Man nehme…

Horch, ein Rufer:
Bahnt den Weg des HERRN in der Wüste,
in der Steppe macht die Strasse gerade für unseren Gott!
Jes 40,3

Liebe Gemeinde

Man nehme…

Als ich ein kleiner Junge war, begann die Weihnachtszeit für mich, wenn ich zu meiner Oma zum Weihnachtsguetzlibacken gehen durfte. Meistens war es Ende November soweit. Einige Male musste ich mich aber bis in den Dezember hinein gedulden. Ich besuchte meine Grossmutter zwar oft, aber auf das vorweihnachtliche Backen freute ich mich besonders. Die Adventszeit und Weihnachten mochte ich schon damals. Aus anderen Gründen zwar, als ich sie heute schätze, das gebe ich zu. Denn ich freute mich natürlich ganz fest auf die Geschenke, wie wohl jedes Kind. Doch wie auch heute noch genoss ich schon damals die feierliche und besinnliche Stimmung.

Die Weihnachtsfeier mit der Familie bildete den Höhepunkt. Doch noch war es nicht so weit. Weihnachten wollte vorbereitet sein. Mit meiner Grossmutter durfte ich ein Teil dieser Vorbereitung sein.

Miteinander haben wir Guetzli gebacken. Am liebsten stach ich die Guetzli aus. Doch bevor es soweit war und ich ausstechen konnte, mussten wir den Teig anfertigen.

Meine Grossmutter besass gewiss tausend verschiedene Rezepte, so kam es mir zumindest als Kind vor. Jedes Einzelne war feinsäuberlich von Hand auf ein eigenes Kärtchen geschrieben. Alle Kärtchen waren dem Alphabet nach sortiert von A, wie Amaretti bis Z, wie Zimtsterne.

Ich bewunderte meine Oma. Sie hatte so viele Rezepte erfunden! Für einen kleinen Jungen, wie ich es damals war, war es unvorstellbar, dass die Rezepte nicht von meiner Grossmutter waren, wurde sie doch beständig von meiner Mutter, meinen Tanten und überhaupt von fast allen, die ich kannte, gebeten das eine oder andere Rezept zu verraten.

Alle diese Rezepte – in Wahrheit waren es keine Tausend, aber doch bestimmt zwei oder drei Dutzend – hatten eines gemeinsam. Sie alle begannen mit denselben Worten: „Man nehme…“

Man nehme…

Was braucht man für ein gelingendes Weihnachtsfest? Was muss sein, damit es Weihnachten werden kann? Ein paar mögliche Weihnachtsrezepte:

Man nehme…

Einen Tannenbaum. Gerade gewachsen und mit kräftigen Ästen daran. Nicht zu viele und nicht zu wenige. Regelmässig verteilt, aber doch so, dass der Baum natürlich aussieht.

Ein paar Tage vor Weihnachten stelle man diesen Baum in die warme Stube. An seine Äste hänge man glänzende Kugeln. Am besten aus mundgeblasenem Glas und von Hand bemalt sollten sie sein. Auch dürfen Kerzen nicht fehlen. Wie wäre es einmal mit solchen aus echtem Bienenwachs? Die Spitze des Baums kröne als Abschluss ein Engel aus Gold.

Bald schon verbreitet der Baum einen herrlichen Duft im ganzen Haus. Es schmeckt nach frischem Tannenholz. Wenn an Heilig Abend dann ein ganzer Berg Geschenke unter ihm drapiert wird, dann wird er nicht nur Kinderaugen zum Leuchten bringen. Dem Besuch wird es warm ums Herz und alte Erinnerungen steigen auf. „Es könnte wieder so sein, wie…“, beginnt die Seele zu hoffen.

Doch welcher Art wird die Hoffnung sein? Hofft sie auf ein friedliches Miteinander in der Familie? Wünscht sie einen neuen Anfang mit den Menschen, die sie gerne hat? Ist Weihnachten das Fest der Liebe?

Gelingt Weihnachten dank dem prächtigen Baum und der besinnlichen Dekoration? Oft genug wurden Menschen von dieser Stimmung enttäuscht. Spätestens, wenn alle Geschenke ausgepackt sind und die roten und goldenen Bänder und das bunte Geschenkpapier auf einem grossen Abfallhaufen liegen, beginnt sich eine grosse Leere in der Seele auszubreiten. Weder der Baum, noch die Geschenke unter ihm mögen Weihnachten zu tragen.

Ein anderes Rezept wird ausprobiert.

Man nehme…

Einen Truthahn. Gross und aus tiergerechter Haltung – am besten mit Biogütesiegel. Dazu lade man sich liebe Menschen ein. Verwandte und Freunde, für die man unter dem Jahr nur allzu selten genügend Zeit hat. An Weihnachten sollen alle zusammenkommen. Man nimmt sich vor die Zeit zu haben, die einem unter dem Jahr fehlt vor lauter Arbeit, Aus- und Weiterbildung, Hobbies und Ferienreisen und all den tausend Dingen, die man zu erledigen meint. An Weihnachten will man Zeit haben. An Weihnachten möchte man miteinander reden.

