Gott lob Reformation?

Und sie priesen Gott um meinetwillen.
Gal 1,24

Liebe Gemeinde

Wenn man es recht bedenkt, ist es ein eigenartiger Text, den wir am heutigen Reformationssonntag gehört haben. Paulus berichtet über sich selbst. Er blickt zurück auf sein Leben und wirft einen schonungslosen Blick auf seinen Werdegang. Sprichwörtlich vom Saulus zum Paulus wurde er. Schliesslich lobt die Gemeinde Gott um seinetwillen. Eigenartig für einen, der diese Gemeinde doch verfolgt hatte und den sie nicht persönlich kannten.

Passt dies zum Reformationsfest? Wir sind es uns doch gewohnt, nicht ganz ohne Stolz, auf unsere reformierte Kirche zu blicken. Im Rückblick verklären wir die Reformatoren von Luther, über Zwingli bis Calvin zu Helden. Wir setzten ihnen Denkmäler aus Stein vor Kirchen oder aus Worten in Büchern. Auch die vermeintliche zweite Garde, Bullinger, Oekolambad und wie sie alle heissen, bleiben nicht unerwähnt und werden gerne zu Idealbildern stilisiert. Sie steigen aus dem Nebel der Geschichte auf, gehen geradlinig ihren Weg und kämpfen gegen alle Widerstände der mittelalterlichen Kirche. Als übermenschliche Hero predigen sie das wahre Wort Gottes. Doch stimmt unser Bild von ihnen?

Gerade am Reformationssonntag passt unser Lesungstext (Gal 1,10-24). Denn wenn die Sonne des klaren Verstandes die Nebel der Geschichte auflösen, erkennen wir die Menschen hinter den Reformatoren.

Sie sind Menschen mit all ihren Schwächen und Brüchen.

Nehmen wir Ulrich Zwingli als Beispiel.

Als er nach Zürich ans Grossmünster berufen wird, bezieht er noch immer eine päpstliche Pension. Sie wird ihm jährlich direkt auf Anweisung des Papstes bezahlt. Eine Auszeichnung war dies, nur wenige Priester erhielten eine solche Pension. Nur die treusten Papstanhänger unter dem Klerus wurden mit regelmässigen Geldgaben beschenkt. Zwingli lebte gut mit diesem Zuschuss.

Warum rief man ihn nach Zürich? Gerade wegen seiner Papsttreue! Er soll als Leutepriester den Menschen der Stadt katholische Lehre predigen. Denn anders als heute, war Zürich zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Stütze der Papstpartei in der Eidgenossenschaft. Man hielt treu zum Heiligen Stuhl in Rom. Die Treue galt im Nachhinein wohl mehr der weltlichen Autorität des Kirchenfürsten. Gegen Bezahlung sandte man Truppen. Eine vorteilhafte Verbindung für beide Seiten.

Was heute undenkbar ist, war damals normal. Viele Kommandanten der Schweizergarde waren Stadtzürcher.

Zwingli war ein Saulus in mitten eines pharisäischen Zürichs!

Man rief ihn, nicht damit er gegen den Papst predigt, sondern damit er im Einverständnis mit dem Papst die sozialen Missstände in der Stadt bekämpft. Man vertraute darauf, dass er in seinem Bestreben nicht den Heiligen Stuhl herausfordert, war er doch als Pensionsempfänger von jenem abhängig. Zwinglis Neigung gegen den Solddienst, das sogenannte Reislaufen, zu predigen, sah man ihm nach. Ja, man konnte es gar als Ausdruck seiner Papsttreue deuten. Denn obwohl auch der Papst Söldner anheuerte um seine Macht in Italien auszubauen, so war doch Frankreich und sein König der grössere Kriegsherr. Wer gegen das Reislaufen predigte, predigte gegen Frankreich. Wer gegen Frankreich predigte, predigte für den Papst, denn beide Parteien stritten sich um die Macht in Norditalien.

So kam der papsttreue Zwingli in das papsttreue Zürich. Für Ruhe und Ordnung soll er sorgen. Predigend geht er die Aufgabe an. Wie Saulus mit der Thora gegen die frühen Christen kämpfte, so kämpft Zwingli mit der Bibel gegen die sozialen Missstände in der Stadt. Das theologische Rüstzeug für seine wörtliche Bibelauslegung holte er beim Humanismus.

