschreibt das Gefühl: paradiesisch!

Es gibt nichts, was mich am Sonnenschein der letzten Tagen gestört hätte. Gar nichts!

Wobei …

Wenn ich es mir recht überlegen…

Etwas stört mich dann doch gewaltig! Wenn die Sonne so prächtig strahlt, dann siehe ich jedes Staubkörnchen auf dem Lack meines Wagens. Wenn ich es sehe, dann sehen es die andern wohl auch?!

Dabei ist es noch nicht lang her, dass ich ihn durch die Waschstrasse fuhr! Und doch hat sich schon wieder so viel feiner Sand und Staub angesammelt, dass sich auf der Heckscheibe deutlich die Bewegungen des Heckscheibenwischers abzeichnen! Ein Fenster im Fenster bildete sich.

Wäre jetzt ein Konfirmand frech genug, er könnte mir mit dem Finger einen bösen Spruch auf die Heckscheibe schreiben. Jeder könnte es lesen. Mein Gott, ist mein Auto schmutzig!

An den Regentagen und beim trübfeuchten Wetter des Frühlings sah man es nicht so deutlich. Gewiss, auch dann schon war der Lack alles anderen als rein. Gewiss, haben sich schon damals Autoabgase und Reifenabrieb vom eigenen und von fremden Fahrzeugen gesammelt. Aber im allgemeine Dreck – im winterlichen grau in grau – da fällt es nicht auf.

Erst jetzt, wenn die Sonne mit ihrem Licht alles klar ausleuchtet, wird all dies sichtbar, welches die Reinheit der Metallhaut meines Autos zerstört!

Am liebsten würde ich einfach nicht hinschauen. Einfach die Augen zu machen und mir kindlich vorstellen, dass man nicht sieht, was ich nicht sehe. Oder: Nur noch im Dunkeln, in der Nacht fahren, dann sind sprichwörtlich alle Katzen grau und der Staub sticht nicht ins Auge.

Das kennen sie nicht? Sie pflegen ihren Nissan, Peugeot oder täglich oder fahrt gar nicht Auto? Es muss nicht der Wagen sein! Vielleicht ist es das Fahrrad? Der Briefkasten? Die Fensterscheiben der guten Stube? Der Platz vor dem Haus, der schon lange darauf wartet wieder einmal gefegt zu werden!

Ja, Staub sammelt sich überall. Es muss nicht einmal eine Oberfläche sein. Der Schmutz muss nicht Reifenabrieb und nicht Abgase sein. Nicht Saharasand und nicht Blütenstaub.

Denn wir Menschen werden auch inwendig schmutzig.

Vielleicht ist es wegen einem Nächsten, dem die nötige Hilfe versagt wird. Vielleicht ist es wegen einem bösen Wort, das dem Nachbarn galt. Vielleicht ist es auch nur ein Gedanken, der statt Leben zu fördern, Unfrieden in die Welt bringt.

Schuldig werden – Sünder sein – gehört mit zu unserem Mensch sein dazu. Ja, oft sind es gerade unsere guten Absichten, die uns in der Konsequenz beschämen und uns nicht vorwärts bringen. So wie damals, als Adam und Eva wie Gott sein wollten. Nichts Böses dachten sie dabei, als sie die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse assen.

Noch im Essen merkten sie: Was die Erkenntnis der Sünde gebracht, war selber schon Sünde gewesen!

Sofort verstecken sie sich vor Gott. Und auch wir wollen es mit unserem Seelenstaub ihnen gleich tun. Ihn nicht zeigen. Ihn verstecke gerade, wie mit dem Staub auf der Heckscheibe meines Wagens.

Doch geht die Sonne auf – kommt Gott – wird es hell. Weder der Staub auf dem Lack, noch der Dreck auf der Seele bleiben verborgen. Wir erkennen das ganze Ausmass des Dilemmas.

Auch den Menschen, die uns im 1. Johannesbrief als Empfängerinnen und Empfänger begegnen, ist es nicht anders ergangen.

Sie bildeten mit einander eine Gemeinde. Gewiss trafen sie sich zu ihrem Gottesdienst in einem privaten Haus in einer Stadt. Die Stadt, in der sie lebten, mag irgendwo im westlichen Teil der heutigen Türkei gelegen sein. In einer Region, die man heute als Klein Asien kennt – der damaligen römischen Provinz „Asia“.

Vermutlich waren viele von ihnen gebildet und philosophisch-religiös interessiert. Damals – um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert – war noch nicht klar, was nun genau das christliche an dieser neuen Religion ist. Gleichzeitig gab es aber auch keinen mehr, den sie hätten fragen können und der selber noch Zeuge des irdischen Christus gewesen wäre.

