Staunen

Ist Gott nicht erhaben wie der Himmel?
Und sieh, wie hoch die höchsten Sterne stehen!
Hiob 22,12

Liebe Gemeinde

Es war eine sternenklare Nacht, damals im Konfirmandenlager in Habkern. Wir Konfirmandinnen und Konfirmanden lagen in der Wiese und schauten staunend in den Himmel. Eigentlich hätten wir schon längst in unseren Schlafsäcken in den Schlägen sein sollen. Eigentlich sollten wir schlafen und neue Kräfte für den nächsten Tag sammeln. Doch die klare Nacht hielt uns wach. Miteinander schlichen wir uns aus dem Haus. Etwas abseits legten wir uns ins Gras. Leise sprachen wir miteinander und schauten dabei in die scheinbar unendlichen Weiten des Weltalls. Staunen ergriff uns.

Es sind besondere Nächte, in denen man tausende und abertausende von Sterne sehen kann. Jene Nacht war eine von ihnen. Die Milchstrasse zog sich als helles Band über den ganze Himmel. Wo man sonst bloss die hellsten Sterne des grossen Wagens oder des Orions erkennen kann, füllten sich in jener Nacht die Felder zwischen ihnen mit winzigen leuchtenden Punkten und gaben dem sonst leeren Raum eine ungeahnte Fülle.

So eine tief dunkle Nacht, wie wir sie damals erlebten, ist bei uns selten geworden. Viel zu hell strahlt das Licht der Städte und Dörfer. Die Strassenbeleuchtung und die Scheinwerfer der Autos lassen die Nacht nicht Nacht sein. Das Dunkel wird, wenn nicht vertrieben, so doch um seine Finsternis beraubt. Selbst hier bei uns, sind die Nächte längst nicht mehr Finster und die Luft nicht mehr klar genug, als dass man alle Sterne sehen könnte, die wir Konfirmandinnen und Konfirmanden damals in jener Nacht sahen.

Nur an wenigen Orten der Schweiz, wie damals in jenem Bergbauerndorf im Berner Oberland, sind die Errungenschaften der modernen Zeit, noch fern genug, so dass man den Himmel in seiner vollen Pracht sehen kann. Nur fern ab der Zivilisation ist der ungetrübte Blick noch möglich. Ein Blick der durch Kultur und Erkenntnis getrübt, die wahre Schönheit der Natur nicht mehr erkennen kann. Die Schöpfung ist durch das Geschöpf ihrer Unversehrtheit beraubt.

Nur wo der Mensch noch nicht herrscht, kann er einen flüchtigen Blick auf die ursprüngliche Anmut und Ordnung der Schöpfung werfen. Die Berge, das hochalpine Gebiet, das ewige Eis der Polregionen oder die Einsamkeit der Wüste sind heute letzte Orte, an denen dieser Blick möglich ist.

Es ist in seinem Wesen derselbe Blick, den Abraham sah, als Gott ihn vor sein Zelt führte. „Schaue und zähle, wenn du zählen kannst! So gross. So zahlreich ist, was ich dir schenken werde. Mensch, es übersteigt deine Vorstellungskraft. Du kannst es nicht zählen. Du kannst es nicht bemessen. Und doch will ich es dir schenken!“ sagt der Herr zu ihm. Abraham, so stelle ich es mir vor, fühlt sich in jenem Augenblick klein und unbedeutend. Er spürt: Grosses soll mir widerfahren.

Vermutlich geht es den meisten von uns ganz ähnlich wie Abraham, wenn wir in einer sternenklaren Nacht hinauf schauen. Man fühlt sich klein. Eine Ameise auf einem Tennisball in einem Ozean schierer Leere. Dieser Ozean ist das Weltall. Ein Raum, dessen Distanzen so gross sind, dass sie nicht in Metern und Kilometern, sondern in Lichtjahren gemessen werden. Wir können uns diese Entfernungen kaum mehr vorstellen, so weit sind sie.

Nehmen wir als Beispiel Alpha Zentauri, der Stern, der unserer Sonne am nächsten ist. Sein Licht ist fast 4,5 Jahre unterwegs ehe es bei uns eintrifft! Das heisst das Licht, welches wir heute Nacht sehen, entstand als ich noch in Meilen war. Zu einer Zeit, als ihr mich noch kaum kanntet. Dieses Licht war so lange unterwegs, dass wir miteinander und als Gemeinde schon so vieles erlebten. Frohes und Trauriges. Abschied und neues Leben, das wir begrüssen durften.

4,5 Jahre – der nächste Nachbarstern unserer Sonne! 1600 Nächte war sein Licht unterwegs. Lang und doch kurz, wenn man es mit dem Licht der fernsten Galaxie vergleicht, deren Licht wir auf der Erde messen können. Einer Galaxie, die so weit weg ist und deren Licht darum so schwach ist, dass wir es auch in der finstersten Wüste und im dunkelsten Bergtal längst nicht mit blossem Auge sehen können. Nur dank unseren künstlichen Augen in Form von Teles- und Radioskopen wissen wir von ihm und der Galaxie, die es ausstrahlte. Wir nennen sie EGS-zs8-1 – ein unförmiger Name, den sie mit Gewissheit nie hören wird.

EGS-zs8-1 ist weit weg. Buchstäblich am anderen Ende des Himmels. 13 Milliarden Jahre brauchte ihr Licht bis es bei uns gemessen wurde. Mehr als dreimal so lange, wie es unsere Erde überhaupt schon gibt. Es durchquerte einmal das ganze Universum. Vielleicht ist es das älteste Licht, das es in der Schöpfung gibt. Es ist so etwas wie das Licht des ersten Schöpfungstages. Einem Licht, das Gott selbst ins Strahlen rief.

