Geist und Materie

Als nun die Zeit erfüllt und der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren sie alle beisammen an einem Ort. Da entstand auf einmal vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen; und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jeden von ihnen liess eine sich nieder. Und sie wurden alle erfüllt von heiligem Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab.
Apg 2,1-4

Liebe Gemeinde

Wir tun es alle. Meistens mehrmals pro Nacht. Doch die meisten erinnern sich am Morgen nicht mehr daran. Wir Menschen träumen.

Träumen ist etwas Wunderbares. Niemand weiss so genau, wozu es da ist. Warum wir Menschen träumen können. Ja, träumen müssen um gesund zu bleiben.

Träumen ist aber auch etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte. Im Traum ist unser Bewusstsein an einem Ort, an dem unser Körper nicht ist. Beim Träumen löst sich unser Geist vom Körper und erlebt eine eigene Realität. Lebt für einige Augenblicke in einer Welt, die er selbst erschaffen hat.

Im Traum vermag der Geist, was er im Wachzustand nicht kann. Er bewegt aus eigener Kraft Dinge. Er kann sie erschaffen, verändern und verschwinden lassen. Im Traum ist unser Geist frei.

Doch jeder Traum endet. Spätestens mit dem Klingeln des Weckers kehrt der Geist in den Körper zurück. Der Mensch erwacht. Und auch dann, wenn er nichts mehr von seinen Träumen weiss – wenn das Vergessen in den Armen Morpheus eine Unterbrechung des Ichs mit sich bringt, ist das Ich, das am Morgen erwacht, doch noch das Gleiche, das am Abend eingeschlafen ist.

Ich bin mir meiner selbst bewusst. Ich kann „ich“ sagen, weil ich Geist bin. Weil ich menschlicher Geist bin.

Wir haben – wir sind ihn: unser Geist. Wir können denken. Wir können planen. Wir können uns verschiedene Möglichkeiten ausdenken und uns für eine dieser Möglichkeiten entscheiden.

Wir entscheiden frei, auch wenn die Psychologie und die Neurowissenschaften darauf hinweisen, dass wir nicht völlig frei sind. Mag sein, dass wir in manchem unbewussten bestimmt sind. Gerade im Grossen, in den bewussten Entscheidungen unseres Lebens, wählen wir. Wir sind frei in der Wahl. Sie ist nicht bestimmt.

Unsere Gesellschaftsordnung baut darauf auf, dass wir mit freiem Geist handeln. Nur wenn wir frei handeln können, sind wir auch verantwortlich für unser Handeln. Nur, wenn unser Handeln nicht durch unseren Körper bestimmt ist, können wir das Rechte und das Falsche tun. Die Freiheit der Wahl ist Grundlage um schuldig zu werden. Sie ist Grundlage für Strafe, aber auch Lob und Anerkennung.

Die Freiheit bedingt, dass unser Geist, unser Entscheiden und Handeln, weder durch äusseren noch inneren Zwang bestimmt ist. Der Geist ist nicht von der Materie, dem Körper, bestimmt. Er ist nicht ihr Gefangener. Vielmehr herrscht der Geist über den Körper.

So ist es nicht bloss ein Wunder, wenn ich morgen für morgen der Gleiche bin. Es ist auch ein Wunder, dass das Ich, das ich bin, meinen Körper bewegt und über ihn herrscht.

Was im Traum über allem gilt. Was in der Welt sonst nicht funktioniert. Zumindest im eigenen Körper gilt es. Ich denke: „Arm hebe dich“ und meine Gedanken lassen meinen Arm sich heben.

Obwohl der Geist nicht gebunden ist durch den Körper, so ist er doch in einer Art mit ihm verlinkt, dass er ihn bewegen kann. Ja, der Geist kann nur Geist sein und in dieser Welt etwas bewegen, weil er den Körper bewegt, der auf all das wirken kann, was nicht Körper ist.

