Das Licht der Welt

Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern das Licht des Lebens haben.“
Joh 8,12

Liebe Gemeinde

Der Psalm 27, den wir in der Lesung hörten, legt uns eine Frage vor. Niemand und Nichts sollen wir darauf antworten, denn der Herr ist uns Licht und Rettung, bei ihm sollen wir Zuflucht finden. Wir sollen uns nicht fürchten und uns nicht ängstigen.

Niemand und Nichts? Das ist so gar nicht die Antwort, dir mir zu dieser Frage einfällt. Manches geht mir durch den Kopf, vor dem man sich heute fürchtet. Wir Schweizerinnen und Schweizer machen uns manche Sorgen, wenn man den Tageszeitungen vertraut. Das Spiel mit der Angst soll gar die letzten Wahlen und Abstimmungen beeinflusst haben.

Wir fürchten uns. Die einen mehr, die anderen weniger. Wir haben Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder dem Beitritt zur EU. Wir erschrecken wegen des Zustroms von Flüchtenden, auch wenn die Bilder unserer Grenzbahnhöfe jeweils mehr Journalisten und Fotografen erkennen lassen, als Emigranten aus Afrika und Afghanistan. Fremde bringen Gewalt! Behaupten die einen und schon lesen die anderen darüber, wie sie selbst Opfer werden könnten.

Nicht jede Sorge und jede Angst ist gleichberechtigt. Es gibt wahrscheinlichere Ereignisse und es gibt Gefahren, bei welchen die Fantasie mit uns durch geht.

Anderes als die Sorgen Opfer von Mord und Totschlag zu werden, gäbe mehr Grund zum Schrecken, als es die Terroranschläge des vergangenen Wochenendes erahnen lassen. So tragisch und verstörend der Terror ist und so sehr wir die Opfer und ihre Angehörigen auch nicht vergessen dürfen. So sehr sollten wir uns aber auch gewahr sein, dass die Gefahr des internationalen Terrorismus die ganze Welt und nicht nur uns betreffen. Ein entschlossenes Handeln ist gefragt. Kein kopfloser Aktivismus. Aber eben auch keine Kopf-In-Den-Sand-Steck-Mentalität. Massnahmen müssen getroffen werden, auch wenn sie unpopulär sind.

Gemessen an dieser Bedrohung ist die Schieflage in unserer Altersvorsorge fast schon einfach zu lösen. Doch bisher sind Rettung und Sanierungsversuche bereits in der Diskussion gescheitert. Sie wurden verwässert und abgemildert bis sie kaum noch Kraft zur Veränderung hatten. Bei den wenigen Vorlagen, die es mit Potential bis vor das Volk schafften, scheiterten die meisten an der Urne. Das Stimmvolk wählte bei seinem Entscheiden nicht das allgemein Beste, sondern, was für die meisten das Beste war. Ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Nicht die Gesellschaft als Ganzes entschied, sondern der Einzelne wählte das für ihn Beste.

Ängste und Sorgen sind etwas sehr persönliches. Es geht um Gefühle und Emotionen. Dabei spielen Fakten und die Wirklichkeit oft eine kleine Rolle. Furcht und Schrecken führen den Menschen in die Einsamkeit. Sie treffen ihn persönlich. Sie betreffen nur ihn, sogar dann, wenn sich eine Gruppe fürchtet.

Immer wieder wird dies in Katastrophen und gewalttätigen Auseinandersetzungen deutlich. Wenn der Mensch durch die eigene Angst gesteuert wird, wenn er sein Leben retten will, dann hört er auf, das Ganze im Blick zu haben. Eine Massenpanik führt gerade deshalb oft zu Tragödien. Nicht, weil die Masse gefährlich wäre, sondern weil der einzelne in der Masse sich nicht mehr als Teil eines Ganzen sieht, kommt es zu schlimmen Folgen. Das ist das Traurige dabei: Weil der einzelne Mensch überleben will, müssen Menschen sterben. Ereignisse, wie jüngst in Mekka, aber auch bei der Loveparade in Duisburg vor fünf Jahren oder im Fussballstadion in Hillsborough vor mehr als 25 Jahren zeigen dies auf schreckliche Weise. Menschen verlieren ihr Leben, weil Menschen überleben wollen. Würde sich jeder als Teil der Masse sehen und als Ganzes ein Wille entwickeln, mancher wäre der Masse nicht zum Opfer gefallen. Es hätte keine oder doch weniger Verletzte und Tote gegeben, wenn das allgemein Beste im Zentrum des Handelns jedes einzelnen gestanden hätte.

Vielleicht ist der Mensch gar nicht in der Lage zu solchem Denken. Wir alle sind Egoisten. Altruistisches Denken ist bloss ein feiner Firnis der Kultur über unserer Natur. Die Unfähigkeit bei Entscheidungen das Wohl des anderen dem eigenen Wohl gleichzustellen ist die moderne Form dessen, was die Bibel Sünde nennt. Weil ich leben will und weil ich mein Leben, als erstes erhalten will, bin ich Sünder. Die Angst vor dem Tod, die letztlich jeder Furcht zu Grunde liegt, macht mich zum Sünder. Sie führt mich ins Dunkel und in die Finsternis der Einsamkeit.

