Der gute Weg

gTretet ein durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und viele sind es, die da hineingehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der ins Leben führt, und wenige sind es, die ihn finden!
Mt 7,13f.

Liebe Gemeinde

Ein breiter und ein schmaler Weg, bloss welche Wege sind gemeint? Es gibt so viele Wege, die Menschen gehen können.

Es gibt Trampelpfade und Fahrradwege. Es gibt Wanderwege und Pilgerpfade. Es gibt lange Strassen und kurze Gassen. Es gibt nigelnagelneue Hightech-Trassen und Säumerwege, auf denen Menschen gingen, noch ehe die Schrift erfunden ward. Es gibt Strassen über Land und über Wasser. Luftstrassen, Kilometer breit und manche hundert Meter hoch. Es gibt Gassen, die nur wenige kennen und Strassen, die weltberühmt sind. Die Route 66 in Amerika oder die Via Mala im Bündnerland zum Beispiel. Auf solchen Strassen wird der Weg zum Schauspiel. Die Landschaft spielt die Hauptrolle.

Es gibt Gassen für Fussgänger und für Rettungsfahrzeuge, Wege für Wanderer und Fahrräder und Strassen für Schiffe, Züge und Flugzeuge. Man kann auf ihnen gehen, fahren, laufen, rennen, stehen bleiben und einen Schwatz halten. Man kann auf ihnen beschleunigen, bremsen, ins Schleudern geraten, einen Unfall bauen oder im Stau stehen. Ja, mitunter kommt man gar von der Strasse ab und landet im Strassengraben. Oft hat das eine mit dem anderen zu tun.

Nicht jeder Weg für dorthin, wo man hin will. Manche Gasse bleibt eine Sackgasse. Oder man kommt gar auf den Holzweg. Nicht immer findet man den Ausweg aus dem Strassenlabyrinth.

Auch in unserer Sprache haben Wege und Strassen Einzug gehalten. „Alle Wege führen nach Rom“, sagt man, wenn es verschiedene Möglichkeiten gibt ein Ziel zu erreichen. Herzen haben den Weg zueinander gefunden, wenn sich zwei Liebende endlich in die Arme schliessen können. Ein steiniger Weg liegt vor einem, wenn grosse Herausforderungen auf einen Menschen warten. „Sein Weg ist zu Ende gegangen“, heisst es schliesslich in mancher Todesanzeige.

Das Leben als Weg, als ein Pfad, der mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Ein Weg mit Anfang und Ende, doch auch ein Weg mit Ziel? Einem Ziel, für das es sich zu leben lohnt?

Wir Menschen und unser, je individuelles, Leben unterscheidet sich nicht durch den Anfang oder das Ende. Ja, im Anfang und im Ende sind wir uns alle so gleich, wie sonst im Leben nicht. Wir alle taten unseren ersten Atemzug und saugten mit ihm das Leben in uns ein. Wir alle werden eines Tages ein letztes Mal ausatmen und mit der Luft unser Leben aushauchen. Die Zwischenzeit ist unsere Zeit. Wir nutzen sie oder lassen sie verstreichen. Wir geben ihr Gestalt. Anfang und Ende begrenzen sie.

Letztlich bestimmt das Ziel unser Leben. Es gibt ihm Sinn und Wert. Das Ziel aber, ist nicht das Ende. Ziel und Ende sind keine Synonyme. Das Ziel beginnt erst dort, wo nicht nur der Weg, sondern auch das Ende des Weges endet. Das Ziel ist nicht Übergang, sondern das Ziel liegt jenseits des Weges, selbst dann, wenn es heisst: „Der Weg ist das Ziel!“

Das Ziel bleibt jenseits und ist nie Teil des Weges.

Aber das Ziel wirkt auf den, der auf dem Weg geht. Es ist etwas ganz anderes, wenn einem der Weg zum Zahnarzttermin oder zum Wiedersehen mit alten Freunden führt. Es mag dieselbe Strasse sein, doch es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Der gleiche Pfad, der gleiche Weg, die gleiche Strasse und doch kein Vergleich. Es fühlt sich ganz anderes an, wenn ich den Weg zur Kirche für eine Taufe oder eine Abdankung gehe. Ein Unterschied, als ob es zwei verschiedene Wege wären.

Wenn dies in unserem Alltag gilt, wie sehr muss es dann erst für das Ziel unseres Lebens gelten? Das Ziel, worauf hin ich und du, wir alle leben, das macht unser Leben aus!

