Hoffnung

„Und es gibt Hoffnung auf Zukunft für dich“, sagt der Herr „die Kinder werden zurückkehren in ihr Gebiet.“
Jer 31,17

Liebe Gemeinde

Es ist ein eindrückliches Bild, das uns der Fotoreporter Warren Richardson zeigt. Nur fahles Mondlicht beleuchtet schwach die Szene. Die Bewegungen verwischen sich leicht. Der Einsatz des Blitzes war nicht möglich. Das kurze Aufflackern des künstlichen Lichts irgendwo an der ungarisch-serbischen Grenze hätte den Grenzschutz aufmerksam gemacht. Die Fliehenden wären entdeckt worden und hätten alle ihre Hoffnungen begraben müssen.

Der Moment, in dem Richardson auf den Auslöser seiner Kamera drückt, ist ein Moment voll Gefahr, Angst und doch auch Hoffnung.

Es ist ein intimer Moment im Leben dieser Menschen. Man erkennt Verletzlichkeit und Furcht im Blick des Vaters. Das Bild dringt ein in die Tiefen seiner Emotionen und seines Herzens. Es verletzt fast die Grenze der Intimität – Es ist hart an der Grenze zum Voyeurismus.

Es lässt den Betrachter nicht los. So still diese Szene ist, so laut ruft sie in mein Herz, wenn ich mich auf das Foto einlasse. Vermutlich kann keiner von uns anders, als sich spontan mit dem Vater auf dem Bild verbunden zu fühlen.

Was erlebte er wohl alles? Warum verliess er mit seinem Baby die Heimat? Wo ist die Mutter seines Kindes? Lebt sie noch, oder haben sie die Gefahren der Flucht über das Ägäische Meer das Leben gekostet? Sind es ihre Hände, die nach dem Kind greifen, oder fremde Hände, die sich durch das Elend berühren liessen?

Hope for a new life – Hoffnung auf ein neues Leben – nennt Warren Richardson sein Bild. Hope – Hoffnung; ein starkes Wort. Nicht nur für diesen flüchtenden Mann – auch für uns.

Hoffnung ist eine Kraft Gottes. Hoffen zu können eine Fähigkeit, die der Schöpfer tief in die Seele des Menschen eingepflanzt hat. Die Hoffnung ist Antrieb auch dann weiter zu leben und zu kämpfen, wenn es nach menschlichem Ermessen aussichtslos scheint.

Menschen, die hoffen, sind zu aussergewöhnlichen Leistungen fähig. Sie entwickeln Medikamente, die Tausenden das Leben rettet, wie es Alexander Fleming tat. Sie erfinden Maschinen, die den Gesetzten der Physik zu trotzen scheinen, wie es die Gebrüder Wright taten. Sie schreiben Gebete, die Millionen Menschen in Trauer und Leid Kraft geben, wie es Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis tat. Sie lassen sich vom Geist Gottes berühren, wie der unbekannte Prophet, der im Namen Jeremias zu Israel im Exil sprach.

Das babylonische Exil im 6. Jahrhundert vor Christus war die grosse Zäsur in der Geschichte des Volkes Israel. Die Babylonier bewohnten ursprünglich das Gebiet um die Stadt Babylon, die rund 90 Kilometer südlich vom heutigen Bagdad lag. Am Ende des 7. Jahrhunderts vor Christus gewannen sie immer mehr Einfluss. Sie stiegen zu einer der antiken Supermächte auf. Gebiet um Gebiet, Land um Land, Königreich um Königreich erobern und unterwerfen sie. Sie überzogen die Welt mit Krieg. Viele Menschen wurden vertrieben, verletzt, ermordet.

Auch Juda, der kleine Rest Israels, blieb nicht verschont. Die Babylonier belagerten Jerusalem. Die Propheten mahnten in der Bedrohung auf Gott zu vertrauen. Doch niemand wollte auf sie hören. Man vertraut lieber auf die eigenen Fähigkeiten – ein aussichtsloses Unterfangen. Die Babylonier waren technisch, taktisch und an Mitteln den Judäern hoffnungslos überlegen.

Jerusalem fiel. Die Stadtmauer wurde geschliffen. Der einst so prächtige Tempel des Königs Salomo ausgeraubt und in Schutt und Asche gelegt.

Die Niederlage Israels war total. Ein Schlag, in dem es keine Hoffnung gab, dass sich Volk und Gott je davon erholen könnten. Es war das Ende der jüdisch-israelitischen Kultur und Religion. Die wenigen Überreste waren dem Vergessen anheim gestellt. Das Volk musste seine Heimat verlassen. Die Eroberer führten es in die Verbannung. Die Zeit des Exils begann.

Israel verlor Gebiet und Reichtum, selbst seine Identität. Es hörte auf zu existieren. Es gab keine Hoffnung mehr.

Keine Hoffnung? Was hoffen Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden? Was hofft der Vater auf dem Bild?

Warren Richardson gibt weder mit seiner Fotographie, noch auf seiner Homepage eine Antwort auf diese Frage. Deutlich wird bei ihm nur, dass die Menschen hoffen, ohne durch einen sicheren Drittstaat registriert worden zu sein, Zentraleuropa zu erreichen. Sie wissen darum, dass ihr Handeln illegal ist; dass es nicht den Gesetzen und Bestimmungen der Länder entspricht, in denen sie Schutz suchen. Dennoch gehen sie das Risiko ein. Warum?

