Erwählt – nicht Auserwählt

Meine Söhne, nun seid nicht untätig! Denn euch hat der HERR erwählt, vor ihm zu stehen und ihm zu dienen und damit ihr ihm Diener seid und Rauchopfer darbringt.
2Chr 29,11

Liebe Gemeinde

Im Sportunterricht mochte ich eine Situation überhaupt nicht. Ja, ich hasste sie, um ehrlich zu sein. Immer, wenn wir im Turnen eine Mannschaftssportart spielen durften, mussten zuerst zwei Mannschaften gebildet werden.

Egal ob Fussball, Unihockey, Völkerball oder Mattenlauf, es war immer dasselbe Prozedere. Zwei Mannschaftskapitäne wurden vom Turnlehrer bestimmt. Diese durften abwechselnd Teammitglieder aufrufen. Zuerst sind Sportskanonen gewählt worden, dann die Coolen und am Schluss sind noch die Kleinen und die Dicken – wie ich – verteilt worden. Sogar der Klassenclown war vor mir an der Reihe.

Das Wählen der Mannschaften in der Schulzeit war immer eine kleine Demütigung. Im Sport war ich alles andere als gut. In den Fächern, in denen ich zu den Besten gehörte, gab es nie Mannschaften. Höchstens Prüfungen und Noten. Die Besten wurden nicht bewundert. Eher erntete man Neid.

Das Zusammenstellen der Mannschaften im Schulsport durch das abwechselnde Aufrufen, führte zu ausgeglichenen Mannschaften. Das war gut. Spannende Spiele und engagierte Matches waren garantiert.

Die Art der Auswahl machte aber zugleich auch die Rangfolge in der Klasse sichtbar. Mit jeder Wahl, wurde man an den eigenen Platz in der Klassenhierarchie erinnert. Mit jeder Wahl wurde die Rangfolge nicht nur bestätigt, sondern zu gleich auch vertieft. Es gab kein entkommen.

„Na und?“ wird sich nun der eine oder andere fragen. „So geht es nicht nur in der Schule, so geht es auch im Leben zu. Wer gut ist und seine Leistung bringt, der wird zuerst gewählt. Das Leben bevorzugt ihn. Erfolg macht beliebt und Beliebtheit macht erfolgreich.

In unserer Gesellschaft besteht eine heimliche Übereinkunft: Wer Erfolg hat, der hat ihn sich verdient, denn zum Erfolg gehört viel harte Arbeit. Wem kein Erfolg beschieden ist, der strengt sich nicht genügend an. So der Umkehrschluss zu diesem Konsens.

Die amerikanische Legende des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, prägt oft auch unser Denken. Sie tröstet, denn in ihr sind wir nicht ohnmächtig unserem Schicksal ausgeliefert. Wer auf sie vertraut, der hofft, den Erfolg und Misserfolg in den eigenen Händen zu halten.

Doch stimmt das? Rechtfertigt die Anstrengung das hohe Ansehen, das erfolgreiche Menschen geniessen? Stehen Anstrengung, Leistung und Erfolg in einem kausalen Zusammenhang?

Nehmen wir ein Beispiel aus dem Spitzensport. Roger Feder, Schweizer, Sympathieträger und einer der weltbesten Tennisprofis. Er trainiert hart. Dank seiner Leistung und wegen seiner Erfolge wird er von vielen bewundert. Doch trainiert er wirklich so viel härter als Adrien Bossel? Kaum jemand unter uns wird ihn kennen. Ich bin mir aber sicher, dass er als drittbester Schweizer Tennisspieler und Weltranglisten Nummer 274 nicht weniger oft und nicht weniger hart trainiert.

Unsere Gesellschaft rechtfertigt Unterschiede in Ansehen und Erfolg gern mit dem Argument der grösseren Leistung. Auch Lohnunterschiede werden mit ihr begründet. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Doch spielen beim Erfolg auch noch ganz andere Faktoren eine Rolle. Das Talent zum Beispiel, das einem Menschen mit auf den Lebensweg gegeben wurde.

Roger Feder konnte und kann seinen Sieg und Erfolg nur erkämpfen, weil ihm ein unvergleichlich grosses Talent mit in die Wiege gelegt wurde. So sehr sich Adrien Bossel auch immer anstrengen mag. Er wird nie den gleichen Level erreichen, weil er trotz Talent, viel weniger davon mitbekommen hat. Ja, keiner von uns wird je so gut werden, wie es Adrien Bossel ist, weil es uns ganz und gar am Talent zum Tennisprofi mangelt.

Das imaginäre Podest, auf welches wir erfolgreiche Menschen heben, ist mit „Für seine überdurchschnittlichen Leistungen“ bezeichnet. Doch eigentlich müsste darauf zu lesen sein: „Für überdurchschnittliches Talent“.

Es war ein tapferes Stück Selbstbetrug, als Alva Edison, der grosse amerikanische Erfinder, meinte, dass Erfolg „1% Inspiration und 99% Transpiration“ sei. Es ist am Ende doch das eine Prozent, das aus fleissigen Verlierern erfolgreiche Menschen macht. Am Ende zählen nicht die 99 Prozent Anstrengung, sondern das eine Prozent Talent. Es ist von Gott gegeben oder eben nicht. Es ist der kleine Unterschied, der über Genie oder Durschnitt entscheidet. Es ist dieser winzige Teil, der nicht in unserer Hand liegt und doch alles entscheidet.

Jesus traf eine Auswahl. Er wählte sich aus den vielen Menschen, die seine Rede hörten und seine Taten sahen, zwölf Männer aus. Wir hörten in der Lesung (Mk 3,7-19) davon. Vielleicht ist es euch aufgefallen: Er wählte sich nicht seine Jünger, denn Jünger (und wohl auch Jüngerinnen) erwähnt Markus schon vor dem Ernennen der Zwölf.

