Auf dem Weg nach Emmaus

Und es geschah, als er sich mit ihnen zu Tisch gesetzt hatte, dass er das Brot nahm, den Lobpreis sprach, es brach und ihnen gab. Da wurden ihnen die Augen aufgetan, und sie erkannten ihn.
Lk 4,30f.

Liebe Gemeinde

Es ist mir ein wenig peinlich, aber was mir am letzten Montag passiert ist, passt zu dieser biblischen Geschichte, die ihr im Theater zum Leben erweckt habt. Es ist eine kleine Anekdote, wie sie vermutlich viele von uns auf ganz ähnliche Weise erzählen könnten. Keine Weg-nach-Emmaus-Geschichte mit einem grossen Wunder, aber halt doch eine Begebenheit aus unser aller Alltag.

Meine Frau bat mich alleine einzukaufen. Etwas Ungewöhnliches. Normalerweise gehen wir gemeinsam, oder sie geht allein in den Volg für die nötigen Besorgungen. So passiert mir nicht, was mir diesen Montag widerfahren ist. Denn meine Frau bewahrt mich engelsgleich für gewöhnlich vor solchen Peinlichkeiten. Doch dieses Mal war sie verhindert. So bin ich allein, mit Einkaufstaschen und Einkaufzettel ausgestattet, losgezogen.

Man(n) ist beim Posten vielleicht manchmal ein wenig überfordert. Zu sehr lenken all die feinen und verführerischen Angebote vom eigentlichen Auftrag ab. Ja, man hat nur noch Augen für all die Reduktionen und Sonderangebote. Jedenfalls geht es mir oft so.

So war es auch am letzten Montag. Ich war ganz in Gedanken. So sehr, dass ich fast mit einer anderen Frau zusammenstiess. Im letzten Augenblick bemerkte ich sie. Entschuldigend sagte ich: „Exgüsi. Ich wollte sie nicht über den Haufen rennen!“ „Kennst du mich nicht mehr?!“ erwiderte sie verdutzt. Erst da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Vor mir stand eine gute Bekannte, die ich erst vor ein paar Wochen zum letzten Mal sah. Es war mir gar nicht recht und sehr peinlich.

Manchmal da sind wir in unserem Alltag ganz mit uns beschäftigt. Wir sind konzentriert, weil wir etwas Wichtiges erledigen müssen. Oder zumindest glauben wir, es sei wichtig. Wir sind abgelenkt, weil sich unsere Welt nur um uns dreht und wir ganz vergessen, dass es noch andere Menschen gibt. Oder unsere Gefühle verändern die Wahrnehmung der Wirklichkeit so sehr, dass wir sehen, was nicht ist und was ist, nicht mehr erkennen. Trauer und Verlust können uns aus der Bahn werfen.

Vermutlich erging es den beiden Jüngern, von denen wir im Theater hörten, ganz ähnlich. Der Schmerz der Trauer über den Verlust ihrer Hoffnungen, die in Jesus Gestalt angenommen hatten, hatte ihre Gedanken fest im Griff. Die Angst, was jetzt mit ihnen sein wird, gar eine Vorahnung der drohenden Verfolgung, vernebelte ihre Wahrnehmung. Sie bauten eine Mauer aus Furcht und dunkeln Fantasien um sich. Sie sahen die Welt nicht mehr klar und waren wie blind.

Ja, der Glaube, das feste Vertrauen auf Gott, ist ihnen in diesen Tagen nach Karfreitag und dem Tod Jesu am Kreuz abhandengekommen. Die Botschaft der Frauen, dass das Grab leer sei, hörten sie wohl vor ihrer Abreise. Doch was sollte dies bedeuten? Das leere Grab brachte ihnen den Glauben nicht zurück. Es war ihnen einerlei, ein volles – ein leeres Grab. So oder so, Christus fehlte ihnen.

Als zweifelnde gingen die Jünger ihren Weg. Der Zweifel und die Trauer machten sie blind. „Das kann nicht sein. Das ist nicht menschenmöglich. Die Welt kann so nicht sein.“ Diese Gedanken liessen sie nicht klar sehen.

Was sie blind machte, gehört zu uns allen. Wie oft beschränken wir unseren eigenen Glauben, weil wir uns etwas nicht vorstellen können. Weil etwas so ganz und gar nicht unseren Erwartungen entspricht? Weil es unserer Erfahrung widerspricht? Wie oft schon erkannten wir Christus nicht, als er an unsere Türe klopfte? Ich weiss es nicht. Aber es geht uns wie den Jüngern.

Gegen die eigene Blindheit des Glaubens helfen keine Argumente. Der Glaube kann nicht theoretisch gewiss und dann erst geglaubt werden. Auch die beiden Jünger blieben auf dem Weg mit Jesus in ihrem Unglauben gefangen, obwohl er ihnen alles erklärte.

Erst als er das Brot mit ihnen teilte, wurden sie von ihrer Blindheit gelöst. Die Schuppen des Zweifels und des Unglaubens fielen ihnen von den Augen und sie erkannten.

Der Glaube wurde ihnen wieder geschenkt, als sie sich auf die Begegnung mit Christus im Teilen der Mahlzeit einliessen. Wo Christus das Brot der göttlichen Liebe mit uns teilt, dürfen wir ihn erkennen. Im Brechen des Brotes und im Teilen des Kelches dürfen wir uns von ihm die Augen öffnen lassen. Er schenkt uns seinen Glauben, der uns von unserer Blindheit befreit.

Der Glaube aber bleibt Geschenk. Auch als Gläubige wird es uns immer wieder passieren, dass wir in Begegnungen ihn in der Gestalt unseres Nächsten nicht erkennen. So wie ich beim Einkaufen meine Bekannte nicht erkannt habe. Auch als Gläubige werden wir immer einmal wieder an Christus vorbei gehen, ohne ihn wahrzunehmen. Das macht mich traurig.

Doch ich lasse mich von der Geschichte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus trösten. In all unseren menschlichen Schwächen und in unserer Blindheit sind wir doch nicht allein. Auch, wenn wir ganz in uns und unseren Gedanken und vermeintlichen Wichtigkeiten gefangen sind, sind wir doch nicht ohne Christus, der uns heilen kann. Wenn wir ihn auch noch nicht erkennen, so ist Jesus doch mit uns auf dem Weg. Er geht mit uns, wie er mit den beiden Jüngern ging. Denn Christus steht uns zur Seite, ob wir ihn schon sehen oder ob unser Herz noch blind ist.
Amen

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