Wer feiert, feiert Gott

Du hast mir Freude ins Herz gegeben, mehr als in der Zeit, da es Korn und Wein gibt in Fülle.
Ps 4,8

Liebe Gemeinde

Es ist ein besonderer Gottesdienst, den wir heute feiern. Für einmal nicht in unsere vertrauten Kirchen, sondern hier beim Güggeli-Fest auf dem Berghof. Eine ganze spezielle Atmosphäre. Es duftet nach frisch gebratenem Poulet. Man hört zwischen durch das Klirren der Gläser und das Scheppern der Vorbereitungen zum Mittagessen. Draussen rotiert schon die nächste Portion saftige Güggeli am Spiess. Ein spezielles Erlebnis, auch für mich als Pfarrer.

Die ganze Atmosphäre ruft: Hier lebt es. Hier herrscht Freude. Hier wird ein Fest gefeiert!

So viel Freude. So viel Lärm. So viel Leben – Man könnte meinen, es sei so gar kein Ort für einen Gottesdienst. Gottesdienst, so meinen es viele, sei schliesslich eine ernste Sache. Gott können man nur in der Ruhe der Andacht begegnen. Christinnen und Christen seien graue Mäuse und kaum fähig sich einfach so zu freuen. Ein fest, wie das Güggeli-Fest, scheint da ganz und gar unpassend zu sein.

Und doch: Ich meine, dass es kaum einen besseren Ort geben kann, um über Gott nach zu denken, als ein Fest. Ja, nicht nur über ihn zu reden, sondern ihm selber zu begegnen. Ganz real, wenn auch ganz anders, als wir das im Allgemeinen erwarten würden. Denn, ich bin davon überzeugt: Wo Menschen auf Festbänken miteinander an einem Tisch sitzen; wo sie Essen und Trinken miteinander teilen; wo sie sich am Leben erfreuen, da wird Gott Ereignis. Ein Fest feiern, dass ist wahrhaftiger Gottesdienst.

Ein Fest – und zwar jedes Fest von der privaten Geburtstagsfeier unter Freunden, über das Güggeli-Essen bis hin zum Argovia-Fest vor zwei Wochen – Ein jedes Fest ist ein Gottesdienst!

Ein jedes Fest ist ein Gottesdienst – eine steile Aussage. Noch dazu, wenn sie vom Pfarrer selber kommt. Ein These, welche den einen oder anderen aufhorchen lässt. Eine These, welche sich aber auch nicht anbiedern will. Ein These, die nach einer Begründung verlangt.

Ich will euch diese Begründung nicht schuldig bleiben. Es sind drei Gedanken, welche mir jedes Fest zum Gottesdienst werden lassen. Das erste Argument wird ein geschichtliches sein. Das Opfer und seine Bedeutung für die Religion. Das zweite ein psychologisches. Das Verlangen zu danken, welches zu uns Menschen gehört. Das dritten ein ethisches. Der Umgang mit Nahrung und dem Überfluss. Drei Argument, bei denen ich es euch überlasse, ob sie euch überzeugen oder ob ihr sie ablehnen wollt. Ihr müsst mir nicht glauben. Ihr dürft euch eure eigenen Gedanken dazu machen. Ich lade euch ein, mit mir einen Weg zu gehen.

Ein historisch-religiöse Zugang:
Schon die ersten Menschen im Neolithikum, von denen wir durch archäologische Funde wissen, waren religiöse. Sie bemerkten, wie sehr sie von ihrer Umwelt abhängig waren. Als Jäger und Sammler hängte ihr Überleben vom Jagdglück und reichen Funde beim Sammeln ab. Sie spürten ihre Ohnmacht und so erschufen sie sich mächtige Götter, die in Gewitter und Sturm, in den Wanderzügen von Hirschen und Rehe oder in der Kraft von Bären und Säbelzahntigern manifest wurden.

Diese Götter begannen sie zu verehren. Gut möglich, dass sie sich sagten: „Wir sind stark, wenn wir genug zu essen haben, wir werden schwachen, wenn es uns an Nahrung fehlt. Mit unseren Göttern muss es ähnlich sein! Geben wir ihnen zu essen, so werden sie stärker und mächtiger.“

So speisten sie sie, indem sie ihnen Opfer darbrachten. Sie gaben von dem, was sie selber stark und gesund hielt, den Göttern. Sie haben von dem gegeben, das ihnen wichtig war.

Als sich dann – viele tausend Jahre später – die menschlichen Gemeinschaften zu Staaten entwickelten – so wie das auch im alten Israel geschah, hielten die Menschen am Opfer fest.

In der Zwischenzeit waren aus Jäger und Sammler, Bauern und Bäuerinnen geworden. Das Königreich Israel wuchs auf der Basis der Landwirtschaft. Bewohnt von einer Agrargesellschaft, in der viele kleine Bauernbeitriebe zum Wohl des Staates arbeiteten.

Rinder, Schaf und Ziegen lieferten Nahrungsmittel und Rohmaterial. Sie waren wertvoll. So wertvoll, dass man sie anders als heute, kaum schlachtete und ihr Fleisch ein seltenes und teures Mahl war. Wer nicht zur damalige Highsociety und der Superreichen gehörte, kam höchstens im Zusammenhang mit dem Opferkult im Tempel von Jerusalem zum Genuss von Fleisch.

