Halbschuh oder Wanderschuh?

Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN,
zum Haus des Gottes Jakobs,
damit er uns in seinen Wegen unterweise
und wir auf seinen Pfaden gehen.
Mi 4,2

Liebe Gemeinde

„Was denken Ausländerinnen und Ausländer über uns Schweizer?“ So fragte eine schweizerische Tageszeitung. Befragt wurden Deutsche, Franzosen, Holländer, Italiener, Amerikaner und Engländer, die in der Schweiz wohnen und arbeiten. Ihre Antworten auf die Frage, was sie mit den Schweizerinnen und Schweizer unter ihren Freunden verbinde, waren vielschichtig und sehr differenziert. Sie zeigten, dass das Bild der Schweiz unter den hier lebenden Ausländerinnen und Ausländern aus mehr besteht, als aus den Klischees des Standortmarketings und der Tourismus Werbung.

Einige Antworten liessen aber auch den Schalk und den Humor aufleuchten, der in den Befragten wohnt. So bemerkte eine Engländerin mit trockenem britischen Humor: „In der Schweiz wandern alle. Und selbst diejenigen, welche nicht wandern, haben zumindest ein Paar Wanderschuhe und einen Rucksack im Keller. Bereit jederzeit aufzubrechen, auch wenn der Moment des Aufbruchs nie kommt.“

Ich erkenne mich in dieser Aussage wieder. Es stimmt mit meiner eigenen Wahrnehmung überein. Zumindest ein Paar Wanderschuhe hat wohl wirklich fast jede Schweizerin und jeder Schweizer. Vielleicht sind es gut eingelaufe Schuhe, die im Frühling gekauft wurden. Nach einem Sommer, wie dem Letzten mit prächtigem Wanderwetter, schon mit deutlichen Spuren des Gebrauchs gezeichnet. Oder es ist ein altes Paar Militärschuhe – gar noch vom Grossvater ererbt. Die vielen Kilometer über Wald- und Feldwege und über felsiges Gelände haben das Leder weich und angenehm gemacht, wenn sie das solide Gewicht des Materials auch kaum geschmälert haben.

Vielleicht gehören sie aber auch zu jener Gattung Wanderschuhe, die im Frühling mit viel gutem Mut aus der winterlichen Euphorie und den guten Vorsätzen zum neuen Jahr gekauft wurden. Schuhe, die zwar leicht wie eine Feder und atmungsaktiv wie ein Moos bewachsener Waldboden sind, aber trotzdem noch aussehen wie neu, weil sie nie aus der Umhüllung des Seidenpapiers befreit wurden, in die sie der Verkäufer legte. Weil die Schuhschachtel, in der sie aus dem Laden heimwärts getragen wurden, zwar gehütet, aber nicht geöffnet wird. Der Plan des Ausbruchs aus den eigenen vier Wänden ist ein Plan ohne Aufbruch geblieben.

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind ein Land von Wandersleuten – aktiven und passiven. Die Aufforderung des Propheten Micha, die wir in der Lesung hörten und die ich über diese Predigt setzte, scheint wie für uns geschaffen. Sie trifft uns, gerade weil mancher von uns innere Bilder des Wanderns mit sich trägt. Erinnerungen an Schullager und Wanderungen mit Eltern. Das Glücksgefühl des Aufbruchs in der Frische des Morgens und der wohlbehaltenen Rückkehr im letzten Licht des Tages. Der Stolz den Weg gefunden und den höchsten Gipfel bestiegen zu haben.

„Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN!“ Es klingt wie eine Einladung zum Wandern.

Wer ziehen will; wer den Weg unter die Füsse nehmen will, der muss aufbrechen. Der Rucksack will gepackt und die Wanderschuhe geschnürt sein. Unser Aufbruch erfolgt nicht plötzlich. Schliesslich sind wir auch ein Volk der gut überlegten Pläne. Schon am Vortag der Reise werden die Wanderkarten aufgeschlagen und die Fahrpläne von Bus und Zug studiert. „Was wenn?“ ist die drängende Frage. „Was, wenn ich den Zug verpasse? Was, wenn mich ein Gewitter überrascht? Was, wenn ich unterwegs nicht mehr kann?“ Es wäre Leichtsinn ohne die Fragen und ohne entsprechende Antworten sich auf den Weg zu machen. Doch können diese Fragen auch zum Abbruch des Aufbruchs werden. So viel Unerwartetes, das sich ereignen könnte. So viel Risiko. Zu Hause ist es sicher. Man bleibt stehen, weil man sich vor der Veränderung fürchtet.

