Kein Einheitsbrei!

Jesus betet für die Welt:
„Ich bitte auch für die, welche durch das Wort an mich glauben: dass sie alle eins seien, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, damit auch sie in uns seien, und so die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“
Joh 17,20f.

Liebe Gemeinde

Das Bettagsmandat des Regierungsrats ruft uns zum Zusammenwachsen auf. Der Aargau ist beliebt als Wohnkanton und die Bevölkerung nimmt stetig zu. Auch der Wirtschaft geht es gut, so dass der Wohlstand beständig wächst. Doch die Ressourcen sind begrenzt. Die Fläche des Kantons wird nicht grösser, trotz mehr Einwohnerinnen und Einwohner. Auch die Kapazitäten von Strasse und Schiene lassen sich nicht beliebig ausbauen.

Wachstum bedeutet deshalb auch, dass es enger wird. Wir müssen zusammen rücken – ob wir wollen oder nicht. Wäre es da nicht besser auch mehr zusammenzuwachsen, anstatt bloss immer dichter zu stehen?

Zusammenwachsen. Eine Einheit werden. Vollkommen sein in der Einheit, so könnte man den Ruf des Bettagmandats verstehen.

Eins sein, das hat etwas attraktives an sich.

Schon die ersten Schweizer, die im Jahre 1291 auf dem Rütli zusammengekommen sein sollen, sollen sich geschworen haben: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.“ So zumindest stellte es sich der deutsche Dichter Friedrich Schiller im 19. Jahrhundert vor, als er die Rütlischwur Szene seines Dramas „Wilhelm Tell“ gestaltete und sich dabei vom „Weissen Buch von Sarnen“ inspirieren liess.

In der Not zusammenstehen. Sich auch in der grössten Gefahr nicht trennen. Eine Einheit sein im Leben und im Tod. Gemeinsam einen Willen leben und dabei auf Gott vertrauen. Zumindest in der Fiktion des Theater klingt dies gut. Erst vor diesem Hintergrund wird bei Schiller aus dem Terrorist Tell, der Freiheitskämpfer einer jungen Nation.

Der Mythos Rütli wirkt bis in unsere Zeit nach. Er wurde zur Gründungslegen der Schweiz, die in ihrer heutigen Form erst im Jahre 1848 entstand. Der Mythos gab der jungen Nation Identität und Zusammenhalt. Er schuf aus Baslern, Bernern, Zürchern und Aargauern erst Schweizer. Der Mythos half, dass Land- und Stadtbevölkerung zusammenwuchsen und sich nicht in ihren Gegensätzen aufrieben.

Wir haben ihm viel zu verdanken. Er wirkte. Es ist müssig zu fragen, wie viel historische Wahrheit in ihm steckt. Er ist wahr! Nicht, weil es damals so war, sondern weil er noch heute wirkt.

Er schafft Identität. Er schafft ein Gefühl von Einheit. Das ist gut und wichtig. Doch ist es darum sinnvoll Einheit im Willen für heute zu fordern?

So gut die Forderung klingt und so instinktiv auch ich versucht bin ihr zuzustimmen, so sehr belehrt doch ein Blick in die Geschichte, dass Einheit mit Vorsicht zu fordern ist.

Der Nationalsozialismus in Deutschland und der Faschismus in Italien versuchten diese Einheit in den jeweiligen Ländern zu erzwingen. Mit scheinbar demokratischer Legitimation bauten sie Einparteienstaaten auf. Das Leid, das sie über ihre Nationen und über die Welt brachten, ist dabei allein schon Grund genug um das Loblied auf die Einheit zu hinterfragen.

Aber auch auf Seiten ihrer Gegner gab es Einheitsparteiensysteme. Vielleicht geschah es in bester Absicht. Doch auch die Kommunistische Partei der Sowjetunion brachte alles andere als Erfolg und Wohlstand für die Bürger der Union hervor. Erst, als die alten Machtverhältnisse zusammen brachen, ging es mit Russland für ein paar Jahre aufwärts, bis mit „Einiges Russland“ unter Wladimir Putin de facto ein neues Einparteiensystem etabliert wurde.

Einheit im Politischen, scheint alles andere als ein Erfolgsmodell zu sein. China, Nordkorea, Eritrea, Kuba, Laos, Turkmenistan oder Vietnam (eigentlich müsste man auch noch den Islamischen Staat erwähnen, würde man ihn damit nicht zum Staat adeln). In keinem dieser Länder mit Einheitspartei möchte ich Bürger sein. Müsste ich wählen, so dann am ehesten Kuba. Nicht wegen der Gegenwart, sondern wegen der Hoffnung auf Wandel, die sich langsam am Horizont abzuzeichnen beginnt.

In Anbetracht dieser Länder scheint mir Einheit alles andere als ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Ja, die Sprachverwirrung, von der wir in der Lesung gehört haben, wir vor dieser Kulisse geradezu zum göttlichen Gnadenakt. Gott straft die Menschen für ihren Frevel einen Turm bis in den Himmel bauen zu wollen nicht. Er erkennt viel mehr die Gefahr der Einheit. In der Einheit meint der Mensch Gott gleich zu sein. Nicht der Bau des Turms ist Überheblichkeit, sondern die Hybris des Menschen. Der Turmbau ist bloss Ausdruck der masslosen Selbstüberschätzung, die Mensch im Herzen trägt und die ihn denken lässt, er selber sei Gott.