Am Tempel opferte man Gott. Man gab ihm, was für die Menschen und den Staat wichtig war. Man opferte die besten Tiere. Tiere die der Landwirtschaft als Zuchttiere hätten dienen können.

Das Opfertier wurde geschlachtet, dass Fett und Teile des Fleisches sind Gott als eine Art Speisung durch das Feuer übergeben worden. Doch nicht das ganze Tier wurde verbrannt. Teile des Fleisches wurde gegart und unter diejenigen verteilt, welche am Opfer teilgenommen hatten. Im Essen des Fleisches des Opfertiers nahmen sie am Festessen mit Gott als Ehrengast teil.

Auch heute noch, spielt das Opfer und das Teilnehmen am Festmahl, welches dazu gehört in vielen Religionen eine wichtige Rolle. Ja, auch wir Christinnen und Christen haben in der Form des Abendmahls eine Art von symbolisiertem Opfer erhalten. Das Teilen von Brot und Wein lässt uns Gemeinschaft mit Gott erfahren.

Ein zweites Argument, ein psychologisches:
Wenn uns jemand etwas gibt, wenn wir beschenkt werden, dann möchten wir danken. Es liegt in der Natur von uns Menschen, dass wir dankbar sind.

Wir bedanken uns für ein Kompliment. Wir bringen etwas mit, wenn uns ein Nachbar während den Ferien die Pflanzen giesst. Wir zeigen uns erkenntlich, wenn uns Freunde und Familie beim Umzug helfen. Wir bedanken uns, bei denen, welche uns Gutes tun.

Auch wenn wir Geburtstag feiern, wollen wir uns bedanken. Danke sagen, dass uns wieder ein Jahr geschenkt worden ist, dass wir von Krankheit verschont worden sind oder dass wir viele fröhliche Stunden teilen durften. Dann möchten wir für all das gute Danke sagen.

Doch bei wem können wir uns bedanken? Wer hat uns das Jahr geschenkt?

Das Festessen, zu welchem wir gerne am Geburtstag einladen, ist eine Feier der Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, welche nicht nur von Mensch zu Mensch gilt, sondern in der – unausgesprochen – Gott mit dazugehört.

Es muss nicht der christliche Gott sein, wir können ihm auch ganz andere Namen geben. Schicksal, Glück, universelle Kraft, Weltethos – und doch: mit der Geburtstagsfeier bedanken wir uns implizit auch immer bei etwas transzendentem.

Ein drittes und für heute letztes Argument – ein ethisch-moralisches.
Feiern kann nur der, dem es gut geht. Wer feiert teilt seinen Überfluss an gutem.

Für ein Gastmahl müssen genügend Speisen und Getränke vorhanden sein. Nicht nur heute, auch damals vor rund 2000 Jahren schon.

Als Jesus einmal mit 5000 Männer, Frauen und Kind essen will, da konnten sie gerade einmal fünf Brote und zwei Fische zusammentragen. Viel zu wenig, als dass alle hätten satt werden können. Doch dann geschah ein Wunder. Nicht nur hatten am Schluss alle genug. Nein, es konnten gar zwölf Körbe voll mit Resten eingesammelt. Die einfache Mahlzeit war zum Festessen geworden, denn es war ein Fest des Überflusses.

Der Überfluss gehört mit zum Feiern. Dass wir das Güggeli-Fest feiern können, hat auch damit zu tun, dass es uns in der Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern gut geht. Niemand muss bei uns Hunger leiden. Auch diejenigen unter uns, denen es finanziell hunz lausig geht, muss sich doch kein Sorgen machen, dass man sie und ihre Familien verhungern lässt. Wir leben in Reichtum und Überfluss. Wo wir ihn teilen, entsteht Gemeinschaft.

Teilen bringt uns näher zu Gott. Wer von dem, was ihm geschenkt ist, wer den Segen weitergibt, der tut das Werk Gottes. Der wird zum Handlanger Jesu. Denn wer mit dem Hungrig sein Brot teilt und mit dem Durstigen sein Bier, der begegnet seinem Nächsten. Wer aber seinem Nächsten begegnet, der begegnet durch die Freundschaft von Mensch zu Mensch auch Gott. Im Nächsten schenken wir Gott und Gott schenkt sich uns. Wer teilt, streut den Samen des göttlichen Segens auf das Land.

Drei Gedanken habe ich euch vorgestellt. Drei Gedanken, die mich überzeugen. Die ich befreiend erlebe. Alle drei zeigen eines:

Wir müssen nicht still sein. Wir müssen nicht brav und angepasst sein. Wir müssen keine grauen Mäusle sein und uns vor aller Lebensfreude zurückziehen um Gott zu begegnen. Wir dürfen Menschen sein. Menschen, die voll Lebensfreude miteinander feiern. Wir dürfen das Poulet geniessen und den Durst mit kühlen Bier oder süssem Most löschen. Mir dürfen miteinander tratschen und lachend und bis in alle Nacht zusammensitzen. Denn Gott hat uns die Freude ins Herz gelegt, mehr als in der Zeit, in der es Brot und Wein in Fülle gibt. Er ist es, der uns feiern lässt. Ob es uns bewusst ist oder nicht, ob es uns passt oder nicht. Wer feiert, der feiert Gott.
Amen

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