Aufbrechen

Und der HERR sprach zu Abraham: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde.
Gen 12,1

Liebe Gemeinde

Aufbrechen. Sich auf den Weg machen. Das Bekannte hinter sich lassen. Neues wagen. Gerade im Übergang vom verwelkenden zum frisch erblühenden Jahr spüren viele von uns eine Aufbruchstimmung. Mit dem neuen Jahr öffnet sich uns eine neue Chance. Eine Chance um alles besser und wenn nicht besser, so doch anders zu machen.

Wir fassen Vorsätze. Mehr Sport. Gesünder Essen. Weniger Arbeiten und mehr Zeit mit der Familie verbringen. Endlich einmal das Buch lesen, das scheinbar schon eine Ewigkeit im Bücherregal steht und dafür auf die eine oder andere Stunde vor dem Fernseher verzichten. Ja, es soll schon Menschen gegeben haben, die in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr beschlossen auszuwandern. Eine neue Existenz zu suchen und ein ganz anderes Leben zu leben.

Aufbrechen. Das kann man aus ganz verschiedenen Gründen. Der eine sucht das Abenteuer. Ein anderer sieht keine Zukunft mehr in der eigenen Heimat. Schon immer lockte die Fremde, zugleich vertrieb die Heimat auch immer wieder Menschen. Nicht immer ist der Aufbruch dabei freiwillig. Manchmal treibt pure Not aus der angestammten Heimat. Gerade das vergangene Jahr zeigt dies deutlich. Nie mehr seit dem Ende des 2. Weltkrieges waren so viele Menschen auf der Flucht. 60 Millionen!

60 Millionen Vertriebene, das entspricht rund acht mal der Bevölkerung der Schweiz. 60 Millionen sind eine grosse Herausforderung für die Welt und für die Schweiz. Vieles, das dazu zu sagen ist, wurde schon gesagt. Verständlich, dass die Willkommenskultur bei manchem an Grenzen stösst.

Doch was, wenn die Rollen wechseln? Wenn wir nicht die Helfenden, die Besuchten, die Bewohnerinnen und die Bewohner des gelobten Landes sind? Was, wenn wir diejenigen sind, die aufbrechen? Es muss nicht aus Not geschehen.

In der Lesung hörten wir von Abraham. Er war kein Flüchtling. Niemand vertriebt ihn aus seiner Heimat im Süden der heutigen Türkei. Als Bewohner der Stadt Charan profitierte er von der guten Lage. Das Land war fruchtbar. Die Stadt ein Umschlagplatz der antiken Warenströme zwischen dem Abend- und dem Morgenland. Zu ihrer Zeit zwar keine Weltmetropole, aber dennoch eine bedeutende Stadt. Ein Hub für die Karawanen, wenn man den anachronistischen Vergleich wagen will. Ein wichtiger Handelsplatz wie es heute London, Frankfurt oder Rotterdam sind.

Das Leben in dieser Stadt pulsierte. Man lebte am Herzschlag von Wirtschaft und Wissenschaft. Die Fortschritte in den verschiedenen Disziplinen und die neusten Technologien fanden schnell den Weg aus Ägypten und aus Mesopotamien. Auch Philosophie und Religion konnten aus dem Vollen schöpfen. Die Kultur und die Tradition gaben den Bewohnern Heimat. In Charan stand damals der Haupttempel des Mondgottes Sin, der als König der Götter verehrt wurde.

Der Einzelne war getragen durch die Familie, die Verwandtschaft und die religiöse Gemeinschaft um den Kult des Mondgottes, dem mächtigsten Gott seiner Zeit.

Doch Abraham bricht auf. Er verlässt die Sicherheit und die Gewissheit der Stadt. Es ist nicht die Not. Es ist keine Bedrohung, weder durch Krieg noch durch familiären Zwist, die ihn aufbrechen lässt.

Er macht sich auf den Weg ins Ungewisse. Sein einziger Antrieb dabei ist die Verheissung von Segen durch einen unbekannten Gott, der ihm nicht einmal seinen Namen nennt. Als Anhänger der Mondverehrung des Sin bricht Abraham auf. Auf das Wort eines anderen Gottes hin. Was lockt ihn? Warum verlässt Abraham nicht bloss die Stadt und ihre Sicherheit, sondern auch seine Verwandten? Was verspricht er sich von dieser Reise ins Ungewisse?

Es ist das Versprechen von Segen. Aus dir, Abraham soll ein grosses Volk werden. Du sollst deinem Namen alle Ehre machen und zum Vater von Nationen werden. Denn dein Name, Abraham, bedeutet: Vater der Völker!

