Gott ist Liebe

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.
1. Joh 4,16b

Liebe Gemeinde

Am zweiten Sonntag des Wonnemonats Mai feiern wir traditionell unsere Mütter. Am Muttertag übernehmen in vielen Familien die Kinder die Aufgaben der Mutter. Zumindest bei uns zu Hause haben wir es so gehalten. Unterstützt durch unseren Vater machten wir die Betten, saugten Staub, wischten ab und kochten das Mittagessen für unsere Mutter. Es war ein Zeichen des Dankes. Ein tätiges „Merci viil mohl, liebs Mami, für alles, wo du under em Jahr für euis tuesch!“

Leider ging uns Kindern meistens schon nach dem Mittagessen der Atem aus. Die verdreckte Küche überliessen wir der Obhut unserer Mutter. Zurückblickend bekenne ich: Die Entlastung war eher Belastung für meine Mutter. Trotzdem liess sie uns Kinder wissen, wie sehr es sie freute. So können nur Mütter lieben.

Vielleicht kennst du ähnliche Bräuche aus deiner Familie. Man nimmt Arbeit ab. Man schenkt einen Blumenstrauss. Man bastelt daheim oder im Kindergarten. Man bäckt einen Kuchen. Man lädt zum Essen. Man macht eine Ausfahrt. Man schreibt einen Brief oder wenigstens eine Karte. Man macht einen Besuch…

Selbst wenn einem die eigne Mutter nicht mehr erkennt, wegen der fortgeschrittenen Demenz. Oder: Man besucht gar das Grab, weil man selber alt geworden ist und die Eltern schon lange auf dem Friedhof ruhen…

Auch das kann zum Muttertag gehören: Die Erinnerung an Vergangenes – die Lücke, die sie hinterlassen hat. In der liebevollen Erinnerung, wird sie noch einmal lebendig. Fast meint man ihre Stimme am Grab zu hören…

Mag einem der Muttertag als Jugendlicher auch gelegentlich lästig gewesen sein, spätestens als Erwachsener sieht man klar, was man an der eigenen Mutter gehabt hat.

Bei allen Fehlern, die gewiss auch zu unseren Müttern gehören, in einem haben sie doch ihr Bestes gegeben. Sie haben uns nach besten Kräften geliebt. Sie lieben uns, so gut sie es können. Sie lieben uns, ohne dass wir dafür etwas leisten müssen – unbedingte Liebe.

Das darf auch unser Täufling erfahren. Ganz viel Liebe spürt man unter euch, liebe Tauffamilie. Mutterliebe, eine ganz spezielle Liebe.

Ich bin überzeugt: Die Mutterliebe gleicht der Liebe, von der es heisst: „Gott ist Liebe“. Sie widerspiegelt Gottes Ja zu uns. In der Zuwendung unserer Mutter lässt Gott uns erahnen, was seine Liebe bewirken kann.

Mutterliebe gilt dem Kind. Noch bevor es geboren wird, ist die Mutter für es da. Kein Kind muss sich diese Liebe verdienen. Der göttliche Plan scheitert, wenn es anders wäre.

Es ist das unbedingte, unverdiente, uneigennützige, welches die Mutterliebe so einzigartig macht. Sie ist nicht auf Gegenseitigkeit angelegt. Sie hört nicht auf, wenn sie zurückgewiesen wird. Sie ist ein sicherer Hafen, in den Stürmen des Lebens. Mag das Ruderboot unseres Seins auch zum Ozeanriesen angewachsen sein, im Herzen unserer Mutter wird immer genügend Platz für uns sein. Bei unserer Mutter finden wir offene Arme und Ohren.

Ich bin meiner Mutter von Herzen dankbar, für all die Liebe, die ich erfahren durfte und noch erfahren werde. Es ist diese Liebe, die es mir ermöglicht zu erahnen, was es heisst, wenn es heisst: „Gott ist Liebe“.

Göttliches Lieben ist bedingungslos. Sie ist im Anfang und ist der Anfang meines Seins.

Weil sie vor meinem Sein kommt, ist sie in ihrem Wesen einseitig. Denn bevor ich bin, fehlt ein Zweites, das diese Einseitigkeit aufheben könnte. Ist sie aber einseitig, so kann ich nicht ihr Grund sein. Weil ich nicht ihr Grund bin, ist sie freie Liebe Gottes.

Die Freiheit seiner Liebe macht sie zur befreienden Liebe. Nicht zu einer Liebe, die befreit als eine Tat. Sondern zur Liebe, die allein im vollen Sinn des Wortes befreien kann. Nicht als Tat, sondern als Zustand. Nur in ihr ist die volle, ungeteilte und unverborgene Freiheit da.

Diese Liebe gilt mir, doch nicht mir allein. Zum Wesen dieser Liebe gehört es, dass sie nicht kleiner wird, wenn Gott sie teilt. Sie gilt dem Mensch. Sie gilt zugleich mir und dir. Zugleich unserem Nächsten und unserem Fernsten. Ja sie gilt, auch dem Feind – sogar dem Feind Gottes.

Darin wird deutlich, wie sehr sie der Mutterliebe ähnelt und sie doch um Welten übersteigt.

