Falsche Propheten

Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafspelzen zu euch kommen – darunter aber sind reissende Wölfe!
Mt 7,15

Liebe Gemeinde

Es wird um die Zeit gewesen sein, als ich die sechste Primarklasse besuchte, als mich die Dokumentationen von Erich von Däniken im Fernsehen faszinierten. In seinen Berichten brachte er zwei grosse Themen meiner Knabenzeit zusammen. Auf der eine Seite die Faszination für Technik und für Science-Fiction-Geschichten und auf der anderen Seite mein grosses Interesse für untergegangene Kulturen und für Archäologie.

Beides nahm viel Platz ein in den Theorien von Erich von Däniken. Er fabulierte über Besucher aus dem Weltall, die in prähistorischer Zeit die frühen Hochkulturen der Menschheit belehrten. In spekulativen Gedankengängen dachte er darüber nach, wie Wesen aus fremden Galaxien die Maya in Südamerika, die Ägypter in Afrika oder die Babylonier in Mesopotamien nicht nur beobachteten, sondern auch in Kontakt zu ihnen traten. In Reliefs in Tempeln fremdartiger Götter und auf Abbildungen in längst versunkenen Palästen wollte er Raumfahrzeuge und ausserirdische Technik erkennen.

Ja, sogar in der Bibel fand er Spuren dieser Besucher aus dem Himmel. Gewissermassen alttestamentliche Begegnungen der dritten Art. So soll der Prophet Ezechiel gar einmal von einem dieser Besucher in einer Rakete mitgenommen worden sein und so schnell und sicher ein paar tausend Kilometer in kurzer Zeit überwunden haben. Ein Wunder für die damalige Zeit. Dem Propheten sollen die Worte gefehlt haben. So habe er das Weltraumgefährt als Himmelswagen beschrieben.

Die Argumentationen Erich von Däniken wirkten damals überzeugend auf mich und doch blieb ein Rest Zweifel. Ausserirdische, das klang mir dann doch zu fantastisch. Die Faszination aber blieb. Seine Indizienbeweise, die Bilder und Reliefs, die er zeigte, wirkten nach und verstärkten mein Interesse für die Menschen längst vergangener Zeiten.

Ein Bild tat es mir besonders an. Ich erinnere mich noch, als hätte ich es gestern erst gesehen. Es zeigte einen alten Ägypter, der einen Gegenstand mit sich trägt, die Erich von Däniken als übergrosse Glühbirne deutete. „Wenn keine Lampe, was stellt es dann dar?“ Die Frage beschäftigte mich bis ins Studium.

Erst dort, in einem Seminar über die Religion im alten Ägypten lernte ich das Bild neu zu deuten.

Die scheinbare Lampe samt Stromkabel erwies sich als stilisierte Lotusblüte. Der Lotus ist den Menschen damals ein Symbol für die Regeneration und die Wiedergeburt im Jenseits gewesen. In der Entwicklung der Bildsprache wuchs der Lotus und die Blüte wurde immer abstrakter dargestellt. Schliesslich wurde die Darstellung so sehr elementarisiert, dass wir modernen Menschen eine Glühbirne zu erkennen meinen. Eine Täuschung, die sich erst durch die Auseinandersetzung mit dieser reichen Bildersprache der alten Ägypter klärte.

Leicht lässt sich der Verstand täuschen. Aus der Lotusblüte wird eine Glühbirne, wie es das Beispiel Erich von Däniken zeigt. Aufwendig und mühsam ist es, solchen Fehler aufzudecken und anderen Interpretationen Raum zu geben.

Dass wir leicht zu täuschen sind, gehört mit zu uns Menschen. Unser Hirn denkt nicht gerne, denn Denken verschlingt Unmengen von Energie. So nimmt das Gehirn gerne Abkürzungen und deutet Neues mit Bekanntem. Es verbindet scheinbar naheliegendes. Aus dem Lotus auf dem antiken Wandgemälde wird so eine Glühbirne samt Glühfaden und Stromkabel. Kritisches Prüfen, das den Fehlschluss aufdeckt, kommt immer erst an zweiter Stelle.

