In Stein gemeisselt

Dort schrieb Josua auf die Steine die Abschrift der Weisung des Mose, die dieser aufgezeichnet hatte vor den Augen der Israeliten.
Jos 8,32

Liebe Gemeinde

In Stein meisselt Josua das Gesetz des Mose. Was in Stein gemeisselt ist, das gilt. Die Inschrift ist für alle sichtbar. Jeder kann sich auf das Gesetz berufen. Es gilt für alle. Es ist unverrückbar. Es soll für die Ewigkeit gelten. Man kann sich darauf verlassen. Es ist eine gute Basis. Ja, es ist heilig, denn es ist in den Stein eines Altars geschrieben. Einem Altar, auf dem das Volk Israel vor Gott opfert. Das Gesetz ist von Gott gegeben. Es ist sein Gesetz.

Doch wie ist es dazu gekommen?

In der Bibel wird erzählt, dass Gott Israel aus Ägypten befreie. Als menschlichen Anführer stellte er ihm Mose voran. Nach der wunderbaren Flucht vor dem Heer des Pharaos, erfuhr das Volk, dass Gott es gut mit ihm meint. Er lässt es in der Wüste leben und schenkt ihm Trank und Speise. Doch das Volk ist undankbar. Immer wieder murrt es gegen Mose und gegen Gott. Da beschliesst Gott mit dem Volk einen Bund zu schliessen. Gegenseitig soll man Treue schwören. Am Sinai wird der Bund geschlossen – Nachdem das Volk mit dem goldenen Kalb eine Alternative zum Bund mit Gott prüfte und kläglich scheiterte. Das Blutvergiessen in der Folge gehört mit zum grausamsten, das die Bibel zu bieten hat.

Das gereinigte Israel schliesst den Bund. Israel wird ihm geschenkt, doch muss es sich das Land selbst erobern. Gott sagt ihm dabei seine Unterstützung zu.

Mose selber aber, darf das Land nicht betreten. Gott bestraft ihn. Doch bevor er stirbt, darf er noch einen Blick auf das Land werfen, das seinem Volk geschenkt ist. Unter Josua erfolgt die Eroberung. Noch während dem Krieg wird der Altar gebaut, von dem wir in der Lesung (Jos 8,30-35) hörten.

Der Bericht der Eroberung ist kein Augenzeugenbericht. Erst in der Königszeit wurde er aufgeschrieben. Mindestens 400 Jahre nach den angeblichen Ereignissen. Historisch lässt sich die Eroberung nämlich nicht fassen.

Eroberer, wie es die Israeliten im Buch Josua gewesen sein sollen, sind wir Schweizer heute keine mehr. Auch bauen wir heute Gott keine Altäre mehr auf den Bergen, wie es Josua tat. Es gibt keine Opfer mehr, die wir auf ihnen vor Gott schlachten und verbrennen müssten. Unser Leben ist ein anderes. Es ähnelt vielmehr der Königszeit, in der das Buch Josua geschrieben wurde.

Am Anfang jener Zeit stehen drei berühmte Könige: Saul, David und Salomo. Doch das grosse Reich zerfällt rasch. Israel im Norden und Juda mit Jerusalem im Süden sind bald zwei Königreiche. Der Haupttempel Gottes steht damals in Jerusalem, darum wird in der Bibel während der Königszeit mehr von Juda, als von Israel berichtet.

Juda ist ein kleines Königreich. Zu diesem Königreich gehören Stadtbewohner und Landleute. Ganz wie bei uns ticken Städter und Dörfler nicht ganz gleich.

In der Stadt, vor allem in der Hauptstadt Jerusalem, leben vielen Händler, Diplomaten und Facharbeiter aus fremden Länder. Die einen holte man, weil man ihr Wissen nötig hatte, andere kamen ganz von alleine. Auch das kommt uns wohl ganz bekannt vor. Expats, Glücksritter und Flüchtlinge sind nichts Neues. Es hat sie schon immer gegeben.

Mit diesen Fremden sind auch ihre Kulturen und Religionen nach Israel gekommen, wie letztlich auch die Israeliten ursprünglich als Einwanderer aus der Wüste nach Kanaan – nach Israel gekommen waren.

