Entspannte Adventszeit

Die Stunde hat geschlagen. Es ist Zeit, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn jetzt ist unsere Rettung näher als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen.
Röm 13,11

Liebe Gemeinde

Zürich. Bahnhofstrasse. Eines der grossen Warenhäuser. Ich bin für eine Weiterbildung in der Stadt und habe einen langen Mittag. Was liegt da näher als ein wenig Shopping? So betrete ich einen der Konsumtempel.

Drinnen glitzert es in Rot und Gold. Elektrische Kerzen strahlen, obwohl die Beleuchtung im Laden mehr als hell genug ist. Leise ertönen Instrumentalversionen der bekanntesten Weihnachtslieder. Ich merke, wie es in mir beginnt mit zu summen: “Leise rieselt der Schnee”, “Oh Tannenbaum” und “Stille Nacht, Heilige Nacht”. In meinen Augen macht sich ein weihnächtlicher Glanz bemerkbar.

Dem Team, das aufgebaut hat, ist es gelungen Gefühle zu wecken. Die Dekoration ist üppig. Das Grün des Christbäumens aus PVC und Draht ist kaum mehr zu sehen. Die Weihnachtsdekoration im Laden lädt zum Verweilen ein. Vieles gibt es zu sehen. Das Meiste kann gekauft werden. Von der Weihnachtsguetzlidose aus Blech in historischem Designe bis zum Lamettaschmuck für den Christbaum. Von der gläsernen Spitze als krönenden Schmuck für den Abschluss des Stammes bis hin zu einem fertig geschmückten, übermannsgrossen Weihnachtsbaum, so gross, dass ich mich frage, wer eine so hohe Stuben hat. Alles ist bereit. Das Fest kann kommen!

Doch das Fest kommt noch nicht. Draussen vor dem Laden sind die meisten Blätter an den Bäumen noch grün. T-Shirts und Sandalen sind noch nicht durch Pullover und feste Schuhe verdrängt. Die Zürcherinnen und Zürcher zieht es noch zum See. Man sonnt sich – einige Unerschrockene springen noch ins kühle Nass. Der Sommer macht auf dem Kalender erst gerade dem Herbst Platz, denn mein Einkauf fand Ende September statt.

Es ist kein Einzelfall, von dem ich erzählt habe. Weihnachten, so höre ich es auch immer wieder von anderen, beginnt jedes Jahr früher. Kaum sind die Badehosen und Bikinis, Grills und das Campingzubehör aus den Schaufenstern verschwunden, so fällt in einigen Auslagen schon wieder der erste Schnee. Zwar ist er künstlich, aus Styropor und Lichteffekten der Beleuchtung, doch nichts desto trotz verkündet er schon Ende September die Winterzeit und mit ihr auch das Weihnachtsfest.

Heutzutage, so scheint es mir, beginnt die Weihnachtszeit irgendwann zwischen Mitte September und Ende November. Viele können wohl kaum noch ein bestimmtes Datum nennen. Die Festzeiten und ihre Vorbereitung verschwimmen immer mehr mit dem Alltag. Sonntag und Werktag unterscheiden sich in vielem nicht mehr.

Früher, da war das einmal anders. Auch wenn gerade im bäuerlich-ländlichen Umfeld am Sonntag noch viel mehr gearbeitet wurde, als es heute bei vielen Menschen üblich ist. Doch das bäuerliche Schaffen am Sonntag galt zuerst einmal der Versorgung der Tiere. Denn Hühner brauchen auch am Sonntag ihr Futter, Säue wollen auch am Tag des Herrn getränkt werden und Kühe haben auch am Heiligen Tag der Woche ein volles Euter und müssen gemolken werden. Der heutige Sonntag aber, unterscheidet sich nicht mehr wegen Notwendigem immer weniger vom Werktag. Es ist oft reine Bequemlichkeit, die verhindert, dass man rechtzeitig seine Einkäufe erledigt.

Ja, selbst Tag und Nacht, die eigentlich dank dem Stand von Sonne und Mond gut voneinander zu unterscheiden sind, vermischt der moderne Mensch mit seiner Lebensweise immer mehr. Da rund um die Uhr eingekauft werden kann, da man sich rund um die Uhr unterhalten lassen kann, da wird eben auch rund um die Uhr gearbeitet. Kein Wunder, dass es heute immer mehr Menschen gibt, die Mühe haben zu schlafen. Wer nicht richtig schlafen kann, wird am Tag nie richtig wach. Wer nie richtig wach ist, der wird auch nie richtig müde. Da beisst sich der Hund in den eigenen Schwanz.