Mit viel Vorfreude nimmt man die Vorbereitungen in Angriff. Der Mehraufwand und die Arbeit, die damit verbunden sind, nimmt man gern in Kauf. Man schreibt Einladungsbriefe von Hand auf gutes Papier. Man schmückt die heimelige Stube. Man kauft ein, was es alles zu diesem feinen Truthahn braucht.

Dann kommt der Weihnachtstag und mit ihm die Gäste. Die Stube füllt sich. Es wird eng am Tisch, doch das stört niemanden. Man tauscht sich aus und kommt ins Gespräch. So lange die feinen Speisen auf dem Teller genossen werden, reden nicht alle. Man kann den Berichten folgen und sich mit den anderen freuen.

Doch sind die Teller leer gegessen, schwillt das Gespräch an. Bald redet jeder mit jedem. Der Lärmpegel steigt. Alle versuchen die Zeit, die sie unter dem Jahr nicht für einander hatten, jetzt aufzuholen. Ein heilloses Durcheinander. Nicht jeder fühlt sich wohl in diesem Lärm.

Am Ende ist der eine oder andere enttäuscht. Anstatt Zeit für einander zu haben, machte sich doch das Gefühl breit, man habe mehr ellbögln müssen als gut wäre, damit man auch zu Wort kam. Das gemütliche Essen unter Verwandten und Freunden fühlt sich an, wie ein Arbeitsessen in der Firma.

Am Abend ist jeder erschöpft und fühlt sich gar leer. Man nimmt sich vor im neuen Jahr mehr Zeit für seine Liebe einzuplanen, damit man beim nächsten Weihnachtsfest nicht wieder meint alle Gespräche des Jahres führen zu müssen. Ein guter Vorsatz! Ob es ihm anders ergehen wird, als es Neujahrsvorsätzen für gewöhnlich ergeht? Wird er umgesetzt werden?

Vielleicht hilft ein anderes Rezept.

Man nehme…

Einige Briefe mit Informationsmaterial der verschiedenen Hilfswerke. Man studiere die Informationen und überlege sich, bei welchem es am sinnvollsten sei sich zu engagieren.

Nach einiger Bedenkzeit stelle man eine Liste mit zwei oder drei Projekten zusammen, die einen überzeugen. Sie geben einem das Gefühl, sie tragen zu einer friedlicheren und besseren Welt bei. Man spende, was man spenden möchte. Dank beigelegtem Einzahlungsschein und E-Banking geht dies bequem und einfach.

Weil man von den ausgewählten Projekten begeistert ist, erzählt man anderen davon. Man freut sich, wenn auch diese sich vom Sinn überzeugen lassen.

Doch je mehr man erzählt, desto eher trifft man Menschen, die einem erklären, dass das alles ja schön und gut sei, aber halt doch das Falsche. Es gebe bessere und sinnvollere Projekte. Ja, das gewählte Projekt sei nicht bloss von geringem Nutzen, es sei sogar kontraproduktiv.

Es braucht Kraft, an dem festzuhalten, dass man für richtig hält. Es kostet Energie, auch wenn es sinnstiftend ist. Egal, was andere dazu sagen mögen.

Es braucht Kraft. Doch soll Weihnachten etwas sein, das uns Kraft kostet? Können wir Weihnachten machen?

Meine Grossmutter und ich backten Guetzli. Das gemeinsame Backen ist eine meiner schönsten Erinnerungen an Weihnachten. Doch das Backen war nicht Weihnachten.

Auch der geschmückte Baum, der Kinderaugen verzaubert, das gute Essen, das Familie und Freunde zusammenführen und auch das Gute, das wir nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern auch über das Jahr tun – auch all dies ist nicht Weihnachten.

Weihnacht ist nichts, was wir Menschen machen müssen. Wir können es nicht, auch wenn wir es noch so sehr versuchen.

Auch das allererste Weihnachten, damals in Bethlehem war nichts, das Menschen machten. Es waren nicht die Hirten auf dem Feld. Es waren nicht die weisen Männer aus dem Morgenland. Es war nicht Maria und Joseph.

Weihnachten wurde es. Die Heilige Nacht kam. Christus wurde Mensch. Sogar gegen den Willen der Welt! Weder Herodes mit seiner Eifersucht, noch Augustus mit seiner Volkszählung konnten es verhindern.

Gott wurde Mensch. Er tat, was wir nicht tun können. Er liess es Weihnachten werden.

Weihnachten ist ein Geschenk. Es kommt auf uns zu. Wir müssen es nicht herbei bringen. Wir dürfen es geschehen lassen.

Weihnachten machen nicht wir. Es widerfährt uns – auch dann, wenn es uns misslingt.

Gott kommt nicht wegen der geschmückten Stube, der versammelten Familie oder dem Guten, das wir tun. Er kommt damit die Stube unseres Herzens geschmückt wird. Er kommt um Familien zu versammeln. Er kommt um diese Welt zu retten.

Er kommt. Wir dürfen uns ein Advent lang auf sein Kommen freuen. Wir dürfen uns freuen und dabei Guetzli backen, Bäume schmücken, Familie und Freunde einladen und gute Werke unterstützen.

Man nehme …

Etwas Zeit und habe Geduld. Man lasse ihn kommen.
Amen

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