Wie die Humanisten und die mittelalterliche Kirche war auch Zwingli überzeugt, dass der Mensch sündigt, weil es ihm an Einsicht fehlt. Würde der Mensch verstehen, wie er gegen den göttlichen Willen verstösst, so würde er dies lassen. Der Mensch muss nur Gott erkennen, so erkennt er sich selbst. Wenn der Mensch Einsicht hat in sein schlechtes Handeln wird er es aus freiem Willen lassen. Bildung ist der Weg.

Kampf gegen die Missstände hiess entsprechend diese Missstände aufzuzeigen. Zwingli und die Humanisten gingen denselben Weg, den schon die Propheten im Alten Testament gegangen waren. Er prangerte an und leitete zum Ordnen der weltlichen Verhältnisse an. Sind diese in Ordnung kommt auch das Verhältnis zu Gott in Ordnung.

Göttliche Gnade hiess in diesem Verständnis, dass Gott dem Mensch die Mittel gab. Mit Hilfe dieser Gnadenmittel sollte der Mensch seine Schuld gegen Gott wieder gut machen. Das Verhältnis zu Gott konnte mit Almosen, Wahlfahrten und Ablass wieder hergestellt werden.

Es hätte alles wunderbar sein können. Zürich und mit Zürich wohl die ganze Schweiz hätten katholisch bleiben können und es noch heute sein. Doch zwei Ereignisse gaben der Geschichte eine andere Wende.

Im Jahre 1519 erkrankte Zwingli an der Pest. Angesteckt hatte er sich wohl bei einem Krankenbesuch. Als Leutepriester war er auch Seelsorger der Pestkranken. Als Priester nahm er ihnen die Beichte ab und spendete in der Todesstunde Trost mit der Krankensalbung. Plötzlich war sein Leben bedroht.

Wochenlang schwebte er zwischen Leben und Tod. Schliesslich besserte sich sein Zustand allmählich. Doch die Erfahrung der Todesnot veränderte sein Leben.

„Dein Ton bin ich – form oder brich“, singt er in seinem Pestlied zu Gott. Das grosse Vertrauen auf die menschliche Einsicht bricht am Bewusstsein ganz in Gottes Hand zu sein. Nur im Vertrauen auf Gott kann der Mensch leben.

Doch erst mit dem zweiten Ereignis folgt aus dieser Erkenntnis der Bruch mit dem alten Glauben.

Das zweite Ereignis ist die Bannandrohung gegen Martin Luther.

In Luther erkannte Zwingli einen Mitstreiter gegen die sozialen Missstände. Die Grundlage Luthers und Zwinglis je eigenem Kampf ist die alleinige Gültigkeit der Bibel. Allein, wenn die Heilige Schrift als einzige Richtschnur anerkennt wird, kann sich die Gesellschaft ändern. Mit der Bannandrohung gegen Luther ist auch Zwingli in die Entscheidung gerufen.

Jetzt galt es. Festhalten am Engagement für die Menschen in Zürich oder zurück zum alten Glauben? Es war eine sonderbare Entscheidung. Eine Entscheidung, die nicht in der Absicht des Papstes lag. – Und doch machte sie die Fügung der Geschichte nötig – oder war es göttlicher Wille?

Zwingli könnte anders – doch er entschied sich für die Reformation. Ein Prozess setzte ein, der sich nicht mehr aufhalten liess und der auch auf den einen oder anderen Irrweg führte. Täuferverfolgung und der Tod auf dem Schlachtfeld von Kappel gehören dazu.

Ulrich Zwingli war ein Mensch mit Fehlern und Tadel, wie es auch Saulus vor ihm war. Doch in das Leben von beiden Männern griff Gott ein. Er gab diesem Leben eine neue Richtung.

Zwingli und Paulus sind Beispiele für das, was Gott im Leben eines Menschen bewegen kann. Sie sind Beispiele, aber keine Ausnahmen.

Gott greift ein in unser Leben. Er gibt uns Chancen und stellt uns vor Entscheidungen. Nicht immer treffen wir die richtige Wahl. Zwingli machte Fehler. Paulus machte Fehler. Wir machen Fehler.

Es ist nicht ihre Leistung, die die Menschen Gott loben lässt. Sondern, dass sie von Gott getragen sind. Wie Paulus und Zwingli trägt Gott auch dich und mich.

Auch um deinetwillen soll Gott gelobt werden. Nicht weil du besonderes leistest, sondern weil du bist, wer du bist. Denn aus Gottes Gnade bist du, es. Dies allein macht dich wertvoll. Gott hat dich wertvoll geschaffen, wie er Paulus und Zwingli wertvoll schuf.

Gott hat einen Plan mit dir. Vertraue auf ihn und es wird heissen: „Und sie lobten Gott um deinetwillen.“
Amen

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