Es ist erstaunlich: Sie kommen nicht wegen den guten Sozialleistungen, denn sie wollen arbeiten. Sie kommen nicht, weil sie glauben hier das Paradies zu finden. Sie kommen nicht, weil sie ihre Gastländer ausnützen wollen.

Sie kommen aus ganz anderen Gründen. Sie kommen, weil sie überzeugt sind, dass sie hier mit ihren Familien in Frieden leben dürfen. Sie kommen, weil bei uns jeder und jede eine faire Chance bekommt. Sie kommen, weil ihre Kinder an unserem Bildungssystem teilnehmen dürfen. Sie kommen, weil unsere Gerichte nach Gesetz und ohne ansehen der Person Recht sprechen. Weil man niemanden schmieren muss und es keine Korruption gibt.

Sie kommen, weil sie die europäischen Werte anziehen. Werte, die sie nicht zerstören, sondern mit uns zusammen leben wollen.

Die Angst, dass unser abendländischer Wertekanon durch den Zufluss von Migrantinnen und Migranten zerstört wird, ist eine Angst, die die Falschen trifft. Es ist nicht der Strom, der bei rechter Betrachtung mehr ein Bach ist, vor dem wir uns in Acht nehmen sollten. Was uns Sorgen bereiten muss, sind die, die sich gegen unsere Werte stellen.

Es sind zwei Gruppen, die ich meine. Die kleine, in den sozialen Netzen gross geschriebene Gruppe der Terroristen, die sich unter den Flüchtlingen verstecken, und die grosse, wenn auch meistens totgeschwiegene Gruppe derer, die meinen, dass die europäischen Werte nur für sie, aber nicht für andere gelten.

Die erste Gruppe soll der Staat im Auge behalten. Dafür verfügt er über Sicherheitsbehörden von der Polizei bis zum Geheimnisdienst. Es bringt nichts, so zu tun als gebe es diese Gruppe nicht. Es wäre aber auch falsch, jedem Fremden so zu begegnen, als ob er zu dieser Gruppe gehören würde. Es sind Einzelne. Es sind Ausnahmen. Es sind verschwindend Wenige.

Die zweite Gruppe aber, sollte uns Schweizerinnen und Schweizern, die wir stolz sind auf unsere Werte, Sorgen bereiten. Unsere Werte haben gerade wert, weil sie universelle Geltung beanspruchen. Sie sind wertvoll, weil sie prinzipiell für alle gelten. Ein Relativismus des „Man-Kann-Es-So-Oder-Auch-So-Sehen“ verträgt sich nicht mit unseren Werten. „Andere Länder andere Sitten“ darf im Blick auf diese Grundwerte nicht gelten, weil dies die Grundlage unseres Wertekanons zerstören würde.

Es lohnt sich, unsere abendländischen Werte zu verteidigen. Doch sie sind nur dann verteidigungswürdig, wenn sie für alle gelten. Für alle – auch für den Fremden, der als Flüchtling unter uns wohnt. Für alle – auch für den Vater am ungarisch-serbischen Stacheldrahtzaun.

Er kommt mit seinem Baby. Er kommt mit seinem Kind, weil er darauf hofft, dass diese Werte auch für ihn gelten.

Als Schweizer, die stolz sind auf ihre Werte, schulden wir ihm, dass seine Hoffnung nicht umsonst ist.

Doch sind wir nicht bloss Schweizer. Wir sind Christinnen und Christen. Unsere Hoffnung gründet sich nicht im abendländischen Wertekanon. Unsere Hoffnung ist allein in Gott begründet.

Als die Babylonier vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden Jerusalem zerstörten, da kam die Geschichte ihres und unseres Gottes nach menschlichem Ermessen an ihr Ende. Da gab es keinen Grund mehr zum Hoffen.

Doch Gott liess sich nicht überwinden. Die Stadt und der Tempel waren zerstört. Der Kult nahm sein Ende. Doch Gott zog mit den Verbannten ins Exil.

Er wurde ihnen in der Fremde von Babylon zur Hoffnung. Er überschritt die Grenzen von dem, was Menschen damals zu glauben wagten. In der Fremde wurde ihr Glaube geprüft. Aus dem Feuer der Verbannung ging er gereinigt und verändert hervor. Im Exil wurde aus dem alten Kult der tragfähige Glaube, in den Jesus hinein geboren wurde.

Ohne die Zeit des Exils wäre die Heilsgeschichte Gottes mit seinen Menschen eine andere gewesen. Es brauchte das Exil – für das Judentum, aber auch für das Christentum. Es brauchte das Exil um Gott näher zu kommen.

Die Israeliten erlebten Gott neu. Sie erfuhren ihn als Grund ihrer Hoffnung. Sie vertrauten auf Gott und hörten sein Versprechen. Sie vertrauten ihm und wurden nicht enttäuscht.

Gott sprach zu ihnen: „Es gibt Hoffnung auf Zukunft für dich. Die Kinder werden zurückkehren in ihr Gebiet.“ Es war kein leeres Versprechen.

Die Kinder von denen, die in das Exil geführt wurden, kehrten nach Israel zurück. Sie bauten den Tempel und die Stadt wieder auf. Sie lebten den Kult neu.

Die Hoffnung Israels ist die Hoffnung von jedem, der aus seiner Heimat fliehen muss. Die Hoffnung, dass Zukunft möglich ist. Es ist diese Hoffnung, die auch der Vater auf dem Bild im Herzen trägt. Es ist diese Hoffnung, die mich fragen lässt: „Was kann ich; Was können wir tun, damit sie in Erfüllung gehen kann?“
Amen

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