Der Blick in den Himmel und die Gedanken über das älteste Licht lassen mich staunen. So unvorstellbar weit, so unglaublich alt. Viel grösser ist das Weltall, als man es auch nur erahnen kann, wenn man in den nächtlichen Himmel sieht. So viel mehr Sterne strahlen darin, als man selbst in einer klaren Nacht erkennen kann. Ich staune, denn umso grösser und älter ist Gott.

Ich kann nicht verstehen, warum es heisst, dass je mehr der Mensch erkennt, desto weniger Platz gäbe es für Gott. Die Erkenntnis der Zusammenhänge im Grossen und im Kleinen machen Gott nicht unglaublicher, weil es keinen Raum mehr für sein Wirken gäbe. Das Verstehen, wie alt und wie gross unser Universum ist, löst bei mir etwas ganz anderes aus. Es gibt nicht immer weniger Platz für Gott, sondern je weiter unsere Erkenntnis geht, desto grösser wird der Raum, den Gott einnimmt. Denn Gott ist nicht Teil der Welt, sondern er steht ihr gegenüber. Er umfasst sie. Wird die Welt grösser, so muss Gott noch viel grösser sein. Unglaublich viel grösser – unglaublich – ich staune. Unglaublich – Hühnerhaut erfasst mich.

Gut möglich, dass es das gleiche Staunen war, welches vor bald 500 Jahren Männer und Frauen wie Martin Luther und Katharina von Bora, oder Anna Reinhard und Ulrich Zwingli ergriff. Zusammen mit vielen anderen begannen sie sich gegen die herrschende Meinung in der Kirche zu stellen. Sie staunten über Gott und begannen die Bibel mit ernst zu lesen. Sie kehrten zu den Wurzeln zurück und liessen sich auf die unglaubliche Liebe Gottes ein. Einem Gott, der ihnen fremd geworden war, weil seine Liebe in guter Absicht und mit viel menschlichem Forschungsgeist in eineinhalb Jahrtausenden Theologietreiben verstellt wurde.

Aus kleinen Anfängen wuchs die Kirche. Sie war gross geworden. Was in Galiläa begann umspannte bald die ganze bekannte Welt. Das Wort Gottes schuf sie, weil es in Jesus Christus Mensch geworden war. Es sammelte Menschen. Erst nur die Jüngerinnen und Jünger, doch nach Pfingsten die ganze Welt. Der Nachhall des Mannes aus Galiläa klang durch die ganze Welt. Wie aus Abraham ein ganzes Volk wurde, so wuchs aus der Predigt Jesu seine Kirche. Aus dem einzelnen Stern wurde ein ganzer Sternenhimmel. Das Volk der Kirche war zahlreich, wie der Sand am Meer.

Doch dann nahmen sich einzelne Sandkörner für wichtiger als andere. Sie dachten über das Wesen des Sandes und über die Eigenart der Sterne nach. Gedankenhäuser über Gott entstanden und wurden zu Palästen und Burgen ausgebaut. Bald wuchsen sie zu prächtigen Städten, erschaffen alleine durch die Kraft des menschlichen Verstandes. Die Kirche entfaltete ihre Lehre. Ihre Dogmen nahmen zu an Zahl. Die geistigen Gebäude in den Köpfen der Theologen und Päpste suchten Ausdruck in Marmor und Gold. Die grossartigen Kirchen und Kathedralen des Mittelalters sind Stein gewordene Theologie.

Das ist schön und gut – doch verstellte ihre Pracht bald den Blick auf das Eigentliche. Die Liebe Gottes, die in Jesus Christus ausgegossen war und das Fundament der Kirche war, wurde begraben. Das tragende Fundament wurde von den Gedankengebäuden, die es trug, begraben. Schon drohte das Fundament in Vergessenheit zu geraten. Denn die Fassaden und der Schmuck waren prächtiger, als das tragende Fundament im Boden.

Die Herrlichkeit des mittelalterlichen Roms wollte den reinen Glanz des Himmels überstrahlen.

Es brauchte Menschen, die auf das Neue in den Himmel blickten. Frauen und Männer, die zu Staunen begannen über die einfache Schönheit der Liebe Gottes. Wie Abraham traten sie aus ihren geistigen Behausungen. Sie folgten dem Ruf Gottes und verliessen die vermeintliche Sicherheit der Theorien und Dogmen. Sie traten unter den freien Himmel und liessen alles hinter sich, das ihnen Sicherheit gab. Sie begannen neu. Sie fingen beim Staunen über Gott an und vertrauten auf seine Liebe.

Wenn wir heute den Reformationssonntag begehen, so hoffe ich, dass wir dies nicht, als solche tun, die sich gemütlich eingerichtet haben in der Sicherheit ihres reformierten Glaubens, sondern als solche, die neu das Staunen entdecken. Ich wünsche uns, dass wir uns als einzelne auf den Weg machen und die Gewissheit des Altbekannten hinter uns lassen. Vielleicht gelingt es uns Abraham gleich zu werden. Er verliess sich ganz auf Gott und liess sich auf ihn ein. Er vertraute ganz auf Gott, auch als dessen Verheissung seinen menschlichen Verstand überstieg.

Abraham gleich werden, das heisst aufs Neue das Staunen zu lernen. Wer staunt wird zum Kind. Wer staunt lernt zu vertrauen. Wer staunt sieht im Himmel mehr als tausend Sterne. Er erkennt den Himmel in seiner unglaublichen Grösse und seinem unglaublichen Alter. Wer staunt erfährt, dass Gott diesen Himmel überspannt und in seiner Hand birgt. Er erfährt Gott in seiner Herrlichkeit, auch wenn er sie nicht fassen kann. Dieses Staunen wird ihm Gott als Gerechtigkeit anrechnen.
Amen

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