Vater und Sohn

Gott spricht. „Ich werde ihm Vater sein, und er wird mir Sohn sein. Meine Gnade aber werde ich nicht von ihm weichen lassen, wie ich sie habe von dem weichen lassen, der vor dir war.“
1 Chr 17,13

Liebe Gemeinde

Waren sie auch schon einmal richtig stolz? Nicht auf eine eigene Leistung, sondern stolz auf die Leistung ihrer Tochter oder ihres Sohnes?

Wie fühlte sich dies an? Schlug ihr Herz heftiger? Schwoll ihre Brust durch dieses Gefühl an? Standen sie ein Stück aufrechter und mit erhobenem Haupt vor dem Spiegel? Sammelte sich heimlich gar das Augenwasser und begannen ihre Augen zu glänzen?

Stolz auf die Leistung des eigenen Kindes sein, es muss ein wunderbares Gefühl sein. Gerne würde ich es aus eigener Erfahrung kennen. Ich stelle mir vor, dass es sich so ähnlich anfühlt, wie wenn meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden die Beiträge zum Konfgottesdienst besonders gut gelingen. Wenn der Klassenclown in vollkommener Ruhe mit der Gemeinde betet. Wenn die Kleinste, die im Unterricht kaum einen Ton sprach, allen Mut zusammen nimmt und völlig frei und mit klaren Worten die Anwesenden begrüsst. Wenn der als leseschwach abgestempelte Realschüler die Lesung übernimmt und sie ohne zu hadern vorträgt, so dass auch in der letzten Reihe jedes Wort zu hören ist. In solchen Momenten freue ich mich ehrlich. Wenn solches geschieht, dann ist der Konfirmationsgottesdienst auch für mich ein Fest.

All das Sorgen. All die Auseinandersetzungen. Alle manchmal nötigen Zurechtweisungen mit strengen Worten sind in diesem Moment vergessen. Dann ist reiner Stolz. Dann ist reine Freude.

Wie es wohl König David erging? Gerne hätte er Gott einen Tempel erbaut. Doch es war ihm versagt. Zu viel Blut klebte an seinen Händen. Zu manchen Krieg führte er und zu vielen Feinden entledigte er sich, nicht immer aus gutem Grund und oft gegen den Willen des Himmels. Doch seinem Sohn sollte grössere Gnade widerfahren. Durch den Propheten Natan darf es der alte König erfahren: „Dein Sohn wird den Plan ins Werk setzten. Deinem Sohn wird gewährt, was dir versagt blieb. Er wird Gott den Tempel bauen. Ein Haus seiner Gegenwart. Gott wird darin wohnen. Er wird mitten unter seinen Menschen sein.“

Wo David Diener Gottes war, da soll Salomo mehr sein. Gott will ihm Vater sein und er soll ihm Sohn sein.

Ein grosses Versprechen. Was für eine Zusage! Wie es David damit wohl geht? Ob sich wohl auch ein kleines Stück Neid in sein Herz schlich? Mir würde es wohl so ergehen. Wenn mein Sohn so über mich erhoben würde. Wenn er sein dürfte was mir verwehrt bleibt. Ich könnte es David nicht verübeln, wenn in seinem Herzen nicht bloss Stolz wäre.

Gott will Salomo Vater sein. Salomo soll ihm Sohn sein. Eine Vater-Sohn-Beziehung der besonderen Art! Doch was heisst es, wenn der Chronist1 von Vater und Sohn spricht?

Die Beziehung von Vater und Sohn ist eine besondere Beziehung. Sie ist Beziehung, wie auch andere Verhältnisse Beziehungen sein können. So das Verhältnis von Mann und Frau, von Mutter und Tochter, von Grosseltern und Enkeln, von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, von Vorgesetzten und Untergebenen, von Lehrern und Schülern und so weiter. Allen Beziehungen ist gemein, dass sie Personen in ein Verhältnis zueinander setzen. Das Besondere der Vater-Sohn-Beziehung ist, dass diese beiden Personen zugleich Freunde und Konkurrenten, Lehrer und Schüler, Vorbild und Abbild sind. Die Beziehung vom Vater zum Sohn und vom Sohn zum Vater ist dabei der Beziehung von Mutter und Tochter ähnlich und doch Grund verschieden.

Nimmt man die Begriffe von Vater und Sohn und ihrer Beziehung unter die Lupe, so kann man drei Teile unterscheiden. Meistens sind alle drei Stück vorhanden, doch muss das nicht sein. Ja, mitunter kann auch ein Teil fehlen, und die Beziehung dennoch funktionieren.

Ich meine damit, dass die Vater-Sohn-Beziehung als erstes biologisch, als zweites sozial und als drittens psychologisch verstanden werden kann. Damit sie verstehen, was ich meine, muss ich dies ein wenig erklären.

Die Beziehung von Vater und Sohn kann biologisch verstanden werden, dies ist die erste und vermutlich auch die älteste Deutung.

Der Vater zeugt den Sohn; der Sohn ist vom Vater gezeugt. Das Verhältnis vom einen zum anderen ist existenziell. Wäre der Vater nicht gewesen, der Sohn wäre nicht geworden. Er verdankt sein Leben dem Vater. Der Vater ist für die Existenz eines Sohnes eine nicht aufgebbare Bedingung. Jeder Sohn muss einen Vater haben.

Doch die Beziehung ist nicht im Gleichgewicht. Der Umkehrschluss gilt nicht. Denn nicht jeder Vater hat einen Sohn. Er kann auch Vater sein, wenn er eine Tochter hat. Der Vater ist vom Sohn nicht in gleicherweise abhängig, wie der Sohn vom Vater.

