Trösten wie eine Mutter

Gott spricht:
Wie einen, den seine Mutter tröstet,
so werde ich euch trösten,
und getröstet werdet ihr in Jerusalem.
Jes 66,13

Liebe Gemeinde

Wie eine Mutter tröstet, so will uns Gott trösten.

Ein Bild steigt in mir auf. Eine Mutter sitzt auf einer Bank am Rande des Spielplatzes. Ihre Tochter, keine drei Jahre alt, spielt und fällt dabei hin. Sie schlägt sich ihr Knie blutig. Ihre Lippen beginnen zu zittern. Mehr ob dem Schrecken, als wegen dem Schmerzreiz der geschürften Haut. Das Kind atmet zwei, drei mal geräuschlos ein und aus. Dann schreit es los. Tränen laufen ihm über das Gesicht.

Doch noch ehe die erste Träne von der Wange fällt, ist die Mutter schon bei ihrer Tochter. Sie nimmt das untröstliche Kind in ihre Arme und hebt es hoch. Keine Träne netzt den Boden, denn mit zartem Finger streicht die Mutter sie ihm von der Backe. Die Stimme tröstet das Kind. Es wird leiser. Es beruhigt sich und verstummt. Bald wird es wieder lachen.

Wie eine Mutter ihr Kind tröstet…

Die Mutter auf dem Spielplatz handelt, wie vor ihr schon Generationen von Müttern es taten. Die Mutter, die ihr Kind tröstend in die Arme nimmt, sie verweisen auf die Mutter aller Mütter und das Kind, aller Kinder. Sie verweisen auf Maria mit dem Jesuskind. Das Bild der tröstenden Mutter lässt heute, zu Beginn des neuen Jahres, noch einmal Weihnachten und das Licht der Krippe auf- strahlen.

Das friedliche Bild aus dem Stall blieb nicht lange friedlich. Schon bald kamen die Weisen aus dem Morgenland. Sie beteten an. Doch mit ihnen und durch sie erfuhr auch Herodes von diesem göttlichen Kind. Es wird seine Macht bedrohen, das wusste er. Darum wollte auch er kommen. Nicht zum Anbeten, sondern zum Vernichten. Das des Kindes Reich nicht von dieser Welt ist und seine Ehre doch erhabener ist als die jeden menschlichen Herrschers, egal ob demokratisch gewählten Landesherr, König oder Diktator, kann er nicht verstehen. So muss der göttliche König aller Könige fliehen. Aus dem angebeteten Kind wird ein Flüchtling. Der Mensch gewordene Gott, wird auf seine Flucht reduziert.

Es ergeht ihm, wie es allen Menschen ergeht, die aus ihrer Heimat fliehen. Er wird zum Flüchtling. Er wird seinem Wesen, seinem Charakter, seiner Fähigkeiten, seiner Stärken beraubt und zu einem “Ling” gemacht. Einem “Ling”, dem man nichts Gutes zuschreibt. Schwächling, Feigling, Schreiberling, Häftling, Schädling, Flüchtling.

Maria und Josef müssen mit ihrem Kind fliehen. Aus Todesnot entkommen sie. In Ägypten, in der Fremde, finden sie Schutz. Wie oft wohl Maria ihren Sohn auf der Flucht trösten musste? Wie oft sie ihm in Ägypten eine Träne von der Wange strich?

“Wie einen, den seine Mutter tröstet, so werde ich euch trösten”, verspricht uns Gott.

Das neue Jahr wird gewiss seine Traurigkeiten mit sich bringen. Nicht nur Erfolg, Freude und neues Leben liegen vor uns. Auch Misserfolg, Abschied und Tod werden uns im neuen Jahr begegnen. Da tut es gut, wenn uns Trost versprochen ist.

Nicht nur Kinder brauchen die Umarmung ihrer Mütter. Auch wir Erwachsenen haben hie und da ein Stück Trost nötig. Es tut gut, in den Arm genommen zu werden. Es tut gut, sein Leid mit einem anderen teilen zu dürfen. Es ist gut, wenn wir uns gegenseitig trösten und dabei auf den Trost Gottes vertrauen.

Doch nicht nur als Einzelne tut uns ein Stück Trost gut. Auch als Gesellschaft, als Nation und als Menschheit tut uns der Zuspruch von Gott gut. Gerade heute im Übergang. Ein neues Jahr bringt auch seine Fragen mit sich.

Wird das Jahr 2016 ein Katastrophenjahr, wie es die Astrologin von einer schweizerischen Boulevardzeitung aus den Sternen gelesen haben will? Müssen wir Schwarz sehen? Oder gibt es doch noch Hoffnung?

Die Herausforderungen, die auf uns zu kommen, sind gross. Nicht in allen werden wir als Nation, als Gesellschaft und als Menschheit auf den ersten Versuch Erfolg haben. Ja, in manchem wird es wohl lange dauern, bis man über Erfolg und Misserfolg von Massnahmen auch nur diskutieren kann.

Wird das Jahr 2016 gar ein trostloses Jahr?

Der warme Winter, Weihnachten bei österlichem Wetter und die Natur, die den Winter überspringen will, machen es deutlich. Das Klima verändert sich. Die Winter unserer Kindheit sind Vergangenheit.