Jesus wählt aus. Er trennt zwischen den Zwölfen, den Jüngerinnen und Jüngern und dem Volk. Durch die Wahl entstehen konzentrische Kreise abgestufter Zugehörigkeiten. Eine Hierarchie – gewollt oder nicht gewollt, wird sichtbar. Die Zwölf dürfen Jesus folgen. Sie kommen dem Sohn von Gott ganz nahe. Sie dürfen mit Gott in freundschaftliche Beziehung treten. Sie begegnen ihm von Angesicht zu Angesicht.

Sind sie dafür besonders qualifiziert? Was ist mit den restlichen Jüngerinnen und Jüngern? Gab es unter ihnen nicht genauso geeignete, wenn nicht gar geeignetere Kandidatinnen und Kandidaten? Vertraute, die in der Not nicht zuerst einschlafen und dann die Flucht ergreifen, wie es die Zwölf im Garten Gethsemane taten? Warum sind keine Frauen unter den Zwölf – oder wurden sie gar von der katholischen Kirche später verschwiegen, wie es einige Verschwörungstheorertiker und Thrillerautoren meinen?

Was ist mit dem Volk, warum werden sie nicht zu Jüngerinnen und Jüngern? Sie hörten die Vollmacht in den Worten Jesu genauso und erlebten seine Göttlichkeit in den Wundern, die er tat? Sind die einen auserwählt und die anderen verworfen? Ist die Welt geschieden in Gerettete und Verlorene?

Eine Auswahl treffen, ob im Kleinen im Volg, wenn man sich zwischen Erdbeer- oder Heidelbeerjoghurt entscheiden muss, oder im Grossen, wenn man beispielsweise zwischen zwei Stellenangeboten wählen muss, heisst stets etwas nicht zu wählen. In jeder Wahl wird etwas verworfen, ausgeschlossen oder abgelehnt. Wählen meint Entscheiden.

Häufig werden uns die kleinen Verwerfungen des Alltags nicht einmal bewusst. Man wählt das Erdbeerjoghurt, weil man gerade Lust hat. Man verwirft das Heidelbeerjoghurt nicht – beim nächsten Mal wird die Wahl eine andere sein. Man entscheidet sich für die eine Stelle, weil man glaubt sich in ihr selber besser verwirklichen zu können. Die Entscheidung macht die andere Stelle nicht weniger Wert, auch sie hat ihre Reize. Wer weiss, für wen sich mit ihr Lebensträume erfüllen? Auch meine Schulkameraden haben uns, die sie zuletzt wählten im Sport, nicht grundsätzlich abgelehnt. Die Wahl sollte nicht demütigen, sondern Mannschaften für ein Spiel bilden.

Jesus wählt aus – aber er erwählt damit nicht. Die Zwölf wurden gewählt, aber nicht auserwählt als einzige die Liebe Gottes erfahren zu dürfen. Die Wahl, die Christus traf, war kein endzeitliches Gericht – die Berufung der Zwölf am See Genezareth nicht das Jüngste Gericht.

Vielmehr wurde ihnen eine Aufgabe anvertraut. Nicht, weil sie besonders talentiert oder qualifiziert für sie waren, sondern gerade deshalb, weil sie Durchschnitt sind. Sie hatten ihre Stärken und Schwächen. Sie hatten Erfolg und sie haben versagt. Sie waren Sünder und genauso erlösungsbedürftig wie wir alle.

Es war an ihnen mit Jesus auf dem Weg zu seinen. Sie sollten von ihm berichten. Sie sollen seine Taten und Worte erinnern. Sie taten ihren Dienst vor dem Mensch gewordenen Gott, so wie im Alten Testament die Priester ihren Dienst im Allerheiligsten am Tempel taten. Nicht in Vollkommenheit, sondern in ihrer ganzen menschlichen Schwäche.

Die Priester aber dienten nicht für sich im Tempel. Ihre Nähe zum Höchsten war nicht Selbstzweck. Sie hatten eine Aufgabe. Sie vertraten das ganze Volk Israel vor seinem Gott. Ihr Dienst war Dienst an Israel.

Der Kreis der Zwölf ist nicht auserwählt, weder auf Grund von Fähigkeit, noch weil ihnen allein das Himmelsreich gehören sollte. Sie waren zum Dienst am Wort bestimmt. Einem Dienst, den sie für die Welt leisteten. Sie wurden ihrer Erwählung gerecht, weil sie nicht untätig waren. Sie erfüllten ihre Bestimmung als Zeuge des Wortes in Erfolg und Misserfolg.

Auch wir sind im Glauben erwählt. Nicht, weil wir etwas Besseres sind als die Welt. Nicht, weil allein uns das Reich Gottes verheissen ist. Nicht, weil wir im Glauben Besonderes leisten. Vielmehr ist uns Glaube geschenkt, wie Roger Federer das Talent zum Tennisspielen.

Talent aber soll genutzt werden. Es darf nicht in Untätigkeit vergeudet sein. Alle unsere Gaben sollen und dürfen wir zum Wohl aller einsetzten. Es ist unsere Aufgabe und unser Dienst Zeuginnen und Zeugen des Wortes zu sein. Es ist unsere Bestimmung.

Wir sind erwählt, aber nicht auserwählt. Der Glaube ist unser Dienst an der Welt. Wir dürfen Zeuginnen und Zeugen sein. Oder in den Worten des Chronisten:
„Meine Söhne und Töchter seid nicht untätig! Denn euch hat der HERR erwählt, vor ihm zu stehen und ihm zu dienen und damit ihr ihm Diener seid“.
Amen

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