Flucht

Und stell dich nicht auf am Scheideweg,
um seine Flüchtlinge umzubringen,
und liefere seine Überlebenden nicht aus
am Tag der Not.
Obd 14

Liebe Gemeinde

Stelle dir vor es ist Abend. Die Sonne ist bereits untergegangen und nur die Strassenlaternen erhellen die Wege. Ein typischer Herbstabend. Es ist gemütlich in der Stube. Vielleicht möchtest du gerade deinen Lieblingsfilm im Fernsehen geniessen oder hast ein spannendes Buch zur Hand genommen. Auf jeden Fall ist deine Welt in Ordnung.

Da läutet es plötzlich an der Haustüre. „Wer mag das noch sein?“ magst du dich fragen. Ein Besuch zu dieser Tageszeit, gerade als du es dir schön gemütlich gemacht hast, passt es dir gerade nicht. Ein wenig verstimmt stehst du auf. Du gehst durch das Haus und öffnest die Eingangstür.

Vor dir steht Piero. Ein kleiner Knabe von neun Jahren. Du kennst ihn. Er wohnt in deiner Strasse. Tränen laufen ihm über das Gesicht und bei jedem Atem holen zieht er den Rotz geräuschvoll durch die Nase.

Was machst du?

Ihm die Türe vor dem Gesicht zu schlagen? Ist schliesslich nicht dein Problem – seine Eltern müssen sich halt besser um ihn kümmern!

Ich glaube, keiner von uns würde so herzlos auf den kleinen Piero reagieren. Ja, es würde wohl ein Sturm der Entrüstung über denjenigen hereinbrechen, der einem Kind in Not die Türe nicht öffnet. Einem Kind, das offensichtlich und ohne, dass es etwas sagen müsste, zeigt, dass es Hilf braucht. Ein solches Kind nicht in die Wohnung zu nehmen, wäre grausam, ja gar ein Verbrechen. Kein Mensch, der ein Herz in der Brust hat, kann so grausam sein.

Weil du ein Mensch bist, lässt du den kleinen Jungen hinein. Dass der gemütliche Abend zu Hause dahin ist, fällt dir in dieser Situation gar nicht auf. Piero und seine Tränen füllen dein ganzes Herz und dein ganzes Denken. Da ist kein Platz um über den verlorenen Abend traurig zu sein. Wenn ein Mensch in Not unsere Hilfe braucht, gibt es nichts anders, als diese Not zu lindern. Besonders dann, wenn dieser Mensch noch ein Kind ist. In der Not zählt weder Gebot noch Verbot. Was dem Wohl des anderen dient, wird gemacht.

Darin folgen wir dem Beispiel Jesu. Auch er kannte nichts anderes als die Not zu lindern, wann immer er einem Menschen in Krankheit oder Todesnot begegnete. „Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen, nicht der Mensch um des Sabbats willen“, sagt er und heilt darauf einen Blinden am Tag des Herrn.

Die Not dringt in unser Herz. Es ist gut, dass wir nicht anders können, als sie lindern zu wollen. So hören wir Piero zu, nachdem er sich ein wenig beruhigt hat.

Die Geschichte, die er erzählt, ist keine einfache Geschichte. Er berichtet von der Alkoholerkrankung seines Vaters und wie seine Mutter alles daran setzt, damit diese nicht in der Nachbarschaft bekannt wird. Heute, so sagt er, sei es wieder einmal besonders schlimm. Der Vater sei schon besoffen von der Arbeit gekommen. Als beim Abendessen ihm, dem kleinen Piero, ein Glas aus der Hand gefallen und in tausend Scherben zersprungen sei, da sei der Vater in Rasche geraten. Er habe ihn beschimpft und schliesslich gedroht ihn mit dem Gürtel zu verprügeln. Da sei er davon gerannt. Er habe Angst vor den Eltern. Ob er die Nacht bei dir verbringen dürfe?

Sagst du Nein? Schickst du ihn mit einigen tröstenden Worten, was dich nicht umbringt macht dich härter, nach Hause? Bittest du ihn sich selbst um die Probleme zu Hause zu kümmern? Ein Junge wie er, könne sich doch bestimmt selber eine gute Zukunft schaffen? Oder sagst du ja zu seiner Bitte. Rufst du gar die Polizei oder wenigstens den Schulsozialarbeiter zu Hilfe?

Ich denke, wenn Piero sich bei uns ausheult, dann ist jedem klar, was er zu tun hat. Natürlich machen wir ihm die Türe auf. Natürlich lassen wir ihn hinein. Natürlich schicken wir ihn nicht mit warmen und tröstenden Worten wieder heim. Natürlich sagen wir nicht: „Das ist doch nicht mein Problem!“

Wenn Piero aber kein Knabe ist? Wenn Piero ein ganzes Volk wäre? Wenn er nicht bloss ein paar Häuser weiter lebt, sondern ein ganzes Meer zwischen ihm und uns liegt? Wenn es nicht um einen gewalttätigen Alkoholiker als Vater und eine überforderte Mutter geht?

Die Situation des Volkes der Syrer ist nicht unähnlich der Situation des fiktiven Piero. Der Vater ein diktatorisch herrschender Präsident, der sein Volk seit vielen Jahren ausbeutet und seine Macht erhält, indem er Ungleichheiten unter den einzelnen Gruppen seinem Volk betont und den gegenseitigen Neid aus nutzt. Die Mutter eine Fanatikerin, die ein eigener Staat sein will. Dabei beruft sie sich auf eine Lesart des Korans, die selbst in konservativen Kreisen seiner Ausleger als unmuslimisch gilt. Folter und Mord sind in ihm an der Tagesordnung. Die Exponenten dieses selbsternannten Staates übertreffen sich an Grausamkeit. Das Volk, die Söhne und Töchter solcher Eltern, fliehen und klopfen an unsere Tür.

