Liebt in Tat und Wahrheit

Kinder, lasst uns nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit!
1 Joh 3,18

Liebe Gemeinde

Ein Mann betritt die kleine Bühne des Cabarets Voltaire. Er ist seltsam gewandet. Auf dem Kopf trägt er einen Hut, der ebenso gut eine Kochmütze oder eine Königskrone sein könnte. Der Mantel, den er trägt, fällt nicht natürlich. Er ist mehr um ihn gebogen, als um ihn gelegt. Starr wie ein Panzer. Mehr Blech als Stoff. Zusammen mit dem Rock und den Hosen, die unter dem Obergewand hervorblitzen, scheint es eine Art futuristische Uniform zu sein. Irgendwo angesiedelt zwischen einem Roboter und einem Priester.

Da hebt der Mann zu einer Rede an. Er spricht im salbungsvollen Ton der Predigt. Seine Stimme klingt klar und fest. Seine Zunge und seine Lippen bilden die Worte mit äusserster Präzision. Der kriegerische Ton der Zeit gibt seinem Sprechen einen strengen Rhythmus.

Das Publikum schweigt irritiert. Sie verstehen kein Wort. „Der scheint ein wenig gaga zu sein“, mag der eine oder andere gedacht haben. Doch er war nicht gaga, sondern es war die Geburtsstunde des Dada. Einer Künstlerbewegung, die ihren Ursprung in Zürich vor genau hundert Jahren nahm. Dadaismus nennt man sie heute.

Der Mann auf der Bühne wandte sich gegen die Sinnentleerung und Unmenschlichkeit seiner Zeit, in dem er die Sprache parodierte. Dada hielt den Menschen den Spiegel vor.

Einer seiner ersten Vertreter war Hugo Ball. Er war es, der damals auf die Bühne trat. Nicht um grosse Worte zu machen. Nicht um voll Pathos die Taten der Helden jener Zeit zu loben. Nicht um eine Geschichte zu erzählen.

Das Gedicht, das er vortrug, hiess „Verse ohne Worte“. Es besteht aus einer Aneinanderreihung von Silben. Doch entstehen aus diesen Silben nur dem Schein nach Worte. Doch fehlt ihnen die im Wort innewohnende Kraft, etwas zu bezeichnen, um Worte sein zu können. Das Gedicht ist sinnlos, aber voll Rhythmus. Es endet mit den Zeilen:
„gaga di bumbalo bumbalo gadjamen
gaga di bling blong
gaga blung“.

Doch warum dieses Gedicht ohne Inhalt? Es war mehr als Spielerei mit Rhythmus und Klang.

Hugo Ball war ein Kind seiner Zeit, dem ausklingenden 19. Jahrhundert. Das 19. Jahrhundert war geprägt vom Streben der europäischen Nationalstaaten nach Macht. Man verteilte die Welt unter sich und kolonialisierte sie. Die jeweiligen Kolonien lieferten die Rohstoffe, in den Mutterländern wurden sie verarbeitet. Dass dabei die Kolonien ausbluteten störte in Europa kaum ein Mensch, denn die Wirtschaft blühte und relativer Wohlstand beruhigt die Seelen.

Die Nationalstaaten zogen Grenzen und schützten das Ihre. Vor dem anderen fürchtete man sich. Schutz boten Koalitionen gleichgesinnter. So entstanden zwei grosse Bündnisse. Die Mittelmächte und die Entente. Die gegenseitige Furcht schürte das angespannte Klima. Ein Funke genügte um ganz Europa in einen Krieg zu stürzen.

Das Attentat und die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers in Sarajewo im Jahr 1914 war dieser Funke. Europa stand in Flammen. Doch praktisch alle, vom einfachen Arbeiter bis zum Universitätsprofessor, Konfirmanden, Pfarrer und Atheisten, vergingen fast vor Kriegsfreude! Auf beiden Seiten zog man mit dem Segen der Kirche und für „Gott und Vaterland“ in den Krieg.

Auch der junge Hugo Ball bildete keine Ausnahme. Freiwillig und voll Heldenmut meldet er sich zum Kriegsdienst. Obwohl er als körperlich untauglich bei der Musterung aussortiert wurde, reiste er auf eigene Faust an die Front. Begeistert berichtete er von seinen Erlebnissen.

