Bilder im Kopf

Und unablässig rief der eine dem anderen zu und sprach:
Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen!
Die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit.
Jes 6,3

Liebe Gemeinde

Die Blätter fallen und der Nebel liegt am Morgen lange im Tal. Draussen wird es von Tag zu Tag ein wenig kälter. Die Nächte sind dunkler und werden länger. Die Tage schrumpfen. Die Sonne steht auch am Mittag tief über dem Horizont. Kaum noch hört man einen Vogel singen. Das Auge hält vergebens Ausschau nach Sommerblumen. Schon trägt der Wind das letzte Rosenblatt mit sich. Das Herz wird gewiss: Es ist Herbst. Bald wird das Jahr vergehen.

Auch das Kirchenjahr neigt sich dem Ende zu. Heute feiern wir den zweitletzten Sonntag. Mit dem Ewigkeitssonntag am nächsten Wochenende wird sich der Kreis schliessen.

Ich blicke zurück. Ohne Wehmut, aber mit Dankbarkeit in der Seele. Wie der Bauer die Früchte und das Korn einbringt, so sammle ich die Erinnerungsbilder des Jahres ein. Es ist ein gutes und ein segensreiches Jahr, das zu Ende geht.

Ich bin dankbar. Für die gelungene Konfirmandenreise nach Berlin. Wir durften ein gutes Miteinander erleben. Den Blick von der Kuppel des Reichstags über die Stadt klebe ich in mein Fotoalbum im Kopf. Neben dem Bild finden sich meine Konfirmanden, wie sie zwischen den Stelen des Holocaustdenkmals verstecken spielen. Vielleicht ein wenig unpassend für diesen Ort. Doch aus dem Spiel des Versteckens ergibt sich ein Gespräch über das Verfolgt sein, wie es den Menschen widerfahren ist, denen dieses Denkmal gewidmet ist. Der Schmerz über die Grausamkeit von damals mischt sich mit der Befriedung, dass das Leid auch meine Schüler nicht kalt lässt und sie Fragen zu stellen beginnen.

Auf der Reise entstehen Gespräche, die es im Unterrichtszimmer nicht gegeben hätte. Es wird persönlich bei Pommes und Burger im Schnellrestaurant.

Ich blättere zurück im Fotoalbum. Die Farben auf den Bildern werden wärmer und heller. Der letzte Sommer ist gar noch nicht so weit weg. Lachende, fröhliche Menschen begegnen mir da. Jung und Alt zusammen. Mir kommen Hochzeitsbilder in den Sinn. Das private Glück dieser Familien, bei denen ich als Pfarrer mit dabei sein durfte.

Doch nicht nur bei Hochzeiten wird gefeiert. Auch Festgottesdienste zusammen mit Christinnen und Christen aus dem ganzen Tal fanden Eingang in das Album mit den Bildern in meinem Kopf. Wir haben zusammen gesungen und geschmunzelt. Wir haben uns aber auch daran erinnert, dass Gott über uns wacht. Wir beten vereint. Wir feierten Gottesdienst über die Grenzen der Gemeinden und der Konfessionen hinweg.

Ja, wir sind sogar mit Jugendlichen aus der ganzen Region gemeinsam einen Kreuzweg gegangen. In der Nacht auf Karfreitag wanderten wir durch das Tal und erinnerten uns an das Leiden Jesus am Kreuz. Keine einfache Geschichte – schon gar keine moderne – und doch liessen sich die jungen Menschen davon ansprechen. Die Bilder im Herzen sind heller als die Handyfotos, die wir auf dem Weg versuchten zu schiessen. Ich hoffe, sie werden nicht nur in meinem Herzen weiter leuchten.

Das Fotoalbum hat sich gefüllt. Viele Erinnerungen werden bleiben. Erinnerungen, die uns verbinden. „Weist du noch?“, werden wir vielleicht in ein paar Jahren zu einander sagen und darauf zurückblicken. Wir werden lachen, auch über das eine oder andere, das nicht so lief, wie wir es geplant haben.

Ich schliesse mein Album. Ich habe euch nicht alle Seiten gezeigt. Es gäbe so viel mehr. Auch bei mir: ganz private Bilder des Glücks. Gewiss hat jeder von euch auch ein Fotobuch in seinem Herzen. Es ist der Ort, an dem wir dankbar die guten Erinnerungen aufbewahren. An solche Momente erinnern wir uns gern. Diese Bilder betrachten wir voll Freude.

„Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen! Die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit.“, singen die Seraphim in der Vision des Jesajas. Im Anblick der reichen Ernte guter Erinnerungen aus diesem Jahr, fällt es leicht in ihr Gotteslob mit einzustimmen. Das Gute und Schöne, das uns widerfahren ist, dürfen wir als die Fülle der ganzen Erde erkennen, die Gottes Herrlichkeit ausmacht.

Es fällt uns leicht, für Angenehmes und Frohes zu danken. Wo wir es nicht tun, liegt es nicht an der fehlenden Dankbarkeit, sondern schlicht daran, dass der moderne Mensch nicht mehr weiss, bei wem er sich bedanken darf. Wo der Dank fehlt, da fehlt das Gottesbewusstsein. Es fehlt dem einen oder anderen die Gewissheit, dass einer über uns steht, der grösser ist als wir.

