Sündigt nicht, wer glaubt?

Wir wissen, dass jeder, der aus Gott gezeugt ist, nicht sündigt.
Vielmehr gilt: Wer aus Gott gezeugt ist, wird bewahrt, und der Böse tastet ihn nicht an.
1. Joh 5,18

Liebe Gemeinde

Was hat der Gedanke, der in diesem Vers zum Ausdruck kommt, nicht schon alles an Schaden angerichtet? „Wer glaubt kann nicht sündigen“, seine einfache Botschaft. Doch wieviel Unglück hat diese Einstellung nicht schon über die Welt gebracht?

Wir denken an die Kreuzzüge, die zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert den Nahen Osten und insbesondere Jerusalem immer wieder mit Krieg und Schrecken überzogen hat. Im Namen Gottes zog man in das Heilige Land. Von den Ungläubigen wollte man es befreien. Tod und Verderben brachten die Kreuzfahrer. Ihnen sind nicht nur Moslems zum Opfer gefallen. Man schlachtete mit demselben Eifer auch orthodoxe Christen und Juden ab. Die Kreuzritter machten in ihrem heiligen Blutswahn keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, Greisen und Kindern. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort war, fand im Namen Gottes den Tod.

Die viel besungene Ritterlichkeit war nicht weit her. Gnade und Barmherzigkeit zählten wenig. Die Sache, der Kreuzzug, der Krieg war in ihren Augen gerecht. Das Töten und Morden in ihm keine Sünde, sondern heiligste Pflicht. Wer glaubt kann nicht sündigen, denn er tut den Willen Gottes – dachten sie.

Auch mit der Reformation kommt keine Besserung. Wer nicht glaubte, wie sein Landesfürst, verwirkte sein Recht auf Leben. Die konfessionelle Spaltung bereitete den Boden für den 30jährigen Krieg. Mehr Gewalt; mehr sinnloses Blutvergiessen; mehr an menschlich-teuflischem Wesen sah Europa erst mit den beiden Weltkriegen wieder. Im Namen Gottes wurde der Feind abgeschlachtet. Im Namen Gottes standen sich Nachbarn aufs Blut verfeindet gegenüber. Im Namen Gottes wurden Familien entzwei gerissen. Wer glaubt, kann nicht sündigen, doch kann es nur einen rechten Glauben geben – dachten sie.

Wer hofft, dass alles sei längst vorbei und vergangen, der wird schon nach kurzem Blick in unsere Gegenwart enttäuscht. Die Anschläge von Paris und Brüssel, die unvergleichliche Grausamkeit der Bluttat von Orlando, der Anschlag auf den Istanbuler Flughafen in dieser Woche und das beständige Gefühl bei Grossveranstaltungen nicht mehr sicher zu sein, zeugen davon. Doch nicht nur Terroristen und Extremisten, die sich auf ihre Vorstellung des Islams berufen, zeigen, dass der alte Satz: „Wer glaubt, kann nicht sündigen“, auch heute noch Menschen den Kopf verdreht.

Vielleicht haben wir sie schon fast wieder vergessen, doch das Böse, das unter dem Deckmantel des Glaubens operiert, ist näher als wir es wohl gerne hätten. Auch bei uns gibt es das Böse. Gerade auch verborgen in grosser Frömmigkeit.

Es schaudert mich, wenn ich an die Berichte in der NZZ denke, die vor einem halben Jahr vom Prozess gegen einen Vater berichten, der seine eigene Tochter tötete. Als Fromme Leute waren er und seine Frau in der Nachbarschaft bekannt. Als strenggläubige Christen. Eine Familie nach biblischem Vorbild wollten sie mit ihren beiden Töchtern sein. Ein Vorbild für andere. Doch was sich hinter den Wänden der Wohnung zugetragen hat, ist einfach nur grausam!

Gerade einmal 10 Woche alt wurde das jüngere der beiden Schwestern. Es war noch ein Baby, als es sein Vater so heftig bestrafte, dass es in der Folge starb. Minutiös berichtete die Zeitung aus der Gerichtsverhandlung. Die ganzen Einzelheiten wurden beschrieben. Es wurde deutlich, dass es nicht das erste Mal war, dass die Mädchen von ihren Eltern schrecklich gequält wurden. Gequält im Namen Gottes.

Mich macht das betroffen und wütend; damals, aber auch noch heute. Ich kann es nicht verstehen. Ich kann es erst recht nicht verstehen, wenn man solche Gewalt gegen die eigenen Kinder mit biblischen Worten wie: „Wer seinen Stock schont, hasst seinen Sohn, wer ihn aber liebt, sorgt für seine Unterweisung.“ (Spr 13,24) rechtfertigen will.

Man verkennt dabei nicht nur den tiefen, geschichtlichen Graben, der zwischen uns und diesen Worten liegt, sondern auch, dass sie damals schon ganz anderes meinten. Der Sohn ist nicht das Kind, sondern der als erwachsen geltende männliche Nachkomme.

In einer Zeit der Blutrache und der Sippenhaft war es nicht nur für den Sohn, sondern auch für die ganze Familie überlebenswichtig, sich im Umgang mit anderen Sippen gemäss den Regeln zu verhalten. Jugendlicher Leichtsinn konnte damals blutige Fehden auslösen. Nicht umsonst empfiehlt die Bibel zur Eingrenzung dieser Konflikte auch: „Auge für Auge und Zahn für Zahn“ (Ex 21,24).

