Das tägliche Brot

Jesus sagt:
Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.
Mt 4,4

Liebe Tauffamilie
Liebe Gemeinde

Der Spruch, den Pia heute Morgen zur Taufe geschenkt bekam, ist ein Jesus Wort. Ein einfacher Gedanke, mit dem die meisten von uns unmittelbar etwas anfangen können.

Es leuchtet ein, dass der Mensch mehr als dem sprichwörtlichen „täglich Brot“ zum Leben braucht. Dass es eine Welt hinter dem Brot, der Butter, der Konfitüre und der Milch gibt. Eine Macht, die nicht nur unsere Nahrung, sondern auch alles andere, das zum Leben dient, einschliesst und zugleich trägt.

Die Welt ist mehr als Oberfläche. Sie ist mehr als Materie. In ihr wirken Kräfte. Kräfte, die wir nicht ganz verstehen. Kräfte aber auch, die die meisten von uns erahnen. Es gehört zu uns Menschen, dass wir neugierig fragen nach dem, „was die Welt im Innersten zusammen hält.“

Wir brauchen zum Leben mehr als die materiellen Güter. Pia würde keine glückliche, junge Frau werden, fehlte es an Liebe und Zuwendung. Sie könnte nicht glücklich werden, selbst wenn ihr aller Reichtum der Welt geschenkt wäre, es an der Liebe aber fehlte.

„Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“

Doch was heisst das, wenn wir es auch verstehen wollen? Was ist gemeint mit dem Wort Gottes? Verstehen wir heute noch, was es heisst „vom täglichen Brot“ zu leben?

Zwischen dem Jesus Wort und uns stehen rund zweitausend Jahre Geschichte. Zweitausend Jahre in denen sich die Welt verändert hat. Wir fliegen, während sie damals zu Fuss oder per Kutsche unterwegs waren. Wir hören Nachrichten aus der ganzen Welt, während damals grosse Teile der Welt noch unentdeckt waren. Wir Skypen und Twittern, während man damals mit viel Aufwand Briefe versenden konnte.

Sogar das Brot von damals und das Brot von heute haben kaum mehr miteinander zu tun. Form und Zusammensetzung änderten sich grundlegend. An Stelle des Gersten- trat das Weizenmehl. Die Hefe verdrängte den Sauerteig. Nur Wasser und Salz blieben gleich. Auch der Herstellungsprozess ist ein anderen geworden. Er hat sich mehr als im Detail verändert.

Mit der Veränderung des Brotes ging ein Wandel in der Bedeutung der Nahrung einher. Noch in der Zeit meiner Grosseltern, um den zweiten Weltkrieg, gab eine Familie 35% ihrer Einkünfte für Nahrungsmittel aus. Auf einen heutigen Acht-Stunden-Arbeitstag umgerechnet, arbeitete man für das tägliche Brot 2 Stunde und 48 Minuten.

Was meinen Sie, wie lang arbeitet man heute noch dafür? Knapp zwei Stunden? Eine Stunde? Ein wenig mehr als eine Halbestunde?

2009 waren es in der Schweiz gerade einmal noch 34 Minuten!

Je weniger Zeit der Mensch braucht um seine Nahrung zu beschaffen, desto weniger ist sie ihm wert. Wir entfremden uns zusehends vom täglichen Brot. Dem täglichen Brot, das es heute bei einigen nur noch im Sprachschatz, als Widerhall einer vergangenen Zeit gib. Als ein Bild, das seine reale Erfahrungstiefe verloren hat. Ein Bild, das beginnt ausgehöhlt zu werden.

Vielleicht wird es dem täglichen Brot einmal so gehen, wie es dem Wort Gottes erging. Das Wort Gottes ist keine alltägliche Erfahrung mehr. Viele meinen mit ihm sei die Bibel gemeint. Quasi ein Synonym.

Doch ist es so einfach? Ist die Bibel das Wort Gottes und das Wort Gottes ist die Bibel? Braucht der Mensch die Bibel zum Leben, wie er das tägliche Brot braucht, oder ist das, was ihn leben lässt, doch noch einmal etwas anderes?

Jesus sagt: „von jedem Wort aus Gottes Mund“. Das Wort, das aus dem Mund kommt, ist das gesprochene Wort. Reden ist etwas anderes als das Schreiben. Miteinander reden ist ein dynamischer Vorgang. Das Wort Gottes ist gesprochenes Wort. Weil es gesprochen ist, ist es lebendiges Wort.

