Sei ein Berg!

Christus spricht:
„Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.“
Mt 5,14

Liebe Gemeinde

„Warum müssen wir auf die Gisliflue?“ fragte ein Konfirmand leidvoll. „Können sie, was wir dort erfahren sollen, nicht einfach im Klassenzimmer erklären? Sie würden sich den Nachmittag doch auch lieber frei nehmen!“

Ein freier Nachmittag, auch für mich eine kleine Versuchung. Bloss, das Erklären kann das Erfahren nicht ersetzten. Nicht zu wandern und nur zu reden wäre nicht dasselbe gewesen. „Nein. Ein freier Nachmittag ist nicht möglich. Wir müssen wandern. Ihr werdet erleben, was euch niemand durch Worte sagen kann.“ So brachen wir auf.

Dabei konnte ich seine Frage gut verstehen. Sie ist in unserer Zeit berechtigt. Seit dem jeder Google-Earth und Street-View nutzen kann, der über einen Computer und eine Leitung ins Internet verfügt, sind auch die entlegensten Winkel und die abgeschiedensten Ecken unseres Planeten ganz nahe. Jeder kann sich virtuell an nahezu jeden Ort der Erde „beamen“. Ein paar Klicks mit der Maus und schon steht man auf dem Times Square in New York, vor dem Kolosseum in Rom oder auf dem Gipfel vom Mount Everest. Ja, sogar das Panorama der Gisliflue kann man bequem auf dem Sofa mit dem Laptop auf den Knien oder auf dem riesigen 24 Zoll Monitor auf dem Bürotisch bewundern.

Zwar steht man nicht wirklich auf der Gisliflue, dafür trübt aber auch kein Wölkchen die wunderbare Fernsicht. Und gefällt einem die Aussicht nicht, so muss man sich nicht ärgern über die mehr oder weniger anstrengende Wanderung. Man beamt sich einfach auf den nächsten Gipfel oder schaltet den Bilderschirm aus und fährt der Rechner herunter.

So hätte ich es mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden auch machen können. Alleine für die Aussicht hätten wir nicht auf den Berg steigen müssen. Aber eben, es ist ein Unterschied, ob man selber auf dem Mount Everest stand, oder das Panorama bloss durch das Internet auf den heimischen Bildschirm vermittelt wird. Der eine erfährt Bewunderung und hat viel zu erzählen, der andere ist bloss einer von vielen.

Wenn unser Hausberg auch nicht der Mount Everest ist, so gilt es doch für die Gisliflue: Es macht einen Unterschied, ob man nur virtuell ihr Panorama geniesst, oder ob man den Weg auf die Flue unter die Füsse nimmt und am Ende der Wanderung leibhaftig auf ihrem Gipfel steht.

Der Weg ist dabei von entscheidender Bedeutung. Der Weg gibt dem Ziel einen wesentlichen Teil seines Wertes. Je mehr ich mich anstrengen muss, desto wertvoller, desto befriedigender wird es sein das Ziel zu erreichen. Was beim Wandern gilt, gilt auch im Leben. Oft sind es die Umwege im Leben, welche die wertvollsten Lektionen lehren. Erfahrungen, die nur derjenige macht, der sich auf den Weg und das Leben einlässt.

So war nun unsere Wanderung auf die Gisliflue an jenem Samstag auf zwei Arten Weg. Auf der einen Seite war sie ein Weg für den Körper. Wanderweg. Auf der anderen Seiten aber auch ein Weg für die Seele. Lernweg, Erfahrungsweg. Wir hörten auf ihr von der Heiligen Gisela und vom Mönchtum. Wir gingen den Weg als Symbol für das Leben. Unser Leben verläuft nicht immer gradlinig. Manchmal geht es auf und ab und nicht immer ist der richtige Weg klar. So haben wir uns auf den Weg gemacht.

Auch das Volk Gottes musste einst aufbrechen. Schon der Aufbruch aus Ägypten hatte seine Tücken. Der Pharao wollte sie nicht ziehen lassen. Die günstige Arbeitskraft der hebräischen Gastarbeiter wollte er nicht verlieren.

Es gab wohl auch manchen unter den Israeliten, der lieber in Ägypten geblieben wäre. Man hatte es nicht gut. Aber immer hin wusste man, was man hatte. Die Lebensgrundlage war gesichert, auch wenn man nicht in Freiheit lebte. Der Glaube der Väter gab Heimat. „Der Gott von Abraham, Isaak und Jakob ist mit uns, auch wenn wir ihn nicht erleben. Auch wenn es hart ist, so sind wir doch nicht allein. So ist er doch mit uns, auch wenn wir ihm nicht begegnen“, dachten sie sich vielleicht. Die Heimat im Glauben war ihnen Trost in der Fremde.

Mose hatte es nicht leicht. Er musste sie überzeugen. Zu vieles liess sie am Bekannten festhalten. Noch auf dem Weg murrten sie. Nachdem sie durch das Meer gezogen waren, gab es kein Zurück mehr. Gott gab ihrem Zug ein Ziel.

Wie die Wanderung des Gottes Volkes, so hatte auch die Wanderung mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden ein Ziel. Den Gipfel wollten wir erreichen!