Was für das Wandern gilt, gilt erst recht für das Leben.

Stell dir vor du trägst einen Rucksack. Dieser Rucksack ist dein Leben. In ihm trägst du mit, was du brauchst. Was wäre in diesem Rucksack? Wie schwer bepackt wäre er?

In meinen Rucksack kommt zuerst einmal all das hinein, was mein aktuelles Leben ausmacht. Der Laptop, auf dem ich diese Predigt schrieb. Die Bibel, aus der ich die Texte aussuchte und all die Bücher, die mich inspirierten.

Der Rucksack hat schon ordentlich Gewicht. Dazu kommen noch die Kleider aus dem Schrank, von der Unterhose bis zum Anzug. Doch auch zu Essen brauche ich. Der Inhalt des Kühl- und des Vorratsschrankes müssen also auch in den Rucksack. Natürlich dürfen die Kaffeemaschine und der Kaffee nicht fehlen. Ich brauche auch Tassen und Geschirr um ihn zu trinken und um die Mahlzeiten zu essen.

Die Trägerriemen des Rucksacks schneiden schon tief ein. Doch noch fehlen alle Erinnerungsstücke, die mein Leben zu dem machen, was es ist. Die Fotoalben und die vielen kleinen Souvenirs, die Setzkästen und Schubladen füllen. Der Rucksack meines Lebens lässt sich nicht mehr alleine heben, geschweige denn tragen. Plötzlich bin ich froh und dankbar, dass das Pfarrhaus nicht mir gehört und ich es nicht auch noch in diesen Rucksack stopfen muss!

Die Rucksäcke unseres Lebens wiegen oft schwer. Wie schwer, dass lässt sich ein wenig erahnen, wenn ein Umzug ansteht. Da sind am Abend nicht nur die Muskeln erschöpft und mancher spürt am anderen Tag seinen Rücken und merkt, dass er nicht mehr der Jüngste ist.

Der Rucksack unseres Lebens erfüllt seinen Zweck nicht mehr. Er macht uns nicht mobil, sondern bindet uns an den Ort, an dem er uns zu schwer wurde.

Gerade weil es uns gut geht, laden wir immer mehr in diesen Rucksack. Wir haben Angst um ihn und seinen Inhalt. Mancher will ihn absichern. Bestimmt bin ich nicht der einzige, bei dem all die Versicherungspolicen und Unterlagen der Krankenkasse, der Haftpflicht-, der Mobiliar- und Rechtsschutzversicherung einen ganzen Ordner füllen.

Aus dem Verlangen zu bewahren, kann die Angst vor dem Loslassen werden. Wer aufbrechen will, der muss bereit sein vieles zurückzulassen. Manchmal gehören dazu auch die Vertrautheit und die Sicherheit des anvertrauten Glaubens. Aufbrechen heisst loslassen können.

„Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN“ fordert zum Loslassen auf.

Es wird nicht zum Volk Gottes gesagt, in dessen Mitte sich der Zions Berg erhebt. Dieses Volk muss nicht loslassen, den der Berg steckt bereits in ihrem Rucksack.

Der Ruf des Propheten gilt zuerst den fremden Völkern. Fremde Völker mit eigenen Göttern. Mit eigener Religion. Der Ruf zum Aufbruch, ist ein Ruf zum Ausbruch aus alten Denkweisen. Als dieser Ruf ruft er zugleich Israel auf, sich vom Gewicht im Rucksack zu befreien. „Komm, brich auf aus dem Gefängnis des Besitzes und dem eigenen Überzeugen. Mache dich auf. Geh auf den Weg. Hol die Wanderschuhe aus dem Keller und entrümple deinen Rucksack.“

Der Ruf des Propheten verhallte nicht ungehört. In allen Zeiten traf er Menschen ins Herz. Sie machten sich auf den Weg. Oft gingen sie allein. Nicht jeder will mitgehen. Wer aufbricht lässt manchmal auch Freunde und Familie zurück. Das Daheim und das Gewicht des Rucksacks hindern viele, denn wer aufbricht bricht mit der Sicherheit des Bekannten. Er wird vom Einheimischen zum Pilger.

