Hagar und Ismael

Bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.
Ps 36,10

Liebe Gemeinde

In den Tagen nach der Flüchtlingskatastrophe auf dem Mittelmeer, bei der mehr als 700 Menschen ihr Leben verloren, sah ich ein Bild in der Zeitung. Die Fotographie zeigte einen kleinen Jungen auf einem dieser hoffnungslos überladenen Boote. Vielleicht ist er vier oder fünf Jahre alt. Seine glänzenden Augen blicken den Betrachter fragend an. Kein Funke von Hoffnung ist in seinem Gesicht zu sehen.

Die Illustration zeigt nicht das ganze Ausmass der Katastrophe. Sie ist vielmehr ein kleiner Ausschnitt. Dass noch anderen Menschen – viele anderen Menschen – mit ihm an Bord sind, kann man nur an den Armen und Beinen erkennen, welche sich verschwommen hinter ihm abzeichnen. Der Junge, mit seinen schwarzen Locken und dem dunklen Taint, ist bloss ein Wassertropfen im Strom der Flüchtlinge, die verzweifelt einen Weg nach Europa suchen.

Der Strom ist gross, reisende und breit. Die schiere Anzahl entmenschlicht ihn – macht ihn zur anonymen Masse. Einer Masse, deren Schicksal wir hier in der Schweiz oft nur noch schulterzuckend, ja gleichgültig gegenüberstehen. Nur allzu gerne verdrängen wir die tausenden von Menschen, welche Jahr für Jahr auf der Fahrt über das Mittelmeer elendiglich ersaufen. Wir nehmen die zehntausenden von Opfern, welche bereits in der Wüste drauf gehen, gar nicht mehr war.

Da braucht es manchmal Bilder, wie dasjenige, welches ich in der Zeitung sah. Es braucht Bilder von einzelnen Schicksalen, welche uns zumindest für eine kurze Zeit aus der Ohnmacht der unlösbare Situation – wenn nicht gar aus der Gleichgültigkeit – wecken. Anblicke, wie dieses Gesicht bar jeder Hoffnung, berühren zumindest die meisten von uns noch. Ja, sogar hartgesottene Politikerinnen und Politiker konnten danach nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Man fragt sich: „Wie kann das sein? Wie verzweifelt muss die Mutter dieses Knabens sein?“ Sie riskiert nicht nur das eigene, sondern auch das Leben ihres Sohnes. Hier ist eine ganze Familie auf der Flucht!

Gibt es da niemanden, bei dem das Kind hätten zurücklassen werden können? Keine Grosseltern? Kein Onkel oder Tante? Hätten sie ihren Sohn oder ihre Tochter, mitgenommen auf so eine Reise, wenn es zu Hause Verwandte gegeben hätte, bei denen sie ihr Kind hätten lassen können?

Hätte ich die Möglichkeit, ich hätte ihn zurückgelassen. Der Gefahr der Flucht durch die Wüste und über das Meer hätte ich ihn nur ausgesetzt, wenn es gar nicht anders ginge. Ich weiss nicht, wie sie darüber denken, aber ich kann mir kein Mutter vorstelle, die ihre Kind nicht um jeden Preis schützten will und hiesse dies auch ihm für immer „Lebwohl!“ sagen zu sagen.

Bestimmt hätte auch Hagar Ismael zurückgelassen. Sie hätte ihn wohl gar in die Hände von Sara, ihrer Herrin und erbitterten Neiderin, übergeben, wenn er nur hätte leben dürfen. Doch Sara will das nicht. Sie will keinen anderen um sich wissen, als ihren eigenen Sohn, der zu Abraham „Vater“ sagt. Kein anderen soll Erbe sein.

Es ist eine eigenartige Szene, die uns heute in der Lesung begegnet ist. Eine taffe, ja schon brutale Sara – sogar nicht mehr die scheue Frau, welche sich beim Besuch der drei Männer versteckte. Diesen drei Männer, die ihr und ihrem ebenso hochbetagten Gatten, die Geburt Isaaks ankündigten.

Im Kontrast dazu wirkt Abraham gerade zu schwach. Gar nichts ist übrig, von diesem bestimmten und starken Mann, welcher ohne zu zögern den drei unbekannten Gesandten Gottes ein Festmahl bereiten liess.

Auf das Wort Saras hin kennt er kein Nein. Er versinkt in Zweifel. Er wagt es aber nicht zu seiner Meinung zu stehen. Er hadert bis die Nacht kommt. Im Traum begegnet er Gott. Was Sara sagt, solle er tun. Er soll seinen Sohn opfern. Ihn der Obhut seines Gottes übergeben. Er soll ihn in die Wüste schicken.

So ist Abraham der Vater, welcher bereit ist auf das Wort von Gott hin seine beiden Söhne zu opfern, wie er kurze Zeit später unter Beweis stellt mit der beinahe Opferung Isaaks.

Abraham ist schwach. Er wagt es nicht zu seinem Willen zu stehen. Er will nicht, dass sein Sohn Ismael zusammen mit Hagar, der Mutter des Knaben und zugleich seiner Nebenfrau, stirbt. Er gibt Brot und Wasser mit. Ein schwacher, ein zaghafter Versuch, doch auch diesen Sohn zu retten. In der seiner Ohnmacht überlässt er die beiden ganz seinem Gott. Es bleibt ihm keine andere Wahl.

