Immanu-El – Gott ist bei uns

Deshalb wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Seht, die junge Frau ist schwanger, und sie gebiert einen Sohn. Und sie wird ihm den Namen Immanu-El, Gott ist bei uns, geben.
Jes 7,14

Liebe Gemeinde

Es lag fast schon ein Hauch von Heiligkeit in der Luft, damals in einem der grossen Altersheime in der Stadt. Weihnächtliche Stimmung hüllte uns ein und wärmte unsere Herzen, wie ein heimeliger Mantel, den man schon so oft trug.

Wir waren als Schülerchor zu Gast bei den Bewohnerinnen und Bewohnern. Seit Mitte Oktober übten wir in den Randstunden des Stundenplans Advents- und Weihnachtslieder. Das Singen machte uns Freude. Wir waren engagiert dabei und das nicht nur, weil wegen dem Singprojekt, auch die eine oder andere Deutsch- oder Mathestunde ausfiel.

Doch was wäre ein Chor ohne Auftritt? Und so arrangierte unser Dirigent für unseren Chor verschiedene Auftritte. Unter anderem auch in einem der grossen Alters- und Pflegeheime in Winterthur.

Der Auftritt dort war eine schöne Sache. Die Bewohnerinnen und die Bewohner strahlten vor Freude. An manchem Tisch im Saal sassen auch Gäste von ausserhalb, denn die Leitung des Heimes lud alle Angehörigen mit einem Brief ein. So versammelten sich an manchem Tisch drei Generationen der gleichen Familie. Grossvater, Tochter und Enkelkind. Zur Auflockerung trug eine Frau aus der Pflege zwischen unseren Liedblöcken ein Gedicht vor oder las eine Weihnachtsgeschichte. Ich schaute mir dabei die vielen glücklichen Gesichter der Seniorinnen und Senioren an.

An einem Tisch und bei einem Gesicht blieb ich hängen.

Tiefe Furchen, die ein hartes Leben eingegraben hatte, durchzogen das Gesicht. Die Augen funkelten nicht fröhlich. Sie schienen sich in ihre Höhlen zurückgezogen zu haben. Abwesend blickten sie auf die Christbaum Kerze, die in einer Mandarine steckte und als Schmuck auf dem Tisch stand. Sie sahen weder den grünen Tannenzweig, noch den Schein der Flamme. Sie glotzten leer wie durch ein Fenster in eine längst vergangene Zeit. Die Vergangenheit tat sich vor ihnen auf. Eine Welt, in der es nie Weihnachten werden durfte.

Der Mann, dem das trübe Augenpaar gehörte, sass alleine am Tisch. Keine Tochter, kein Sohn, der mit ihm geredet hätte. Kein Enkelkind das ihn zum Lachen brachte.

„Er muss es sehr, sehr schwer gehabt haben in seinem Leben“, ging es mir durch den Kopf. Wer weiss unter welchen Umständen er aufwuchs? Vielleicht waren sie arm. wohnten in einem halbverlotterten Tagelöhner Haus. Sein Vater mag die Armut und die Not nur schlecht ertragen haben. Seine Sorgen versuchte dieser mit Bier und Schnaps zu behandeln. Doch sie liessen sich nicht kurieren. Vielmehr war er jeweils ein anderer, wenn er mal wieder einen über den Durst getrunken hat. Wenn er mal wieder zu viel „güügelet“ hat, wie man in der Mundart sagt.

„Güügelä“ ein harmloser, fröhlicher Ausdruck für die schwere Suchterkrankung vom Trinken, unter der sein Vater litt. Auch für die Familie hatte das Folgen. Manchen Zornausbruch mussten sie erdulden. Vieles bekam er ab, doch seine Mutter musste noch viel mehr einstecken.

„Dass niemand eingegriffen hat?“ mag er sich gefragt haben. Erst als der Vater die Mutter halb Tod geschlagen hatte, griff die Gemeinde ein. Er kam als Verdingbub zu einem reichen Bauer ganz in der Nähe.

