Haltet mich nicht auf, da doch der HERR meine Reise hat gelingen lassen.
Lasst mich ziehen, ich will zu meinem Herrn gehen.
Gen 24,56

Liebe Gemeinde

Als ich ein Knabe war, hatte ich einen Kindergartenschatz. Sie war ein fröhliches und aufgestelltes Mädchen. Mutig, ja fast ein wenig frech, was mir sehr imponierte. Ich erinnere mich noch an ihre haselnussbraunen Augen, ihr langes, zu zwei Zöpfen geflochtenes Haar ihr sorgloses Lachen und die blauen Latzhosen, die sie immer trug. Sie gehörten zu ihr. Denn die anderen Mädchen trugen damals lieber Röckchen und träumten davon Prinzessinnen zu sein. Anna war anders. Anna war mein Schatz.

Natürlich heisst Anna im richtigen Leben anders. Das tut aber nichts zur Sache. Es ist einfacher von einem Menschen mit Namen zu sprechen, als ihn umschreiben zu müssen. Anna hätte zu meinem Kindergartenschatz gepasst – fast so gut wie ihr richtiger Name.

Ich spielte gern mit Anna. Am liebsten spielten wir Bauernhof. Ich der Bauer, sie die Bäuerin. Ich versorgte das unsichtbare Vieh und molk die Kühe, derweil Anna sich um die Hühner kümmerte. Es war für uns beschlossene Sache: Wenn wir gross sein werden, dann übernehmen wir einen richtigen Bauernhof. Wir werden Traktoren und Anhänger haben, saftige Weiden und fruchtbare Äcker werden den Hof umgeben und Knechte und Mägde darauf arbeiten. Diese waren zwar schon selten, damals Mitte der 80er Jahre, aber zu unserem Bauernhoftraum gehörten sie einfach dazu.

Er blieb ein Traum, der gemeinsame Bauernhof. Das Schicksal wollte es anders.

Annas Vater wurde eine andere Stelle angeboten. Er nahm sie an. Die Familie musste umziehen, weit weg aus unserer kleinen Stadt. Anna musste sich von ihren Freundinnen und Freunden verabschieden. Auch mir musste sie „Lebewohl!“ sagen.

Der Abschied fiel mir nicht leicht. Zur Abschiedsfeier, die sie in der Schule feiern durfte, wäre ich am liebsten nicht hingegangen.

Etwas in mir wollte sie zurückhalten. Ich wollte sie einfach nicht gehen lassen. Ich bildete mir ein, dass sie nicht wegziehe, wenn ich mich nicht verabschiede.

Bis zuletzt zögerte ich den Abschied heraus. Sogar noch an jenem Fest in der Schule tat ich so, als ob wir „Abschied“ nur spielen würden. Denn schliesslich war sie noch da. Sie war gar noch nicht weg.

Abschied nehmen, das fällt einem kleinen Jungen, wie ich es damals war, nicht leicht. Ja, der Abschied blieb mir eine Herausforderung. Auch heute noch. Ich bin damit wohl nicht allein.

Wenn Wege sich trennen, geht etwas zu Ende, das einem lieb und teuer geworden ist. Abschiede schnüren manchem die Kehlen zu, als ob einen einer würgen würde. Es fühlt sich an, als wäre einem ein Bissen im Hals stecken geblieben. Man hat einen Kloss im Hals, wie es sprichwörtlich heisst.

Wenn ein Schulfreund wegzieht; wenn ein Arbeitskollege pensioniert wird, wenn ein Onkel auswandert – Abschiede haben etwas Ambivalentes an sich. Erst recht dann, wenn es ein letzter Abschied ist. Wenn ein geliebter Mensch stirbt.

Man will es nicht wahrhaben. Es fühlt sich im ersten Moment wie ein böser Traum an. „Vielleicht ist es ja ein Irrtum. Schlicht eine Verwechslung!“, mag der eine oder andere beim Empfang einer Todesnachricht schon gehofft haben. Man funktioniert zuerst einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Als würde man Abschied nur spielen.

Doch der Todesfall ist real. Leugnen hilft nicht. Leugnen macht den Toten nicht wieder lebendig. Der Abschied ist unausweichlich.

So sehr ich auch so getan habe, als ob Anna und ihre Familie nicht wegziehen würden, änderte es doch nichts an der Situation. Ich konnte sie nicht aufhalten.

Am Samstag nach der Abschiedsfeier in der Schule, standen die Umzugswagen vor dem Block. Viele mir fremde Menschen trugen Stühle und Tische, Kisten und Taschen aus ihrer Wohnung. „Sie zieht wirklich weg!“ Wie ein Blitz fuhr dieser Gedanke in mein Herz.

Ich hätte weinen können, doch so wollte ich mich ihr nicht zeigen. So fasste ich mir ein Herz und ging zu ihr hin.

Ich weiss nicht mehr, was ich damals zu ihr sagte. Ich hoffe, es war etwas, das ausdrückte, wie gern ich sie hatte und dass ich ihr nur das Beste wünsche. Ein letztes Mal redeten wir miteinander. Dann rief sie die Mutter. Es war Zeit zum Aufbruch. Sie stieg in ein Auto. Das Auto fuhr davon. Ich stand auf dem Trottoire und habe gewinkt. Schliesslich liefen mir heisse Tränen über die Backen. Eine Welt brach zusammen.

