Was wir von Ninive lernen können

Gott sagt:
Einmal rede ich über ein Volk und über ein Königreich, dass ich es ausreissen und niederreissen und vernichten will.
Kehrt aber jenes Volk, über das ich geredet habe, zurück von seiner Bosheit, so bereue ich das Unheil, das ich ihnen anzutun geplant habe.
Jer 18,7f.

Liebe Gemeinde

Drei Tagesreise benötig ein Wanderer um Ninive zu durchqueren, so will es der biblische Bericht. Drei Tagesmärsche, das scheint zuerst nicht viel zu sein. Ninive erscheint als Stadt – aber uns heutigen Hörerinnen und Hörer macht diese Angabe keinen Eindruck mehr.

Viel zu selten gehen wir heute längere Strecke zu Fuss, als dass wir diese Distanz abschätzen könnten.

Dabei ist es gar noch nicht so lange her, dass viele noch keine andere Wahl hatten, als zu Fuss zu gehen. So wie dieser mittlerweile nicht mehr ganze junge Herr, der mir ihm bei einem Jubilarenbesuch von seiner Jugendliebe und heutigen Ehefrau erzählte.

Er habe dann nicht über den Misthaufen geheiratet, hob er an. Nicht so wie man es heute gerne behauptet. Auch zu seiner Zeit habe man sich halt auch schon nach der richtigen umschauen müssen. So sei es halt gekommen, dass sein Schatz nicht gerade in der Nähe gewohnt habe. Vielmehr habe sie in der Nähe von Beinwil am See gelebt.

So sei er damals oft am Samstag nach Feierabend – noch kannte man die Fünftagewoche auf dem Land nicht – zu ihr auf Besuch. Ein Fahrrad, geschweige denn ein Auto, habe er nicht besessen. So musste er zu Fuss gehen. 25 Kilometer sind es vom Schenkenbergertal bis Beinwil; 25 Kilometer! Die Liebe hat ihm die Beine lang gemacht. Sein Herz wollte mit ihrem Herzen schlagen.

Am Sonntagmorgen aber musste er zur Predigt wieder daheim sein. Auch das war damals so üblich, das man „z’Predigt“ gehen musste. Kein Gesetz, aber doch sozialer Druck. So marschierte er in der gleichen Nacht jeweils zurück. Alles in Allem; gut und gern 50 Kilometer! Wieviel er dann noch von der Predigt mitbekam, wollte er mir nicht verraten. Wer kann es ihm verdenken?

50 Kilometer – eine gewaltige Leistung. In den Bibelwissenschaften rechnet man damit, dass eine Tagesstrecke in etwa mit 40 Kilometer zu veranschlagen ist. Nehmen wir also diese Zahl, Jona war ja vielleicht auch nicht mehr der Jüngste…

Drei Tagesreisen, das macht nach Adam Riese 120 Kilometer. Eine Distanz, länger als die Luftlinie zwischen Brugg und Freiburg! Eine Stadt mit diesem Durchmesser würde eine Fläche von mehr als 10‘000 Quadratkilometer bedecken.

Das ist nicht gross – es ist auch nicht riesig – es ist schlicht gigantisch! Selbst der heutige Grossraum London (Die City und die ganze Agglomeration zusammen), eine der grössten Metropolitanräumen Europas, kommt auch heute noch auf „bloss“ etwas über 8‘000 Quadratkilometer.

Im Vergleich dazu ist unser Kanton Aargau geradezu winzig. Er hätte fast acht Mal Platz in dieser antiken Megacity!

Rechnet man die Bevölkerung hoch, so müssten rund 5 Millionen Mensch in dieser Stadt gelebt haben. – Müsste! – Die Grössenangaben sind zu fantastisch, als das es diese Stadt wirklich gegeben haben kann. Das historische Ninive war doch einiges kleiner, aber keineswegs unbedeutender.

Auf Grund archäologischer Forschung umschloss die Stadtmauer ein Gebiet mit einem Durchmesser von etwas über drei Kilometern. Gemessen an den drei Tagesmärschen des Jona Buchs wenig – Für eine antike Stadt jedoch mehr als sehenswert. Auch das historische Ninive war eine Weltstadt!

Eine grosse Stadt, aber heisst nicht nur viele Menschen, sondern auch einen grossen Markt, viel Wirtschaftsverkehr und eine entsprechende Kapitalisierung. Ninive war ein Zentrum mit Ausstrahlung nicht nur in das nähere Umland, sondern für die halbe damalige Welt.

Die Stadt wurde so bedeutend, dass sie durch den assyrischen König Sanherib im 8. Jahrhundert vor Christus gar zur Hauptstadt seine Reichs gemacht erklärt wurde. Damit wurde nicht nur ihre wirtschaftliche und politische Stellung gefestigt, sie wurde darüber hinaus auch zum Zentrum von Kultur und Religion.

Was in Ninive beraten, diskutiert und beschlossen wurde, betraf das ganze Land, ja den ganze Nahe Osten!

Wie sich die Bewohner dieser Stadt wohl selbst wahrnahmen? Wie machtbewusst muss ihr König gewesen sein?

Vermutlich war es damals nicht anders, als es heute noch ist. Die Grossen sind sich schon immer ein wenig grösser vorgekommen, die Mächtigen schon immer ein wenige mächtiger und die Reichen schon immer ein wenig reicher, als das sie in Wirklichkeit waren.

So eine grosse, reiche und bedeutende Stadt muss keinen Feind, keine Naturkatastrophe und keine Götter fürchten. Denn: Ninive sei sogar für ein Gott gross, wie es das Buch Jona sagt.

