Künstliche Intelligenz

Jesus sagt:
Wer von euch überführt mich der Sünde? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes;
Joh 8,46f.

Liebe Gemeinde

Mich fasziniert das aktuelle NZZ-Folio-Heft zum Thema „künstliche Intelligenz“. Stück um Stück versucht der Mensch dem Computer das Denken beizubringen. In den letzten Jahrzehnten konnten grosse Erfolge gefeiert werden. Es gab zugleich aber auch immer wieder Rückschläge hinzunehmen.

Die NZZ widmet dieser erstaunlichen und manchmal auch etwas verrückten Geschichte ein Heft. Sie zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem Schaffen, dessen erste Versuche schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts unternommen wurden. Theorien und Prüfverfahren werden erklärt und die Meilensteine aufgelistet. Auch wird auf die Gefahren und Ängste hingewiesen. Wie wird es sein, in einer Welt zu leben, die von intelligenten Maschinen gesteuert wird? Ist der Mensch in dieser Welt noch Herr der Lage? Wird diese neue Welt eine unmenschliche und kalte sein?

Dass Computer besser rechnen können als wir, erstaunt uns nicht. Von Beginn an wurden sie dazu entwickelt. Dass sie uns im Schach und seit neuem im Go, dem asiatischen Strategiespiel, schlagen, daran haben wir uns schon fast gewöhnt. Dass sie unsere Handschrift lesen können und in schöne Druckbuchstaben übersetzen, erstaunt uns schon mehr. Wirklich überraschend finde ich aber, dass die ersten Systeme in der Lage sind Bilder zu erkennen und ihren Inhalt in Schlagworten anzugeben.

Die Bildsuche von Google und Co. funktioniere so. Schon lange sind es nicht mehr Menschen, welche die Bilder im Internet indexieren müssen. Was auf einer Fotographie oder einem Gemälde abgebildet ist, das erkennt heute ein Computer, oder besser ganze Computerfarmen, die zu künstlichen neuronalen Netzen zusammengeschlossen sind. Vollautomatisch durchsuchen sie das Internet nach Bildern. Sie analysieren sie und legen Datenbanken an. Wenn wir ein Bild zu einem bestimmten Thema suchen, stellt uns das Programm in Sekundenschnelle eine ganze Auswahl an Bildern zusammen. Echt eine erstaunliche Sache, wie Computer gelernt haben zu sehen.

Doch die Königsdisziplin der künstlichen Intelligenz ist nicht die Bilderkennung. Die höchste Stufe, an der heute geforscht wird und die bereits auf einigen Gebieten funktioniert, ist die Spracherkennung. Der Computer soll lernen gesprochene Sprache zu verstehen.

Dies ist viel schwieriger als Bilder zu erkennen. Denn anders als beim Bild ist ein gesprochenes Wort nicht die ganze Zeit da. Die ersten Schallwellen sind schon verklungen, wenn wir die letzte Silbe eines Wortes beginnen auszusprechen. Damit ein Computer Sprache verstehen kann, muss er eine Art Gedächtnis bekommen. Ein Gedächtnis, welches das Ganze des Wortes in seinem zeitlichen Ablauf und in der Veränderung des Schalls erfassen kann.

Noch funktioniert dies nicht zuverlässig. Doch schon ist eine Spracherkennung auf fast jedem Smartphone installiert. Ob Siri bei I-Phone oder Alex auf den Android-Geräten. Wir telefonieren nicht nur mit unseren Handys, nein wir reden bereits mit ihnen.

Wer es noch nicht selbst ausprobiert hat, der frage doch einmal seine Enkelkinder – sie können euch dies bestimmt viel besser zeigen und erklären als ich.

Die Lektüre zur Spracherkennung faszinierte mich und so testete ich die Spracherkennung meines Gerätes. Auch wenn ich beim Versuch zu diktieren, bald merkte, dass ich doch noch vieles von Hand und mit der Tastatur korrigieren musste. Aber das sei, wenn ich es recht verstanden habe, ein Teil des Lernprozesses der Sprachsoftware. Ich rede und das Gerät gibt mir als Text zurück, was es verstanden hat. Ich korrigiere und das Programm lernt Stück um Stück aus seinen Fehlern. Es entwickelt ein Ohr für meine Sprache.

Im Grunde genommen macht es dabei nichts anderes, als wir es taten als wir als kleine Kinder das Sprechen lernten.

Das Ohr fängt Geräusche auf. Das funktioniert schon beim gesunden, kleinen Kind. Nach und nach lernt es aus dem Gewirr der Geräusche, die Stimme der Mutter zu erkennen. Noch versteht es nicht, was sie sagt. Aber nach und nach lernt es dazu. Es zeigt Reaktionen auf die Worte seiner Mutter. Sie reagiert ihrerseits auf die Reaktionen des Kindes – so lernt das Kind zu verstehen und zu sprechen.

Die Sprache, in der wir uns unterhalten, ist ein komplexes Zeichensystem. Unbewusst haben wir wohl tausende und aber tausende von Regeln abgespeichert, die uns helfen einander zu verstehen.

Ja, wir sind so gut darin uns zu verständigen, dass wir mit wildfremden Menschen reden können, so lange sie die gleiche Sprach sprechen wie wir. Wir müssen also nicht das Schallwellenmuster jedes Wortes des anderen schon einmal gehört haben, damit wir es verstehen. Wir müssen nicht vergleichen, sondern die komplexen Muster der Sprache sind tief in uns verwurzelt. Wir haben sie in- und auswendig gelernt.

Auch wenn andere Geräusche stören oder ein Mensch gar undeutlich spricht, können wir ihn verstehen. Eine Leistung, die auch die besten Computer heute noch nicht erreichen.