Die Reaktionen auf die Fremden, ihre Kultur und Religion war ganz unterschiedlich. Die Einen waren offen. Neugierig haben sie sich für das Exotische interessiert. Sie haben Freude gehabt an der kulturellen Vielfalt in der Stadt. Leben und leben lassen war ihre Devise.

Andere waren dem Fremden misstrauisch gegenüber gestanden. Gerade auf dem Land, wo anders als heute, noch praktisch alle von der Landwirtschaft lebten, wurden die Fremden als Bedrohung wahrgenommen. Man verstand ihre seltsamen Bräuche nicht. Schlechte Ernten und Unglücksfälle wurden als Folgen der fremden Religion wahrgenommen. Kurz man hatte Angst vor dem Fremden.

Das Land war gespalten. Die einen hielten das fremde Wissen (vor allem im Bauwesen) für nötig. Die anderen sahen die israelitischen Werte und Traditionen bedroht.

Geht es uns da nicht ganz ähnlich?

In unserer Diskussion fallen Begriffe, wie christliche Werte, bedrohter innerer Frieden und ohnmächtiger Rechtsstaat. Es gelte unsere westlichen Werte zu verteidigen, sagen die einen. Es gelte gerade wegen der Werte des Christentums offen zu sein für das Fremde und keinerlei Diskriminierung zuzulassen, sagen die andern. Die einen sehen die Freiheit in Gefahr, die anderen sorgen sich um die Sicherheit. Es wird über Scharia und Islamismus, über Burkas und Burkinis, über Handschläge und Anschläge, über Wertepluralismus und den Wert des Pluralismus gestritten.

Einigkeit besteht nur noch in einem Punkt. Unsere Lage und der Wandel in der Gesellschaft sind eine Herausforderung, die uns alle betreffen.

In dieser Situation lohnt sich ein Blick zurück in die Zeit der Könige. Was für eine Lösung schlägt das Buch Josua vor? Wie könnte uns die Lesung von heute Morgen anregen?

Die Verfasser des Buches Josua leisten mit ihrer Schrift einen Beitrag in der Diskussion. Sie berichten, dass Josua einen Altar im eroberten Land baut. Auf diesen Altar schreibt er die Weisungen Mose, also das Gesetz in ihrer Kurzform den Zehn Geboten.

Der Altar ist Gott geweiht. Das Gesetz auf diesem Altar göttliches Gesetz. Alle Menschen im Land sind an das Gesetzt gebunden. Im Bundesschluss mit Gott unterstellt sich das Volk diesem Gesetz.

Der Bundesschluss hat Konsequenzen. Das Gesetz ist ein Teil dieses Bundes. Volk und Gott stehen im Bund, das heisst jeder einzelne ist Gott gegenüber verpflichtet das Gesetz in allen Punkten einzuhalten. Wer das Gesetz missachtet, wer seine Grenzen übertritt oder wer dagegen verstösst, der zerstört die Beziehung zu Gott. Er bricht mit Gott. Er bricht den Bund.

Doch weil der Bund mit dem Volk und nicht mit einzelnen Menschen geschlossen ist, bedeutet der Bruch des Bundes durch den Einzelnen zugleich den Bruch des Bundes als Ganzes.

Im Bundesgedanken des Josuabuches ist eine Art Solidarhaftung des Volkes für das Tun und Handeln jedes einzelnen verankert. Weil jeder das Ganze zerstören kann, ist auch jeder für den Bund und für das ganze Volk verantwortlich. Im Bundesschluss ist darum nicht nur jeder vor Gott zur Treue gebunden, sondern auch zur Treue zu jedem einzelnen seines Volkes.

Ja darüber hinaus jedem, der im Land lebt. Der Bund gilt jedem Bewohner jenes Landes. Auch dem Fremden wird er zugemutet. Auch der Fremde kann ihn brechen. Die Strafe Gottes trifft ihn, wie sie auch den Israeliten trifft.

Alle Bewohner des Landes sind so zu einer Solidargemeinschaft zusammengeschlossen. Jeder ist jedem zur Treue verpflichtet.

Weil der Bund mit Gott geschlossen ist und nicht bloss ein Bund unter Menschen ist, ist dieser Bund verlässlich. Gott ist Garant dieses Bundes. Als Bundespartner garantiert er die Bundestreue, die der Treue unter dem Volk ihre Grundlage gibt.