Das biologische Verständnis der Vater-Sohn-Beziehung macht dabei auch deutlich, dass dieser Beziehung etwas Wichtiges fehlt, wenn man die Mutter vergisst. Denn wo keine Mutter ist, da kann es auch kein Sohn geben. Auch wenn sie nicht explizit erwähnt wird, so muss sie doch immer mitgedacht werden. Vergisst man die Mutter, so fehlt etwas ganz wichtiges!

Eine zweite Art die Beziehung von Vater und Sohn zu verstehen, ist die soziale Art.

Ein Vater übernimmt für seinen Sohn die Vaterrolle. Dazu gehört für den Sohn da zu sein, ihn zu lehren und zu erziehen, ihm die Welt zu zeigen und zu erklären. Auch Schutz, Heimat und Ernährung gehören mit dazu. Kurz alles, was man von einem guten Vater erwartet.

Doch auch zum Sohn gehört eine bestimmte Rollenerwartung. Er lässt sich durch den Vater anleiten. Er hilft und lernt dabei all das, was er in der Schule nicht lernen kann, vom Rasenmähen bis zum Reifenwechsel und darüber hinaus. Ja, der Sohn soll dem Vater folgen und auf sein Wort hören.

Sogar dann, wenn der Sohn erwachsen ist und selber zum Vater wird, ist es gut, wenn die Meinung des eigenen Vaters weiterhin zählt. Zumindest soll er sie respektieren und nur mit gutem Grund anderer Meinung sein.

Die beiden Rollen – die des Vaters und die des Sohnes – sind meistens an eine biologische Vater-Sohn-Beziehung gebunden. Doch müssen sie es nicht sein.

Nicht erst seit es Patchwork-Familien gibt, ist das so. Schon immer haben auch andere die Vaterrollen übernommen, wenn der biologische Vater fehlte. So kann der Götti oder sonst ein Onkel, der Klassenlehrer oder der Fussballtrainier für manchen Knaben zum Ersatzvater werden. Es können Beziehungen wachsen, die ein Leben lang halten. Daraus kann eine Freundschaft werden und der junge Mann einen väterlichen Freund finden.

In solchen Freundschaften wird deutlich, was eine Vater-Sohn-Beziehung psychologisch bedeuten kann. Es ist dies das dritte Stück, das die Beziehung als Vertrauensverhältnis gelingen lässt.

Das Vertrauen zwischen Vater und Sohn ist ein ganz besonderes Vertrauen.

Es gibt eine bekannte Geschichte, die dies besonders schön illustriert. Vielleicht kennen Sie sie.

Die Geschichte geht so:

In einer alten Stadt mit einer halbverfallenen Stadtmauer leben zwei Jungen. Sie sind die besten Freunde und hecken immer wieder neue Streiche aus. Eines Tages beschliessen sie über die Stadtmauer zu balancieren.

Am Anfang gelingt dies gut. Immer höher steigen sie auf der Mauer. Ihr Spiel wird immer gefährlicher. Je steiler die alte Mauer ist, desto schlechter hält der morsche Mörtel die Steine zusammen. Es kommt wie es kommen muss. Die Mauer gibt unter ihrem Gewicht nach. Die beiden Freunde können sich mit einem Sprung gerade noch retten.

Doch nun sind sie gefangen. Auf der Mauer geht es nicht weiter und der Rückweg ist ihnen versperrt.

Sie bekommen es mit der Angst zu tun. Mit tränenvollen Augen rufen sie um Hilfe. Zum Glück werden sie gehört. Ein Mann ist in der Nähe und hört ihre Schreie. Er stellt sich unter die Mauer, breitet die Arme aus und ruft zu den Buben hinauf: „Springt, ich fange euch auf!“

Kaum ist sein Ruf verhallt, lässt sich der eine Abenteurer auch schon in seine Arme fallen. Sicher fängt er ihn und stellt ihn neben sich auf den Boden.

Sein Freund auf der Mauer aber traut sich nicht. Er hockt sich hin und wird erst gerettet, als die Feuerwehr mit einer Leiter kommt.

Es ist nicht ein Unterschied an Mut, der den einen springen, den andern aber verzagen liess. Vielmehr war des Springers Vater, der Mann unter der Mauer. Seinem Vater vertraut er, so liess er sich in dessen Arme fallen.

Der Sohn vertraut dem Vater. So springt er. Der Vater vertraut dem Sohn, darum heisst er ihn zu springen.

Alle drei Stücke, die biologische Abhängigkeit, der Gehorsam gegenüber der sozialen Rolle des Vaters und das Vertrauen als psychologische Komponente kommen in der Vater-Sohn-Beziehung zusammen.

Gott will für Salomo Vater sein. Der grosse König ist von ihm abhängig, das begründet seine Königsmacht. Er ist ihm gehorsam, darin findet er Weisheit. Er vertraut ihm, so legt Gott seinen Geist auf ihn.

In der Geschichte Gottes mit Salomo verspricht er uns, auch uns Vater sein zu wollen. Alles was dazu nötig ist, ist uns in Jesus Christus geschenkt. Wo wir ja sagen zu unserem Bezogen sein auf Gott, wo wir in der Nachfolge Christi leben und wo wir ihm vertrauen, dürfen wir seine Söhne und Töchter sein.

Ob wir uns darauf einlassen liegt nun ganz bei uns.
Amen

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