Wo Furcht herrscht, ist kein Kontakt, ist keine Gemeinschaft mehr möglich. Es wird dunkel. Todesdunkel.

Der Tod ist der Abbruch jeglicher Beziehung. Mit ihm endet, was uns auf der Welt verbindet. Wo die Einsamkeit der Angst noch Hoffnung auf ihre Überwindung zuliess, da fehlt diese Zuversicht. Der Tod ist die endgültige, die letzte und tiefst mögliche Einsamkeit. Der Tod ist Finsternis und er macht auch das Herz der Trauernden ein Stück dunkler.

Viele von uns haben im vergangenen Jahr das Dunkle in ihren Herzen gefühlt. Von manchem Mensch haben wir Abschied nehmen müssen. Für viele von ihnen haben wir heute Morgen eine Kerze mit ihrem Namen angezündet.

Diese Kerze ist ein Symbol. Sie ist ein Bild der Hoffnung. Denn mitten in die Finsternis der Furcht und des Schreckens leuchtet eine göttliche Zusage auf. Jesus selber verspricht uns: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12)

Wie die Finsternis und das Licht, so bilden für manchen auch das Versprechen Gottes und unsere Wahrnehmung des Todes einen harten Gegensatz. Gerade in der Trauer, gerade im Verlust, gerade in der Einsamkeit darf es schwer fallen, auf das Wort Christi zu vertrauen. Es ist natürlich. Die Trauer darf unser Leben verlangsamen.

Doch wenn die Finsternis als finster, die Trauer als traurig und die Einsamkeit als einsam erkannt wird, da hat die Heilung schon begonnen. Denn erst im Licht, erkennen wir das Dunkel. Erst im Trost spüren wir die Trauer. Erst in der Gemeinschaft erkennen wir was in der Einsamkeit fehlte. Erkennen können wir Menschen immer nur im Gegensatz. Im Grenzbereich des Übergangs vom einen zum anderen wird deutlich wie etwas ist. Das Licht Gottes leuchtet. Wir dürfen darauf vertrauen, gerade weil wir unseren Zweifel erkennen.

Das Licht, das Gott uns schenkte, leuchtet aber nicht erst in der Finsternis des Sterbens und des Todes. Es leuchtet ein ganzes Leben lang. Es ist das Licht des ersten Schöpfungstages, das über der ganzen Welt erstrahlte. Das Licht, das wir Menschen oft erst in den Übergängen erkennen.

Es ist fast wie mit dem Meer und den Wellen. Jede Welle entsteht weit, weit draussen im Meer. Hunderte, manchmal tausende von Kilometern ist sie unterwegs, bevor sie überhaupt sichtbar wird. Erst im Übergang vom Meer zum Land, erst am Strand wird sie sichtbar. Erst da wird ihre Kraft spürbar.

Im Trost in der Trauer nach dem Abschied und dem Schmerz, steigen Wellen von göttlichem Licht an die Oberfläche unseres Lebens. Hier wird sichtbar, dass wir nie alleine sind. Unser Leben ist getragen durch die Welle der göttlichen Liebe, die uns gilt. Oft bleibt sie unter dem Meeresspiegel unseres Alltags verborgen. Aber wann immer uns Trauer und Einsamkeit in die Tiefe ziehen, wenn wir von einem geliebten Menschen Abschied nehmen müssen, da trägt diese Welle uns. Sie lässt uns nicht in der Trauer versinken. Sie trägt uns weiter. Sie spült uns aus der Finsternis zurück ans Licht.

„Vor wem sollte ich mich fürchten?“ Und „vor wem sollte ich erschrecken?“ fragt uns der Psalm. Vieles gibt es, das uns Angst machen kann. Kleines und Grosses, Schwaches und Mächtiges. Am grössten unter allem, vor dem uns bangt, ist wohl die Gewissheit des eigenen Todes. Dem Sterben, dem eigenen Ende, kann keiner entgehen. Der Tod ist das Ufer des Meers des Lebens. Doch gerade am Strand, im Übergang wird die Welle des göttlichen Lichtes sichtbar.

Auch wenn wir in die Finsternis gehen, so gehen wir doch nicht ohne Licht. Es ist das Licht, das über dem Stall in Betlehem aufstrahlte. Das Licht, das in Jesus Christus in tiefster Einsamkeit und Finsternis am Kreuz für uns starb. Doch das Licht ist stärker als der Tod und alle Traurigkeit. An Ostern strahlte es neu auf. Das Licht ist das Licht des ewigen Lebens. Einer Kraft, die oft verborgen ist, doch im Sterben tragen kann. Es ist das Licht, das alle Tränen trocknet und uns frei macht. Frei von Furcht und Schrecken.

Mit dem Sänger vom Psalm dürfen wir bekennen:
Der HERR ist mein Licht und meine Rettung,
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der HERR ist meines Lebens Zuflucht,
vor wem sollte ich erschrecken? (Ps 27,1)
Amen

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