Verborgene Vorurteile

Darum urteilt nicht vor der Zeit, nicht bevor der Herr kommt! Er wird auch, was im Dunkeln verborgen ist, ans Licht bringen und wird Sinnen und Trachten der Herzen offenbar machen. Und dann wird einem jeden sein Lob zuteilwerden von Gott.
1 Kor 4,5

Liebe Gemeinde

Wir lachten herzhaft. Die Geschichte, die uns unsere Kollegin erzählte, war aber auch zu komisch. Dann aber brachte sie uns zum Nachdenken.

Ich ging damals als Jugendlicher in Effretikon in die Jugendgruppe der Kirchgemeinde. Wir waren ein gutes Duzend junger Menschen, die sich regelmässig im Keller vom Hagi trafen. Das Hagi ist ein ehemaliges Pfarrhaus, welches der Kirche gehört. Damals war der Sozialdienst im Parterre und im ersten Stock einquartiert. Der Keller wurde als Jugendraum genutzt.

Ein Mädchen, das damals bei uns mit machte, wurde noch als Baby von einer christlichen Familie adoptiert. Wie wir anderen wuchs sie in Effretikon auf. Sie war intelligent und fröhlich und ist es wohl auch heute noch, wenn ich sie auch aus den Augen verloren habe. Man hätte nach ihr die Uhr richten können, nie kam sie zu früh oder zu spät. Am liebsten ass sie Raclette und einem guten Stück Schweizer Milchschokolade konnte sie kaum widerstehen. Dass sie dabei gertenschlank blieb, kann ich bis heute nicht verstehen, doch war es so.

Wenn man sie mit uns reden hörte, dann hörte man ihr ihre Herkunft nicht an. Sie sprach lupenreines Schweizerdeutsch, wie wir anderen auch. Nur die Farbe ihrer Haut wollte so gar nicht zu diesem „Schweizermeitli“ passen, das sie war. Ihr Teint erinnerte nämlich an ihr Lieblingsdessert „Schokoladenmouse“. Ihr Lebensbaum wurzelte in Südindien, wo sie das Licht der Welt erblickte.

Sie konnte wunderbar erzählen. An jenem Abend, von dem ich euch erzähle, berichtete sie uns von ihrem Tag.

Weil die erste Stunde in der Berufsschule ausfiel, nahm sie einen späteren Zug nach Winterthur als gewöhnlich. So trug es sich zu, dass der Bahnhof fast menschenleer war, obwohl Effretikon eine Stadt ist. Eben typisch für eine Ortschaft in der Agglomeration. Schlafstadt heisst es dann ein wenig euphemistisch. Doch ich schweife ab.

Sie wartete also fast allein auf dem Perron. Aber eben nur fast. Neben ihr stand eine junge Frau mit langen blonden Haaren, vielleicht fünf Jahre älter als sie selbst. Vermutlich wollte auch sie mit dem Zug nach Winterthur reisen.

Kurz vor Einfahrt des Zuges kam eine nicht mehr ganz junge Dame, ja vielleicht schon eine Grossmutter, die Treppe von der Unterführung auf das Gleis hinauf geschnaubt. Ein wenig verloren schaute sie sich um. Zuerst musterte sie meine Kollegin; etwas von oben herab, wie diese meinte. Dann sei sie, an ihr vorbei, direkt auf die neben ihr wartende Frau mit den blonden Haaren zu gegangen.

„Grüezi. Fahrt do de Zug nach Züri?“ „Hallo – Sorry. What you said?“ antwortete diese mit nordischem Akzent. „Fährt hier der Zug nach Zürich?“ hat darauf die Seniorin ein wenig energiescher auf Hochdeutsch gefragt. „Sorry, i don’t speak german! I’am a tourist from Sweden“ entschuldigt sich die andere. „Was?“

„Chan i hälfe?“ mischte sich nun meine Kollegin ein und erklärte der verdutzten Dame, dass der Zug nach Zürich in drei Minuten auf dem anderen Gleis fahren würde. Verdattert bedankte sich die irrende Reisende und meinte: „Han ja nöd chönne wüsse, dass sie deutsch chönnd“, und machte sich auf den Weg zum anderen Perron.

