Mit dem Hören beginnen

Höre, Israel:
Der HERR, unser Gott, ist der einzige HERR.
Dtn 6,4

Liebe Gemeinde

Es muss für die beiden Verfasser des Matthäus- und des Lukasevangeliums eine unerhörte Geschichte gewesen sein, die uns Markus (Mk 7,31-37) heute Morgen erzählte. Etwas so unerhörtes, wie die Heilung eines taubgeborenen Menschen, wollten sie nicht berichten. So schweigen beide, wenn sie sonst auch das ganze Markusevangelium in ihren Berichten aufnahmen.

Matthäus und Lukas – ist heute die Theologie auf Grund vieler kleiner Beobachtungen an den Evangelien überzeugt – haben für ihre Berichte, neben einer Sammlung von Worten Jesu und je eigenem Material, vor allem das Markusevangelium als Quelle benutzt. Sie nahmen dabei praktisch alle Erzählungen und Gegebenheiten aus dem Markusevangelium auf und erweiterten sie. Nur an ganz wenigen Stellen liesen sie sie aus. Solche Leerstellen werfen Fragen auf. Gerade weil beide schweigen, wird das Heilungswunder, das nur Markus erzählt, umso spannender.

Warum berichtet nur Markus? Was störte Matthäus und Lukas so sehr daran, dass sie es ausliessen? Warum wollten sie in diesem Fall nicht auf Markus hören?

Beginnen wir von hinten: Warum liessen die beiden Späteren den Bericht des Früheren über die Heilung in ihren Evangelien aus?

Vergleicht man die wenigen Auslassungen, so fällt auf, dass es unter ihnen eine Kategorie von Heilungswundern gibt, die beide auslassen. Immer dann, wenn Jesus nicht durch blosse Worte, sondern durch eine Art Wundermittel heilt, schweigen beide. In unserer Geschichte sind diese Wundermittel die Finger, die Jesus dem Kranken in die Ohren steckt und der Speichel, mit dem er ihm die Zunge benetzt.

Es scheint, dass für Matthäus und Lukas die Gefahr bei diesen Wundern viel zu gross ist, dass man sie falsch versteht. Wie leicht könnte das Mittel an die Stelle von Jesus treten? Wie leicht könnte er als Wunderheiler missverstanden werden?

Die Sorge, so zeigte es die Geschichte, war alles andere als unbegründet. Schon viele derer, die Jesus in Galiläa erlebten, sahen genau dies in ihm: Einen wundertätigen Arzt oder magischen Heiler. Die wahre Botschaft hörten sie nicht. Sie trauten den eigenen Augen mehr, als den eigenen Ohren und so entging ihnen das eigentliche Geschenk – die Vergebung der Sünde – vor lauter Staunen über die Lahmen, die wieder gingen, die Blinden, die wieder sahen und die Toten, die wieder aufstanden. Sie haben Jesus gehört und doch nicht verstanden. Die Hörenden wurden taub! Die Sensation raubte ihnen den Verstand.

Matthäus und Lukas wollten es vermeiden, dass ihre Gemeinden durch solche Wundererzählungen vom rechten Hören abgebracht wurden. Es wäre wohl in ihrem Sinn gewesen, wenn auch wir heute Morgen uns nicht dem Heilungswunderbericht aussetzen würden, den uns Markus überlieferte. Die Gefahr des falschen Hörens und des Missverständnisses besteht auch heute.

Es ist deshalb ein Wagnis, wenn wir diese Geschichte heute Morgen als Lesung hörten. Es ist noch ein viel grösseres Wagnis, dass diese Geschichte in unseren Bibeln steht. Unseren Bibeln, die seit der Reformation jeder lesen kann, der des Lesens mächtig ist. Unseren Bibeln, die jeder ohne Anleitung und ohne Auslegung für sich allein lesen kann, ohne dass er oder sie daran gehindert wird.

Die Geschichte, die wir durch die Worte des Lukasevangeliums vernehmen, muss ihren eigenen Wert haben. Einen Wert, der sie so bedeutsam macht, dass sie trotz der Sorge von Matthäus und Lukas erzählt und gehört werden muss.

Horchen wir darum ganz genau hin.

Jesus kam, wie Markus berichtet, in das Gebiet der Dekapolis, einem Bund von zehn Städten, die im westlichen Teil des Grenzgebietes zwischen dem heutigen Syrien und Jordanien lagen. Die Städte waren griechische Gründungen. Ihre Bewohner waren keine Juden. Die Bevölkerung war durch die griechische Kultur und Religion geprägt. Biblisch gesprochen: Jesus war im Heidenland unterwegs.

Vermutlich hörten aber auch diese Menschen durch andere von Jesus. Sehr wahrscheinlich hielten sie ihn für einen Wunderheiler. Gut möglich, dass sie wussten, dass er Jude war. Auch kann ich mir vorstellen, dass sie zumindest eine Ahnung vom Gott des Alten Testamentes hatten. Sie haben davon gehört – wie auch heute noch fast jeder Mensch in unserem Land vom christlichen Gott hört. Sie wussten etwas. Man würde diesem „Etwas“ heute Allgemeinbildung sagen. Sie wussten vielleicht so viel, wie der heutige Durchschnittsschweizer vom Islam oder dem Judentum weiss.

Sie haben etwas gewusst – doch es ist kein Wissen, kein Hören und keine Botschaft, die Glauben weckte. Sie wurden trotz dem Hören keine Juden, wie auch bei uns viele, die von Christus hören, keine Christen werden.

