Kirchenglocken – Stein des Anstosses?

Und er wird ein Heiligtum sein und ein Stein des Anstosses und ein Fels, an dem man strauchelt, für die beiden Häuser Israels, ein Netz und eine Falle für den, der in Jerusalem wohnt.
Jes 8,14

Liebe Gemeinde

Schon lange ist sie wieder abmontiert, die zweite Kollekten-Kasse, die man vor vielen Jahren beim Ausgang unserer Kirche montiert hatte. Die zweite Kasse diente damals einer speziellen Kollekte. Keine Gabe für die Armen in Afrika. Keine Gabe für die Mission und Evangelisation in Asien. Keine Gabe zur Unterstützung von Waisenkindern bei uns. Nein, die zweite Kollekte war bestimmt für einen lang gehegten Wunsch unserer Kirchgemeinde. Einer Anschaffung, die für alle da sein sollte.

Vor fünfzig Jahren war es soweit. Das Geld aus der Kollekte wurde zusammengelegt. Andere Mittel kamen ergänzend dazu. Eine stolze Summe. Sie entsprach den Kosten der Wunscherfüllung. Endlich durfte der Auftrag erteilt werden! Dann hiess es geduldig zu warten. Nach Wochen und Monaten des Planens und Ausführens wurde schliesslich geliefert.

Die Lieferung war ein Ereignis! Gross und Klein; Männer und Frauen; Veltener und Oberflachser; Geladene Ehren- und zufällige Zaungäste freuten sich mit ganzem Herzen. „Endlich sind sie da! Endlich können sie aufgezogen werden! Endlich wird man ihr Singen im ganzen Tal hören!“ Die zwei neuen Glocken waren und sind der ganze Stolz unserer Kirchgemeinde.

Am 11. Juni im Jahre 1966 fuhren sie mit Ross und Wagen von Aarau in ihre neue Heimat. Die ganze Bevölkerung begrüsste sie voller Freude. Gemeinsam zogen sie die Schülerinnen und Schüler der Gemeinde in ihre neue Wohnung in den Kirchenturm hinauf. Dort zogen sie in die WG der Glocken ein und liessen sich in der Glockenstube nieder. Die beiden Jungen begannen zusammen mit den Uralten von 1415 zu singen. 600 Jahre vereinte ihr Lied. Ein Lied, das seit damals als Kirchengeläut von Veltheim in das Land hallt.

So erklingen sie. Tag für Tag. Ob als Elf-Uhr-Geläut oder zum Feierabend. Sie läuten Sonntage ein und aus. Sie rufen zum Gottesdienst. Sie begrüssen Menschen und verabschieden sie. Einige für immer.

Die Glocken bedeuten manchem von uns Heimat, Wohlklang, Friede. Sie gehören einfach mit dazu.

Einfach mit dazu? Nicht jeder teilt heutzutage diese Freude. Der Stundenschlag und das regelmässige Geläutet werden ganz unheimatlich und unfriedlich als Unwohlklang wahrgenommen. Nicht nur im Fricktal sollen die Glocken schweigen – Nicht nur im Fricktal stossen sich Menschen an ihrem Klang. Nicht nur im Fricktal stören sie die Ruhe – wie man in der Zeitung im letzten Jahr des Öfteren lesen musste.

Glocken als Ruhestörung? „Klar kann der Pfarrer nur dagegen predigen!“ denkt bestimmt der eine oder andere von euch. Ich muss euch enttäuschen. Ich predige nicht dagegen. Ich stimme zu.

Glocken stören mich in meiner Ruhe! Sie rufen mitten hinein in meine Gedanken und reissen mich aus ihnen. Sie drängen sich zwischen Gespräche und mischen sich in Bücher ein. Sie unterbrechen den Alltag! – Und das ist gut so!

Glocken stören meine Ruhe. Glocken sind ein Ärgernis. Das ist ein Segen. Denn in ihrem Stören rufen sie den Stein des Anstosses in Erinnerung. Ihr Schall ruft zurück zu jenem, der Griechen und Juden vor zweitausend Jahren ein Ärgernis war. An ihrer Botschaft stossen sich noch heute Menschen. Glocken fordern uns heraus. Sie rufen uns aus der Gemütlichkeit unseres bürgerlichen Lebens. Sie rufen uns zurück zu Jesus.

Er war ein Stein des Anstosses, damals vor zweitausend Jahren, der Sohn eines Zimmermanns. Seine Botschaft vom Reich Gottes und der Liebe des Vaters gefiel nicht allen. Sie störte die Ruhe in Galiläa. Sie rüttelte Menschen auf. Einige stiessen sich an ihr schmerzhaft den Fuss. Sie stolperten über sie.

Wie jener angesehene Familienvater, der sich selbst erkannte, als Jesus eine Geschichte erzählte.

Seit Jugend an gab er sich Mühe. Täglich las er in der Thora. Er müht sich ab alle Verbote zu achten und nach der Weisung aller Gebote zu handeln. Oft sah er sich dem Spott seiner Kameraden ausgesetzt, wenn er „Nein“ sagte. Wenn er „Nein, das will ich nicht, die Thora verbietet es! Es ist gegen den Willen Gottes!“, sagte.

