Fussspuren

Und Gott sprach: Komm nicht näher. Nimm deine Sandalen von den Füssen, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.
Ex 3,5

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Liebe Gemeinde

Als Kind liebte ich es im Sommer barfuss zu gehen. Auch heute noch macht es mir Vergnügen den frischen Rasen auf der nackten Fusssohle zu spüren. Anders als mit Schuhen an den Füssen, spürt man den Boden so viel direkter.

Das Gras, das der Tau am Morgen mit tausenden kleiner Wasserperlen benetzte, kühlt den Fuss. Es kitzelt zwischen den Zehen. Der mit Moos überwachsene Boden im Schatten der Bäume lässt einem glauben, man gehe auf Wolken. Die glitschigen Steine eines Bachbettes wirken wie eine Massage, wenn man auf ihnen balancierend dem Rauschen des Wassers folgt. Der Sand am Meer an der Uferlinie gibt dem Druck des Körpers so lange nach, bis er die Form des Fusses perfekt angenommen hat. Die Spuren werden bald schon von der nächsten Welle verwischt. Der gleichen Welle, die sich anschmiegsam mit ihrem Schaum um den Knöchel schmeichelt.

Barfuss im Sommer – ein herrliches Gefühl! Unmittelbar den Boden spüren. Der Erde auf intime Art begegnen. Nähe spüren. Es kann so schön sein.

Ich ginge im Sommer noch heute barfuss, wären da nicht die vielen geteerten Wege und Strassen. Sie unterbrechen das Vergnügen. Rau und brennend heiss prüfen sie den nackten Fuss. Nur dicke Hornhaut kann lange auf ihnen gehen. Hornhaut wirkt isolierend – fast wie die Schuhsohlen. Sie schafft neue Distanz. Die Hornhaut mindert das Vergnügen der Unmittelbarkeit des barfuss Gehens.

Wie es wohl damals in der Zeit Moses war?

Er hütet die Herden Jitros, seines Schwiegervaters, eines Priesters eines uns fremden Gottes. Als Priester steht Jitro in hohem Ansehen bei seinem Volk, den Midianitern. Er ist vermögend, darum hat er grosse Herden. Sie bestehen aus Schafen und Ziegen, wie es damals üblich war.

Nicht, dass es damals nicht auch Kühe und Rinder gegeben hätte, aber in den Steppen und Wüstenlandschaften der Arabischen Halbinsel waren Schafe und Ziegen praktischer. Die genügsamen Tiere mit ihrer robusten Verdauung fanden auch in der Trockenzeit noch genügend fressbare Pflanzen. Mit ihrem geringen Körpergewicht und den für das Leben in steiniger Landschaft angepassten Klauen kann man mit ihnen Wege gehen, auf denen Kühe längst nicht mehr durch kommen. Ein unschätzbarer Vorteil im Hochland, das die Midianiter im Gebiet des heutigen Saudi-Arabiens bewohnt haben.

Die Landschaft ist karg. Mal eher Wüste, mal eher Steppe. Mose muss grosse Distanzen mit den Tieren gehen. Die Sandalen an seinen Füssen schützen ihn vor den glühend heissen Steinen unter der Mittagssonne und vor dem eisigen Boden der Wüstennacht. Die scharfen Kanten und die spitzen Ecken des felsigen Untergrunds können ihm, dank den Sandalen an seinen Füssen, nicht ins Fleisch schneiden. Ein wenig Erleichterung in seinem harten Alltag.

Ob sich wohl Mose, bei diesen einsamen Wanderungen mit den Schafen und Ziegen, nicht hin und wieder nach seinem alten Leben gesehnt haben mag? Von der Prinzessin aus dem Weidenkörbchen gerettet, wuchs er als Prinz auf. Ein angenehmes Leben führte er unter dem Dach des ägyptischen Pharaos. Ob er diesem Leben je den Rücken gekehrt hätte, hätte er nicht im Zorn einen Diener seines königlichen Adoptivvaters erschlagen? Als Mörder eines Sklavenaufsehers musste er fliehen. Er tauschte das angenehme Leben am Hof gegen das harte Los des Hirten ein. Nicht freiwillig – man trachtete ihm der Gerechtigkeit wegen nach dem Leben.

Wer weiss, vielleicht bereute er seine Tat, wenn ihm die Mittagssonne fast den Verstand raubte. Aber was geschehen ist, ist geschehen. Kein Mensch kann seiner Vergangenheit entkommen. Sie hinterlässt ihre Spuren, wie auch die Wege, die wir gehen ihre Spuren auf unseren Füssen hinterlassen. Unsere Geschichte gräbt sich ein, wie die Furchen sich einzeichnen in unseren Fersen. Wir werden sie nicht los, wir können uns nur mit ihnen arrangieren.

Ich stelle mir vor, dass Mose sich mit seinem Schicksal abfand. Getrennt von seinem Volk und im Wissen um die Qualen, die es erleidet, begann er eine neue Existenz in der Fremde aufzubauen. Ja, er fand in diesem unwirklichen Land ein kleines Stück Glück, als er eine der Töchter Jitros heiraten durfte. Mit Zippora gründete er eine Familie.

Da tritt Gott in sein Leben ein! Verborgen in einem brennenden Dornbusch, der doch nicht verbrennt, zeigt sich Gott Mose und spricht:

„Ziehe deine Schuhe aus – du stehst auf heiligem Boden!“

Was heilig ist, ist der profanen, der alltäglichen Welt entzogen. Das Stück steiniger Wüstenboden um den wundersamen Busch wird heilig durch die Gegenwart Gottes.

