Die Schatzinsel

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der im Acker vergraben war; den fand einer und vergrub ihn wieder. Und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker.
Mt 13,44

Liebe Gemeinde

Als Kind gehörte es mit zu meinem „Zu-Bett-Geh-Ritual“, dass mir meine Mutter oder mein Vater eine Geschichte vorlasen. Meist waren es kurze Geschichten, die an einem Abend erzählt waren. Einmal aber, da brachte mein Vater ein Buch mit.

Es war in rotes Leder gebunden und wenn man mit der Hand über den Einband fuhr, füllte man die Prägung im Leder. Auf der Innenseite des Buchdeckels waren ein Kompass, ein Segelschiff und eine Karte abgebildet. Auf der Karte entdeckte man eine kleine Insel. Auf ihr waren ein Berg, ein kleiner Fluss samt Wasserfall, eine verfallene Hüte und ein X eingetragen. Neben dem X stand „Captain Flints Schatz“.

Mein Vater begann vorzulesen. Vom Gasthaus in Bristol, vom alten Seemann William „Bill“ Bones und vom jungen Jim Hawkins – der zumindest in meiner Phantasie aussah wie ich. Abend für Abend folgte ich in meiner Phantasie den Ereignissen. Ich erlebte die Abenteuer mit und war dabei als das Versteck des Schatzes, aber der Schatz selbst nicht gefunden wurde und er schliesslich doch noch in die Hände der Abenteuer kam.

Ich hörte nicht nur meinem Vater zu, wie er „Die Schatzinsel“ von Robert Louise Stevenson vorlas. Ich tauchte ganz darin ein.

Ich malte mir aus, was ich mit so viel Gold alles tun könnte, wie er mein Geschick verändern würde.

Einen Schatz suchen. Schatzsucher zu sein. An solche kindlichen Phantasien können sich bestimmt auch viele von euch erinnern.

Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann gehören solche Phantasien nicht nur zu meiner Vergangenheit, sondern auch zu meiner Gegenwart.

Gewiss, meine Schatzsucher-Phantasien haben sich verändert. Sind durch die Jahre transformiert und erwachsender geworden. Doch ganz verschwunden sind sie nicht. Wenn ich zum Beispiel, nach dem Blick auf den erwarteten Jackpot des schweizerischen Lottos, nicht am Kiosk vorbeigehen kann, ohne einen Lottoschein ausgefüllt zu haben, dann drückt sich diese Schatzsuche doch darin aus. Es ist die Hoffnung, dass grosse Los zu ziehen. Den Schatz zu gewinnen – reich zu sein.

Vielleicht gehört dieser Traum mit zu unsrem Mensch sein. Oder, kennen sie jemanden der diesen Traum nicht auch träumt? Vielleicht nicht auf diese plumpe, monetäre Art, wie ich ihn gelegentlich beim Lotto spielen träume. Vielleicht drückt sich die Schatzsuche darin aus, dass jemand nach einer Aufgabe im Leben sucht, die Sie befriedigt. Oder es die Suche nach der Partnerin, die eine Seelenverwandte ist und einem als komplementäres Stück erst zum wahren Menschen vervollständigt.

Vielleicht war auch der Finder im kurzen Gleichnis, welches Jesus uns erzählt, von dieser Sehnsucht getrieben…

Das Gleichnis vom Schatz um Acker. Ein kurzes Gleichnis. Eines, das man gerne überliest. Es steht in einer ganzen Reihe kurzer und ultrakurzer Gleichnisreden. Gemeinsam ist ihn, dass sie sich alle mit dem Himmelreich und dessen kommen beschäftigen. Ebenfalls teilen sie das eigenartige Phänomen, dass sie beim ersten lesen klar zu sein scheinen und nichts unerhörtes haben – je öfter ich sie aber lese und je länger ich darüber nachdenke, desto komplexer und unerhörter erscheinen sie mir. Es sind Gleichnisreden, die zumindest mich verwirren. Was sagen sie eigentlich?
„Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der im Acker vergraben war; den fand einer und vergrub ihn wieder. Und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker.“
Folgen wir dem Vers Stück für Stück.

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der im Acker vergraben war.

Ich begann mich zu fragen: Warum wurde der Schatz vergraben?

Captain Flint im Roman „Die Schatzinsel“ vergrub seinen Schatz, weil es seine einzige Möglichkeit war, den Schatz in Sicherheit zu bringen. Als Freibeuter war es ihm nicht möglich sagen wir, eine Bankschliessfach zu mieten, das ihm Sicherheit bot. Doch war die verborgene Insel fast so sicher, wie eine Bank. Anstelle eines Schlüssels zum Schliessfach hatte er seine Schatzkarte. Er wusste, wo der Schatz zu suchen ist.

Ganz ähnlich war es auch zur Zeit Jesu. Brach damals ein Krieg aus, so vergruben die bedrohten Menschen ihr wertvolles Hab und Gut. Münzen und Goldschmuck brachten sie so in Sicherheit. Nach dem Ende der Bedrohung gruben sie ihre Schätze wieder aus. Doch kam eine Familie um, so blieben die Schätze im Boden zurück.