Nur wer schläft, kann sich wirklich wecken lassen. “Die Stunde hat geschlagen. Es ist Zeit, aus dem Schlaf aufzuwachen!” Doch wie will man aufwachen, wenn man gar nicht einschlief?

Als ich mit fünf oder sechs Jahren von meiner Grossmutter meinen ersten Wecker geschenkt bekam, da habe ich mich unglaublich gefreut. Es war ein richtiger Wecker, wie man sich einen Wecker vorstellt. Ein schwarz emailliertes Gehäuse aus Metall. Ein grosses, weisses Zifferblatt mit roten Zeigern. Oben zwei goldene Glocken aus Messing, dazwischen einen Schlegel. Man musste ihn aufziehen, damit er am anderen Morgen klingelte.

Ich war voll Vorfreude– ich konnte die ganze Nacht vor lauter Aufregung nicht schlafen. Erst am Morgen fand mich der Schlaf. Er packte mich und liess mich nicht mehr los. Ich schlief so tief und fest, dass ich den Wecker gar nicht hörte. Ich verschlief. Ich verpasste das eigentliche. Ich erlebte nicht mit, auf was ich mich die ganze Nacht gefreut habe. Es machte mich traurig.

Wenn Tag und Nacht, Werktag und Sonntag sich nicht mehr unterscheiden lassen. Wenn es nicht mehr klar ist, wann die vorweihnächtliche Zeit beginnt, dann geht vieles verloren. Wenn immer schon Weihnachtszeit ist, da kann Christus nicht geboren werden. Da leuchtet der Stern von Betlehem umsonst und verklingt das Lied der Engel ungehört.

“Denn jetzt ist unsere Rettung näher als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen.”

Im Gedanken, den Paulus der Gemeinde in Rom schrieb, liegt ein grosser Segen und eine Befreiung verborgen. Wir müssen nicht immer bereit sein. Wir müssen nicht immer hell wach sein. Wir dürfen schlafen und träumen.

Paulus unterscheidet in seinem Brief zwei Punkte. Es gibt die Zeit, in der ein Mensch zum Glauben kommt. Es gibt die Zeit, in der der Retter kommt.

Beides ist nicht eins, sondern zwei. Die beiden Punkte spannen einen Raum auf. Der Raum des christlichen Lebens. Paulus nennt diesen Raum „Schlaf“. Christliches Leben hat etwas von einem Traum. Aber nicht, wie das Träumen oft verstanden wird, als etwas Negatives. Nicht Traum, weil es der Realität nicht entspricht und beim Aufwachen platzt wie eine Seifenblase.

Viel mehr meine ich das Träumen, in dem wir unter die Oberfläche der Wirklichkeit sehen. Wir spüren Zusammenhänge und sehen hinter die Kulisse, die wir im wachen nicht wahrnehmen können.

Zum Träumen ist der Schlaf wichtig. Wer aber ständig vorbereitet ist, wer immer Angst hat etwas zu verpassen, wer Tag und Nacht, Sonntag und Werktag arbeitet und sich vergnügt, der ist immer angespannt. Wer angespannt ist, findet keinen Schlaf, er kann nicht Träumen.

„I have a dream!“ heisst es an entscheidender Stelle in einer der bedeutendsten christlichen Reden der Moderne. Eine grosse Rede. Was Martin Luther King zu sagen hatte, das kann nicht im wachen gesehen werden. Es braucht den Schlaf und den Traum des Glaubens. In diesem Traum sah er eine andere Ordnung, als seine Zeit sie kannte. Keine Ordnung nach den Regeln der Menschen. Eine Ordnung, die das Wirken Gottes unter der Oberfläche der Geschichte sichtbar machte. Er träumte und gab seien Traum weiter. Einen Traum, der trotz allem, heute näher ist, als zu jener Zeit, da er geträumt wurde.

Den Traum Gottes dürfen wir träumen. Es ist ein Traum, der die Wirklichkeit verändert. Im Träumen könnte man Angst haben, das Wirklichkeit werden dieses Traums zu verschlafen. Doch Gott stellt seinen Wecker. Er wird uns rufen, wenn es so weit ist.

Wir müssen nicht ständig bereit sein. Wer ständig bereit ist, verschläft am Ende noch, was er nicht verschlafen wollte. Wer ständig vorbereitet ist, der wird am Schluss zu müde sein. Er wird den Weckruf verpassen, so wie ich das Läuten des Weckers verschlief. Wer ständig auf Weihnachten vorbereitet ist, der wird das Wunder der Menschwerdung Gottes verpassen.

So wünsche ich euch allen, eine entspannte Adventszeit. Träumt von Gott. Denn er kommt und weckt uns auf.
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.