Ich staune über die Eigenschaften und Fähigkeiten meines Geistes. Ich bin der Meinung: Es ist ein Wunder. Der Mensch ist ein Wunder.

Immer wieder und von neuem muss der individuelle Geist sich selbst bewusst werden. Es passiert bei jedem Mensch. Es ist ein Prozess.

Auch unser Taufkind steht in diesem Prozess. Er ist noch ein Baby. Er ist sich wohl noch nicht auf diese Art sich selbst bewusst, wie wir Erwachsenen es sind. Doch sein Geist ist auf dem Weg. Bald wird er sich selber entdecken.

Sein Geist wird unserem Geist ähnlich werden. Er wird in dieser Welt leben, wie auch wir in dieser Welt leben. Unser Geist existiert in dieser Welt. Er wirkt auf sie ein. Doch braucht er einen Körper, unseren Körper um zu wirken.

Was für unseren Geist gilt, gilt auch für den Heiligen Geist. Er wirkt indem er sich auf Menschen legt. Er braucht den Menschen für sein Wirken.

So war es bei den Propheten des Alten Testamentes. Sie richteten dem König und dem Volk das Wort Gottes aus. Predigend gingen sie dorthin, wo der Geist sie hingeschickt hatte. In ihrem Reden legten sie den Finger in die Wunde des sozialen Unrechts und der religiösen Heuchelei der Besitzenden.

Auch im Neuen Testament wirkt der Geist. Er überkommt Maria, die treu ist gegen die Botschaft des Engels. Der Geist wirkt in ihr und durch sie. Er zeugt ihren Sohn. Sie gibt ihm den Namen Jesus.

Schliesslich wirkt der Geist auch in und durch die Apostel. An Pfingsten legt er sich auf sie. Sie werden begeistert – im vollen Sinn des Wortes. Der Heilige Geist inspiriert sie. Er giesst sich ein und schafft die Kirche.

Zum ersten Mal wirkt der Geist nicht in einem einzelnen Menschen, wie er es bei den Propheten und bei Maria tat. Zum ersten Mal wirkt er in Gemeinschaft. Der Geist vereinigt Einzelne zum Leib Christi. Er schafft die Kirche.

Doch auch hier wirkt er nicht ohne sich der Körper der Apostel zu bedienen. Der Geist Gottes verbindet sich dem Geist dieser Menschen. Gemeinsam wirken sie.

Erst in dieser Verbindung wird das Pfingstwunder möglich. Die frohe Botschaft wird der Welt verkündet. Erst in der Verbindung von göttlichem und menschlichem Geist können die Zeuginnen und Zeugen die Worte hören. Die Worte, die in ihrer Muttersprache gesprochen werden.

Jetzt erst sind sie von Gott getroffen. Entgeistert fragen sie sich, wie das möglich ist. Erst jetzt erschrecken sie, denn „hier muss Gott wirken“, erkennen sie.

Als zuerst das Brausen ihre Neugier weckte, können sie erst jetzt verstehen: Gottes Geist wirkt durch die Apostel.

Im Wirken dieses Geistes sind die Apostel geheiligt, weil der, der in ihnen wirkt, heilig ist.

Gott giesst an Pfingsten seinen Geist aus in seine Kirche. Fortan wirkt er in ihr. Der Geist Gottes ist auch in uns gelegt. Er wirkt in uns, so viel oder so wenig wir ihn wirken lassen.

Wenn wir, wie die Apostel damals, in unserem Geist sein Geist wirken lassen, dann dürfen wir ein Wunder erleben. Dann wirkt der Geist in uns, was unser Geist nicht wirken kann. Dann lässt er Glauben wachsen und blühen. Glauben, der verlässlich ist. Glauben, der auf Gott vertraut. Glauben, der Gewissheit schenkt, das der Geist, der uns gegeben ist, Heiliger Geist ist. Der Geist, der uns heilig macht.
Amen

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