Doch anders als bei Piero soll in diesem Fall alles ganz anders sein. Was beim kleinen Jungen noch undenkbar wäre, nämlich die Türe nicht auf zu machen, über das wird diskutiert. Asylmoratorium heisst das dann. Moratorien sind schliesslich eine gute Sache, wie es das Atomkraft- und das Gentechmoratorium zeigen. Erst einmal abwarten und dann sehen wir weiter.

Wären diejenigen unsere Politiker auf dem Rütli gestanden, die heute ein solches Asylmoratorium fordern – sie hätten wohl 1291 ein Bundes- und Schwurmoratorium beschlossen und erst einmal abgewartet, wie sich die Sache mit den Habsburgern entwickelt.

Der Mut den die Urschweizer in politischen Belangen damals bewiesen haben, scheint uns heute abhandengekommen zu sein. Doch war es gerade dieser Mut, der noch im 16. Jahrhundert die Grenze für die Hugenotten – verfolgte Protestanten aus Frankreich – offen hielt. Man schickte sie nicht zurück. Man hiess sie als Brüder und Schwestern willkommen, obwohl einem ihre Lesart der Bibel weder reformiert noch katholisch erschien. Man sah in ihnen Anhänger einer fremden Religion, genauso, wie es heute Musliminnen und Muslimen unter den Flüchtenden sind.

Der Mut und das offene Herz wurden belohnt. Die Menschen, die vor dem französischen Staat fliehen mussten, waren dankbar, aber auch fleissig. Sie haben im damals entlegensten Winkel von unserer Heimat eine ganze Industrie aufgebaut. Eine Industrie, wo viele von uns auch heute noch stolz drauf sind.

Ja, es ist darum nicht falsch, wenn wir Schweizerinnen und Schweizer stolz auf unsere humanitäre Tradition sind. Doch die Ersten, die flüchtenden Schutz bieten, sind wir nicht. Bereits im alten Israel wurde durch den Propheten Obadja dazu aufgerufen.

Als im 6. Jahrhundert vor Christus Israel durch die Babylonier zerschlagen wurde, profitierte Edom, das Nachbarvolk davon, in dem sie ehemals hebräische Gebiete übernahmen. Die Feindschaft zwischen dem Resten Judäas und Edom war deshalb gross. Der Prophet kündet Edom Strafe für sein Vergehen an. Doch zugleich ordnet er den Schutz der fliehenden Feinde an.

Eine Mitmenschlichkeit, wie sie auch in den Worten Jesu zum Ausdruck kommt, die wir in der Lesung gehört haben. Jesus fordert mehr als Menschlichkeit, die eine Leistung von uns wäre. Er erinnert uns daran, dass wir alle vor Gott Sünder sind. Ja, man könnte sagen: Wir alle sind Flüchtlinge. Wie Piero vor dem gewalttätigen Vater und die Syrer vor Krieg und Gewalt, so sind auch wir auf der Flucht vor den Folgen unserer Sünde. Wir wollen unsere eigene Schuldhaftigkeit hinter uns lassen. Wir flüchten aus unserer angestammten Heimat der Sünde, die seit Anbeginn der Zeit zu unserer menschlichen Existenz gehört. Wir fliehen aus der Welt. Wir suchen Schutz bei Gott.

Wie ein kleines Kind klopfen wir an die Tür des Himmels. Dort, bei Gott, hoffen wir von der Bande der Sünde gelöst zu werden. Dort, beim Höchsten hoffen wir auf eine neue Zukunft, die wir nur als Geschenk erlangen können. Bei Jesus Christus finden wir Schutz. Deine Hoffnung wird nicht enttäuscht, wenn du auf ihn vertraust.

Bei Gott musst du keinen Asylantrag stellen. Wer zu ihm kommt, findet eine offene Tür und einladende Arme. Bei ihm darfst du erleben, wie gut es tut willkommen zu sein. Einfach so und ganz ohne eigene Leistung.

Gott heisst uns willkommen, obwohl wir als Sünderinnen und Sünder im Grunde genommen seine Feinde sind. Er lebt die Feindesliebe und fordert sie nicht bloss.

Denn Christus achtet nicht auf unsere Feindschaft. Er überwindet sie. An Stelle unserer Sünde, setzt er seine Gerechtigkeit. Er gewährt uns nicht bloss Asyl. Wir sind nicht einfach geduldet in seinem Reich. Nein. Er heiligt uns. Macht uns zu Erbinnen und Erben all dessen, das allein ihm gehört. Er verleiht uns das himmlische Bürgerrecht ohne, dass wir den Schweizerpass abgeben müssen.

Wenn uns Gott mit so grosser Liebe begegnet, was bedeutet dies für unseren Umgang mit all den Menschen, die bei uns Schutz suchen?

Es ist nicht reine Mitmenschlichkeit, die sie uns aufnehmen lässt. Es ist kein Verdienst, wenn wir uns der Verantwortung stellen. Wenn wir uns für Flüchtlinge bei uns einsetzen, dann erkennen wir, dass auch wir Flüchtlinge sind. Dass auch wir als Flüchtende den Schutz Gottes nötig haben. Einen Schutz, den er uns gewährt hat und den wir weiter geben dürfen. Einen Schutz aber auch, den wir einem Kind, wie Piero, nie verweigern würden.
Amen

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