Täglich Brot

Unser täglich Brot gib uns heute!
Mt 6,11

Liebe Gemeinde

„Mehr als das ‚täglich Brot‘!“ las ich vor einiger Zeit auf einer Werbetafel. Die Tafel stand vor einer Bäckerei. Der Bäcker wies auf seine Produkte hin. Bei ihm gebe es mehr als das sprichwörtliche „täglich Brot“.

„Mehr als das ‚täglich Brot‘!“

Vermutlich wollte der Bäcker lediglich darauf hinweisen, dass es bei ihm nicht nur Brot gibt. Er machte auf seine Schwarzwälder- und seine Kirschtorte, seine Cremeschnitten und Nussgipfel und all die anderen Leckereien aufmerksam. Alle die Leckereien, die wir heute wie selbstverständlich erwarten, wenn wir ein solches Geschäft betreten. Heute lebt nicht einmal der Bäcker mehr vom Brot allein!

Ich aber, habe mich durch die Werbetafel zum Nachdenken anregen lassen. „Mehr als das ‚täglich Brot‘!“ Das gibt mir zu denken.

Brot ist nicht gleich Brot. Es gibt ganz unterschiedliche Varianten und Variationen. Von eher schlichten Sorten, wie dem Weissbrot aus Migros oder Coop, über den selber gebackenen Butterzopf bis hin zu raffinierten Kreationen kleiner Bäckereien. Demjenigen, dem das Backen mehr ist als Broterwerb, der kann seine ganze Kreativität in die Rezeptur stecken. Dabei entstehen Gourmetbrote vom Fünfkorn- bis zum Feigenbrot. Aus dem täglichen Brot wurde ein Lifestyle Produkt, das man sich bewusst leistet. Man ist was man isst!

Durch den Wandel verliert das tägliche Brot immer mehr seine ursprüngliche Bedeutung als Grundnahrungsmittel. Aus der Mahlzeit wurde eine Beilage. Man reicht es bloss noch zu Suppe oder Salat.

Der neue Stellenwert zeigt sich auch daran, dass das „täglich Brot“ längst nicht mehr jeden Tag gegessen wird. Nicht immer, aber auch, geschieht dieser Verzicht mit Rücksicht auf die Gesundheit und die schlanke Linie. Eine Ernährungsform richtet sich gar auf diesen Verzicht. Low Carb nennt das die moderne Sprache. Low Carb – wenig Kohlenhydrate, wenig Brot.

Wie anders war es damals, in jener Zeit, die uns die Kinder mit ihrem Theater näher gebracht haben (vgl. Ex 16,1-36)! Es gibt kein Brot in der Wüste. Und auch das Brot in Ägypten war ein ganz anders Brot, als das Brot, das wir heute kennen.

Im alten Ägypten, wie im Altertum überhaupt, gab es im Grunde nur zwei Brotarten: gesäuertes und ungesäuertes Brot. Das gesäuerte Brot kam unserem Brot noch am nächsten. Zwar kannte man noch keine Hefe, aber mit dem Sauerteig fing man – ohne es zu wissen – natürliche Hefebakterien aus der Luft ein, die den Teig aufgehen liessen. Allerdings ging er nie so stark auf, wie es der Teig mit der heutigen Brothefe tut. Das Brot war kompakt – kein Vergleich mit dem heutigen.

Noch fremder ist uns das ungesäuerte Brot. Es wurde aus einem einfachen Teig aus Mehl, Wasser, Salz und Kräutern hergestellt. Aus dem Teig formte man Fladen, die man auf grossen, flachen Steinen, die im Feuer erhitzt worden waren, gebacken hat. Am ehesten kennen heutige Jugendliche diese Art Brot beim Kebab. Dabei geht es beim Kebab nicht um das Brot, sondern vor allem um die Füllung. Der Fladen hält Fleisch, Gemüse und Saucen bloss zusammen.

Brot – einfach so Brot, ganz ohne Füllung oder Aufstrich – war damals wirklich noch Grundnahrungsmittel. Man backte es am Backtag auf Vorrat und lagerte es lange. In der trockenen Luft Ägyptens trocknete das Brot rasch und wurde hart. Es störte keinen. Man war es gewohnt. Hauptsache man hatte etwas zu essen. Hauptsache man musste das „täglich Brot“ nicht missen. Wer Brot hat muss nicht hungern.