Weil unser Hirn nicht gern denkt, haben die selbsternannten Prophetinnen und Propheten unserer Zeit leichtes Spiel mit mancher Zeitgenossin und mit manchem Zeitgenossen.

Es ist faszinierend und beängstigend zu gleich, wenn man abends durch die Programme zappt und auf einem Wahrsager-Kanal oder einer Sendung mit Zukunftsblick hängen bleibt.

Für ein paar Franken pro Minuten wird Hilfe in schwierigen Lebenslagen und bei wichtigen Entscheidungen versprochen. Die sogenannten Beraterinnen und Berater werfen dabei mit mancherlei Hilfsmitteln, von der klassischen Kristallkugel über Tarot-Karten bis hin zu futuristischen Eigenkreationen, einen Blick in die Zukunft der Anrufenden.

Als Aussenstehender schüttelt man dabei nur den Kopf. Die Aussagen sind vage gehalten. Die Ratsuchenden aber fühlen sich genau verstanden. Sie ergänzen von sich aus und projizieren was sie hören möchten in die Worte des angeblichen Mediums.

Achtet man auf die Vertrautheit mancher Beratungsgespräche, so bekommt man den Eindruck von grosser Vertrautheit. Viele rufen mit einer hohen Regelmässigkeit an. Man kennt sich und duzt sich. Ein freundschaftlicher Umgang. Bloss lässt sich der vermeintliche Freund seine Zeit gut bezahlen.

4.50 Fr. pro Minute mag nach wenig klingen. Rechnet man es aber auf eine Stunde hoch, so kommt man auf 270,- Franken. Ein stolzer Preis, vor allem wenn man bedenkt, dass ein Gespräch mit einem ausgebildeten Therapeuten, einer ausgebildeten Therapeutin mit einem abgeschlossen universitären Psychologiestudium und mehrjähriger Ausbildung für unter 200.- Franken pro Sitzung zu haben ist.

Ein Gespräch mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer wäre ganz gratis zu haben und wird durch die Kirche bezahlt. Dabei haben alle meine Amtskolleginnen und -kollegen mindestens eine seelsorglich-beratende Grundausbildung und mancher von uns hat sich in Form eines Nachdiplomstudiums weiter gebildet.

Das miese Geschäft, das mit Ratsuchenden am Telefon gemacht wird, kommt im Schafpelz daher. Doch die Umsätze und Gewinne, die generiert werden, stehen in keinem Verhältnis zur erbrachten Leistung. Die Anrufenden sind Opfer – Opfer nicht zuletzt auch der eigenen Gutgläubigkeit.

Vermutlich werden die Meisten nun etwas Ähnliches denken, wie etwa: „Das kann mir nicht passieren. Ich bin doch nicht so doof!“ Dabei passiert es auch uns immer wieder, dass wir uns von falschen Propheten verführen lassen. Falsche Propheten, die in bester Absicht handeln – das will ich zumindest glauben. Beste Absichten aber auch, die in die Irre und auf Abwege führen können.

Wer Leitungsaufgaben übernimmt, vom Kirchenpflegemitglied bis zum Kirchenrat, vom Lokalpolitiker bis zum Bundesrat, dem kann es widerfahren, dass er sich irrt. Als falscher Prophet nimmt er seine Gemeinde, seine Kirche oder sein Land mit zum Schaden von allen.

Ich will mich davon gar nicht ausnehmen. Auch ich habe im Rückblick schon erfahren müssen, dass ich mich mit einer Entscheidung geirrt habe, dass ich mich für das Falsche engagiert habe.

Leiten, in Politik und in der Kirche, das heisst Weichen zu stellen. Entscheidungen wirken sich selten sofort aus. Oft wird erst nach mehr oder weniger langer Zeit sichtbar zu welchen Konsequenzen ein Weg führt. Trotz der Unsicherheit müssen wir entscheiden. Wir müssen Weichen stellen.