Wir wählten einen Weg auf die Gisliflue. Wir hätten auch auf ganz anderen Wegen den Gipfel erreichen können. Es gibt gewiss über ein Duzend Varianten, auf denen man unseren Hausberg erwandern kann. Jede Route hat ihre Reize. Jede Route verändert sich von Tag zu Tag. Ja, man könnte in Anlehnung an den griechische Philosoph Heraklit sagen: „Man kann nicht zweimal auf den gleichen Berg steigen!“ Panta rhei – alles fliesst. Der Weg ist immer ein wenig anders als beim letzten Mal und auch die Aussicht vom Gipfel ändert sich mit dem Wetter und der Jahreszeit.

Nur der Berg scheint unverrückbar dazustehen. Berge sind Symbole des Unvergänglichen. Sie machen Eindruck auf uns.

Wer war nicht schon in den Alpen unterwegs und staunte nicht über die kargen und doch lichtdurchfluteten Landschaften? Wem jagte der Anblick des Alpenglühens, wie es in unserer Nationalhymne besungen wird, nicht schon einmal einen kalten Schauer über den Rücken? Wem erschien sein Leben nicht kurz und unbedeutend im Anblick der ewigen, mit Schnee bedeckten Gipfeln der Viertausendern unserer Heimat?

„Berge sind stumme Lehrer – sie lehren uns Ehrfurcht!“ habe ich als Kind gelernt, als ich mit meinen Eltern oder mit unseren Lehrern in und auf ihnen unterwegs war.

Vermutlich ist es diese Ausstrahlung, welche die Berge in vielen Kulturen zum Ort der Begegnung mit Gott macht. Dem Berg kann der Mensch scheinbar nichts anhaben. Der Berg ist fast so ewig, wie Gott selber.

Und doch. Unsere Berge sind empfindliche Lebensräume. Der Rückgang der Gletscher ist wohl das deutlichste Zeichen dafür. Der Aletschgletscher mit einer Länge von nicht mehr ganz 23 Kilometern, der längste Gletscher der Alpen, zog sich seit dem Jahre 1850 insgesamt um über 2,8 Kilometer zurück. Davon fast einen Kilometer seit dem Jahr 1980, als ich geboren wurde. Der Gletscher schmilzt immer schneller.

Die Bergwelt ist bedroht. Besonders betroffen sind Arten, die sich ihrem Biotop stark angepasst haben. Wandern Biotop als Folge der Klimaveränderung, so gelingt es diesen Pflanzen oft nicht, sich rasch genug den Veränderungen anzupassen.

So majestätisch, so göttlich die Berge auch sind, sie sind doch bedrohter, als es auf den ersten Blick scheint.

Das Volk Israel wanderte zum Gottesberg. Dort lagerten sie. Mose stieg auf den Berg. Er begab sich an einen bedrohlichen und doch selber bedrohten Ort. Auf dem Berg, verhüllt von einer Wolke, zeigte sich Gott ihm. Mose begegnete Gott, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Doch seine Gottesbegegnung veränderte den Glauben der Menschen. Nicht länger bewahrten sie den Glauben der Väter, sie lebten den Glauben des Bundes. Gott war nicht länger bloss Gott Abrahams, Isaaks und dem Jakobs. Er war nicht länger Gott der Erinnerung und der Vergangenheit. Gott, wie er sich Mose zeigte, wurde gegenwärtiger Gott. In ihm ist dem Volk Zukunft und uns Hoffnung geschenkt.

Er gibt seine Gebote. Nicht als Gesetzgebung, sondern als ein Versprechen auf Zukunft hin. Die zehn Gebote, die Mose mit vom Berg bringt, sind keine toten Buchstaben, sondern lebendige Hoffnung. Sie leiten an. „Leben so und dein Leben wird gelingen“, ist ihre Botschaft.

Die Gebote wurden auf dem Berg gegeben. Man schlug sie in Stein und hielt mit ihnen nicht hinter dem Berg. Die Gebote sind selber nicht Berg – Wo sie zum Berg werden, da erschlagen sie mit ihrem Gewicht die Menschen.

Jesus lehrte dies seinen Jüngerinnen und Jünger. „Haltet die Gebote, aber lasst euch nicht von ihnen halten“, könnte er gesagt haben. Die Stadt, von der er sprach und die auf einem Berge liegt, dass ist die Stadt der Menschen, die nach den Geboten leben. Sie sind nicht ihr Gesetz, aber sie lassen sich von ihnen leiten. Ihre Gemeinschaft ist nicht Gemeinschaft des Willens Gottes, sondern Gemeinschaft seiner Liebe. Die Stadt, die das Wort hört und es im rechten Sinn bewahrt und sich von ihm leiten lassen, diese Stadt kann nicht verborgen bleiben. Ihre Bewohnerinnen und Bewohner leuchten als Licht in der Welt.

Das Wort ist uns gegeben. In Jesus Christus haben wir es neu hören dürfen. Den Weg auf den Berg können wir einander weisen, wie ich meiner Klasse den Weg auf die Gisliflue gewiesen habe. Ob sie die Botschaft und die Symbolik dieses Weges auch in ihre Herzen aufgenommen haben, das liegt nicht in meiner Macht.

Als Kirche weisen wir den Weg. Als Christinnen und Christen lassen wir das Licht Gottes in der Welt leuchten. Als Menschen dürfen wir selber zu Bergen werden. Berge, die nicht ewig stehen und bedroht sind. Berge aber auch, welche die Begegnung mit Gott möglich machen.
Amen

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