Glauben kann verblenden. „Wer glaubt, kann nicht sündigen“, verführt Menschen zum Bösen. Einem Bösen im Namen Gottes, doch nicht nach Gottes Willen.

Doch, wie ist nun unser Vers zu verstehen? Was meint: „Wir wissen, dass jeder, der aus Gott gezeugt ist, nicht sündigt. Vielmehr gilt: Wer aus Gott gezeugt ist, wird bewahrt, und der Böse tastet ihn nicht an.“, wenn es wirklich gelten soll?

„Aus Gott gezeugt zu sein“ meint „glauben“. Doch damit ist noch nichts gewonnen. Wir gebrauchen das Wort „glauben“ zwar beständig in unserem Alltag, wissen aber eigentlich gar nicht, was es bedeutet.

Man kann davon reden, dass man glaubt, dass es morgen regnen wird und meint dabei „meinen“. Man kann an seine Schüler glauben und will damit sagen: „Ich traue dir das zu!“ Man kann sagen: „Ich glaube dir das nicht!“, und damit dem anderen sagen, dass man ihn für einen Lügner hält. Man kann aber auch glauben, dass einem eine Brücke trägt und meint dann, man vertraut darauf.

Das kleine Wörtchen „glauben“, kann vieles bedeutet. Doch was meint die Bibel, wenn sie vom Glauben spricht? Was meint das Alte Testament, wenn es davon spricht, dass ein Mensch glaubt?

„Ha’ämin“ ist das hebräische Wort, das wir seit Luther mit „glauben“ übersetzen. In „Ha’ämin“ steckt eine Wurzel, die so viel bedeutet wie „Treue“ oder „Wahrheit“. Die Form, welche die Wurzel annimmt, damit wir sie mit „glauben“ übersetzen, ist eine Form, die meint: „etwas an sich wirken zu lassen“. Wer glaubt, der lässt also die Wahrheit oder die Treue Gottes an sich wirken.

Glauben, aus Gott geboren sein, ist nichts, was der Mensch macht. Es ist etwas, das er an sich geschehen lässt. Der eigentliche Handlende ist Gott selbst. Er ist die Wahrheit. Er ist treu. Er handelt am Menschen in Treue und Wahrheit. In diesem Handeln ist der Mensch aus Gott geboren.

In diesem göttlichen Handeln kann der Mensch nicht sündigen. Die Struktur des Verses macht es deutlich. Zuerst kommt der Glaube, dann das Handeln. Der Glaube kommt vor dem Tun.

Allein diesem, der ganz aus dem Glauben handelt; allein ihm, der ganz und gar Gott durch sich handeln lässt, verspricht der Verfasser des 1. Johannesbriefs, dass er nicht sündigen wird. Wer sich ganz auf Gott verlässt, der Tritt nicht daneben. Er kommt nicht vom Weg ab. Er bleibt in Gott.

Wer Gott durch sich wirken lässt, der verfehlt das Ziel seines Lebens nicht. Der verwirklicht das, was Gott für ihn geplant hat.

Mit dem göttlichen Plan aber kann es nicht vereinbar sein, Leben zu zerstören. Weder in dem man andere Menschen ermordet, noch in dem man sich an der Schöpfung vergeht. Gott hat das Leben gewollt. Er hat uns geschaffen, damit wir leben. Damit wir miteinander in Gemeinschaft leben.

Das Leiden, das auch wir als Christinnen und Christen in den vergangen Jahrhunderten über diese Welt gebracht haben; der Terror, der gerade auch die ärmsten der Armen in unserer Zeit trifft; die Gewalt gegen Kinder, angeblich im Namen Gottes; alle religiös begründete Gewalt, darf sich nicht auf diesen Vers berufen. Es stimmt nicht, wenn es heisst „wer glaubt, kann nicht sündigen“. Es ist eine illegitime Verkürzung unseres Verses. Er wird in sein Gegenteil verkehrt, wenn er so verstanden wird. Es ist nicht der Glaube, der Sünde unmöglich macht. Es ist das Handeln, das aus Gott und im Wirken lassen seiner Treue und Wahrheit geschieht, das nicht Sünde sein kann.

Nicht der Glaube befreit, sondern Gott. Glauben heisst, sich von der Treue und der Wahrheit Gottes bewegen zu lassen. Glauben heisst, Gott in sich wirken zu lassen; mitten in sich; in seinem Herzen.

Wo Gott wirkt, da kann es keinen Platz mehr geben für den Hass und die blinde Wut, die aus den Kreuzzügen, dem 30jährigen Krieg, dem Terror und der Gewalt gegen Kinder spricht. Wo Gott wirkt, da wirkt er zum Guten.

Aus Gott handeln braucht den Mensch ganz. Der Mensch muss sich dazu ganz von der Wahrheit und der Treue Gottes bestimmen lassen. Er muss sich ganz auf Gott einlassen. Oder wie es Bruder Klaus täglich gebetet hatte:
„Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir.
Mein Herr und mein Gott, o nimm mich mir und gib mich ganz zu Eigen dir.“
Amen

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