Doch erging es ihm da besser? Nein, schlechter als jeder Knecht wurde er behandelt. „Schaff fliessig, dann werded miir für dii luege!“ hat es geheissen. Doch wie er sich auch anstrengte, für das Prädikat „fleissig“ schien es nie zu reichen. Jedenfalls schaute keiner für ihn.

War es da ein Wunder, dass auch er als Erwachsener hart wurde? Ist es da nicht verständlich, dass auch er seine Frau zur Sparsamkeit und seine Tochter zum Fleiss anhielt?

Vielleicht hätte er das eine oder andere Mal weniger ausrufen sollen. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn er auch einmal Gnade vor Recht hätte ergehen lassen? Was wäre möglich gewesen, wenn er eine drei auch einmal gerade sein liess und sich über eine Sechs im Schulzeugnis der Tochter auch einmal gefreut hätte? Hätte er es nicht besser machen können, als man es mit ihm getan hatte? Hätte nicht gerade er wissen müssen, wie man es nicht machen darf?

„Immanu-El – Gott ist bei uns“, lass die Pflegefachfrau in diesem Moment zum Ende der Geschichte, die zur Weihnachtsfeier vorgetragen wurde. Die Worte rissen mich aus den Gedanken, die ich mir über diesen einsamen Mann machte. Wir Sängerinnen und Sänger mussten die nächsten Weihnachtslieder singen. Doch ganz kam ich von seiner Einsamkeit nicht los.

Immanu-El – Gott ist bei uns. Es ist das Versprechen von Weihnachten. Ein Versprechen, das mir damals, im Anblick dieses Mannes, wie gebrochen schien. Kann es wirklich gelten, dass in Jesus Gott bei uns ist?

Für diesen Menschen am Ende seines Lebens, der wohl grössere Einsamkeit erlebt hatte, als ich sie mir damals und auch heute vorstellen kann, muss das Immanu-El, das Gott mit uns am Ende jener Geschichte, wie ein Hohn geklungen haben. Ein Messerstich in einer Feier, die ihm seine Einsamkeit wie ein Spiegel vorhielt.

Schwer ist es darauf zu vertrauen, dass Gott bei uns ist, wenn das Leben eine ganz andere Lektion lehrte. Wenn ein Kind sein Leben durch einen Unfall verliert oder an einer Krankheit stirbt, wo ist dann Gott? Wo ist der Gott, der Himmel und Erde schuf und der alles in seiner Hand haben soll?

Im Unglück; in der Not will es nicht recht gelingen, ganz auf ihn zu vertrauen. Da zweifelt die Seele, da darf sie zweifeln und fragen: Kann all dies Gottes Wille sein? Ist Gott bei mir, wenn mir solch schweres widerfährt?

Der Tod, gerade der gewaltsame Tod zur Unzeit, beendet oft nicht nur ein Leben. Er nimmt auch vieles von jenen, die mithofften, mitbeteten, mitlitten und mittrauern. Es stirbt auch ein grosses Stück in den Herzen der Eltern, Grosseltern, Geschwistern und Freunden. Es stirbt ein Stück Hoffnung, Zukunft und Vertrauen.

Auch König Achas, dem das Versprechen Immanu-El, Gott ist bei dir, als erstem galt, hatte Mühe auf Gott zu vertrauen. Es gelang ihm nicht.

Er stand vor dem Abgrund. Ein übermächtiges Heer zog vor seinem Königreich Juda auf. Es gab keine Rettung nach menschlichem Ermessen. Der König verfiel in Trauer. Der Tod hatte sich ihm zugewandt. Er konnte nicht auf Gott vertrauen. Er konnte nicht glauben, dass Gott auch mit ihm ist. Er kann es nicht – und hinge auch sein Leben davon ab. Er konnte nicht vertrauen.