Die Tage und Wochen danach waren schlimm. Alles erinnerte mich an Anna. Jedes Mal wenn ich auf der Strasse oder im Zentrum ein Mädchen mit langen Zöpfen oder einer Latzhose von hinten sah, meinte ich, sie sei wieder da. Doch jedes Mal wurde ich enttäuscht. Sie war es nie.

Später erfuhr ich, dass dies normal sei, nicht nur wenn jemand wegzieht. Auch wenn Menschen sterben, glauben Trauernde immer wieder sie im Konsum oder auf dem Bahnhof zu erkennen. Es gehört mit zur Trauer.

Die Erinnerungen und das vermeintliche Wiedererkennen sind ein Teil des Trauerprozesses. Unser Gehirn verarbeitet den Verlust in dem unser Verstand Gegenstände und Gesichtszüge mit dem Verstorbenen verbindet. Es ist ein Versuch den Verlust aufzuhalten. Es ist, als ob man sagen wollte: „Geh nicht! Bleib bei mir.“

Der Schmerz über den Verlust hat sein Recht. Er ist ein Teil des Abschiedsprozesses. Es ist in Ordnung, wenn wir traurig sind. Es darf sein, dass wir dabei weinen. Es darf sein, dass einem die Tränen versagen und man nicht einmal weinen kann.

„Du musst loslassen“, meint dann der eine oder andere. Es ist wohlwollend gemeint. Der Andere will nur helfen. Doch das „du musst loslassen“ ist keine Hilfe. Nein, keiner von uns muss loslassen.

Nicht, dass wir auf ewig festhalten müssten, doch das Loslassen muss reifen. Zum Loslassen dürfen wir uns nicht zwingen. Loslassen funktioniert nicht auf Befehl. Wir können es nicht, bloss weil ein anderer es für Zeit hält oder wir meinen Loslassen zu müssen. Nicht wir lassen los, sondern der andere geht. Wir müssen ihn nicht hindern.

Wenn die Zeit reif ist, dann hören auch wir das Wort: „Haltet mich nicht auf, da doch der HERR meine Reise hat gelingen lassen.“

Anna war weggezogen. Sie war nicht mehr da. Ich war traurig. Dann wurde die Traurigkeit weniger. Doch vergessen habe ich sie nie. Bis heute leben die Erinnerungen an sie weiter. Immer einmal wieder kommen die Erinnerungen an ihre Latzhosen und ihre Zöpfe, die fröhlich hüpften, wenn wir über die Wiese rannten und an den gemeinsamen Traum vom Bauernhof dachten.

Erst viele Jahre später sah ich sie per Zufall im Tram wieder. Wir hätten uns kaum erkannt – auch da half nur ein Zufall. Sie hatte sich verändert. Ich hatte mich verändert.

Wir erzählten einander, wie es uns ergangen war. Ich freute mich, dass sie es gut getroffen hatte. Aus ganzem Herzen gönnte ich es ihr.

Wir tauschten keine Telefonnummer und keine E-Mailadressen aus. Dazu kam es einfach nicht, denn meine Haltestelle kam. Ich musste aussteigen. Eine Zeitlang bedauerte ich die verpasste Chance.

Doch dann fragte ich mich, ob es nicht auch gut so war. In den Jahren haben sich unsere Welten weitergedreht. Wir haben uns in andere Richtungen entwickelt. Es wäre nicht mehr das gleiche gewesen. Das Mädchen und der Knabe, die zusammen einen Bauernhof führen wollten, gab es nicht mehr. Wir waren keine Kinder mehr. Wir sind erwachsen geworden.

Wenn Menschen Abschied nehmen, trennen sich Wege. Die Wege gehen weiter. Auch wenn ein Mensch stirbt, auch wenn der Weg von der Erde weg in den Himmel führt.

„Lasst mich ziehen, ich will zu meinem Herrn gehen.“ Als Christinnen und Christen vertrauen wir darauf, dass unsere Wege zu Gott führen. Im Glauben dürfen wir darauf hoffen, dass wir uns am Ende der Zeit in seinem Reich wiedertreffen. Doch werden wir nicht mehr dieselben sein. Das Sterben und der Tod – der Abschied, der dazwischen liegt – sie verändern uns. Ja, Gott verwandelt uns.

Jene Anna, die ich im Tram traf, war nicht mehr die Anna aus dem Kindergarten. Was in der Welt gilt, wird auch im Himmel gelten. In der Ewigkeit Gottes sind wir nicht mehr die Menschen, die wir in der Zeit waren. Der Himmel wird keine Fortsetzung der Welt sein. Das Reich Gottes ganz anders sein, als wir es uns auch nur vorstellen können.

Doch ich bin davon überzeugt: So sehr die Welt des Kindergartens und die Welt der Erwachsenen sich unterscheiden, so sehr sind wir im Grunde unseres Herzens doch dieselben geblieben. Wir hätten uns neu kennenlernen können. Wir hätten eine neue Beziehung aufbauen können. Es ist nicht dazu gekommen. Eine verpasste Chance – hier auf Erden.

Eine verpasste Chance, doch nicht das Ende. Eines Tages werden wir uns wieder sehen. Nicht im Kindergarten, nicht im Tram und auch nicht im Altersheim. Sondern verwandelt in seinem Reich. Unser Weg ist ein Weg zum Herrn über Himmel und Erde, über Tote und Lebende.
Amen

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