In der Treue untereinander ist ein gedeihliches Zusammenleben der Bevölkerung möglich. Das Gesetz setzt dem Zusammenleben Rahmenbedienungen. Innerhalb dieses Rahmens ist jeder und jede in Israel grundsätzlich frei.

Natürlich war damals die individuelle Freiheit kleiner, als wir sie heute geniessen. Das Mosaische Gesetz ist in seinen Bestimmungen oft viel weitergegangen als wir es heute kennen. Das zeigt sich zum Beispiel in den Speisegeboten und Verboten, aber auch darin, dass Leibeigenschaft und Sklavenhaltung durchaus mit diesem Gesetz vereinbar waren.

Aber anders als unser heutiges Gesetz, hatte es eine Grundlage und einen Garanten ausserhalb seiner selbst. Wo unser Gesetzt ein freier Vertrag unter Menschen ist. Man spricht vom Gesellschaftsvertrag. Da war das Mosaische Gesetz nicht von Menschen, sondern von Gott selbst gegeben.

Als Gottesgesetz meisselte es Josua in Stein. Was in Stein gemeisselt ist, kann nicht geändert werden. Kein Buchstabe, kein Wort, kein Teil kann geändert werden, ohne dass der Stein zerstört wird, ohne dass sichtbare Spuren zurück bleiben.

Was in Stein gemeisselt ist, kann nicht verändert werden. Es gilt darum und ist der Willkür des Menschen entzogen. Das gibt dem Einzelnen Sicherheit und Freiheit. Gerade weil die Regeln des Zusammenlebens der Willkür der Menschen entzogen sind, lässt sich mit ihnen planen und in ihrem Rahmen das Leben in Freiheit führen.

Was könnten wir von Josua lernen? Zurück in den alten Bund? Nein, das wäre falsch.

Der Josuabund und die Verpflichtung auf das Mosaische Gesetz gehören zum Bund des Alten Testamentes. Das Volk war nicht in der Lage diesen Bund zu halten. Anders als beabsichtig, haben die Menschen nicht verstanden, dass sie unter diesem Bund alle gleich sind. Sie haben nicht begriffen, dass der Bund allen gilt und jeder für jeden verantwortlich ist.

Der alte Bund ist missverstanden worden. Rasch haben sich die Menschen nur noch äusserlich an ihn gehalten. Man war nicht mehr mit dem Herz bei der Sache und meinte es sei alles gut, so lange nur die geforderten Opfer erbracht würden.

Wer den Bund noch ernst nahm, der bildet sich bald etwas darauf ein. Er blickte auf die anderen herab und sagte zu sich selbst: „Ich habe mir nichts zu schuld kommen lassen. Ich stehe gut da vor Gott!“

Dass der Bund dabei gebrochen wurde, merkten viele nicht. Es gibt kein Zurück in den alten Bund, der in Stein gemeisselt war. Er ist gebrochen. Ein für alle mal.

Doch Gott ist gnädig mit uns Menschen. In Jesus Christus bot er uns einen neuen Bund an. In ihm dürfen wir Glieder eines Leibes sein.

Als Glieder dieses Körpers sind wir aufeinander bezogen. Als Körper aber sind wir der Leib Christi, der das Haupt ist.

In diesem neuen Bund dürfen wir leben. Seine Weisungen sind nicht länger in Stein gemeisselt, sondern im Glauben ins Herz geschrieben.

Der Glaube aber ist eine Verpflichtung. Wie damals die Menschen des Mosesbundes den Bund nicht um ihrer selbst willen, sondern zum Heil des ganzen Volkes halten sollten, sind auch wir im neuen Bund in Christus verpflichtet.

Nicht um unser selbst und unserem Seelenheilwillen sollen wir ihn halten. Wir sollen und dürfen unseren Glauben zum Heil der ganzen Nation leben.

Im Vertrauen auf diesen Gott, der in Jesus Christus seinen Bund mit der ganzen Schöpfung schloss, können wir mit Ruhe und Gelassenheit die Herausforderung unserer Zeit angehen. In ihm sind wir sicher und frei. Im Vertrauen auf ihn können wir Lösungen suchen, die Sicherheit und Freiheit für alle Menschen bringen. Vertraut auf Gott und tut um seinetwillen etwas Mutiges.
Amen

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