Noch heute finden Archäologen solchen Schätze. In der Schweiz zum Beispiel den Silberschatz von Kaiseraugst. Vielleicht haben sie ihn im Rahmen einer Klassenfahrt oder mit einem Familienausflug schon einmal besucht? Nur am Rande, es lohnt sich.

Der Schatz, von dem Jesus erzählt, ist wohl ein solcher. Der rechtmässige Besitzer hat in aus Sorge, ihn zu verlieren, vergraben. Doch viel er beim Angriff der Feinde und niemand wusst von verborgenen Kostbarkeit.

Wenn der Schatz das Himmelreich ist, wer hat ihn dann vergraben? Vielleicht war es in der Sicht Jesu die Gelehrten und Führer Israels, die den Bund mit Gott als Schatz erkannt. Doch in der Meinung, dass er gefährdet sei, vergruben sie ihn in den vielen Verboten und Vorschriften der jüdischen Tradition. So ging er verloren. Der Mann und die Frau aus dem einfachen Volk hatten keinen Zugang mehr dazu.

Es würde zur Predigt Jesu passen, sagt er doch an anderer Stelle: „Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen, nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk 2,27)
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der im Acker vergraben war, den fand einer.

Wer ist dieser? Findet er, weil er gesucht hat? Findet er ohne zu suchen?

Im Roman bricht die Expedition unter Kapitän Smollett zu ihrer Suche auf, weil sie im Besitz der Schatzkarte sind. Sie wären nicht losgesegelt, ohne diese Karte.

Den Finder des Schatzes in der Bildrede Jesu stellen sich viele als Landarbeiter vor, der den Schatz zufällig beim Pflügen findet. Doch das Gleichnis gibt keinen Hinweis darauf. Es ist ebenso gut möglich, dass er bewusst suchte.

Mir gefällt diese Vorstellung. Er weiss, dass da ein Schatz ist, auch wenn er ihn noch nicht hat. Für mich ist es mit dem Himmelreich so. Ich weiss um es durch eine Schatzkarte, durch die Worte Jesu. Doch wenn ich nur die Worte höre, so bin ich noch nicht im Besitzt des Himmelreichs. Wer auf die Worte vertraut und ihnen folgt, der findet den Schatz. Das Wort führt ihn zum Glauben. Oder wie Jesus es sagt: „Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist hinübergegangen aus dem Tod in das Leben.“ (Joh 5,24)
Aber noch ist es nicht sein Acker, darum vergräbt er den Schatz wieder, damit er ihm nicht weggenommen wird. „Und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker.“

Wer nicht um den Schatz im Acker weiss, sieht nur ein Stück Boden. Er bewertet es, nach dem, was er sieht. Auch die Insel in Stevensons Roman war für unwissende nur ein Eiland mitten im Ozean. Nichts, das eine nähere Betrachtung wert gewesen wäre.

Doch wer um den verborgenen Schatz – wer um das verborgene Himmelreich weiss, dass sich hinter den alttestamentlichen Texte und den Traditionen des Gottesvolkes verbiergt, der erkennt darin mehr als gute Geschichten und folkloristische Feiern.

Der einfache Mann und die einfache Frau aus dem jüdischen Volk, zu denen Jesus in seiner Predigt spricht, erkennen in seiner Predigt ihre Religion, ihre Traditionen und ihren Alltag neu. Jesus eröffnet ihnen eine neue Perspektive auf ihr Leben.

Anstelle des alten Bundes mit seinem „du sollst…“ und „sollst nicht“ wird in der Rede Jesus ein befreiender Schatz gehoben.

Wenn er das bekannt Gleichnis des Barmherzigen Samaritaners erzählt und danach fragt: „Wer von diesen dreien, meinst du, ist dem, der unter die Räuber fiel, der Nächste geworden?“ (Lk 10,36), dann steht plötzlich dem, der ausgeschlossen ist, das Himmelsreich weit offen. Der Schatz, dem das Himmelreich gleich ist, ist die Befreiung des Menschen aus dem falsch verstandenen Gottesbund hin zu einem neue verstehen des alten Bundes in der Mitmenschlichkeit.

Dieser Schatz ist viel mehr wert, als der Schatz aus dem Roman „Die Schatzinsel“. Im Gleichnis verkauft der Finder alles um sich den Schatz zu sichern.

Gott selbst ist dieser Schatz, der darin besteht, dass sein himmlisches Reich allen Menschen offen steht, viel wert. Er ist ihm so viel wert, dass er selbst Mensch wird und den Schatz für alle Menschen erkauft. In Jesus Christus wird Gott selbst an Kreuz geschlagen. Darin erwirbt er den Schatz. Er öffnet das Himmelreich für alle Menschen.
Lange, vielleicht auch langweilige, Predigt – kurzer Sinn:
Das Wort Gottes ist uns geschenkt als Schatzkarte zum gewaltigsten Schatz, den wir finden können, dem Reich Gottes selbst. Alles was wir tun müssen, ist uns durch die Schatzkarte, durch das eine Wort Gottes leiten zu lassen. Wir können nicht fehlgehen, wenn wir auf Jesus Christus vertrauen.
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.