Wer hat eine reine Weste?

Wie werde ich mich freuen am HERRN!
Meine Seele jauchze über meinen Gott,
denn mit Gewändern des Heils hat er mich bekleidet,
in den Mantel der Gerechtigkeit hüllt er mich,
wie der Bräutigam nach Priesterart den Kopfschmuck trägt
und wie die Braut sich schmückt mit ihrem Geschmeide.
Jes 61,10

Liebe Gemeinde

Eine Zwanzigjährige schreitet elegant einer breiten Treppe folgend, nach unten. Über ihre Wange rollt eine Träne und glitzert fröhlich im Sonnenlicht. Sie ist tief bewegt. Sie ist überglücklich. Die Träne ist eine Freudenträne!

Die junge Frau trägt ein weisses Kleid, bodenlang ist es. Man sieht nicht einmal ihre Schuhe auf dem roten Samtteppich. Die Schleppe am Rücken und der zarte Schleier auf ihrem Kopf weisen es als Brautkleid aus. Vor sich hält sie ein überdimensioniertes Blumengesteck aus dutzenden weisser Rosen.

Der Mann, der an ihrer Seite geht, ist in seinen frühen Dreissigern. Er ist der Grund für ihre Freudenträne. Die Galauniform, die ihn kleidet, weist ihn als Offizier aus. Selbstsicher und stolz hat er den Arm seiner Braut untergehakt. Auch er freut sich.

Seine Kameraden, ebenso in Galauniform, säumen den Weg. Sie stehen Spalier und geleiten das junge Paar zu ihrer Kutsche, die schon auf sie wartet.

Wir schreiben den 29. Juli 1981. Tausende jubeln den frisch Vermählten vor der St Paul’s Cathedral zu. Rund 700 Millionen Menschen weltweit verfolgten die Trauung am Fernsehapparat. Die Zeremonie war das Medienereignis des Jahres. Die Hochzeit des Jahrhunderts. Diana und Charles heirateten. Eine Märchenhochzeit, leider ohne Märchenehe…

Eine königliche Trauung. Das Beste war gerade gut genug. Allein das Brautkleid soll über 25’000 Franken gekostet haben. Viele hundert Stunden an Arbeit von Näherinnen, Stickerinnen und Miedermacherinnen steckten in ihm. Das Brautkleid war ein besonders. Jedes Brautkleid ist etwas ganz besonderes.

Das Hochzeitskleid hat für manche Hochzeitpaare eine wichtige Bedeutung. Oft werden dutzende, wenn nicht hunderte von Modellen begutachtet. Entweder gemeinsam, oder ohne den Bräutigam, dafür mit Mutter, Schwester und Freundin. Schliesslich soll er die Braut vor der Hochzeit nicht im Brautkleid sehen. Es soll Unglück bringen. Oder ist es halt doch lustiger unter Frauen das Kleid auszusuchen und über die Modelle zu diskutieren? Die Wahl des perfekten Kleides wird so oft selbst zum Event. Manche Ehefrau wird später fast so viele fröhliche Anekdoten über die Wahl erzählen können, wie über die Trauung und das Fest.

Kleider haben in unserer Gesellschaft grosse Bedeutung. Nicht nur beim Heiraten. Auch sonst im Alltag dienen sie zu mehr, als dazu unsere Nacktheit zu verbergen und uns an kalten Tagen warm zu gegeben.

Über drei weitere Funktionen habe ich nachgedacht. Zuerst können Kleider soziale Gruppen voneinander abgrenzen. Als zweites können sie die Rolle oder Funktion ihres Trägers zum Ausdruck bringen. Als drittes sei auf ihre Schutzfunktion verwiesen. Abgrenzung, Rollenzeichen und Schutz können sich gar überlagern, auch darauf wird hinzuzuweisen sein.

Kleidung kann ein Zeichen der Zugehörigkeit und der Abgrenzung sein. Nicht erst seit der leidlichen Diskussion um Edelweisshemden und ihr angebliches Verbot an einer Schule. Die Medien, vor allem die mit den vielen farbigen Bildern, haben daraufhin eine grosse Geschichte daraus gemacht und die Internetgemeinde sprang empört auf den Zug auf. Das gemeinsame aufregen stiftete Gemeinschaft, weil man sich gegen die anderen abgrenzen konnte. Edelweisshemden waren kurze Zeit wieder voll im Trend.