Diesem zum Trotz, machen sich auch heute noch Jahr für Jahr Gläubige und Zweifler auf zur Pilgerreise. Nicht nur auf dem Jakobsweg, aber auch auf ihm suchen Seelen, was sie daheim nicht finden können.

So veraltet und gestrig manchmal auch Kirche und Glaube gilt, so modern ist es doch gerade in unserer Zeit sich einmal auf den Weg zu machen. Einmal auf einem der grossen Pilgerpfade unterwegs zu sein. Vielleicht steht am Anfang einer solchen Pilgerreise zuerst einmal der Leistungsgedanke. „Schaffe ich das? Erreiche ich Santiago und werde ich von meinen Freunden für diese Leistung bewundert?“ mag sich schon der eine oder andere gefragt haben.

Man bricht auf, weil man hofft ein Abenteuer zu erleben oder Absolution zu erfahren, wenn man in der Kathedrale von Santiago am Grab des Apostels Jakobus betet. Die Pilgerreise ist zuerst ein Weg zu einem Ziel. Das Ziel macht sie erst sinnvoll. „Wozu mache ich das? Damit ich ankomme“ ist dabei die gedankliche Grundstruktur. Eine Grundstruktur, die auch sonst im Leben verbreitet ist.

Es gehört zum Wesen des Pilgerns, dass man allein geht. Der Weg braucht seine Zeit. Er gibt Zeit. Zeit um über sich und sein Leben nachzudenken. Zeit neu zu überdenken, was wirklich wichtig ist im eigenen Rucksack und was man getrost hinter sich lassen kann. Zeit um mit sich und mit Gott ins Reine zu kommen.

Doch auf dem Weg geschieht ein kleines Wunder. Der Weg, der zur Gottesbegegnung auf dem Berg Gottes, wie beim Propheten oder zum Grab eines Heiligen, wie beim Pilgern führt, wird selbst zum Ort der Gottesbegegnung. Der Weg führt nicht mehr zum Ziel. Der Weg wird selbst zum Ziel. Zum Ort, an dem sich ereignet, was eigentlich erst das Ziel verspricht. Zum Ort der Gegenwart Gottes.

Wer aufbricht, wird Gott nicht unbedingt dort finden, wo er ihn sucht. Gott kennt keinen festen Ort. Er wohnt nicht im Tempel in Jerusalem, nicht auf dem Berg Horeb und nicht auf dem Zion. Er begegnet dem Menschen nicht nur am Grab eines Heiligen. Er begegnet ihm schon im Aufbruch, auch wenn seine Gegenwart dem Aufbrechenden noch nicht bewusst ist. Wer aufbricht geht allein und ist doch nicht ohne Begleitung. Denn Gott geht mit ihm.

Der Ruf des Propheten: „Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN“ ist ein Ruf, der an einzelne geht. Doch bleiben sie nie allein. Wer aufbricht, der darf erfahren wie die Grenze der Welt durchbrochen wird. Gott selber bahnt sich den Weg zu ihm. Wer allein sich auf den Weg macht, den führt er zu neuer Gemeinschaft. „Kommt und lasst uns hinaufziehen“ ruft Menschen zur Gemeinschaft. Er ruft dich und mich. Nicht länger musst du den Rucksack deines Lebens allein schleppen. Mit anderen und mit Gott in Gemeinschaft gehst du weiter.

Wir Schweizer sind ein Volk von Wanderern. Ich meine es wird Zeit, dass wir unsere geistigen Wanderschuhe aus dem Keller holen und den Rucksack entrümpeln. Hört das Wort des Propheten und brecht auf:
„Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN,
zum Haus des Gottes Jakobs,
damit er uns in seinen Wegen unterweise
und wir auf seinen Pfaden gehen.“
Amen

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