Offenbar kam es unter ihnen zu einer Meinungsverschiedenheit. Die Frage, wie die Sündenvergebung zu verstehen sei, hat sie umgetrieben. Für die einen war klar: Entweder die Taufe wirkt und ein Mensch wird in ihr ein für alle Mal rein, so dass fortan keine Sünde mehr in ihm ist. Oder die Taufe wirkt nicht. Die Bekehrung bleibt eine rein äusserliche. Der getaufte wird nicht zum Christen. Er fällt ab, wenn Verfolgung droht.

Der echte Glaube aus dem Heiligen Geist ist für sie, wie eine Imprägnierung mit Lotuseffekt der Seele. Keine Schuld, keine Sünde kann mehr an ihr haften. Alles perlt ab, wie der Staub auf einem Lotusblatt.

So etwas für meinen Fiesta – das wäre eine feine Sache. Nur die Betreiber einer Autowaschanlage Land auf, Land ab, könnte so ein ewiger Lackschutz ruinieren. Aber für uns Autofahrerinnen und Autofahrer wäre das doch eine tolle Einrichtung!

Wer weiss – vielleicht machten ganz ähnliche Gedanken diese Sicht der Taufe und der Sündenvergebung attraktiv.

Doch der Attraktivität dieser Theologie zum Trotz: Nicht alle liessen sich blenden. Es gab und gibt auch die Gegenposition. Eine Position, wie sie auch der Absender des ersten Johannesbriefs einnahm.

Diese Position setzte sich letztlich durch. So wurde der Brief überliefert und nicht zerstört. Auch wir, als reformierte Kirche, teilen seine Haltung.

Der Sender bestreitet, dass die Taufe ein für allemal jede Schuld und Sünde abwäscht. Vielmehr setzt die Taufe den Menschen wieder ins rechten Verhältnis zu Gott.

Gott ist die wahre Sonne. Allein in ihm ist das Licht. Es ist das Licht, in dem sich der Mensch als Sünder erkennt. Denn erst dort, wo das Licht leuchtet, kann der Mensch den eigene Seelenstaub bemerken.

Das tut weh. Man würde wohl am liebsten wegschauen. Die Augen vor dieser Wahrheit einfach verschliessen.

Es gibt Menschen, die dies tun. Sie halten das Licht nicht aus. Sie getrauen sich nicht in die Helligkeit der Gegenwart Gottes. Sie versuchen ihm auszuweichen. Sie sind Autofahrern gleich, die wegen dem Schmutz ihres Wagens nur noch in der Nacht fahren. Kein Licht soll ihre Beulen und Kratzer zeigen.

Das ist schade. Es macht mich traurig. Denn wer sich auf das Licht einlässt, so wie es der Schreiber des ersten Johannesbriefs vorschlägt, der wird sein Wunder erleben.

Die Taufe ist keine Imprägnierung. Auch wer erfahren hat, dass Gott ihn liebt und das ihm die Sünden vergeben sind, wird dennoch immer wieder schuldig werden. Im Licht der Gottes Begegnung wird ihm dieser Seelenstaub immer wieder deutlich werden.

Doch wer sich auf diese Begegnung einlässt – wer vor Gott kommt und dabei weiss, wie dreckig er ist – wer in dieser Begegnung dazu steht, wie viel Mist auch in seinem Leben angehäuft wurde und wie oft gerade aus den besten Ideen die grössten Schulden erwachsen sind – Wer zu alledem vor Gott steht, der wird ein Wunder erleben.

Denn anders, als das Licht der Sonne, werden durch das Licht Gottes nicht nur der Staub und Schmutz sichtbar. In der Bitte um Vergebung wird die Seele zugleich aufs Neue rein. Im Vertrauen auf Jesus Christus wird Gottes Rechtfertigung erfahren. Denn in ihm haben wir einen Fürsprecher und einen Anwalt für alles Menschlich vor Gott.

Denn Jesus wurde nicht begraben. Am Ende ist er in Himmel aufgefahren. Er nimmt seinen Platz zur Rechten Gottes ein. Auf ihn dürfen wir vertrauen. Gerade mit dem, was uns vor Gott so unansehnlich macht. In seinem Licht wird unsere Seele rein.

Das Gebet und die Bitte um Vergebung sind wie eine göttliche Autowaschanlage für deine Seele. Wir dürfen mit allem Dreck und mit allem Staub vor ihn kommen. Wir dürfen ihn bitten und er wird uns rein machen. Im Vertrauen auf Jesus Christus sind wir auch als Sünder, doch schon in Gott geheiligte.

Dafür bin ich Gott dankbar. In seinem Licht darf ich meinen Weg gehen. Ich werde dabei staubig und schmutzig werden. Auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge – ich bleiben ein Sünder. Doch im Vertrauen auf ihn darf ich gewiss sein, er vergibt mir in Liebe. Er reinigt meine Seele. – Auch wenn ich das Auto nach wie vor selber waschen muss.
Amen

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