Die grosse Klimakonferenz im vergangen Jahr legte erstmals verbindliche Ziele für alle Länder fest, doch das neue Jahr muss zeigen, wie ernst es den Politikerinnen und Politikern ist. Das Ziel von weniger als zwei Grad Erwärmung ist ambitioniert. Es ist nur mit einschneidenden Massnahmen zu erreichen. Massnahmen, die uns alle betreffen und an denen wir nicht Freude haben werden.

Auch die weltweiten Konflikte werden sich noch einmal verstärken. Trotz den Erfolgen gegen den Islamischen Staat in Syrien und im Irak breitet sich der Terror weiter aus. Die Taliban in Afghanistan und Boko Haram in Nigeria sind auf dem Vormarsch. Wer wird sie stoppen?

Die Krisen und die bewaffneten Konflikte werden auch im neuen Jahr viele Menschen aus ihrer Heimat vertreiben.

Ein kleiner Teil davon wird nach Europa kommen. Ein kleiner Teil, der Manchem und Mancher von uns bereits eine zu grosse Last ist. Die Auseinandersetzungen um Zuwanderung und Asylwesen werden härter. Ich hoffe, dass die Menschlichkeit dabei nicht auf der Strecke bleibt.

Eine Menschlichkeit, die Bedroht ist, wie die Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative am 28. Februar zeigt. Der Abstimmungskampf von Befürwortern und Gegnern wird je länger je weniger mit Argumenten geführt. Anstelle von begründeten und kritikfähigen Meinungen tritt immer mehr Ideologie. Vernunft wird durch Glauben ersetzt. Eine sachliche Auseinandersetzung mit der zentralen Frage wird fast unmöglich. Ja, vermutlich wird ein beträchtlicher Teil der Abstimmenden nicht einmal verstehen, worin der Unterschied zur Umsetzung der Ausschaffungsinitiative durch das Parlament besteht.

Alle drei Themen, der Klimawandel, die Konflikte in der Welt und das rauer werdende Sozialklima scheinen darauf zu deuten, dass wir viel Trost nötig haben werden.

Doch welchen Trost haben wir nötig? Den Trost einer Mutter, die die Welt ihres Kindes wieder in Ordnung bringt? Oder doch eher einen Trost, der Zuspruch ist. Eine Ermutigung sich der Welt und ihrer Herausforderungen zu stellen?

“Wie einen, den seine Mutter tröstet, so werde ich euch trösten”, durch einen anonymen Propheten, der im Namen des Jesaja auftrat der Elite des Volks Israel versprochen. Er sprach nicht in Israel, sondern in Babylonien, wohin diese Elite deportiert worden war.

Nach der Niederlage gegen das Heer von Nebukadnezar II musste diese Elite ins Babylonische Exil oder in die Babylonische Gefangenschaft. Als Geiseln des Staates lebten sie in eigenen Kolonien. Die Herrschaft in Israel wurde während dessen von Vasallenkönigen der Babylonier übernommen.

Alles in allem erging es der Elite in der Fremde historisch gesehen, nicht schlecht. Auf ihre Macht mussten sie verzichten, doch kamen etliche von ihnen zu neuem Reichtum und Wohlstand.

Der Trost, den sie sich in dieser Situation von Gott erhofften, war nicht Begleitung und Ermutigung im Alltag. Viel mehr hofften sie auf die Wiederherstellung der alten Verhältnisse durch Gott. Für diesen Trost, versprachen sie den Kult am Tempel im alten Sinn wieder einzusetzen. Gott sollte sich seine Belohnung verdienen. An sozialen Wechsel und mehr Gerechtigkeit dachten sie keine Sekunde.

Ihr Trost war ein Trost, wie in sich heute der IS, die Taliban und Boko Haram und mit ihnen alle Extremisten dieser Welt erhoffen. Ein Zurück in eine Vergangenheit, die es so nie gab. Eine Wiederherstellung eines menschgemachten Kults und nicht die Herrschaft Gottes. Kein Reich der Gnade und der Liebe.

In ihrem Ursprung führt die Jahreslosung in eine Sackgasse. Nicht den Trost der Mutter haben wir nötig, die die Welt ihres Kindes wieder in Ordnung bringt. Nötig haben wir den Trost, der Zuspruch ist. Eine Ermutigung uns den Problemen zu stellen, im eigenen Leben, wie in der Welt.

Die Jahreslosung muss sich in Christus verwandeln. Sie soll uns zum Zuspruch werden. Kein billiger Trost, sondern eine Ermutigung.

In Christus verwandelt sich die Zusage. Er musste fliehen. Er erfuhr am eigenen Leib, was es heisst seine Heimat zu verlieren. Was es bedeutet als Fremder unter Fremden aufzuwachsen.

Der Trost, den Christus zu geben vermag, ist nicht der Trost eines Gottes, der die Welt für seine Menschen in Ordnung bringt. In Christus sind wir nicht vertröstet, sondern sind getröstet und ermutigt, weil wir in ihm neue Menschen werden dürfen.

Es gilt nicht erst dann, sondern schon jetzt, denn in der Seligpreisung heisst es: „Selig, die Trauernden – sie werden getröstet werden.“ Mt 6,4

Als Christinnen und Christen dürfen wir getrost Mensch sein – auch in der Trauer, auch in den Herausforderungen des neuen Jahrs, auch in unseren Schwächen, unserem Versagen und unserem Unvermögen. Denn Gott will uns trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet. Was für ein Trost! Welche grosse Ermutigung.
Amen

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