Ausgesetzt

Gott spricht:
„Wie gern nehme ich dich auf unter die Kinder
und gebe dir ein kostbares Land,
einen Erbbesitz, die prächtigste Zierde unter den Nationen!“
Jer 3,19

Liebe Gemeinde

Kinder spielen im Schatten unter Bäumen. Erwachsene geniessen das Beisamensein im Garten. Da und dort brutzeln Cervelats und Bratwürste auf dem Grill. Ein paar Knaben machen sich mit Feuerzeugen zu schaffen. Sie legen Glut an die Lunte. Die ersten Frauenfürze bersten mit einer Salve fröhlicher Knaller. Ein Baby schreit erschrocken. Seine Mutter nimmt es tröstend in den Arm. Sie weiss, das Knallen und Zischen gehört mit zu diesem Tag, denn es ist der 1. August – Nationalfeiertag in der Schweiz. Ein schwüler und heisser Sommertag vor 8 Jahren.

Ein gewöhnlicher Feiertag, auch im Spital von Einsiedeln. Man rechnet für den Abend mit dem einen oder anderen Notfall. Füsse, die barfuss in Scherben treten; Köpfe, die schmerzen, weil sie zu lange der prallen Sonne ausgesetzt sind; Vermutlich auch die eine oder andere Verbrennung, die beim unsachgemässen und leichtsinnigen Umgang mit Feuerwerk passiert. Die Ärztinnen und Ärzte, Pfelgefachfrauen und -Männer wissen was sie erwartet. Sie sind gut vorbereitet.

Doch dann schrillt ein Alarm durch das Bereitschaftszimmer. Automatisch wurde er ausgelöst. Das erste Mal seit im Jahr 2001 im Spital von Einsiedeln die erste Babyklappe der Schweiz installiert wurde. Gut möglich, so stell ich es mir vor, hoffte die Hebamme, die herbei eilte, noch auf einen Scherz oder einen Fehlalarm. Doch dann findet sie den kleinen Jungen. Rosa leuchten seine Bäckchen, vielleicht lächelt er sie an. Die Ärztin oder der Arzt, die ihn kurz danach untersuchen, stellen beruhigt fest: Das Kind ist gesund. Es fehlt ihm an nichts.

Er wird versorgt und erst einmal auf die Neugeborenen Abteilung gebracht. Die Angestellten des Spitals kümmern sich um das Baby. „Hoffentlich meldet sich seine Mutter“, werden sie noch gedacht haben. Liebevoll kümmert man sich um den Gast.

Stunden, Tage, Wochen vergehen. Doch die Mutter meldet sich nicht. Der Herrgott allein weiss, wo sie ist und was aus ihr in den folgenden Jahren wurde.

Manche Fragen blieben offen. Was bewog sie zu diesem Schritt? Durfte niemand wissen, dass sie schwanger war? War sie eine abgewiesene Flüchtlingsfrau? Wollte sie ihrem Sohn auf diese Weise eine Chance auf eine bessere Zukunft geben? War sie eine Teenagermutter und selber noch ein halbes Kind? Wusste sie sich nicht anders zu helfen?

Wir wissen es nicht. Wir werden es wohl auch nie wissen. Wir können die Verzweiflung in ihrem Herzen höchsten erahnen, die sie zu diesem Schritt bewog, allein in ihrer ausweglosen Not.

Es war damals das erste Mal, dass in der Schweiz eine Frau ihr Kind in einer Babyklappe ablegte und so anonym zur Adoption frei gab. Es war das erste, aber nicht das letzte Mal. Mehr als ein Dutzend Kinder starteten seither alleine in der Schweiz auf diese Weise in ihr Leben.

Unter welch prekären Bedingungen sie geboren wurden, lässt sich nur erahnen. Es müssen Geburten im Geheimen gewesen sein, ohne dass die werdende Mutter von einer Hebamme unterstützt worden ist. Dass keine Fachperson anwesend war, lässt sich bei vielen dieser Geburten an der unsachgemäss durchtrennten Nabelschnur schliessen. Es sind traurige Schicksale von Frauen. Es ist darum gut, dass die Babyklappe in der Schweiz nach und nach durch die Möglichkeit der anonymen Geburt in Begleitung von Fachleuten ergänzt worden ist.

Ein erstes Kind war es damals an jenem schwül-heissen Augusttag, das in der Babyklappe in Einsiedeln abgelegt worden ist.