Damit Entscheidungen nicht aus dem Bauch gefällt oder aus der Luft gegriffen werden müssen, verlässt man sich gerne auf Studien und Kennzahlen. Es wird gezählt und vermessen. Modelle werden aufgestellt und verworfen. Passende Prognosen sind das Ziel. Das ist gut und wichtig.

Bloss, was passiert, wenn aus Prognosen plötzlich Fakten werden? Wenn man meint mit ihnen in die Zukunft sehen zu können?

Zahlen und Messwert müssen gedeutet werden. Manches kann man hochrechnen, doch die Hochrechnung, die Prognose über die zukünftige Entwicklung bleibt eine Hochrechnung. Es kann schlimmer oder besser kommen. Wir alle erfahren das fast täglich beim Wetterbericht.

Auch der Einfluss von Massnahmen und Entscheiden, wird in die Prognosen eingerechnet. Beim Entscheiden werden dann aber auf wundersame Weise aus Schätzungen über den weiteren Verlauf, Fakten wie es sein wird.

Ein Beispiel:
In den 1970er Jahren wurde in Europa die Sommerzeit eingeführt. Unter dem Eindruck der Ölkrise wollte man Energie sparen, indem man die Uhrzeit um eine Stunde nach vorne stellte und so das Tageslicht besser ausnutzen kann. In der Theorie eine wunderbare Sache. Deutliche Einsparungen wurden errechnet. In der Praxis aber ein Flop.

Der Tages-Nacht-Rhythmus der Menschen und die Gewohnheiten passten sich der neuen Situation an. Die Einsparung ist marginal. Trotzdem hält man an der Sommerzeit fest. Es zählt wohl, dass sie eine der wenigen fast ganz europäischen Lösungen ist.

Es ist schnell geschehen. Aus Hochrechnungen und Prognosen werden Fakten. Wenn Studien seriös erstellt werden, ist das das Eine. Doch in einer Zeit, in der immer mehr Untersuchungen durch Grosskonzerne und Interessengruppen finanziert werden, sind wir uns da noch sicher, dass nicht im Sinne vom Auftraggeber gerechnet wird? Das wir auf falsche Wege geführt werden durch Wölfe im Schafspelz? Das demjenigen die (projizierte) Zukunft gehört, der die Studie bezahlt?

Wem können wir vertrauen, wenn es um unsere Zukunft geht?

Diesem Vertrauen ist kein Mensch gewachsen. Denn kein Mensch kennt die Zukunft. Sie liegt als unerforschtes Land vor uns.

Vertrauen kann ich aber nur einem Führer, von dem ich annehmen darf, dass er sich im Land auskennt, durch das er mich führen soll. Sonst führt der Blinde den Blinden, der ihm blind vertraut.

Es ist gesund eine gewisse Skepsis gegen Prognosen und Vorhersagen zu haben, auch wenn wir uns bei unseren Entscheiden immer wieder auf sie stützen müssen. Es ist aber auch nicht falsch, bei diesen Entscheiden auf den zu vertrauen, der die Zukunft kennt. Gott ist es, der nicht nur Herr über die Vergangenheit und Gegenwart ist. Auch unsere Zukunft liegt in seiner Hand. Auf ihn dürfen wir vertrauen. Die Zukunft ist sein Land, wie es in einem Lied heisst.

Wenn wir auch im Dunkeln tappen und unsere Prognosen und Erwartungen kaum mehr sind als eine ungefähre Richtung, so dürfen wir doch Schritt für Schritt damit rechnen, dass der Schöpfer und Erlöser der Welt mit uns geht.

Doch wie hat es Erich von Däniken jeweils so schön gesagt: „Glauben sie mir kein Wort!“ Und wie ich ergänzen möchte: „Vertrauen sie nur auf Gott!“
Amen

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