Es war wohl eher der Ruf als Wunderheiler, als das Vertrauen auf Gott, das diese Menschen ihren tauben Angehörigen zu Jesus bringen liess. Es war ein Strohhalm, den sie ergriffen oder gar ein böser Streich auf Kosten dieses armen Menschen, der durch seine Behinderung von der Teilnahme an der Gesellschaft ausgeschlossen war.

Man könnte nun erwarten, dass Jesus zu einer Rede ansetzt, dass er vom angebrochenen Himmelreich predigt oder ihnen Gott, als Vater aller Menschen vorstellt. Er könnte dem Begehren auch mit Hinweisen auf seine Mission für sein Volk ablehnen oder dem hörbehinderten Menschen Vergebung zusprechen, wie er es sonst oft tut.

Jesus könnte grosse Worte zu Gehör bringen. Alle würden auf ihn hören. Ausser der Mann in ihrer Mitte. Er ist taub, er versteht nicht, was um ihn herum geschieht. Er kann an den Gesprächen und am Meinungsaustausch nicht teilnehmen. Wie schlimm das ist, kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich denke, diejenigen unter uns, deren Gehör nicht mehr das Beste ist, können es ein wenig nachfühlen. Wenn man beim Geburtstagsessen zwar sieht, wie der Enkel mit einem reden will, aber seine Worte vor lauter anderen Stimmen nicht versteht; wenn man an den Stammtisch im Bären geht und doch kaum ein Wort versteht von dem, was die anderen erzählen; wenn man nur lacht, weil man merkt, wie die anderen lachen, obwohl man die fröhliche Geschichte nicht hörte – dann kann man erahnen, was es heisst nichts zu hören.

Nichts zu hören schliesst Menschen aus. Es macht einsam mitten unter anderen. Der Hörbehinderte ist ausgeschlossen – damals, aber auch heute noch.

Doch Jesus will nicht, dass er ausgeschlossen bleibt. Christus wendet sich diesem Mann zu. Ohne nach Religion oder Volkszugehörigkeit zu fragen. Ohne darüber nachzudenken, ob es der Andere verdient hat oder nicht. Er nimmt ihn zur Seite – nicht durch ein Wort, sondern durch eine Tat. Er legt ihm die Finger in die Ohren und benetzt ihm die Zunge mit seinem Speichel. Jesus predigt, doch nicht mit Worten, sondern mit Taten!

Die Ohren öffnen sich.

Was der geheilte, ehemalige taube Mensch wohl als erstes hörte? Vielleicht war es ein Wort Jesu.

Vielleicht hörte er aber auch den Wind, der über die Landschaft wehte und sich in einem fast vertrockneten Feigenbaum verfing und die braunen Blätter rascheln liess. Oder den jungen Vogel, der in einem Nest in den Ästen dieses Feigenbaumes sass und gerade erst geschlüpft war. Aus voller Kehle schrie er nach seiner Mutter, die ihn fütterte. Vielleicht hörte er aber auch das Kläffen eines Hundes aus der nahen Siedlung, in der die Menschen hausten, die hier zu Christus kamen.

Wir dürfen darüber fabulieren! Was stellst du dir vor, was er als erstes hörte? Was würdest du gern als erstes hören, wenn du zum ersten Mal hören könntest?

Was wir hören, ist gewiss etwas anderes, als er es hörte. Es gab weder Auto noch Flugzeug; weder das Piepsen eines Computers, noch das Surren eines Handys; Weder das Schnauben einer Dampflock noch das Klappern eines Velobleches.

Es war eine andere Zeit. Und doch – vielleicht auch gar nicht so verschieden. Die Stimme eines geliebten Menschen, das morgendliche Gezwitscher eines Singvogels oder das erfrischende Rauschen eines Baches, der sich fröhlich ins Tal stürzt – All das konnte man auch vor 2000 Jahren hören. Menschen erfreuten sich daran – Was freut dich, wenn du es hörst?

Die Natur mit all ihren Klängen – von laut bis leise, von monoton bis vielklanglich, von ultrakurz, wie das Klacken zweier Steine, die aufeinander treffen bis endlos, wie das Rauschen des Wassers bei seinem Fall – wiederspiegelt die ganze Schöpfungspracht.

Egal was er hörte, es wird ihm wundervoll geklungen haben. Eine neue Welt tat sich ihm auf. Eine Welt, die ihm bis anhin verschlossen war.

Der taube Mensch versteht. Er wird hörend. Seine Ohren gehen auf und seine Zunge löst sich – in dieser Reihenfolge, nicht anders herum, das ist wichtig. Jetzt kann er hören und auf die Worte achten. Aus dem Achten auf das Wort wird er zum Sprecher. Der Weg zum Glauben steht ihm offen!

„Höre Israel:“, so fängt das Bekenntnis des Volkes Gottes an. „Höre, Israel: Der HERR, unser Gott, ist der einzige HERR.“

Es heisst nicht: „sieh, erlebe, fühle oder spüre es“, sondern „höre“. Es heisst nicht „beug dich, gehorche oder unterwirf dich“, sondern schlicht „höre“. Es heisst nicht „brich in Jubel aus, singe oder freue dich“ – sondern „höre“.

Mit dem Hören beginnt der Glaube. Mit dem Hören des Herzens auf die Stimme des Schöpfers in seiner Schöpfung. Mit dem Hören auf das Wort, das Gott spricht, fängt unser Glaube an. Mit dem Hören ist dir alles geschenkt. Darum höre genau hin. Was hörst du, wenn du still wirst? Was hörst du, wenn du auf Gott hörst?
Amen

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