So bricht er auf. Auf ein Segenswort Gottes hin macht er sich auf. Es wird die Reise seines Lebens. Eine Wanderung ohne Wiederkehr. Erst sein jüngster Sohn, Jakob, wird auf der Flucht vor seinem Bruder Isaak, wieder nach Charan zurückkehren. Die Heimat des Vaters wird ihm zur Stätte der Flucht und des Schutzes. Als Fremder wird er dort wohnen. Als Asylsuchender werden ihn die Bewohner der Stadt dereinst ausnutzen. Auch Jakob wird die Vaterstadt wieder verlassen. Doch er geht nicht freiwillig. Der Neid seiner Mitmenschen wird ihn zwingen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Abraham bricht auf. Aus freien Stücken. Wie auch mancher von uns in diesem Jahr aufbrechen wird. Wir verlassen unsere Heimat. Für einen Tagesausflug. Für eine Geschäftsreise. Für eine Weiterbildungen. Für einen Erholungs-, Sport-, Bade- oder Kultururlaub. Einige werden auch für immer gehen. Sie ziehen weg an einen anderen Ort oder verlassen diese Welt. Hoffentlich nach einem erfüllten Leben.

Wer aufbricht, geht selten ohne Gepäck. Nicht nur einen Koffer oder Rucksack mit Kleidern nehmen wir mit. Neben dem Materiellen gehört auch viel Immaterielles zu dem, das wir mitnehmen. Erinnerungen und Erlebnisse. Unsere Art zu Reden und zu Denken. Ideen und Welterklärungsmodelle. Unsere Hoffnungen und unsere Ängste. Unsere Gewissheiten und unsere Zweifel. Unseren Unglauben und unseren Glauben.

Nicht alles übersteht die Reise, die wir machen. Weder die äusserliche noch die innere. Manchmal geht ein Gepäckstück verloren, eine Hose wird unflickbar zerrissen oder eine Reiselektüre ist ausgelesen und ihre Entsorgung schafft Platz für etwas Neues. Auch unserem geistlichen Gepäck geht es oft nicht anders. Wer reist, der sieht Neues und macht unerwartete Erfahrungen. Sie färben ab. Sie verändern alten Denkweisen und übernommene Traditionen.

Das ist nichts Modernes. Auch Abraham erging es so.

Als er Charan verliess, war er noch völlig geprägt vom Glauben seiner Vorfahren. Er folgt dem Gestirnkult des Mondgottes Sin. Er verehrt die Naturgötter, wie er es von seinen Eltern erlernt hatte.

Zum Beschnittenen, zu einem, der mit Gott im Bund steht, wurde er erst viel später. Erst nach langer Reise, wird er sich ganz Gott hingeben. Die Reise verwandelt ihn. Die Reise verändert seinen Glauben. Er wächst in ihm. Nicht weil er immer tiefer auf das Überlieferte vertraute, sondern weil er sich auf das Neue einliess.

Im Kontakt mit den fremden Völkern, die ihm und den Seinen auf dieser Reise begegneten, wurde ihm Gott vertraut. In der Geschichte mit ihm fand er zum Glauben. In der Auseinandersetzung mit Gott und der Welt gewann er Worte für das Neue, das er erlebte.

Es sind die Worte, die er seinen Kindern weitergab. Es sind diese Erfahrungen, die er mit Gott machte, die durch seine Nachkommen und deren Nachkommen weitererzählt wurden. Es wird eine lange Erzählkette. Sie wird über uns hinaus reichen.

Damals begann der Glaube, den auch wir als Christinnen und Christen teilen. Er beginnt mit Abraham, der das Alte, das Ehrbare seiner Vorfahren hinter sich liess. Der Anfang war ein Bruch. Ein Aufbruch.

Mit Abraham begann es, doch wurde es mit ihm nicht vollendet. Es kamen andere. Sie erlebten mit Gott, was für Abraham unvorstellbar war. Aus diesem Erleben gaben sie die Traditionen Abrahams nicht nur weiter, sie haben sie auch verändert, ja mit ihr gebrochen. Im Bewahren und im Brechen blieb der Glaube an Gott lebendig. Im Bewahren und im Brechen – denn der Glaube stirbt, wenn es nur noch das Eine gibt.

Der Anfang der Abraham-Geschichte lässt mich fragen, wie gehen wir mit unseren Brüchen und Aufbrüchen um? Was machst du mit den Erlebnissen und den Erfahrungen, die dir das neue Jahr bringen wird?

Wirst du sie wie Bilder ins Familienalbum ablegen und vielleicht vergessen oder wirst du sie dir als ständigen Antrieb auf den Schreibtisch stellen? Wirst du sie integrieren ins Altbekannte oder wirst du dich zu ganz neuem Denken anregen lassen? Wirst du die Geschichte Gottes mit seinen Menschen bewahren oder an ihr weiterschreiben? Wirst du dich von Gott aus der Heimat des bewährten Glaubens zu neuen Ufern rufen lassen?

Was wird aus all dem werden, das Gott dir in diesem Jahr schenken wird?

Abraham brach auf. Er vertraute auf Gott. Es wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Gott segnete ihn.
Amen

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