Den identitätsstiftenden Charakter bekommen die Hemden in der Abgrenzung. Erst, wenn es Edelweissträger und Nicht-Edelweissträger gibt und dieser Unterschied in der Gesellschaft wahrgenommen wird, entsteht überhaupt diese Diskussion. Erst in der Differenz wird Identität geboren.

Rein praktische Abgrenzungsfunktion hatte die Kleidung ursprünglich im Sport. Zwei Mannschaften, die zum Fuss-, Hand- oder Korbball antraten, musste man unterscheiden können. So wurden früh Mannschaftstrikots eingeführt. In Einzeldisziplinen kam das Trikot erst viel später auf. Zum Beweis betrachte man Skirennen aus den frühen 60er Jahren. Die Athletinnen und Athleten schwangen sich noch im Pullover den Hang hinunter. Erst später setzten sich Nationaldresses durch.

Aus der funktionalen Kleidung war ein identitätsstiftendes Kleidungsstück geworden. Ein Stück Stoff, das nicht nur die Mannschaftskameradinnen oder -Kameraden miteinander verbindet, sondern auch den Club und die Fans einander näher bringt. Denn welcher Fan besitzt nicht zumindest ein Trikot seines Vereins oder trägt es gar zum Spiel?

Doch nicht nur die zwei Teams unterscheiden sich auf dem Fussballfeld durch ihr Trikot. Es gibt gewissermassen noch eine dritte Partei auf dem Rasen. Es sind die Schieds- und Linienrichter.

Als Unparteiische leiten sie das Spiel und greifen bei Regelverstössen ein. Das Trikot, das sie dabei tragen, macht sie nicht zur Mannschaft. Vielmehr verweist es auf ihre Rolle auf dem Platz. Der ursprünglich schwarze Dress ist eine Art Berufstracht. Es macht die Aufgabe des Trägers sichtbar.

Zu dieser zweiten Kategorie der Kleider gehören natürlich nicht bloss die schwarzen, kurzen Hosen und das mittlerweile bunte Oberteil des Schiedsrichters. Auch die Richterrobe, der Arztkittel, die Kochmütze, die Zimmermannstracht oder der Talar des Pfarrers und der Pfarrerin gehören mit dazu. Sie alle verweisen darauf, dass ihr Träger nicht als Privatperson und nicht nach eigenen Überzeugungen handelt, sondern nach den Massgaben und der Kunst seines Berufes und Standes.

So fällt der Richter sein Urteil nicht nach eigenem Gutdünken. Er hält sich dabei an das Gesetzt und an die Rechtsgrundsätze der Urteilsfindung. „In dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten, muss dabei nicht der persönlichen Überzeugung des Richters oder der Richterin entsprechen. Er oder sie ist ein guter Richter, solange er oder sie sich an diesen Grundsatz und an die anderen Grundsätze der Rechtsprechung hält.

Auch der Arzt, der Koch und der Zimmermann handeln nach den Grundsätzen ihres jeweiligen Berufes. Der Arzt behandelt nach erprobten Methoden. Der Koch beachtet bei seinem Handwerk die Regeln der Hygiene. Der Zimmermann kennt nicht nur die verschiedenen Eigenschaften der Holzarten, er weiss sie auch entsprechend dem Bauvorhaben einzusetzen.

Ist es da beim Pfarrer anders?

Vielleicht ein Stück weit. Zumindest werden die gesellschaftlichen Erwartungen an die Übereinstimmung zwischen dem Amtsträger und der Person höher sein, als bei anderen Berufen. So erwartet man – nicht zu Unrecht – dass der Pfarrer und die Pfarrerin glaubt, was er oder sie am Sonntag von der Kanzel verkündet. Doch ob der Anspruch gerechtfertigt ist, dass sie oder er in allem auch noch ein ausserordentliches Vorbild sein soll und ob ihm oder ihr ihr christliches Leben immer gelingen muss, ist eine andere Frage. Kann nicht gerade im Scheitern die Pfarrperson auch Vorbild sein?