Ist es das rechte Ziel, dass du dir gewählt hast? Ein Ziel, für das sich der Weg lohnt?

Ich habe mir als Ziel im Leben Gott gewählt. Oder vielleicht besser, er hat sich mir als Ziel gesetzt. Bei Gott sein, in seinem Licht ihn wahrhaftig anbeten zu dürfen; ihn zu sehen, unverhüllt und unverborgen. Von ihm neu geschaffen zu werden, wenn er dieser Welt und ihrer Zeit ein Ende setzt. Wahrhaftig leben. Am ewigen Leben Anteil haben, wie es die Bibel sagt.

Ein Ziel, wie ich es mir nicht besser vorstellen könnte. Doch noch bin ich auf dem Weg. Noch sind wir nicht am Ziel.

Der Weg, auch das lehrt uns der Alltag, ist nicht immer klar. Zu fast jedem Weg gehören Abzweigungen und Weggabelungen. Wege sind manchmal verschlungen, ja fast schon Labyrinthen oder Irrgärten gleich. Wer keine gute Wegbeschreibung hat, findet sein Ziel nicht, auch wenn der Weg an sein Ende kommt.

Das Deuteronomium, das 5. Buch des Moses, von dem wir in der Lesung aus dem Schlussteil gehört haben, will so eine Wegbeschreibung sein. Die Welt, damals vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden, war kompliziert. Die beiden Grossreiche, die auch in Judäa die Tagespolitik mitbestimmten, steckten in tiefen Krisen. Plötzlich war unklar, an wen man sich besser hält. Fast alles war möglich. Selbst der Vernünftige konnte nicht sagen, was richtig ist. Die kultische Verehrung Gottes der Väter spaltete sich immer mehr in verschiedene Traditionen auf. Es gab viele Wege der Verehrung und alle reklamierten für sich zu Gott zu führen.

König Joschija merkte, dass es so nicht gehen kann. Er liess Schriftgelehrte und Hohepriester in der Tempelbibliothek suchen und die Schriften nach dem einen und rechten Kult zu durchforsten. Das Ergebnis ihres Suchens war das Deuteronomium. Es spielt keine Rolle, ob sie es wirklich fanden oder ob sie es doch selber schrieben.

Wichtig allein ist, es vermochte den Menschen Wegweiser zu sein. Ein Hinweis auf das Wort Gottes und den Weg zu ihm. Der König bereinigte und vereinheitlichte mit diesem Buch den Kult. Zum ersten Mal, seit vielen Jahren, feierte das Volk miteinander das Pessach. Das Fest, in dessen Zentrum ein Mahl, ein gemeinsames Essen steht.

Die josianischen Reformen wirkten. Sie gaben Einheit und Gott tat seinen Segen dazu.

Doch dann? Drei, vier Generation fand das Volk den guten Weg. Es ging ihnen gut. Bloss die Anleitung und die Wegweisung waren nicht so klar, wie sie meinten. Neue Situationen machten neue Orientierung nötig. Schon bald stritt man über den Weg. Denn auch, wo man eine Wegbeschreibung hat, muss der Weg doch selber gefunden werden. Wer finden muss, der kann sich im Suchen auch verlieren.

Suchen und sich verlieren. Das scheint mir auch für uns eine Herausforderung zu sein. Die Bibel ist oft nicht so klar, wie mancher meint, der ganz genau weiss, wie christliches Leben aussehen muss. Die eine Wahrheit steht nicht in der Bibel. Die eine Wahrheit ist mehr als Buchstaben und Worte.

Buchstaben müssen interpretiert werden. Man kann sich in ihnen verirren.

Als Christinnen und Christen sollen wir nicht dem Buchstaben folgen. Wir sollen unseren Weg nicht selber finden müssen, denn der gute Weg ist schmal und nur wenige verirren sich nicht.

Wie gut, dass wir nicht selber suchen müssen. Wir dürfen einem nachfolgen, der den guten Weg gefunden hat. Jesus Christus ist den Weg für uns gegangen. Er ist zum Weg selber worden. Wer in die Nachfolge tritt, kann nicht in die Irre gehen. Nicht auf den Buchstaben sollen wir unsere Hoffnung richten, sondern auf das eine lebendige Wort Gottes. Auf ihn allein sollen wir hören. Dem lebendigen Christus dürfen wir folgen. Denn er ist der Weg, der zum Vater führt. Allein auf ihn vertrauen wir.
Amen

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