Denn die Mutter liebt, Gott aber ist Liebe. Seine Liebe ist mehr als die tätige Liebe der Mutter.

Gott ist nicht Täter der Liebe – Er ist Liebe. Sein Wesen ist Liebe. Es ist ganz und gar Liebe.

Es gibt keinen Platz in ihm für all das, was der Liebe widerspricht. Gott ist Liebe, darum hasst er nicht. Gott ist Liebe, darum sagt er Ja zu uns Menschen.

In diesem Ja ist die Zusage begründet, welche Gott uns in seiner Liebe macht. Es ist ein Versprechen, das gilt. Ein Versprechen, das so zuverlässig und gewiss ist, wie wir es uns für unsere Versprechen gern wünschten. Ein Versprechen, auf das wir alle bauen dürfen.

„Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“

Das Versprechen ist ein Doppeltes. Die beiden Teile ergänzen sich. Der zweite Teil schliesst dem ersten an und begründet ihn zugleich. Doch schauen wir genau hin.

„Wer in der Liebe bleibt…“, das Versprechen beginnt beim Menschen. Ganz nahe bei mir, ganz nahe bei dir. Nicht der Mensch als Gattung ist angesprochen, sondern der Mensch als Individuum. Der Mensch als Individuum aber, das bin ich – das bist du.

Wenn du in der Liebe bleibst, dann bleibst du in Gott!

So einfach könnte es sein. Man muss nur in der Liebe bleiben. So schwer ist es, man muss nur in der Liebe bleiben.

Zu lieben kann uns unendlich leicht fallen. Es kann uns fliegen lassen. In der Liebe kann man auf Wolke sieben schweben.

Liebe kann aber auch schwer fallen. Es kann unmöglich werden. Ein gebrochenes Herz kann fast nicht mehr lieben. Je intensiver die Liebe, desto schmerzhafter ist ihr scheitern.

Wäre Liebe eine Aufgabe, könnte die Aufforderung in der Liebe zu bleiben, leicht fallen – schwer fallen. Man könnte an ihr zerbrechen.

Doch ist sie eine Aufgabe?

Der Vers setzt mit einer logischen Unmöglichkeit fort. Es wird verheissen, dass der Liebende in Gott bleibt und Gott in ihm.

Das ist unmöglich. Ich kann nicht in etwas drin sein und dieses etwas ist zugleich in mir. Ich kann nicht zugleich in einem Haus sein und das Haus ist in mir. Ich kann nicht umgeben sein und dabei selber umgeben.

Es ist ein dialektisches Wort, das uns hier begegnet. Wir können es nicht verstehen, denn es übersteigt unsere Vorstellungskraft. Wir können es nur glauben. Wir dürfen ihm vertrauen.

Denn wenn Gott um uns und in uns ist, dann umgibt er uns nicht nur, er wirkt auch in uns. Wenn er aber in uns wirkt, was bewirkt er anderes als was seinem Wesen, der Liebe, entspricht?

„Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt ihn ihm“, ist ein Ringschluss. Das Wort schliesst sich zum Rettungsring. Es schliesst uns ein. Es schliesst dich und mich ein.

Der Rettungsring trägt uns im Meer der Schmerzen, der Trauer und des Hasses, das mit zu unserer Welt gehört. Wir müssen nicht selber in stürmischen Wassern schwimmen. Wir dürfen auf Gott vertrauen, weil er uns in seine Liebe mit hinein nimmt.

Unseren Müttern können wir nie genug für die Liebe danken, die sie an uns getan haben. Wir bleiben im Leben immer ein Stück Liebe schuldig. Wie bleiben wir erst Gott schuldig?

Doch in unsrem Unvermögen dürfen wir auf ihn vertrauen. Gott erlöst uns aus unserem Schuldigsein. Nicht, dass wir nicht lieben sollen, sondern dass wir uns ganz auf ihn verlassen können. Ihn von dem es heisst: „Gott ist Liebe!“

Im Vertrauen auf ihn wird uns dazu getan, was uns fehlt. Im Vertrauen auf ihn erfahren wir die rettende Liebe. Im Vertrauen auf ihn sind wir geliebt und angenommen.

Wir müssen nicht lieben, weil wir gerettet werden wollen. Sondern weil wir gerettet sind, dürfen wir einander lieben.

Gott ist Liebe – Er befreit uns damit wir einander lieben. Damit wir einander annehmen dürfen, so wie wir sind.

In diesem Sinn wünsche ich euch allen einen liebevollen Muttertag.
Amen

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2 Responses to Gott ist Liebe

  1. Nadine und Dani mit Lara Streit sagt:

    Hoi Christian

    Danke für die schön Predigt a de Taufi vo eusere Lara.

    En liebe Gruess
    Nadine und Dani met Lara

    • Liebe Nadine, Lieber Dani
      Liebe Lara

      Ich fühle mich geehrt, dass ich deine Taufe zelebrieren durfte. Du hast tolle Eltern und Grosseltern. Gotte und Götti werden dich gewiss mit viel Liebe unterstützen. Geniesse die Zeit mit Ihnen. Sie werden dein Leben mit viel Gutem prägen.

      Liebe Grüsse

      Christian

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