Herzhaftes Lachen breitete sich im Jugendraum aus. Wir amüsierten uns köstlich am Irrtum dieser Dame. Doch dann begannen wir über Vorurteile zu diskutieren.

Vorurteile haben wir alle.

Schweizer sind pünktlich. Rauchen ist schädlich. Wer rastet, der rostet. Italiener sind heissblütige Liebhaber. Jede italienische Mama eine gute Köchin. Nirgends schmeckt es wie daheim. Kalter Kaffee macht schön und was dich nicht umbringt, macht dich stark. Wer den Rappen nicht ehrt, ist des Franken nicht wert. Denn: Auch Kleinvieh macht Mist. Indianer kennen keinen Schmerz; die Eskimos dafür hundert Wörter für Schnee. Eine Schneeflocke macht noch keinen Winter und eine Schwalbe keinen Sommer. Doch auch im Sommer soll man wenigsten eine Stunde warten, bevor man nach dem Essen ins Wasser springt. Alkohol soll man beim Baden meiden und alle Obdachlosen hängen an der Flasche. Die Flaschen sind halb voll und nicht halb leer…

Unser alltägliches Denken ist mit Vorurteilen durchsetzt. Die meisten davon werden uns gar nicht bewusst. Selbst das gängige Urteil, dass Vorurteile schlecht sind, ist letztlich ein Vorurteil. Ein Vorurteil, das eine nähere Prüfung, wie so manches andere, nicht besteht.

Vorurteile sind nicht per se schlecht. Gelegentlich retten sie gar Leben – meistens das eigene.

Wie der Name schon sagt, sind Vorurteile Urteile, die vor dem eigentlichen Urteil gefällt werden. Es sind schnelle Annahmen. Gewissermassen Vorwegnahmen des erwarteten Urteils. So sind Vorurteile zuerst einmal Entscheidungen, die (noch) nicht geprüft wurden. Sie entstehen auf Grund der Sinneseindrücke und deren Verarbeitung im limbischen System.

Für unseren höhlenbewohnenden Urururgrossvater war es existenziell, dass seine Vorurteile funktionierten. Sobald er einen Säbelzahntieger auch nur sah, machte er sich vom Acker, oder weil es diesen ja noch nicht gab, suchte er sein Heil in der Flucht.

Er musste nicht zuerst überlegen: Da steht eine Raubkatze mit grossen Zähnen. Vermutlich ist sie stärker als ich. Sie sieht mich hungrig an und fletscht die Zähne. Nun kommt sie auf mich zu. Könnte besser sein, die Beine unter die Armen zu nehmen und Hals über Kopf davon zu rennen… Nein, bevor er noch überlegte, war er schon auf dem Sprung.

Hätte unser Ururgrossvater keine Vorurteile gehabt, wir würden heute nicht hier sitzen, denn er wäre längst gefressen worden, bevor er auch nur Notiz von unserer Urururgrossmutter genommen hätte…

Sein damaliges Vorurteil, das automatische, unbewusste Entscheiden auf Grund der Sinneswahrnehmung der Augen (Säbelzahntieger!) und der emotionalen Einfärbung (Angst) und Entscheidung (Flucht) durch das limbische System, funktionierte super. Der Höhlenmensch überlebte. Sein Hirn musste sich nicht mit fundierten Urteilen über Säbelzahntieger und andere Raubtiere auseinandersetzen. Es hatte Kapazitäten frei. So entdeckte es das Feuer und erfand das Rad. Das Vorurteil steht am Beginn der Kultur.

Das System war so erfolgreich, dass es nach wie vor ganz tief in unseren Gehirnen verankert ist. So tief, dass wir es nicht kontrollieren können, sondern dass es einfach da ist. Oft wenn wir es am wenigsten gebrauchen können.

