Der Blick nach oben

Seid ihr nun mit Christus auferweckt worden, so sucht nach dem, was oben ist, dort, wo Christus ist, zur Rechten Gottes sitzend.
Trachtet nach dem, was oben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.
Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.
Wenn Christus, euer Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.
Kol 3,1-4

Liebe Gemeinde

„Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ rufen sich Christinnen und Christen zum heutigen Osterfest auf der ganzen Welt zu. Es ist ein Siegesjubel, der ertönt. Der Triumph Gottes über alle Sünde und den Tod wird verkündet.

War Karfreitag der Tiefpunkt im Leben Jesu, dann ist Ostern der Höhepunkt. Der Sieg über den Tod und die Sünden der Welt. Der Triumph über alles Schlechte an seinen Feinden. Ja, sogar über alles Schlechte in den Herzen seiner Freunde. Er überwand alles. Er stieg herab in den Tod und die Unterwelt. Doch dort blieb er nicht. Nach drei Tagen entstieg er der Unterwelt. Stieg er empor zu neuem Leben. Nach oben!

Es scheint ganz tief in uns Menschen verankert: Oben zu sein ist besser als unten. Mit „oben“ verbinden wir Erfolg, Sieg und den Platz an der Sonne. Nach oben will wohl jeder. Auch der, der es nicht zugibt.

Im Sport zum Beispiel: Der schnellste Läufer erklimmt am Ende die oberste Stufe des Podests. Die beste Eisläuferin steht bei der Siegerehrung in der Mitte und erhöht über ihre Konkurrentinnen. Ja, sogar bei den Apnoetauchern, die ohne Druckluft möglichst tief tauchen, steht am Ende des Wettkampfs der Sieger oder die Siegerin erhoben auf dem Podest.

Was oben ist, ist gut, erhaben und erstrebenswert.

Das Oben und Unten dabei nicht zufällig gewählt sind, zeigt sich, wenn man auf die Arbeitswelt sieht. Möglichst rasch soll man auf der Karriereleiter emporsteigen. Möglichst bald vom einfachen Angestellten zum leitenden Mitarbeiter werden. Dabei wächst nicht nur der Lohn. Auch das Büro wird grösser, komfortabler und repräsentativer. Die Teppichetage, der Arbeitsort des obersten Managements, ist deshalb meistens in den obersten Stockwerken des Firmensitzes angesiedelt.

Hat man es geschafft Karriere zu machen, dann ist man oben angekommen. Dann wohnt man im Penthouse, macht in einer Luxussuite Ferien im obersten Stock eines Hotels und saust per Privatjet über den Wolken um die Welt.

„So suchet nach dem, was oben ist“ empfiehlt es schon der Kolosserbrief und die ganze Welt scheint diesem Rat zu folgen.

Doch ist dieses Oben gemeint? Schafft Jesus es an Ostern in der himmlischen Firma ganz nach oben? Spielt er jetzt in der obersten Liga – auf Augenhöhe mit dem Schöpfer?

Ist das der Siegespreis, den wir erhalten, wenn wir mit Christus begraben und auferstanden sind? Ist das, das verborgene Leben in Christus?

Nach oben sollen wir streben. Doch nicht nach oben auf das Siegertreppchen oder zur Teppichetage. Nicht nach oben nach den Massstäben der Welt.

Wer nach oben blickt, der sieht zuerst in den Himmel. Sein Blick weitet sich. Der Raum scheint ohne Grenzen zu sein.

Es lohnt sich einmal ganz wörtlich aufzublicken und zu entdecken, was über uns ist.

Vielleicht bleibt dabei der Blick zuerst an der Erde hängen. An klaren Tagen, an denen man bis in die Alpen sieht, erkennt man die Gipfel und die Grate unserer heimatlichen Berge.

Erhaben stehen sie da. Wie für die Ewigkeit gemacht. Rein, weil sie von Schnee weiss bedeckt sind. Verlässlich, weil man auf ihren nackten Fels bauen kann. Schützend, weil kein Sturm der Welt ihnen schaden kann.

Die Berge sind zum Sinnbild der Gegenwart Gottes geworden. Mose begegnet ihm auf dem Sinai. Jesus zieht sich immer wieder auf Hügel und Berge zurück um im Gebet beim himmlischen Vater zu sein. Der Gott auf dem Berg, ist ein Gott, der da ist und zugleich ist er weit weg.

Gott oben auf dem Berg ist dem Alltag ein Stück weit entrückt. Wer zu ihm will, der muss sich auf den Weg machen. Er muss den Berg erklimmen. Der auferstandene Jesus, der bei Gott im Himmel sitzt, ist ein ferner Christus.