Sein Schicksal ist kein Einzelfall. Schon immer mussten sich Mütter aus unterschiedlichen Gründen von ihren Kindern trennen. Auch in der Bibel wird davon berichtet. Der Beginn der Mose Geschichte ist so ein Beispiel. Es nimmt Anklänge an anderen legendarischen Aussetzungen in den Sagen der antiken Völker. Die Erzählung gehört zu den Mythen und doch ist darin alltägliche Not verarbeitet.

Die Mutter des vorerst namenlosen Knaben, kam in Not. Der ägyptische Pharao befahl aus Angst um seine Macht einen Kindermord. Das Leben ihres Sohnes war bedroht, wie Jahrhunderte später auch das Leben des Jesus Kindes durch Herodes bedroht war.

Doch sie wollte, dass ihr Kind lebt, auch wenn sie es Todesgefahren aussetzt. In ihrer Not setzt sie das Kind aus. Sie übergibt es dem Nil, dem Fluss des Lebens, in einem mit Pech abgedichteten Körbchen.

Der Ausweg aus ihrer Not war eigentlich kein Ausweg. Es war eine Verzweiflungstat. Das Körbchen hätte leicht untergehen und ihr Kind dabei jämmerlich im Fluss ertrinken können. Die Strömung hätte es mit sich reissen und auf das Meer hinaus tragen können, der Knabe wäre unter beklagenswertem Leid verhungert. Ein Nilkrokodil hätte das Körbchen für Beute halten und es samt dem Baby darin verschlingen können. Die Tat der Mutter hätte den Tod des Kindes bedeuten können.

In der Geschichte des kleinen Moses kommt die existenzielle Gefährdung des Menschen zum Ausdruck. Gerade wer unter Not und drückenden Umständen geboren wird, ist gefährdet.

Jedes Baby braucht Schutz. Es kann nur überleben dank der Hilfe seiner Mutter. Wie grausam, wenn sie getrennt werden. Erst recht, wo dies aus Armut, Krieg und Unterdrückung geschieht.

Doch die Gefährdung gilt für jedes Leben, wenn auch nicht im gleichen Masse.

Wir alle sitzen in unserem Leben, wie der kleine Mose in seinem Körbchen. Wir alle kennen in unserem Leben Momente, in denen wir besonderen Schutz bräuchten und brauchen. Wir alle sind nicht so sehr Herr über unser eigenes Leben, wie wir es uns manchmal einbilden. Schnell kann uns der Fluss des Schicksals mit sich reissen, wenn niemand das Körbchen an Land zieht.

Doch für Mose gab es Rettung. Die Prinzessin, eine Tochter des Pharaos, fand das Körbchen. Gott fügte es so. Er tat ihr das Herz auf. Obwohl sie erkannte, dass das Kind kein ägyptischer Junge war, sondern ein Hebräer, nahm sie ihn auf. Sie gehorchte dem väterlichen Befehl nicht. Sie liess den Knaben leben und gab ihm einen ägyptischen Namen.

Gott wandte sich entgegen aller Wahrscheinlichkeiten dem Kind im Papyruskorb zu. Die fremde Prinzessin wurde zu seinem Werkzeug. Sie rettete den Knaben. Er wird zum Retter Israels werden. Er wird es aus Ägypten führen.

Aus dem ausgesetzten und dem Tod überlassenen Baby wird ein Anführer und Retter für ein ganzes Volk. Das kleine und gefährdete Kind wird angenommen. Es ist ein Wunder, das Gott hier geschehen liess.

Doch Wunder sind Ausnahmen. Wunder sind die Abkehr des Erwarteten. Sie widersprechen allen Gesetzmässigkeiten.

Auf Gott dürfen wir uns verlassen, doch mit Wundern sollen wir nicht rechnen. Es liegt an uns Verantwortung zu übernehmen. Nicht jede verzweifelte Mutter gebiert einen Mose. Nicht jedes ausgesetzte Kind wird von einer Prinzessin gefunden. Es liegt an uns, diesen Müttern und ihren Kindern eine Zukunft zu geben.

Ob der Junge aus Einsiedeln solch eine Zukunft hat, weiss ich nicht. Es ist nicht viel bekannt über sein weiteres Schicksal. Er soll von einer Familie adoptiert worden sein. Es ist ihm zu wünschen, dass er Sicherheit und Geborgenheit finden durfte. Es ist ihm zu wünschen, dass er ein selbstbewusster, interessierter und vielleicht auch hie und da frecher Schüler werden durfte. Es ist ihm zu wünschen, dass er gute Schulfreunde und liebevolle Eltern fand.

Ich wünsche mir, dass er eine Chance im Leben bekam und dass wir heute anderen eine Chance geben. Möge Gott uns zu Prinzessinnen und Prinzen machen, die Kinder aus dem Strom der Not ziehen.
Amen

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