Erst die katastrophalen Schlachten von Ypern und Verdun, bei denen zehntausende Soldaten regelrecht abgeschlachtet wurden, brachte ein Umdenken, auch bei den Intellektuellen und Künstlern. Wer den Krieg eben noch für gerecht und unabdingbar hielt, war schockiert ob der Menschenverachtung des Waffengangs. Die eigene Schuld wurde deutlich. Die einstige Verklärung wandelte sich in Abscheu gegen das eigene Denken und Reden.

Das Wort des Dichters, das spürt Hugo Ball, ist zum Kriegstreiber geworden. Das Wort ist dem Dichter entrissen. Er hat keine Macht mehr darüber. Er kann nicht mehr mit Worten gegen den Krieg anschreiben, denn es wären dieselben Worte, mit denen er noch wenige Monate zuvor diesen Krieg verherrlicht hatte. Die Sprache des Protestes kann nicht die Sprache des Krieges sein. So wählt er die Waffe des Nonsens um der Gesellschaft den Spiegel vor zu halten und schrieb Gedichte ohne Sinn.

Funktionierte es? Erreichte Dada in 100 Jahren mehr, als Protest zu sein gegen die Sinnlosigkeit manches Fortschrittsdenkens, angefangen bei dem Denken, das den Ersten Weltkrieg für ein nötiges Übel eben dieses Fortschritts sah?

Immerhin. Dada protestierte. Doch die Gesellschaft wollte nicht hören. Sinnentleerter Sprache fehlte die Botschaft. Sinnhafte Sprache war unweigerlich mit dem Kriegstreiben verknüpft. Weder das eine noch das andere wäre mächtig genug die Welt zu verändern. Die Gewalt und der Krieg blieben virulent. Kaum riss der feine Stoff des Wohlstandes der Zwanziger Jahre, gab sich die Sprache wieder dem entblössten Kriegsruf hin. Die Dada-Bewegung konnte den Zweiten Weltkrieg genauso wenig verhindern, wie es der Diplomatie des Weltbundes gelang.

Erst das schiere Entsetzen der Vernichtung und das frische Gewand des Wirtschaftswunders deckten diese Narben zu. Wohlstand hiess das Zauberwort. Wohlstand überdeckte die Quelle des Krieges.

Und heute? Wer ganz genau hinhört, der findet in den Kommentarzeilen im Netz und auf den Leserbriefseiten der Zeitungen wieder Hinweise, auf die alten Bilder. Die Sprache des Krieges wurde im Frieden nicht ein für alle Mal vergessen. Sie schleicht sich wieder in unsere Köpfe ein. Ein gesunder Pragmatismus weicht zunehmend dem Rechthaben wollen. Im Kleinen, wie im Grossen.

An die Stelle des Kompromisses und des konstruktiven Gespräches tritt immer öfter der Verweis auf das Recht und die Drohung mit dem Anwalt. Wenn die Gefahr besteht, dass ein Richter nicht im eigenen Sinn entscheidet, will man Gesetze verändern. Dank des gegenwärtigen Demokratieverständnisses, das auf dem Weg zur Diktatur der Mehrheit ist, gelingt dies immer öfters. Am liebsten dabei, dann gleich die unkontrollierbare Instanz der unabhängigen Gerichte übergehen und Automatismen ins Gesetz einführen… Wer traut schon einem Richter, selbst dann, wenn er demokratisch gewählt ist?

Wer vertraut heute noch? Der Regierung? Dem Pfarrer? Dem Arzt? Dem Lehrer?

Weise scheint nicht mehr der Mann, der auf Gott hört, sondern derjenige, der solange von Prophet zu Prophet geht, bis Gott ihm endlich sagt, was er hören möchte. Einem jeden sein Experte. Wieder macht mancher Intellektuelle mit, wie schon damals zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Die Vernunft wird Zugunsten der Zustimmung vergessen. Was komplex scheint in simple Bilder gegossen.

Viele springen auf den Zug des Populismus auf. Es gelte zu verteidigen, was man nicht selber erarbeitet, aber doch verdient zu haben meint. Es gilt Grenzen zu ziehen und zu verteidigen, vor einer Welt, die bedrohlich scheint. Einer Welt, in der jeder jedem nur das Schlechteste unterstellt.