Ein lebendiges Wort ist mehr als das erinnerte Wort der Schrift. Die Bibel selber ist darum auch nicht das lebendige Wort selbst, sondern sie zeugt von ihm. sie erinnert daran.

Das lebendige Wort wirkt in der Gegenwart. Es ist nicht auf die Vergangenheit beschränkt.

Ein Beispiel: Das lebendige Wort ist Schöpfungswort. Das Schöpfungswort verweist dabei nicht bloss auf vergangene Schöpfung; meint nicht nur die Sieben-Schöpfungstage des ersten Schöpfungsberichtes. Schöpfung ist ein Geschehen, das sich Tag für Tag wiederholt.

Denn Gott hat nicht nur einmal geschaffen, er schafft immer wieder neu. In jedem spriessenden Samen, in jedem Ei, aus dem ein Küken schlüpft, in jeder Geburt eines Kindes wiederholt sich das Wunder der Schöpfung. Was Materie ist, wird lebendig.

Pia ist ein kleines Wunder. Ihre Geburt liess wohl keinen von euch, liebe Tauffamilie kalt. Die Geburt des eigenen Kindes berührt uns. Neues Leben ist mehr als Biologie. Ist mehr als das, was wir in der Schule gelernt haben.

Gewiss, man versteht heute vieles. Aber versteht man dabei wirklich mehr? Bei allem verstehen der biologischen Vorgänge – das ein Mensch nach neun Monaten lebt, bleibt ein Wunder. Es ist nie ganz zu fassen.

Das lebendige Wort Gottes bleibt dabei nicht nur schöpfend wirksam. Es ist zugleich das Wort, das uns rettet aus den Verstrickungen der Welt.

Der Taufspruch von Pia spielt auf das Manna an. Gott befreit durch Mose sein Volk aus Ägypten. Erst will der Pharao nicht, doch nach der zehnten Plage lässt er es ziehen. Das Volk kann gehen. Es geht in die Wüste. Es verhungert fast.

Da gibt ihm Gott das tägliche Brot in Form des himmlischen Manna. Es ist tägliches Brot, weil es sich nur einen Tag hält. Die Rettung vollzieht sich nicht einmal. Die Befreiung aus Ägypten ist bloss der Anfang. Gott rettet sein Volk jeden Tag neu. Er gibt ihm das, was es zum Leben braucht. Die Freiheit von Israel ist die totale Abhängigkeit vom lebendigen Wort Gottes.

Es ist das Wort, das an Weihnachten in Jesus Christus Mensch wird. Es ist das Wort, das am Kreuz von Karfreitag zur Rettung der Welt stirbt. Doch mit Ostern wird deutlich: Die Rettung ist nicht ein für alle Mal geschehen. Sie wiederholt sich täglich neu, wenn wir Menschen uns auf das Wort verlassen. Wenn wir Christus in unserem Leben Platz einräumen.

Es ist dabei nicht der Christus der Bibel, der vor zwei tausend Jahren lebte. Der Christus, der in uns wirken will, ist der, der an Ostern auferstanden ist. Der Christus, der ewig regiert an der Seite des himmlischen Vaters.

Beim Brot und unserem Verhältnis zur Nahrung zeichnet sich ein Wandel ab. Gegen den Trend der Entfremdung sind verschiedene Bewegungen entstanden, die die Nahrungsmittel wieder bewusster konsumieren lassen. Der Respekt gegenüber Pflanzen und Tieren wird wieder hoch gehalten. Das tägliche Brot könnte in seiner Bedeutung wieder erkannt werden.

Ob es dem Wort von Gott gleich gehen kann?
Amen

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2 Responses to Das tägliche Brot

  1. Tina & Stefan Kirchhofer sagt:

    Sali Christian
    Toll diese Seite. Bin per Zufall drauf gestossen. Danke für die schöne Predigt. Pia wird sie später mal lesen können – hab sie ihr ausgedruckt und ins Album geklebt :).
    Liebi Grüessli
    Tina &Stefan

    • Liebe Tina, lieber Stefan
      Liebe Pia

      Es freut mich sehr, dass euch die Predigt gefallen hat und ihr sie für Pia aufbewahrt. Ich hoffe, sie wird später einmal beim Lesen die gleiche Freude fühlen, wie wir uns bei ihrer Taufe gefreut haben.

      Liebe Grüsse
      Christian

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