Beim Namen genannt

Gott sagt:
Fürchte dich nicht,
denn ich habe dich erlöst,
ich habe dich bei deinem Namen gerufen,
du gehörst zu mir.
Jes 43,1

Liebe Gemeinde
Liebe Tauffamilien

Wie lange habt ihr gesucht, überlegt, abgewogen, diskutiert und schliesslich ausgewählt, bis ihr die Namen eurer Kinder gefunden habt? Die Wahl des passenden Namens für den eigenen Sohn oder die eigene Tochter ist gar nicht einfach. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr liebe Eltern der beiden Taufkinder auch länger miteinander überlegt habt. Dass ihr euch vielleicht nicht von Anfang an einig gewesen seid. Die Wahl des Namens prägt doch das ganze Leben. Er gehört zu einem. Er wird ein Teil von einem selbst.

Unsere Namen sind wichtig. Sie sind ein Teil von uns. Wir brauchen sie nicht bloss, damit wir von anderen erzählen können und uns gegenseitig verstehen. Wir brauchen unsere Namen nicht bloss, damit wir einzigartige Individuen sind. Unsere Namen spielen sogar eine Rolle, wenn es darum geht, wie wir Mensch werden.

Wir Menschen können „ich“ sagen. Wir sind uns unser selbstbewusst. Doch das sind wir nicht einfach so. Wir müssen es werden. Wir müssen uns unser selbstbewusst werden. Das passiert schon im Kleinkindalter. Der eigene Name spielt dabei eine wichtige Rolle.

Von Anfang an nennen uns unsere Eltern beim Namen. Doch in den ersten Wochen und Monaten ist er nur ein Laut unter anderen. Das Kind kann weder reden noch versteht es, was gesagt wird. Doch die Stimme der Mutter erkennt es bald. Die Laute seines Namens werden ihm vertraut. Schon im Alter von sieben bis zehn Monaten – noch bevor es jährig wird, erkennt ein Baby den eigenen Namen, wenn es Mutter oder Vater ruft. Hier ist die Entwicklung zum Ich in vollem Gang. Da fängt das Kind an zu verstehen: „Ich bin der … Ich bin gemeint. Die Welt weiss um mich.“

Die ersten Erfahrungen mit dem eigenen Namen sind positiv. Es ist eine warme Stimme, die uns ruft. Die Stimme unserer Mutter. Doch wir wachsen heran. Wir werden grösser. Wir probieren uns in der Welt aus. Als Kinder sind wir Entdeckerinnen und Entdecker. Dabei entwischen wir auch einmal der Obhut unserer Mama. Ja, es geht dabei gar einmal etwas in die Brüche, weil wir unachtsam sind oder unsere Hände noch nicht ganz so geschickt einsetzten können, wie wir es im Geist so tun. Dann erfahren wir, dass unsere Namen noch ganz andere Bedeutungen annehmen können. Bedeutungen, die weniger angenehm sind.

Als ich noch ein Kind war, konnte mich meine Mutter auf mindesten drei Arten rufen.

„Christian! Christian! Wo bist?“ hiess: „Ich suche dich. Ich mache mir Sorgen. Geht es dir gut? So zeig dich doch und komm hervor!“

Ich wusste: Alles ist in Ordnung. Meine Mami sucht mich. Sie ist mir wohlgesonnen. Alles ist in Ordnung. Ich kann auftauchen, ohne dass mich etwas bedrücken müsste. Ohne, dass sie mich schimpft, oder ich gar Strafe fürchten müsste.

„Christian! Christian! Wo bist?“ war ganz neutral.

Ein wenig anders war es, wenn es hiess: „Christian Vogt!“ Hier galt es ernst. Es war nicht mehr alles grün und die Situation stand auf messersschneide. Es brauchte nicht viel und die Lage kippte auf die eine oder andere Seite.

Doch noch bestand Hoffnung. Es war bloss ein Verdacht, der nach mir suchen liess. Das Malheur war noch nicht endgültig mir zugewiesen worden und die Scherben oder das verschüttete Mehl hätten auch ganz andere Ursache haben können. Verstecken war der erste Gedanke. Doch Verstecken war nicht ratsam. Verstecken wäre schon fast ein Schuldeingeständnis gewesen. Darum hiess es sich zu zeigen. Sich der Verantwortung zu stellen. Denn nicht immer war ich wirklich schuld und das wusste meine Mutter auch.