Das „täglich Brot“ bedeutete Leben. Man hatte keinen Überfluss. Aber es reichte für den Tag.

Was dies für die Menschen hiess, wissen wir heute – zum Glück – nicht mehr aus eigener Erfahrung. Wir haben genug. Wer bei uns fastet, hat andere Gründe dazu als Mangel. In der Schweiz muss kein Mensch mehr verhungern.

Das „täglich Brot“ wird ohne diese Erfahrung aber rasch zur Worthülse, die wir im „Unser Vater“ beten, ohne wirklich zu verstehen um was wir hier bitten. Die wahre Bedeutung des „täglich Brot“ ist unserer Erfahrung entzogen. Wir können uns der Bedeutung bloss denkend näheren, indem wir Geschichten erzählen und sie bildhaft deuten. Geschichten, wie eine uns im Theater der Schülerinnen und Schüler begegnet ist. Bildhaft können wir diese Geschichten deuten, in dem wir nach ähnlichen Situationen in unserem Leben fragen. Wo haben wir „Wüste“ erlebt? Wann sind wir von einer Sache im innersten betroffen? Wovor können wir nicht ausweichen?

Das Volk Gottes muss durch die Wüste. Die Wüste ist der Ort der Bedrohung. Hunger, Durst und der mögliche Tod machen den Menschen zu schaffen. In der Wüste verliert der Mensch jede Sicherheit, die auf Besitz und Können gründet. In der Wüste wird er sich seiner bedrohten Lage bewusst.

Das Israel, das aus Ägypten befreit wurde, war längst kein Volk der Wüste mehr. Man hatte längst vergessen was die Stammväter Abraham, Isaak und Jakob und ihre Familien wussten, die mit ihren Familien am Rande der Wüste lebten. Ihre Nachkommen hatten sich in Ägypten angepasst. Die Fliehenden wussten nichts mehr vom Leben als Wüstenbewohner. Sie litten Hunger und Durst. Sie waren zu viele, als dass sie die Wüste ernähren könnte.

Doch Gott, der himmlische Vater, lässt es nicht zu, dass sie sterben. Er will, dass sein Volk lebt. Er will ihnen Zukunft und Segen schenken. Das Manna, das wunderbare Brot vom Himmel, wird ihnen zum „täglich Brot“. Er erhält seine Menschen. Tag für Tag.

Mit dem Manna machen sie zwei Erfahrungen. Zum einen die Erfahrung der Brüchigkeit jedes menschlichen Lebens, zum andern aber auch die Erfahrung, dass Gott sie in der Wüste nicht alleine lässt.

Das Manna ist die Erfahrung des Volkes in der Wüste. Es ist nicht unsere Erfahrung. Wir können uns ihrer nur erzählend und nachdenkend nähern.

Die existenzielle Erfahrung der Wüste kennen wir nicht. Selbst wenn wir in die Wüste reisen, wäre es doch eine andere Erfahrung, denn wir hätten einen Guide bei uns, der für genügend Wasser und Nahrung sorgt. Aber wir können uns durch die Geschichte ermutigen lassen, uns den Wüsten in unserem Leben zu stellen. Wo sind wir bedroht? Wo erfahren wir unsere eigene Ohnmacht?

Wüsten gibt es auch in unserem Leben. Keine äussere aus Stein und Sand, aber innere Leerräume. Die Ohnmacht bei einer Prüfung zum Beispiel, wenn man nicht einmal die Fragen versteht. Streit in der Familie, der auseinanderreisst, was zusammen gehört. Die Arbeitsstelle, deren Sicherheit überraschend durch Sparmassnahmen ins Wanken gerät oder eine schwere Krankheit, die das Leben bedroht.

Die Wüste ist oft nicht so fern, wie man meint.

Die Israeliten erfuhren in der Wüste, dass Gott nahe ist. Dass er das Leben erhält und niemanden aus seiner Hand fallen lässt, dürfen wir darin erkennen. Er gibt das „täglich Brot“.

Auf ihn dürfen wir vertrauen. Auch in der Wüste. Auch dann, wenn wir zweifeln. Auch dann, wenn unser Leben bedroht ist. Gott ist mit uns. Er gibt uns, was wir brauchen. Ja, er schenkt uns mehr, als das „täglich Brot“.
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.