Doch Gott griff ein. Trotz dem Unglauben des Königs. Trotz all seiner Zweifel und all seinem Nein. Gott war mit ihm, ob er es wahr haben wollte oder nicht. Es gilt! Immanu-El! Gott ist mit uns!

Vielleicht kann uns Menschen dieses göttliche „Trotzdem“ wachsen. Gott rettet nicht, weil Menschen schon lange auf ihn vertrauen. Er rettet nicht, weil das Vertrauen fest genug wäre. Gott rettet, weil er es will.

Er ist mit Achas trotz seinem Zweifel. Er ist mit dem einsamen Senior über seiner Kerze, trotz all dem, dass dieser sich in seinem Leben an Schuld aufgeladen hatte. Trotzdem!

Der Sünder bleibt nicht allein. Gott sendet seinen Engel nicht nur zu den Hirten auf das Feld und zu den Sterndeutern auf ihren Kamelen. Er lässt seine Botschaft nicht nur der vertrauenden Maria und dem träumenden Josef ausrichten. Denn Engel sind nicht nur für die Frommen und die Propheten da. Auch diesem einsamen Mann war ein Engel an die Seite gestellt – selbst dort, wo ihn der Alte nicht erkennen konnte, weil er blind war vor Einsamkeit.

Gott ist bei uns – Immanu-El –nicht nur eine Heraus- und manchmal eine Überforderung für unser Vertrauen. Es ist auch ein Trost. Wenn Gott bei dir ist, dann bist du nicht allein. Dann bist du nie allein.

Hat mich damals dieser Gedanke getröstet? Vielleicht ein wenig. Wirklich Weihnachten wurde es für mich, als während unseres letzten Liedblocks eine Mutter mit ihrem Kind an der Hand in den Saal kam. Sie schaute sich um und erblickte meinen traurigen Senioren an seinem Tisch. Sie ging auf ihn zu. Er lächelte sie scheu an. Sie blickte ihn lange an. Dann lief beiden eine Träne über die Wange.

Wer weiss, vielleicht fiel es nur mir auf. Aber ich meine gespürt zu haben, dass sich da zwei nach langer, langer Zeit zum ersten Mal wieder sahen. Gott sandte nicht nur einen Engel. Er liess noch ein zweiten fliegen. Er war nicht nur beim Einsamen, er ging auch zur Tochter und dem Enkelkind.

Immanu-El – Gott ist bei uns – das ist auch ein Stück des Geheimnisses von Weihnachten. Gott wird Mensch. Gott kommt nicht zu dir oder zu mir allein. Gott kommt zu uns. Uns, das heisst es entsteht Gemeinschaft. Wo Gott Mensch wird, da dürfen Menschen wieder neu aufeinander zu gehen. Dürfen sich begegnen. Im Immanu-El werden unsere Beziehungen auf einen neuen Grund gestellt.

Gott wird Mensch. In einem Stall. In einer unbedeutenden Stadt im Nahen Osten. Hirten kommen und begegnen Königen. Könige suchen einen Prinzen und finden sich in einem armseligen Stall wieder. Ein Stern strahlt auf. Ein himmlischer Glanz verwandelt von der Krippe aus die Welt. Leicht und zart – man kann es verpassen, wie die Meisten damals im Altersheim das Weihnachtswunder des Alten verpassten.

Doch es ist geschehen. Gott ward Mensch. Jesus ist der Immanu-El. Er ist bei uns. Er ist mit uns. Er hält alles in der Hand. Er ist unser Retter und befreit uns aus den Banden der Sünde. Er schenkt neues Leben und verwandelt uns, so wie er das Leben jener Familie bei der Weihnachtsfeier im Altersheim verwandelt hatte.

Wo Gott mit uns ist – da ist die Umkehr zu einem neuen Sein möglich. Da ist Leben in Fülle möglich.
Amen

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