Seine Auferstehung, die wir heute feiern, ist ein sperriger Gedanke. Ein Gedanke, den wir Menschen zuerst erklimmen müssen, wie einen Berg. Ein mühsames Unterfangen ohne Abkürzungen. Wir müssen den Weg gehen. Stück für Stück. Schritt für Schritt. Es ist der Weg des Glaubens. Ein Weg, der uns nach oben führt. Ein Weg, auf dem wir den Gipfel nicht erreichen, selbst wenn wir ein Leben lang auf diesem Weg gehen.

Der Weg auf den Berg des Glaubens kann unseren Blick leiten. Er lässt ihn weiter nach oben wandern. Er lässt ihn über seinen Gipfel ausschweifen. Der Blick trifft die Wolken, die am Himmel ziehen und die Erde nicht mehr berühren.

Wer geduldig ist und den Blick in die Wolken nicht als geringen Zeitvertrieb achtet, der kann erkennen, wie die Wolken wachsen, wie sie sich verändern, wie sie weiter ziehen.

Die Wolken am Himmel lassen uns spüren, dass es Orte gibt, die unser Glauben nicht erreichen kann. Die Wolken ziehen und lassen sich bei ihrem Wandern nicht beeinflussen von unserem Tun.

In den Wolken am Himmel können wir ein Zeichen sehen für die Vergänglichkeit unseres Lebens. Mit nichts können wir ihren Lauf aufhalten, wie auch wir unserem Tod nicht entkommen können. Er ist uns gewiss. Vom Tag unserer Geburt an gehen wir auf ihn zu. Oder kommt er uns entgegen?

Wer auf Christus getauft ist, ist nicht auf seine Auferstehung, sondern auf seinen Tod getauft. Auf das Sterben am Kreuz. Auf das Leiden des Schuldlosen.

Doch spiegelt sich in den Wolken auch unsere Hoffnung. Die Wolken vergehen und entstehen neu. Sie regnen aus und bald schon bilden sie sich neu durch die Feuchtigkeit der Luft. Wer auf Christus getauft ist, der ist auf sein Vergehen und sein Neuwerden getauft. In ihm hoffen wir, dass wir mit ihm gestorben sind, auch mit ihm leben werden. Ja, wer mit ihm begraben ist, der hat schon heute Anteil am ewigen Leben. Wer mit Christus stirbt, der ist der Sünde gestorben. Der lebt, auch wenn er stirbt. Das ist unsere Hoffnung von Ostern her.

Am Ostermorgen geht eine Sonne auf. Ein Licht, das auch in der Finsternis unserer Nacht leuchtet. Auch im Dunkeln des Todes.

Es ist die Sonne der Liebe Gottes. Er schenkt uns das Leben. Wir haben es uns nicht verdient. Aus Liebe lässt er sich unter die Verbrecher zählen. Aus Liebe wehrt er sich nicht. Aus Liebe gibt er sich hin.

Die Sonne der göttlichen Liebe strahlt auf an diesem Ostermorgen. Sie leuchtet in der Taufe. Sie sagt Ja zu jedem Mensch.

Wie die Sonne am Himmel über gute und böse Menschen scheint, so gilt seine Liebe allen. Er nimmt uns an mit all unseren Stärken und Schwächen; mit all unseren Fehlern und all unserem Glauben. Die Liebe Gottes gilt seiner Schöpfung. Er umhüllt sie mit warmen Strahlen. Er lässt sie leben, wie die Sonne unseren Planeten und seine Bewohner leben lässt.

Niemand und Nichts kann aus dieser Liebe fallen. Sie gilt allen: Denen ganz oben, wie jenen ganz unten. Sie will in die Herzen leuchten.

Im Glauben des Weges, in der Hoffnung der ziehenden Wolken und in der Liebe der österlichen Sonne dürfen wir unseren Blick neu nach oben wenden. Dürfen wir neu nach oben streben.

Es ist nicht das Oben der Welt, wohin wir streben. Es ist das Oben des Himmels, das wir in Glauben, Hoffnung und Liebe erfahren dürfen. Ein Oben, das so ganz anders ist als das Oben der Welt. Ein Oben ohne unten. Ein Oben, das sich nicht über andere erhebt, sondern sie nach oben zieht. Ein Oben, das nicht Sieger und Verlieren trennt, sondern Brüder und Schwestern vereint.

Es ist das himmlische Oben, das uns an Ostern geschenkt wird. Unverdient und aus lauter Gnade, allein durch Christus. An Ostern dürfen wir gewiss sein: Jesus lebt, mit ihm auch ich. Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.
Amen

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