Ewige Liebe – von menschlichem und göttlichem lieben

Das ist mein Gebot:
Dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.

Joh 14,12

Liebe Gemeinde

„Ewigi liäbi – das wünsch ich diär, ewigi liäbi – das wünsch ich miär, ewigi liäbi – numä für üs zwei, ewigi liäbi – fühl mich bi diär dehäi“, wünschte sich der Liedersänger der Band Mash im Jahr 2000. Ein Lied, wie sie damals glaubten, ohne grosses Potenzial. Es reichte gerade einmal dazu, das Album als letzter Song zu füllen.

Auch im Radio wurde das Lied zuerst nicht gespielt. Doch dann entdeckten die Verliebten und die Liebenden, die frisch Vermählten und die alten Eheleute, die traditionellen und die modernen Liebespaare, das Lied und wünschten es im Radio. Gegen jede Erwartung war es plötzlich omnipräsent geworden. Man hörte es sich zu zweit auf dem Bett oder mit tausend anderen auf der Wiese eines Festivals an. Es verfolgte einem im Lift eines Einkaufzentrums und als Ohrwurm unter der Dusche. Keine längere Strecke mit dem Auto konnte man mehr fahren, ohne dass es einem irgendwann aus dem Lautsprecher entgegenschallte, dieses zu Musik gewordene Liebesglück zwei unsterblich Verliebten.

Fast wäre es – zumindest mir – zu viel geworden. Fast bin ich versucht zu fragen: „Wie es wohl den Menschen geht, die ihre grosse Liebe nicht gefunden haben? Wie es wohl den Paaren geht, welche sich getrennt haben, obwohl sie einst sagten: ‚säg nid für immär und säg nid niä, ich gibä alles für dich uf‘ und am Ende dann feststellten, dass dies für sie doch nicht stimmte? Die sich als Verlierer fühlen, obwohl das Lied doch meint: „nie mär seid, es sigi liächt, äs isch es einzigs gäh und näh, s’git kei Verlüürer oder Gwünner i dem Würfelspiel?“ Was, wenn die unzerbrechliche Liebe zerbricht?“ Es braucht nicht viel und der Song wird einem zu viel.

Doch dann gibt es das, die Magie in diesem Song. Die Magie, die er nicht verliert, auch, wenn er mit unserem wirklichen Liebesglück und unserer richtigen Beziehungen kollidiert. Es ist das Vertrauen, welches in ihm zum Ausdruck kommt. Die Hoffnung, dass es sie doch noch gibt – die wahrhaftige, die pure und reine Liebe.

Wer heiratet, der vertraut gerade auf diese Liebe. Kein Paar weiss ja, ob das, was sich zwischen ihnen an Beziehung, an Gebundenheit und Freiheit, an Blindheit und an Klarheit, entsponnen hat, wahrhaftige Liebe ist. Doch keiner heiratet, wenn er nicht zumindest hofft, dass die Kraft der ewigen Liebe ihn mit seiner Partnerin, seinem Partner verbindet.

Deshalb ist selbstverständlich, dass sich Hochzeitspaare Land auf und Land ab dieses eine Lied wünschen. Nicht nur beim Wunschkonzert im Radio, auch bei der Trauung auf dem Zivilstandsamt soll es gespielt werde. Auch in der kirchlichen Traufeier wünschen sich die Brautleute diese ewige Liebe von Gott für ihre Ehe. Ewige, unvergängliche und unzerbrechliche Liebe. Liebe, wie man sie sich nicht schöner könnte vorstellen. Liebe, die zu Freudentränen rührt.

Die Feier, welche am Anfang des Ehelebens steht, ist voll grosser Gefühle und starker Emotionen. Die ganze Festgemeinde wünscht dem Paar alles Gute und viel Segen. Sie hoffen, dass die Vermählten das Gebot Christi erfüllen und sich so lieben, wie er uns geliebt hat. Man wünscht dem Brautpaar von ganzem Herzen, dass sie, die ewige Liebe in ihrer Ehe zum Leben erwecken.

Ob es wirklich die ewige, die wahre Liebe ist, das weiss jedoch am Hochzeitstag weder das Brautpaar noch ihre Gäste. Erst im Zusammenleben, ja, oft erst am Ende ihres Lebens und im Rückblick kann sich dies zeigen. Erst im Abschied nehmen und Sterben wird deutlich, ob die Ehe von der wahren Liebe getragen wurde. Wahre Liebe ist im Leben Hoffnung, nicht Besitz. Ist dynamische Geschehen und nichts, dass ein für alle Mal fest steht.

Wegen der Dynamik ist die Ehe wohl auch zum Bild für das Geschehen zwischen Gott und seinem Volk geworden. Schon die Propheten im Alten Testament redeten von Israel als der Braut und von Gott als dem Bräutigam. Der Höchste buhlte um sein Volk. Er warb um es und beschenkte es reich, damit er seine Liebe gewinne. Immer wieder geht er ihm nach. Jedes Zeichen der Zuneigung seiner Menschen nimmt er als Zeichen von unvergänglicher Liebe. Er hat seine Braut aufgenommen. Volk und Gott sind die Ehe eingegangen. Ewige Liebe sollte es werden. Treue von Generation zu Generation. Ein Gott und ein Volk.

Doch es kam anders. Wir alle kennen das Anklagen Gottes und die Klagen der Propheten über das Volk. Das Liebesglück zwischen Volk und Gott, die Beziehung von Braut und Bräutigam, scheint alles andere als das, was wir uns – und wie ich glaube auch das, was sich Gott vorgestellt hat – zu sein. Der Bräutigam ist wiederholt von seiner untreuen Braut betrogen worden. Immer wieder vergab er ihr und nahm sie wieder an. Er blieb ihre treu – doch galt am Ende sein Heil ihr nicht länger exklusiv.