Wie die Mutter dieses Jungen auf dem Flüchtlingsboot mitten im Meer, so greift auch Abraham nach einem Strohhalm. Er gibt sein Schicksal und das Schicksal seines Sohnes aus der Hand. Er vertraut ganz Gott. Er kann nicht anders.

Ob vielleicht auch die Mutter des Knaben mit den schwarzen Locken ganz auf Gott vertraut? Oder hat auch sie die Hoffnung fahren lassen, als sie sich den Schleppern anvertraute?

Hagar geht in die Wüste. Ihr Weg führt sie in den sicheren Tod. Sie verlässt Abraham, den Vater ihres Kindes und nimmt es mit. Sie weiss, es gibt keine Hoffnung. Das Wasser und das Brot werden sie nicht retten. Sie werden das Unvermeidliche nicht aufhalten. Sie kann Ismael nicht retten.

Und doch, sie nimmt nichts davon. Kein Schlücklein Wasser, nicht den kleinsten Bissen Brot. Alles, gibt sie ihrem Kind. Ein letzter Funke auf Rettung glimmt darin auf.

Vielleicht weiss sie es, vielleicht spürt sie es. Es ist eine Hoffnung ohne Grund. Das Brot und das Wasser werden die Qualen des Sterbens in der Wüste höchstens verlängern.

Als Ismael schwächer wird, legt sie ihn unter einen Strauch. Sein Sterben kann sie ihrem Mutterherzen nicht zumuten. Die letzten Stunden bis auch sie der Tod erlöst, wird sie voll Trauer und Tränen um ihren geliebten Sohn verbringen.

Wie wohl die Mutter reagiert hätte, wäre ihr Boot Leck geschlagen? Was wäre geschehen, wenn sie nicht von der italienischen Küstenwache aufgegriffen worden wären und so zumindest mit dem Leben davon kamen. Wie hätte sie reagiert?

Was ist mit all den Müttern, die nicht dieses Glück gehabt haben? Was ist mit all den Frauen, welche mit ansehen mussten, wie ihr Kind ertrank, weil ihr Boot nicht trug? Es ging ihnen wohl wie Hagar. Sie hätte ihr eigene Leben mit Freude gegeben, wenn nur ihr Kind hätte leben dürfen. Sie hätte auf die eigene Hoffnung verzichtet, wenn es nur eine Zukunft für ihre Tochter oder ihren Sohn gegeben hätte.

Die Realität des Flüchtlingselends in der Wüste und auf dem Mittelmeer ist grausam. Der Umgang mit den Fliehenden oft noch unmenschlicher. Grausam wie es hartherzig von Sara war, ihre treue Dienerin samt Sohn von ihrem Mann in die Wüste schicken zu lassen. Genauso unmenschlich, wie Abraham, der seiner Frau folgt, auch wenn er Gewissensbisse dabei hat. Genauso unmenschlich wie es ist im Anblick dieser Schicksale keine Courage zu zeigen und zumindest „NEIN!“ zu sagen.

Auf die Herausforderung des endlosen Flüchtlingsstroms aus dem Süden gibt es keine einfachen Antworten. Weder Mauern und Abschottung, noch völlige Öffnung der Grenzen helfen. Egal was der West, was Europa und die Schweiz auch unternehmen werden, immer wieder wird es Menschen geben, die auch das eigene Leben riskieren für einen Funken Hoffnung.

Auch ich habe keine Lösung. Auch ich weiss keinen Rat. Mein „NEIN!“ zu dieser Katastrophe ist weder ein mutiges, noch ein Wirksames. Es ist mehr ein „nein.“ und doch.

Auch wenn es eine leise Forderung, ein schwaches Flehen, für mehr Menschlichkeit im Umgang mit diesen Verzweifelten ist, so muss es doch gesagt werden. Wenn nicht laut geschrien wird, dann soll es doch zumindest geflüstert sein.

Nicht immer kann es so gehen, wie es der Mutter und ihrem Sohn in der Lesung ergangen ist. Hagar und Ismael mussten in der Wüste nicht sterben. Gott selber hat sich ihrer erbarmt. Er hat sie gerettet. Er hat gezeigt, was der Vers über der Predigt versprochen hat: Bei ihm ist die Quelle des Lebens.

In Jesus Christus ist uns das Wasser dieser Quelle gegeben. Es liegt an uns zu handeln. Es liegt an uns mit allen Kräften dazu beizutragen, dass eine Lösung für das Elende gefunden wird. Und bis diese Lösung gefunden ist, sage ich nein zur Unmenschlichkeit. Ein schwaches, ein leises, ein verzweifeltes Nein. Ein Nein, wie es auch Hagar aus ihrem Mutterherz zum Sterben Ismaels unter Tränen gesagt hat.
Amen

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2 Responses to Hagar und Ismael

  1. Andreas Weber sagt:

    Die täglichen Nachrichten über das Flüchtlingselend stumpfen einem ab. Wir vergessen dabei das es um Menschen wie du und ich geht.

    Nachfolgender Link soll zum Denken anregen.

    http://www.derbund.ch/kultur/kino/Reise-in-die-Demuetigung/story/17429993?dossier_id=1400

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