Die Sprachverwirrung ist ein Glücksfall. Sie schafft in der biblischen Urgeschichtserzählung die Voraussetzung für das Entstehen von verschiedenen Kulturen und unterschiedliche Denkweisen. Der Glücksfall des Turmfalls lässt Vielfalt entstehen.

Erst diese Vielfalt der Sichtweisen ermöglicht einen produktiven und kreativen Umgang mit der Person des historischen Mannes aus Nazareth. In der Vielzahl der Stimmen spricht der Geist Gottes in den Gemeinden der frühen Christenheit.

Man stritt sich leidenschaftlich. Es herrschte alles andere als eine Einheit der Sichtweise. Die junge Religion war dynamisch und dies machte sie offen für das Wirken des heiligen Geistes. Es beflügelte ihr Denken.

Ja, im lebendigen Streit konnte und kann Gott in der Kirche wirken.

So war es gut, dass das Gebet, das Johannes Jesus auf die Lippen legte, nicht erhört wurde. Es ist ein Segen, wenn Christinnen und Christen nicht vollkommen sind in der Einheit der Lehre, sondern sich immer wieder neu mit ihr auseinandergesetzten müssen. Ja, wer weiss, vielleicht gäbe es heute gar kein Christentum mehr, wenn man sich damals auf eine einzige Sicht des Glaubens geeinigt hätte und ihn nicht an den Problemen der Zeit immer wieder neu aktualisieren müssten.

Der Vielklang der Stimmen brachte Harmonie und Misstöne hervor. Daraus wuchsen produktive Spannungen. Man sah die Probleme der Zeit nicht als Probleme, sondern liess sich von ihnen herausfordern. So entstanden aus Problemen neue Lösungen. Eine Vielfalt des Denkens, deren Echo bis in die heutige Zeit und über sie hinaus nachklingt.

Was könnte nicht alles geschehen, wenn wir es als Christinnen und Christen unseren Vorgängerinnen und Vorgänger gleich täten? Was, wenn wir nicht länger die eine christliche Meinung zu den Herausforderungen von unsere Zeit für uns reklamierten, sondern anerkennen, dass es eine Vielfalt der christlichen Meinungen gibt. Eine Vielfalt freilich, der durch die göttlichen Liebe Grenzen gesetzt sind.

Was würde sich verändern, wenn wir die demographische Entwicklung nicht mehr als Problem für AHV und Pensionskasse ansähen, sondern als Herausforderung für neue Lösungen? Wie würde sich unser Umgang mit den begrenzte Ressourcen unseres Planeten verändern, wenn es nicht länger darum geht sich möglichst viel zu sichern und statt dessen ganz neue Lebensformen zu entwickeln, die nicht mehr auf das immer mehr und auf Wachstum setzten müssten? Was, wenn wir nicht länger angstvoll auf die Migrationsströme blicken, die durch den Klimawandel und als Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen losgetreten werden, sondern sie als Herausfordern und Chance für unsere Heimat? Denn vergessen wir nicht, die Uhrenindustrie wurde von hugenottischen Flüchtlingen aus Frankreich aufgebaut. Eine Entwicklung und ein Erfolgsmodell, welche damals noch niemand erahnen konnte, als ihnen im Jura Asyl geboten wurde. Ja, ohne diese Flüchtlinge wäre die Pünktlichkeit als urschweizerische Tugend gar nie möglich geworden.

Ein produktiver Umgang mit den scheinbaren Problemen unserer Zeit könnte zur Grundlage eines neuen Zusammenwachsens werden. Eines Zusammenwachsen, das qualitative ganz anders ist, als ein blosses Zusammenleben. Es wäre eine Zusammenwachsen, aus dem keine Einheit als Einheitsbrei wird, sondern eine Einheit in der Vielfalt. Einer Vielfalt der Sprachen, Kulturen und Meinungen, die in kreativer Weise ganz neue Lösungen gebiert.

Als Christinnen und Christen können wir uns durch die Bitte nach Einheit herausfordern lassen. Es ist keine Einheit im Denken, sondern eine Einheit im Geist. Einem Geist, den wir nicht als Besitz haben, der uns aber immer wieder auf das neue von Gott geschenkt wird. So können und so sollen wir uns mit unsere Sichtweisen, mit unserem Glauben und mit unsere Hoffnung diesem Prozess zur Verfügung stellen.

Nicht, als ob wir die Lösung für die Welt kannten, sondern so, dass wir Teil sind dieser Lösung. Nicht, als ob wir den einzige Weg für alle kannten, aber so, dass wir mit auf der Suche des guten Wegs miteinander sind. Nicht, dass wir uns für Gott halten, aber das wir sein Licht in dieser Welt leuchten lassen. Damit die Welt sich selber erkennt.
Amen

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