Blickt man heute auf die Menschheit, so drängt sich wohl manchem das Gefühl auf, es gehe uns, wie es Ninive ging.

Die Welt wurde dank Internet, Flugverkehr und globalisierter Wirtschaft zu einer Stadt. Es braucht auch heute drei Tagesreisen um die einmal zu umrunden. Allerdings nicht mehr zu Fuss, sondern per Flugzeug und viel Geduld beim Umsteigen.

Die Länder sind quasi zu Quartieren dieser weltumspannenden Metropole geworden. Jedes Land unterhält seinen eigenen Quartierverein. Jedes Quartier behauptet unabhängig zu sein und über sich selber bestimmen zu können, doch an die Spielregeln des globalisierten Markts halten sie sich dennoch, wie an übergeordnetes Recht. Kein Land kann es sich heute leisten von der globale Wirtschaft ausgeschlossen zu werden. Jeder ist auf jeden angewiesen. Jeder hat auf jeden Einfluss.

Wir sind als Menschheit so gross und mächtig geworden, das wir im Glauben leben, alles bestimmen zu können. Wir haben unser Schicksal in der Hand. Wir brauchen nichts zu fürchten – nicht einmal Gott, so es ihn dann gibt.

Ja, selbst das Kino muss für die grossen Katastrophenfilm tief in die Kiste der düsteren Ängste greifen. Die Welt kann nur aus den Weiten des Universums bedroht werden. Wenigsten muss es ein Meteorit sein, der auf die Erde stürze oder eine ausserirdische Intelligenz die Menschheit angreifen. Ja, egal wie gross die cineastische Bedrohung auch sein mag, im Film werden die Menschen mit jeder Katastrophe fertig.

Niemand und nichts, das zu fürchten wäre!

Ein Prophet, wie Jona, würde heute ausgelacht. Würde gar in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und wegen seinen Wahnvorstellungen behandelt werden.

Auch Jona setzt sich der Gefahr aus, als er auf Geheiss Gottes hin, in Ninive seine Predigt beginnt.

Er könnte ausgelacht werden, man könnte ihn mit Schimpf und Schande aus der Stadt jagen oder sie könnten ihn gar zu Tode prügeln. Jona ist einer, die Bewohner Ninives ein ungemein grössere Zahl. Eins gegen 5 Millionen!

Jona predigt. Er zieht durch die Stadt. Er verkündet in aller Kürze. Nur so kann er an einem Tag eine Tagesreise weit in die Stadt eindringen. „Noch vierzig Tage, dann wird Ninive zerstört!“…“Noch vierzig Tage, dann wird Ninive zerstört!“

Doch da passiert erstaunliches. Man wirft ihn nicht hinaus. Man lacht ihn nicht aus. Man ignoriert ihn nicht.

Die Botschaft, die Jona verkündet, verbreitet sich in der Stadt. Wie ein Lauffeuer geht sie von Mund zu Mund, von Bürger zu Bürger. Sogar der König hört sie.

Und wäre das nicht schon eigenartig genug, da reagiert der König auch noch ganz anders, als man es von einem König erwarten würde. Der König – der mächtige und reiche König, der Gott nicht zu fürchten braucht – nimmt die Warnung ernst.

Er will nicht einmal diskutieren. Er muss nicht mehr wissen. Weder interessiert ihn das „wer?“ noch das „was?“ Ninive zerstören soll. Er braucht kein Gutachten und kein Gegengutachten.

Er tut was zu tun ist: Er befiehlt Staatstrauer und Umkehr zu Moral und Anstand. Er forderte Mitmenschlichkeit von seine Untertanen. Wenigstens die letzten 40 Tage seiner Existenz soll Ninive ein Ort der Gerechtigkeit sein.

Der König befiehlt unerwartetes. Er handelt nicht auf Grund eines Deals mit Gott. Ja, er will noch nicht einmal mit ihm verhandeln.

Ob das heute auch noch so wäre? Wohl kaum.

Ein Blick auf die Klimadebatte stimmt mich da doch sehr pessimistisch. Selbst da, wo es klare Anzeichen und gute Studien gibt, hoffen dennoch viele darauf, dass sich das Problem von allein lösen wird!

Wie anders ist da Ninive. 5 Millionen kehren um auf das Wort eines Mannes hin. Ohne Zusicherung von Verschonung. Die letzten 40 Tage wollen sie andere, wollen sie bessere Menschen sein. Umkehr ist möglich, sogar im Angesicht der sicheren Zerstörung.

Da lässt sich Gott erweichen. Er hat die Macht, Ninive zu verschonen. Ninive wird gerettet.

Können wir uns ein Beispiel nehmen, an der Bewohnerinnen und Bewohner dieser Stadt?

Die Bedrohung für unsere Welt kommt nicht aus dem Weltall. Weder Kometen noch Ausserirdische werden uns in absehbarer Zeit vernichten. Vielmehr ist es unser eigener Umgang mit der Natur und dem Klima, der unsere Lebensgrundlange bedroht.

Doch Umkehr ist möglich. Noch könnte es nicht zu spät sein. Es liegt in unseren Händen, wenn wir dazu auch Hilfe nötig haben. Vielleicht ist diese Hilfe bei Gott zu finden.

Denn, der Gott, dessen Prophet Jona war, ist kein rachsüchtiger Gott. Er will nicht zerstören, sondern aufbauen. Er will Leben schenken und nicht den Tod streuen.

Er ist ein mächtiger Gott, doch auch ein Gott, der die Freiheit seiner Menschen achtet. Der gleichen Gott, der auch über uns steht – ob wir es wollen oder nicht.
Amen

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