Die Welt ist kompliziert geworden, das ermöglicht den vereinfachenden Populismus von Links und von Recht. Weil sich die Welt nicht mehr in Worte fassen lässt, weil Zustimmung nicht mehr vom besseren Argument abhängt, sondern vom einfacheren Bild, deshalb ist wieder möglich geworden, was längst unvorstellbar schien. Heute überzeugen Bilder, nicht mehr Argumente. Bilder, die nicht mehr viel mit der Wirklichkeit zu tun haben müssen. Bilder, die sich bei genauer Betrachtung gar als optische Täuschungen herausstellen können.

In dieser Welt braucht es den Protest gegen solche Wortbilder. Ein Protest, der noch nicht ganz verklungen ist. Ein Protest, der auf dem Boden des Evangeliums steht. Es ist der Protest der Nächsten- und der Feindesliebe, die Jesus uns gebot. Die Liebe, von der wir am Sonntag in der Predigt hören.

Doch eben, gehört wird das Wort. Ob es auch verstanden wird? Ob es im Alltag nachhallt und dort nützt, wo es mehr ist als schöner Klang? Gilt die Predigt über das Wort auch dort, wo es etwas kostet dieses eine Wort Gottes in die Tat um zu setzen?

Ich habe da manchmal Zweifel. Ich spüre, wie gross die Herausforderung sein kann, das Wort der göttlichen Liebe auch zu leben. Auch ich weiss, wie leicht es fällt mit Worten und wie schwer es ist, in Tat und Wahrheit zu lieben.

In meiner Ohnmacht suche ich Trost und Hoffnung. Im Vers über der Predigt werde ich ein Stück weit fündig.

Die Gemeinden, die diese Verse des 1. Johannesbriefs als erste hörten, waren Gemeinden zu Beginn des 2. Jahrhunderts nach Christus. Die Hoffnung auf das baldige Wiederkommen Christi und den Anbruch des Gottes Reichs, fiel ihnen immer schwerer. Längst waren die ersten Zeugen gestorben. Die kurze Zeit bis Christus in Herrlichkeit wiederkommt, ist immer länger geworden. Der Glaube an das Wort fiel ihnen schwerer, als noch ihren Grosseltern und Eltern.

Zum inneren Druck des Glaubens kam der äussere Drang der Verfolgung durch lokale Behörden. Das zehrte an ihren Kräften. Die Predigt über das Wort stiess nicht mehr auf offene Ohren, wie es noch drei Generationen vorher stiess, als Paulus das Evangelium den Völkern verkündigte.

Trotzdem hielten die Gemeinden am Wort Gottes fest. Sie bewahrten es. Sie gaben die rechte Lehre einander weiter.

Doch, so scheint es mir, drohten sie dabei zu vergessen, dass es neben dem Wort auch der Tat bedarf. So rief der 1. Johannesbrief sie wieder zurück zur Tat. Denn beides braucht es. Das Wort und die Tat, die Zunge, die bekennt und die Hand, die in Wahrheit handelt. Am Sonntag das Wort – im Alltag die Tat!

Wo christliche Liebe nicht im Alltag gelebt wird, da wird die sonntägliche Predigt zum Dada-Gedicht, zum Vers ohne Worte. Zum Protest gegen die einbrechende Nacht einer Zukunft ohne Nächstenliebe.

Ein Protest – immerhin. Doch es fehlt das Zeichen der gelebten Nächstenliebe, die die Welt verändern kann. Wer in Tat und Wahrheit liebt, der baut am Reich Gottes mit. Der Protest und die Liebe des Wortes mögen verhallen. Die Liebe der Tat und der Wahrheit aber kann mit Kraft wirken.

Es braucht nicht viele Worte gegen die gesellschaftlichen Entwicklungen. Es braucht tätige Liebe. Ihr Protest kann nicht überhört werden. Ihr Protest, ist ein Protest mit Kraft.

Was am Sonntag mit der Predigt des Wortes ins Herz gelegt ist, das muss in der Tat des Werktags Frucht bringen. Das Wort ist euch ins Herz gelegt, bringt Frucht. Darum: „Lasst uns nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit!“
Amen

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