Amt und Talar sollten auch den Pfarrer und die Pfarrerin schützen und tragen. Zumindest galt dies Jahrhunderte lang. Der Amtsträger trug das Amt und wurde von ihm getragen. Ein Zusammenhang, der heute oft in Frage gestellt ist. Wenn der Träger immer wieder aufs Neue das Amt, wenn nicht rechtfertigen, so doch plausibel machen muss.

Kleider können schützen. Im geistlichen, wie es der Talar tun sollte, aber auch ganz konkret.

Die Hitzeschutzkleidung des Stahlarbeiters muss ihren Träger zum Beispiel vor der Glut des flüssigen Metalls abschirmen. Dabei muss der Mantel so leicht und so beweglich sein, dass der Arbeiter weder unter seinem Gewicht zusammenbricht, noch durch ein allzu starres Material an der Arbeit gehindert wird.

Oder nehmen wir den Strassenarbeiter. Die orange Warnweste soll ihn davor bewahren überfahren zu werden. Sie muss gut sichtbar sein. Er muss sie im Winter und im Sommer tragen können. Bei Regen, Schnee, Nebel und Sonnenhitze.

Oder nehmen wir die Brandschutzkleidung der Feuerwehr. Nicht nur Schutz soll sie bieten. Sie zeichnet zugleich die Rolle ihres Trägers aus und bildet aus den Trägern eine Mannschaft. Sie ist ein Beispiel dafür, wie sich drei Funktionen in einem Kleidungsstück vereinigen können.

Toll, was Kleider alles können, wenn man so darüber nachdenkt. Noch viel mehr könnte man dazu sagen. Wie zum Beispiel früher bestimmte Kleidungsstücke ganz besonderen Trägern vorbehalten waren. Zum Beispiel durfte Purpur nur vom Adel getragen werden. Allen anderen war es verboten. Aber ich schweife ab.

Allen Kleidern aber ist eines gemeinsam. Sie können dreckig werden, sie können Schaden nehmen.

Die Braut, nicht nur die königliche, wie Diana, will in unversehrtem, strahlendem Brautkleid vor den Altar treten. Sie will strahlen.

Was für ein Unglück, wenn sie auf dem Weg zur Kirche stürzen sollte. Wenn das Brautkleid über und über mit Erde, Matsch und Motorenöl verschmiert würde. Nicht auszudenken! Das Hochzeitsfest wäre wohl verdorben. Selbst, wenn für das Kleid Ersatz aufgetrieben werden könnte, würde man wohl noch lange über den Fauxpas reden. Eine Katastrophe!

Doch genau das, ist unserer Seele geschehen. Die Schuld, die wir uns aufladen und die Sünden, die wir begehen, hinterlassen Flecken auf ihr. Diese Flecken fallen uns nicht auf, wie auch einem Fussballer nach dem Spiel die Spritzer auf seinem Trikot nicht auffallen, denn seine Mitspieler sehen ja gleich aus. Die Flecken unserer Seelen stören im Alltag nicht, weil wir alle fleckig sind.

Doch unserem Bräutigam wollen wir so nicht begegnen. Es würde uns beschämen. Es würde einen Schatten über unsere Beziehung werfen.

Doch Christus will uns nicht beschämen. Im Glauben, im Vertrauen auf ihn, legt er uns seinen Mantel um. Ein Gewand, reiner als jedes weltliche Brautkleid. Ein Gewand, das die Sünde seines Trägers nicht zudeckt, sondern ihn in seinem Wesen verändert. Es nimmt die Sünde auf.

Christus nimmt unserer Seele die Sünde. Er nimmt sie auf sich. Wir dürfen sein reines Gewand anlegen. Es wird uns zum Hochzeitkleid. Es ist der geistige Mantel, der uns eine neue Identität schenkt und uns zu seinem Volk macht. Es ist sein Gewand, das unser Sein sichtbar macht und uns zu Christinnen und Christen formt. Es ist sein Rock, der uns schützt vor den Folgen der Sünde.

Bekleidet mit ihm dürfen wir leben. Wir dürfen uns freuen. Wir dürfen einstimmen und sagen:
„Wie werde ich mich freuen am HERRN!
Meine Seele jauchze über meinen Gott,
denn mit Gewändern des Heils hat er mich bekleidet!“
Amen

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