In Jesus Christus wurde Gott sich selber zur Braut. Gott, der Vater und Gott, der Sohn haben realisiert, was das Volk überforderte. Jesus, als Teil dieses Volkes, tat, was kein anderer hat tun können. In ihm und seinem Vertrauen auf den himmlischen Vater erfüllte sich die ewige Liebe. Vater und Sohn halten an ihr fest. Die Brücke des Vertrauens zerbricht auch im Tod nicht. Vielmehr zerschellt der ewige Tod am Fels dieser Liebe. Einer Liebe, die mitten in der Finsternis der Welt leuchtet.

Wer von sich sagt, er habe Gott erkannt, der kann nur erkannt haben, weil ihm das Licht der Liebe das Auge des Herzens erhellt hat. Wer erkennt, der sieht die Wahrheit. Wer die Wahrheit sieht der erkennt die göttliche Liebe. Eine Liebe, so will es der 1. Brief des Johannes, welche den Menschen verwandelt. Die göttliche Liebe macht aus Fremden Freunde, ja Familie. Sie lässt Johannes seine Mitchristinnen und Mitchristen mit „meine Kinder“ und „ihr Lieben“ anreden. Sein ganzes Schreiben ist ein Liebesbrief, der um die Braut, um die Gemeinde kämpft. Ja, da steckt so viel Leidenschaft und gute Kraft dahinter – man könnte meinen, er schreibe auch uns.

„Meine Freunde
Haltet euch fern von der Sünde! Verlasst das Gebot Jesus nicht! Hört auf euer Herz. Tut, was die Liebe euch eingibt. Lasst euch vom Geist der Liebe Gottes verwandeln!“

Auf das Herzen hören – der Liebe folgen.

Wer liebt, der nimmt die Welt und sein Leben ganz anders wahr, als es der nicht Liebende kann. Er unterstellt eine gute Absicht bei jedem Wort und jeder Tat des anderen. Er nimmt intensiver wahr und lebt unmittelbarer. Er gibt und vergibt grosszügig. Er schliesst ein und nicht aus. Er teilt Freude und teilt nicht aus. Er ist da, auch wenn er abwesend ist.

Ja, wer mit ganzem Herzen liebt, der wird im Gegenüber Gott selber erblicken. Nicht sein Gesicht – aber in jedem Lächeln lächelt ihm Gott entgegen. Nicht seine Hände, aber in jeder wird die Seele von Gott bewegt. Nicht seine Füsse, aber mit jeder Begegnung kommt er Gott ein Stück näher. Die Liebe ist ein Wunder. Sie ist eine Gabe Gottes. Sie ist Abglanz des Lichtes seiner Liebe in der Welt.

Ein grosser Theologe der Scholastik im Mittelalter sagte einmal: Der Liebende ist nicht fähig zur Sünde. Oder so schön lateinisch, wie es eben Augustin meinte: „dilige et quod vis fac“ – Liebe und tue was du willst!

Die Liebe ist nicht fähig zur Sünde. Ja, nicht zu lieben ist Sünde. Denn zu sündigen meint die Beziehung zu Gott zu brechen – die Gottesbeziehung abzubrechen. Sünde heisst, Gott in der Gestalt des Nächsten nicht zu achten.

Doch gerade das zeigt, wie schwer, ja unmöglich, die geforderte Art Liebe ist. Der Mensch ist zu ihr nicht fähig. Es ist göttliche Liebe.

Die Liebe, von der ich heute in der Predigt spreche, ist viel mehr als die grosse Emotion und die Freude der Hochzeit. Es ist mehr als die romantischen Momente, die man als Paar miteinander teilt.

Die Liebe, welche das Lied „Ewigi Liäbi“ besingt, ist letztlich ein Teil dieser übermenschlichen göttlichen Liebe. Es ist die Liebe, mit der Gott uns liebt.

Selten werden wir dieser Liebe gerecht. Nicht immer sind wir uns ihrer bewusst. Kaum gelingt es uns, uns mit dieser Liebe zu lieben, mit der Christus uns liebt. Es ist ein Geschenk des Glaubens, wenn es uns gelingt für einen kurzen Moment an ihr festzuhalten.

Es gehört mit zu uns Menschen, dass wir uns von Nebensächlichkeiten ablenken lassen. Manchmal erscheint uns gross, was eigentlich klein ist. Hie und da geht uns Arbeit und Erfolg vor Familie und wir vergessen dabei unsere Freunde, unsere Partnerin, unseren Partner, unsere Nächsten.

Dann fallen wir aus der Liebe – Dann sündigen wir.

Wie gut, dass wir dabei aber nicht auf uns selber gestellt sind. Wir haben einen Fürsprecher bei Gott, wie es der Johannesbrief erklärt. Denn fallen wir auch aus der Liebe, so fällt doch einer nie aus ihr. Es ist Gott, der Sohn, der die Ehe zwischen Gott und Volk erfüllt. Weil er erfüllt, dürfen wir daran Anteil haben. Ja, nicht bloss wir, die ganze Welt hat Anteil in ihm. Weil seine Liebe ewig ist, muss es unsere nicht sein. An seiner Liebe dürfen wir uns immer wieder aufs Neue aufrichten lassen.

Denn:
„Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere, sondern auch für die der ganzen Welt.“
Amen

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