Erst jetzt, als er erwachsen geworden war; erst jetzt, als er eine treue Frau und wohlerzogene Kinder hatte; erst jetzt, darf er die Früchte seiner Mühe ernten. Die Bewohnerinnen und Bewohner seines Dorfes achteten ihn für seine Frömmigkeit. Einer Frömmigkeit, der sie nicht fähig waren.

Doch da kommt Jesus in sein Dorf. Er lobt ihn nicht für seine Frömmigkeit. Er erzählt ihm und seines Gleichen ein Gleichnis. „Ein Pharisäer und ein Zöllner betet im Tempel…“

Das traf! Nicht er kam gut weg. Sondern die andern, der Zöllner, der Tagelöhner, der Bettler: Sein Nachbar, der nicht so fromm war, wie er. Der nur beten konnte „Gott, sei mir armen Sünder gnädig!“

Mit voller Wucht lief er gegen den Stolperstein. Er konnte nicht mehr weiter gehen. Er humpelte nach Hause. „Der Stein des Anstosses, dieses Ärgernis, muss weg!“, dachte er bei sich. Die Gedanken verfinsterten sich.

Er blieb nicht der einzige. Andere stiessen sich an Jesus. Erst recht, als er am Kreuz für uns starb. Erst recht, als er zur Vergebung unserer Sünden unseren Tod erlitt.

Der Pharisäer im Tempel ist kein Mann, der vor langer Zeit lebte. Der Pharisäer im Tempel ist nicht längst Tod. Er lebt in jedem von uns. Er ist ein Teil von uns, wie auch der andere ein Teil von uns ist, der neben ihm bettete. Der nichts anderes vor Gott bringen konnte als seine Bitte: „Sei mir armen Sünder gnädig!“

Vielleicht sind wir keine Pharisäer im historischen Sinn – Doch stehen sie uns wohl näher, als es uns lieb sein kann. Das Wort des Kreuzes ist auch heute noch ein Gedanke, an dem sich Menschen stossen.

„Ich will ja glauben“, sagt die Krankenschwester, „aber das mit dem Kreuz? Es ist mir zu schrecklich!“

„Ich will ja glauben“, sagt der Professor, „aber das mit dem Kreuz? Es widerspricht der Vernunft!“

„Ich will ja glauben“, sagt der Bäcker, „aber das mit dem Kreuz? Es ist mir ein Graus!“

Und wie ist es mit mir und mit dir?

Habe ich wirklich das Kreuz angenommen? Habe ich Jesus angenommen – Jesus, den gekreuzigten?

Habe ich ihn so angenommen, dass er mir ein Stolperstein ist? Ein Stein an dem ich mich stosse und der mich aus dem Takt bringt, wenn ich allzu sicher meine Wege gehe? Wenn ich mir meines Glaubens allzu sicher werde und meinen Glauben rühme und nicht mehr das Kreuz?

Christus ist ein Ärgernis. Er stört die Ruhe meines Glaubens. Er schreckt mich auf. Er bringt mich aus dem Tritt. Er durchbricht die Routine meines Alltags. In ihm erkenne ich mich neu in meiner Situation – in meiner Situation vor Gott.

Christus ist mir ein Ärgernis. Ist er auch dir ein Ärgernis? Ist er noch ein Ärgernis?

Mir scheint es, es sei wie mit dem Glockengeläut. Das Ohr kann sich an den Klang gewöhnen. Das Ohr kann sich so sehr daran gewöhnen, dass der Mensch es gar nicht mehr wahrnimmt. Es läutet, doch im Herzen passiert nichts. Christus ruft, doch der Ruf verhallt ungehört in der Seele.

Unsere Vorfahren wussten um diese Gefahr. Sie wollten etwas dagegen tun. Sie taten etwas dagegen.

Sie entschlossen sich das Geläut zu erneuern. Sie fügten ihm zwei Glocken hinzu und schafften so eine neue Harmonie. Es war ihnen etwas wert. Es war ihnen viel wert. Sie taten nicht nur ihr Herz für unsere Glocken auf, sondern auch das Portemonnaie.

Die Glocken tun ihren Dienst. Seit fünfzig Jahren schlagen und schwingen sie. Seit fünfzig Jahren rufen sie ins Tal hinein.

Mag sein, dass sie manchem Zugezogenen ein Ärgernis sind.
Mag sein, dass sie manchem Einheimischen zur Gewohnheit geworden sind.

Doch sie rufen! Sie rufen geduldig und treu.

Es liegt an dir; es liegt an mir; es liegt an uns, ob sie ihren Dienst umsonst tun. Es liegt an uns, ob wir unsere Ruhe von ihrem Gesang unterbrechen lassen. Es liegt an uns, ob wir uns von Jesus aus dem Tritt bringen lassen. Es liegt an uns, ob wir seine Botschaft nicht bloss als Botschaft für andere, sondern als Botschaft an uns hören. Es liegt an uns, ob wir uns von seinem Rufen betreffen lassen.

Es liegt an uns, ob wir unser Ohr verschliessen oder ihm unser Herz öffnen.
Amen

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