Sehen wir in diesen Tagen einen arabisch wirkenden Menschen in traditionellem Gewand, so wird es uns automatisch mulmig. Das System Säbelzahntieger ist angesprungen. Wahrnehmung vom arabischstämmigen Mensch führt im limbische System zur Wertung Islamist, Terrorist und der Reaktion Angst, Ablehnung und Abwehr.

Was beim Säbelzahntieger vernünftig war, ist in diesem Fall unvernünftig. Wo das prähistorische Tier per se eine Bedrohung darstellte, ist es der traditionsbewusste Araber von heute in den seltensten Fällen. Verpasste man in grauer Vorzeit im schlechtesten Fall das Staunen über eine zahme Raubkatze, so tut man in der Gegenwart einem Menschen unrecht, mit dem man wohl mehr teilt, als das einem trennt. Man verpasst eine Gelegenheit zu lernen und in einen Dialog einzutreten, der nicht nur bereichernd sein, sondern auch die Welt verändern kann.

Das Vorurteilt ist nicht per se schlecht, doch kann es uns gefangen nehmen, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, es als das zu erkennen, was es ist. Ein vorläufiges Urteil über eine Sache.

Das zeigt sich exemplarisch bei König Salomo, von dem wir in der Lesung hörten.

Seine Weisheit ist legendär. Als Beweis für seinen grossen Scharfsinn wird dabei gern auf den Urteilsspruch verwiesen, der unter seinem Namen in die Geschichte einging. Doch ist sein Urteil wirklich gerecht?

Es war es nicht! Denn sein Urteil lautete das Kind zu töten. Es lautete beiden Frauen einen gerechten Anteil am umstrittenen Knaben zu geben. Sein Urteil war ein Vorurteil. Die Wahrheit, die gutes richten erst möglich macht, kommt erst durch das Vorurteil ans Licht. Erst jetzt – in der Revision des Vorurteils und dem zweiten Urteilsspruch wird aus Recht Gerechtigkeit.

Salomo bleibt nicht bei seinem ersten Urteil. Er bleibt nicht bei seinem Vorurteil über den Fall, der ihm vorgelegt worden ist. In dem er sein Vorurteil ausspricht, wird es ihm einsichtig. Doch nicht nur ihm, auch der Mutter.

Im Vorurteil des Königs kommt ihre Mutterschaft ans Licht. Die Mutterschaft ist nicht der biologische Vorgang vom Zeugen und Gebären. Es ist nicht die Muttermilch, die sie dem Jungen gab. Es ist die Liebe zu ihrem Sohn, die sie zur Mutter macht.

Es ist nichts Böses, wenn wir unsere Vorurteile haben. Doch es kann böse enden, wenn wir diese Vorurteile nicht transparent machen. Wenn sie im Unterbewussten wirken ohne ins Bewusstsein zu gelangen. Vorurteile müssen ans Licht. Sie müssen zumindest vor dem eigenen Verstand ausgesprochen werden.

Ein ausgesprochenes Vorurteil setzt sich der Revision aus. Es kann bestätigt oder wiederlegt werden. Die Fakten können ihm zusprechen oder widersprechen. Das bewusst gewordene Vorurteil kann revidiert werden, ja es kann Anlass sein um ganz neues über sich selber, den anderen und die Welt zu lernen.

In dieser Hinsicht ist Weihnachten vielleicht so etwas wie das Vorurteil Gottes, das er sich über seine Menschen machte. Das Vorurteil, dass sie liebenswert sind. Dass es sich lohnt Mensch zu werden und ihnen ganz direkt zu begegnen. Ganz unverhüllt und in der Gestalt eines Kindes.

Gott spricht sein Vorurteil über uns. Wir können es mit unserem Leben und unserem Umgang miteinander und mit dem Fremden bei uns bestätigen oder widerlegen. Wir dürfen in ihm etwas über uns selber und über ihn, den Herrn und König der Welt lernen, der sich nicht zu schade war einer von uns zu werden.

Vielleicht gelingt es uns in seinem Vorurteil auch anders mit unseren Vorurteilen umzugehen. Damit die Wahrheit ans Licht kommt und wir nicht verurteilt, sondern in ihm und durch ihn freigesprochen werden.
Amen

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