So war es dann am besten, sich an die Wahrheit zu halten oder zu schweigen. Nicht immer war der Freispruch lupenrein. Manchmal hiess es auch: Aus Mangel an Beweisen. Und das nicht nur, wenn die Beweise gegen mich gesprochen hätten, sondern auch, wenn ich es wirklich nicht gewesen bin. Aber eben: das man es wirklich nicht gewesen ist, lässt sich oft nicht direkt beweisen. Selbst dort, wo ein Mensch unschuldig ist, kann er oft bloss glaubhaft machen, dass er es nicht gewesen sein kann, weil er Zeugen hat, dass er etwas anderes, an einem anderen Ort und mit anderen Menschen gemacht hat. Das Alibi ist kein Unschuldsbeweis, sondern bloss der Nachweis, dass man für etwas anders Schuld ist.

Doch meine Mutter konnte mich noch auf eine dritte Art rufen. Es war diese Art, die schon im Rufen restlos klar machte, dass das kaputte Fenster oder die durchbohrte Tür mein Werk gewesen ist. „Christian Andreas Vogt“ – Jedes einzelne Wort betont. Jedes einzelne Wort ein Hammer. Ich wusste, was es geschlagen hatte.

Beim Namen gerufen zu werden ist nicht immer schön. Manchmal kann es einem auch Angst machen. Gerade dann, wenn man etwas ausgefressen hat. Gerade dann, wenn man Scherben produziert hat. Beim Namen gerufen werden heisst: „Ich kenne dich. Ich weiss, wer du bist. Ich weiss, was du getan hast.“

Der Namen eines anderen zu kennen, das heisst ihn mit Namen ansprechen zu können. Wer den Namen kennt, der gewinnt ein Stück Macht über den anderen, denn wer seinen Namen hört, der dreht unweigerlich den Kopf. Wer seinen Namen hört und um etwas gebeten wird, der kann viel schwerer die Bitte zurückweisen, als wenn sie namenlos ausgesprochen wird.

Ganz besonders deutlich, wird das im Märchen des Rumpelstilzchens.

Die Müllers Tochter, die durch die Prahlerei ihres Vaters in eine unmögliche Lage geraten war, bittet ein Kobold um hilf. Denn das Gold, das sie für den König aus Stroh spinnen soll, kann ihr nicht gelingen. Der Kobold aber vermag es. Als Lohn verlangt er das erste Kind der Müllers Tochter. Sie kann den Bund nur lösen, wenn sie seinen Namen errät.

Der Müllers Tochter gelingt es. Mit dem Namen Rumpelstilzchen gewinnt sie Macht über den Kobold. Er muss ihr das Kind zurückgeben. Das Märchen hat ein Happy End.

Weil der Name so grosse Bedeutung hat, haben die Menschen des Alten Testaments den Namen Gottes nicht ausgesprochen. Sie hielten ihn für so heilig, dass sie ihn nicht laut lasen.

Dennoch schrieben sie ihn auf. Im Alten Testament kommt dieser Namen immer wieder vor. Mehr als 6800-mal wird er genannt! Gott will den Menschen nicht verborgen bleiben. Er will, dass wir ihn kennen. Sogar seinen Namen verrät er uns! Seinen Namen, der doch ein Stück seines Wesens ist.

Und so erklärt Gott selber in der Geschichte vom brennenden Dornbusch seinen Namen. Er heisse: „Ich bin der „ich bin da“. Gott ist da. Er ist für uns da. (Ex 3,14)

Es ist sein Wesen da zu sein. Für uns, seine Menschen, da zu sein.

So gibt es dann auch noch eine vierte Art, wie mich meine Mutter ruft. Es ist diese unnachahmliche Art, wenn sie mir ein liebes Wort sagen will. Wenn eine schöne Überraschung auf mich wartet. Eine sanfte, eine einladende, eine willkommen heissende Art. Mein Name so ausgesprochen, dass er wie eine Umarmung ist.

Lieber Liam, Lieber Dario

Ich wünsche euch beiden, dass euch eure Mutter immer wieder mit diesem Namen ruft, den ihr bekommen habt. Einladend, tröstend und ermutigend.

Liebe Gemeinde

Das Rufen unserer Mütter ist der Ruf Gottes, der an uns alle ergeht. Unendlich liebevoller, als es die Stimme unserer Mütter könnten. Unendlich einladender, als wir es jemals einander sagen könnten.

Gott ruft uns. Er ruft uns bei unserem Namen. Er kennt uns, durch und durch. Auch wir dürfen ihn kennen. Wir müssen keine Angst haben. Wir dürfen ihm ganz vertrauen.
Amen

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