Die Steine und der Sand verändern sich dadurch – aber nur so lange Gott da ist. Sie sind heilig, aber ihre Heiligkeit ist vergänglich. Dieser heilige Ort wird der Welt entzogen – wo Gott dem Mensch begegnet, da ist Himmel – da wird das Reich Gottes Gegenwart.

Mose streift seine Sandalen von den Füssen. Barfuss tritt er Gott entgegen. Er tritt ein in den Himmel. Einem Himmel, der so ganz anders ist, als der Himmel des kindlichen Glaubens mit einem lieben Gott der darin thront und einer Heerschar von Engeln mit goldenen Harfen. Der Himmel, in dem Mose steht, ist so ganz anders, als wir ihn uns gerne vorstellen. Steinig hart statt wolkig sanft. Glühend heiß statt angenehm lau. Einsam, wie nur die Wüste einsam ist – und doch eine Begegnung voller Leben.

Mose lässt sich auf die Begegnung mit Gott ein. Ob wir uns auf so einen Gott, der uns in diesem ganz anderen begegnet, auch einlassen könnten?

Mose zieht die Schuhe aus. Mit nackten Füssen tritt er auf den heiligen Boden. Nackt – ohne diesem Gott etwas bieten zu können. Ohne den kleinsten Schutz vor dem Allmächtigen geht er auf den brennenden Busch zu. Würde auch ich mich das getrauen? Sind unsere Hände wirklich leer, wenn wir im Gebet vor Gott stehen und beten: „Leer sind unsere Hände!“? Oder beten wir nicht schon mit einer Haltung, die das Gebet zum neuen Leisten vor Gott machen will? In dem unser Bekenntnis zu unserem Unvermögen selbst zur Leistung wird? In dem wir nur so tun, als wären unsere Hände leer und dabei doch unsere Schuhe an den Füssen tragen?

Mose zieht die Schuhe aus. Schon beim ersten Tritt auf den glühenden Wüstensand spürt er es. Der Sand brennt, seine Füsse sind nackt.

So geht er auf Gott zu. Die Begegnung verändert sein Leben. Nicht mehr länger soll er auf das eigene Können und die eigenen Kräfte vertrauen. Auf jede Furcht und alle guten Gründe den göttlichen Auftrag nicht übernehmen zu müssen entgegnet Gott: „Ich werde mit dir sein! Es ist nicht dein, sondern mein Werk!“

Gott hat sich Mose erwählt. Nicht, weil dieser ohne Fehl und Tadel wäre – immerhin erschlug er einen Ägypter. Nicht, weil er besonders fromm ist – es machte ihm nichts aus bei einem Priester eines fremden Gottes Schutz zu suchen. Und auch nicht, weil er ein guter Redner ist – alles andere war der Fall. Gott wählt sich Mose, weil Gott ihn sich erwählte. Es ist reine Gnade, die dem barfuss knienden Mose wiederfährt. Eine Gnade, die nicht nur unverdient ist, sondern sogar gegen jeden Verdienst Moses geht.

Er kann Gott nichts bieten. Die Gnade, die ihm widerfährt, ist ein Auftrag. Er soll unmögliches tun. Er soll sein Volk befreien. Es kann ihm nur im Vertrauen auf Gott gelingen.

Was Mose widerfuhr, ist auch uns widerfahren. Die Gnade des Glaubens, die uns geschenkt ist, ist zugleich eine Aufgabe in der Welt. Wir glauben nicht für uns, wie auch Mose nicht für sich auf Gott vertraute. Wir glauben für diese Welt. Als Christinnen und Christen stehen wir stellvertretend für die Menschheit vor Gott.

Zu gross dieser Gedanke? Blicke auf Mose!

Allein in der Wüste kniet er barfuss vor Gott. Doch in seinem Herzen wohnt ein ganzes Volk. Mose wird zum Anführer dieses Volkes werden. Doch ist er nicht über das Volk gestellt, er ist sein Diener. Er ist ein Werkzeug in der Hand Gottes.

Das macht demütig. So endet die Begegnung.

Gott hat aus dem brennenden Dornbusch gesprochen. Er gab Mose einen Auftrag. Das Gespräch endet. Gott ist nicht mehr da. Was gerade noch als Heiliger Boden der Erde entrückt war, ist nun der Erde wieder gegeben.

Mose geht ein paar Schritte zurück. Noch unter dem Eindruck dieser Begegnung schaut er sich nach seinen Schuhen um. Wer weiss, vielleicht fragt er sich schon: „Bin ich Gott wirklich begegnet? war es nur ein Traum; eine Hitzefantasie der Wüste?“

Die Heiligkeit des Ortes ist aufgehoben. Sie zeigt sich Mose nicht in der Farbe des Felsens oder im Geruch des Busches. Nur seine eigenen Fussspuren zeugen von der Begegnung. Die Abdrücke der nackten Fusssolen sind das einzige Zeugnis.

Die Spuren des Wirkens Gottes sind zart. Der nächste Wüstenwind wird sie mit neuem Sand überdecken. Bald zeugt nichts mehr von der Besonderheit dieses Ortes.

Mose geht. Nicht mehr barfuss. Er sucht die Tiere seiner Herde. Er sammelt sie und zieht mit ihnen weiter. Man sieht ihm die Veränderung nicht an.

Doch Mose schlägt einen neuen Weg ein. Er geht zurück nach Ägypten. Er stellt sich seinem Schicksal. Er vertraut auf Gott, der seine Spuren ihm ins Herz gedrückt hat.
Amen

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