Es gelingt uns, weil wir auch das, was wir nicht hören, was übertönt oder ungesagt bleibt, mithören. Weil wir ergänzen, wenn sich in der Erzählung des anderen eine Lücke auf tut.

Eine grossartige Leistung – doch auch eine Quelle von Missverständnissen.

Wem ist es nicht schon passiert? Da erzählt uns ein Freund ein Erlebnis. Er schildert es so gut, dass wir richtig das Gefühl haben, es mit zu erleben. Dass wir glauben es ganz und gar verstanden zu haben.

Ein paar Tage später spielen wir auf diesen Bericht an. Doch unser Freund versteht uns nicht. Erst wenn wir erklären, wird es ihm klar. „Aber das habe ich doch ganz anders erzählt!“ mag er dann lachen.

Missverständnisse sind schnell passiert. Unter echten Freunden sind sie selten mehr als ein Grund zum Schmunzeln.

Dass uns nicht nur Computerprogramme nicht richtig verstehen, sondern wir uns auch gegenseitig missverstehen, ist nichts Neues. Es geschah schon immer.

Besonders damals, als die erste Generation Christen alt geworden war und viele nicht mehr lebten, welche die Apostel noch persönlich kannten. Mit der zweiten und erst recht mit der dritten Generation ist die Geschichte des Glaubens und was genau die gute Nachricht, die rettende Botschaft sei, auf ganz unterschiedliche Arten erzählt worden.

Die einen betonten die Göttlichkeit Jesu, die anderen wollten ihn ganz als Menschen sehen. Einen gerechten, einen von Gott geliebten, aber doch einer wie du und ich. Schon wurde unklar, was der richtige Glauben sei.

In dieser Situation meldet sich der erste Johannesbrief zu Wort. Wir haben in der Lesung einen Abschnitt aus ihm gehört. Er will Klarheit schaffen. Er will das Gehör seiner Leser neu schärfen, will ihnen helfen, damit sie das gute vom falschen Hören unterscheiden können.

Dazu führt er zwei Kriterien ein – Zwei Routinen, wie man diesen bei den intelligenten Computern unserer Zeit sagen würde. Es sind zwei Richtschnüre oder Messlatten, die es erlauben sollen, das Richtige und das Falsche zu unterscheiden.

Zwei Erkennungspunkte, die es dem Ohr ermöglichen sollen die Stimme des göttlichen Geistes von der Stimme des Weltgeistes zu trennen. Es sind dies: Das Kriterium von Christus und das Kriterium der Massstäben der Welt.

Christus als Messlatte: das erste Kriterium.

Steht im Zentrum der Botschaft, die Heil verspricht, Christus? Nicht Christus als Geist, Philosophie oder Prinzip. Sondern Christus als lebendig gewordenes Wort Gottes.

Das erste Kriterium prüft Ziele und Handlungsweise an Jesus, wie er uns in den vier Evangelien begegnet. Es ist ein mitfühlender, gegen die Grossen der Welt kritischer Jesus. Das Zentrum seiner Botschaft ist der Glaube. Das Vertrauen auf Gott, das seinen Ursprung allein in Gott hat. Eine unverdiente Gnade, die sich nicht mit Einbildung auf die eigene Frömmigkeit verträgt. Eine Botschaft, die einen realistischen Blick auf uns Menschen mit unseren Stärken und unseren Schwächen verspricht.

Jede Heilsbotschaft, die den Menschen nur gut oder nur schlecht sieht, verstösst gegen dieses Kriterium. Jede Heilsbotschaft, die auf eigene fromme Leistungen vertraut, oder unkritisch auf die Macht des Staates setzt, kann diesem Kriterium nicht standhalten.

Das zweite Kriterium ist der Massstab der Welt. Die Welt kennt den Menschen als homo economicus – als den wirtschaftlich intelligent handelnden Menschen. Dieser Mensch schafft und lebt ganz aus dem Eigennutz. Altruismus ist ihm fremd. Er ist unfähig die Bedürfnisse seiner Nächsten zu erkennen. Er ist eine intelligente Maschine ohne Gefühle der Nächstenliebe und des Mitleids. Kurz: Wo Egoismus leitet, kann der Geist Gottes nicht wirksam sein.

Blickt man mit diesen Kriterien zurück auf die künstliche Intelligenz, wie sie mich in der Lektüre des NZZ-Folio begeisterte, dann wird diese Begeisterung relativiert.

Fortschritt und ein Mehr an Möglichkeiten ist nichts Schlechtes. Es ist gut, wenn wir forschen und aus den Ergebnissen unserer Forschung Hilfe für den Alltag erwächst. Es ist gut, wenn wir in einigen Jahren vielleicht gar mit unserem Computer nicht nur sprechen, sondern auch diskutieren können.

Doch wird es schwer, wo wir ihnen im Versuch Intelligenz beizubringen nicht auch Kriterien mit- geben, die für ein Stück Menschlichkeit sorgen. Kriterien wie sie exemplarisch schon im 1. Johannesbrief vorkommen.

Wir brauchen dabei keine „gläubigen“ Computer zu entwickeln. Beide Kriterien, das von Christus und das der Massstäbe der Welt, lassen sich in ethische Forderungen herunterbrechen.

Doch, wenn die Schwachen, die Armen, die Elenden und die Fremden aus dem Blick geraten, dann wird die Welt ein Stück kälter. Dann bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen der Kritiker der künstlichen Intelligenz. Wo dies aus dem Blick gerät, wird die Welt zur Hölle, mit oder ohne intelligente Maschinen.

Prüf dich selbst, ob du und deine Handlungsgrundsätze den Kriterien des 1. Johannesbriefes entsprechen. Ob die Welt menschlich bleibt, liegt auch an dir.
Amen

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