Wir als Gottesdienstgemeinde wissen um diesen Grösseren, wie auch Jesaja um ihn wusste. In unserem Feiern stehen wir mit dem Fotoalbum unseres Lebens vor ihm, unserem Gott. Wir sind ihm gegenüber verantwortlich. Mit unserem Dank antworten wir auf sein Handeln. Dankbarkeit ist unsere Verantwortung. Wir sind dankbar für die Fülle der Welt, die seine Herrlichkeit ist.

Doch zu dieser Fülle gehört nicht nur das Gute. In meinem Fotoalbum kleben nicht nur Bilder des Erfolgs. Es gibt auch jene Bilder, die man nicht einkleben will. Momente und Ereignisse können eine Last sein. Diese Bilder klebt man nicht ein. Diese Bilder legt man zwischen die Seiten und hofft, dass sie eines Tages aus dem Album fallen. Man will sie am liebsten vergessen.

Wenn ich mein Album aufschlage finde ich auch diese Fotos. Es sind Erinnerungen dunkler, bodenloser Traurigkeit. Wie damals, als eine Familie ihren Sohn begraben musste. Als Pfarrer sollte ich den Abschied leiten und Trost spenden. Doch kein Wort, kann trösten, wenn eine Mutter und ein Vater am Grab ihres Kindes stehen. Die Erinnerung erschüttert mein Herz noch heute. Die Fülle der Erde kann grausam sein. Auch der Tod, auch das Sterben zur Unzeit, gehört mit dazu. Es sind Momente, die uns alle überfordern. Wir spüren die Grenzen unserer Macht. Wir werden uns unserer eigenen Ohnmacht bewusst.

„Wehe mir, ich bin verloren!“, ruft Jesaja in der Begegnung mit Gott. Vor dem himmlischen König kann er nicht bestehen. Vor dem himmlischen König können wir nicht bestehen.

Wir erfüllen unsere Verantwortung nie ganz. Die Streitereien, die ich im vergangenen Jahr nicht beigelegt habe, gehören dazu. Auch alle Missverständnisse, bei denen es nicht gelang sie aufzuklären. Jedes verletzende Wort, das wir zu einander gesagt haben.

Auch unser Versagen bringt seine Früchte. Sie sind nicht süss und prall, sondern bitter und hässlich. Es ist keine Freude sie zu pflücken. Am liebsten würde man sie am Strauch verrotten lassen. Doch die Früchte sind zäh. Die Erinnerungsbilder fallen nicht so leicht, aus dem Album. Man wird sie nicht los.

Auch sie gehören zur Fülle der Erde. Als Teil dieser Fülle haben sie Anteil an der Herrlichkeit Gottes. Herrlichkeit meint nicht nur das Schöne und uns angenehme.

Auch für diese sauren Früchte sind wir verantwortlich. Sie stellen uns in Frage. Wir schulden Gott auch wegen ihnen eine Antwort. Diese Antwort ist nicht Dank, sondern Reue. Es ist die Bitte um Vergebung und das Aushalten, wo ein anderer nicht zur Vergebung bereit ist.

Wir stehen mit unserem ganzen Leben vor dem Throne Gottes, auch wenn wir das nicht mit den Augen sehen, wie es Jesaja sehen durfte. Hinter und unter der Oberfläche unserer Wirklichkeit ist Gott mit seinem ganzen himmlischen Gefolge beständig am Werk. Wo wir Grenze sehen, da blickt er hinein. Er sieht dem Menschen ins Herz.

Jesaja wird ein Blick unter die Oberfläche gewährt. Gott selber offenbart sich ihm. Er zeigt ihm, wie es um ihn steht. Jesaja erkennt sich in dieser Begegnung selbst. Er weiss um seine Stärken und seine Schwächen. Er steht zu seinem Erfolg und seinen Fehlern. Er bekennt: „Ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen, und wohne in einem Volk mit unreinen Lippen.“

Doch Gott will nicht, dass er verloren ist. Ein Seraph, ein Engel von Gott, reinigt Jesaja. Er erfährt Vergebung. Sie brennt, wie glühende Kohle auf seinen Lippen. Doch sie reinigt ihn. Gott hat Grosses vor mit Jesaja. Er macht ihn zu seinem Prophet.

Jesaja wird zum Diener Gottes. Er dient ihm mit den Früchten des Erfolgs und des Misserfolgs. Er lobt ihn vor den Menschen mit seinem Vermögen und seinem Unvermögen. Er verkündet das göttliche Wort den menschlichen Ohren des Volkes.

Seine Prophetie wird einen gewissen Erfolg haben. Ein König kommt zur Einsicht, doch ist die Einsicht nicht von Dauer. Dem Herbst der Königszeit folgt der Winter. Es ist der Winter des babylonischen Exils. Der König wird stolpern, Jerusalem wird fallen. Doch der Winter ist nicht ohne Frühling. Gott wird sein Volk sammeln. Er wird zu ihm kommen. Es wird Advent werden.
Amen

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