Gott schauen

Selig, die reinen Herzens sind – sie werden Gott schauen.
Mt 5,8

Liebe Gemeinde

Stellen Sie sich vor, sie werden in diesen Tagen auf der Strasse von einem Team von Tele M1 angesprochen. Die Reporterin will von ihnen wissen, wer ihrer Meinung nach die beste Chance habe Gott zu schauen.

Vielleicht legt sie Ihnen eine Auswahl vor.

Sind es:
A: Die Theologinnen und Theologen, denn sie denken über nichts anders als über den Glauben und die Bibel nach.
B: Die Mystikerinnen und Mystiker, denn sie leben ihr Leben bewusst vor und mit Gott.
oder
C: Die Philosophinnen und Philosophen, denn sie vertrauen auf die menschliche Fähigkeit der Erkenntnis und lassen sich nicht leicht täuschen.

Was würden Sie antworten? Was sollen wir werden wollen? Theologen, Mystiker oder Philosophen, damit wir Gott schauen?

Doch sehen wir genauer hin. Lassen wir den Vers über der Predigt sprechen.

Die Bergpredigt, zu der unser Vers gehört, ist die erste, grosse und programmatische Rede Jesu im Matthäusevangelium. Nachdem Matthäus uns von der Geburt und der Taufe Jesu erzählt hatte, stellte er den Erfolg seines Auftretens dar. Jesus zieht zunächst alleine durch Galiläa und durch die Gebiete östlich des Sees Genezareth. Er verspricht den Menschen, dass Gott ihnen nahe sei und gibt diesem Versprechen einen guten Boden, indem er kranke und behinderte Menschen heilt. Bald ist er in der ganzen Gegend bekannt. Man bringt die Gebrechlichen zu ihm und hört ihm gerne zu.

Doch der grosse Erfolg ist zu viel für einen Menschen, selbst wenn dieser der Sohn Gottes ist, und so holt sich Jesus Hilfe und erwählt sich dazu seine ersten Jünger. Sie sollen die frohe Botschaft ganz Israel bringen.

Den Kern dieser Botschaft lässt Matthäus Jesus von vornherein klar aussprechen: Das Reich Gottes ist nahe. Gott kommt. Er kommt zum Gericht, damit seine Herrschaft aufgerichtet werde in der Welt.

Doch was heisst das genau?

Matthäus lässt Jesus selbst zu Wort kommen. Er nimmt eine alte Sammlung von Worten Jesu auf und komponiert daraus die grosse Rede, die wir als Bergpredigt kennen. Die Predigt ist wahr, nicht weil sie historisch so gehalten worden wäre, sondern weil in ihr das Reich Gottes zutreffend dargestellt wird, so wie es Matthäus verstanden hatte.

Matthäus zeigt sich als Theologe. Er durchdenkt die frohe Botschaft. Er stellt sie strukturiert dar.

Die Bergpredigt beginnt mit den Seligpreisungen. Die Seligpreisungen loten die Möglichkeit und den Grund des Erkennens und des Redens von Gott aus.

Im Wort vom Salz und Licht der Welt, wird aus der Erkenntnis eine Aufgabe für jene, denen die Seligpreisung gilt. Sie sollen Salz und Licht der Welt sein.

Wie dies aussieht wird darauf hin geschildert, in dem Gesetz und Gerechtigkeit ausgelegt werden. Jesus erklärt an verschiedenen Beispielen die neue Gerechtigkeit des Himmelreichs.

Schliesslich lehrt er die Zuhörerinnen und Zuhörer das Beten. Das Unser Vater steht in der Mitte der Bergpredigt. Es leitet über zum Thema der neuen Beziehung von Gott und Mensch. Die abschliessende Erzählung vom Hausbau auf Sand und Fels bekräftigt das Gesagte.

Die Seligpreisungen klären die Fähigkeit Gott zu erkennen. Sie führen allesamt in eine scheinbare Passivität. Doch ist diese Passivität nicht gleichgültig. Vielmehr ist sie in höchstem Masse bereit für die Selbstoffenbarung Gottes.

Eine dieser Seligpreisungen möchte ich beispielhaft im Folgenden näher betrachten.

„Selig, die reinen Herzens sind – sie werden Gott schauen.“

Sie passt für mich zum Advent und greift doch auch ein Stück auf Weihnachten voraus. Es reizt mich, diesem Wort nachzugehen. Für einmal deshalb eine etwas theologischere Predigt.

Drei Worte in diesem Vers fordern zur Klärung auf. Was heisst „selig“? Was meint „reinen Herzens“ sein? Wer ist es, der Gott schaut?

Was heisst „selig“?

Selig ist ein Mensch, den andere als in höchstem Masse glücklich preisen. Es ist ein Zustand völliger Übereinstimmung dessen, was der Mensch sein möchte und was er ist. Selig ist ein Mensch, der wunschlos mit sich selbst übereinstimmt.

Vielleicht ist dieser Zustand am ehesten mit dem Empfinden verwandt, das sich einem einstellt, wenn man nach einer erholsamen Nacht mit glücklichen Träumen aufwacht. Es ist just jener Moment, indem man realisiert, dass man ist, aber noch nicht merkt, dass man wach ist. Ein Augenblick völliger Welt Nähe und Ferne zugleich. Selig, wem dieser Augenblick zum Sein wird.

Was meint „reinen Herzens“?

Wenn wir vom Herzen sprechen, meinen wir heute den Sitz der Gefühle. Ein Herz liebt rein. Es liebt ohne Hintergedanken. Es ist nur Liebe.

Anders sah es der antike Mensch und mit ihm Matthäus. Das Herz ist im alten Israel der Sitz des Denkens. Noch kannte man die Funktion des Gehirns nicht. So meint Aristoteles, ein griechischer Philosoph und Naturforscher, dass das Hirn bloss dazu diene das Herz zu kühlen. Im Herzen aber sitze die Seele des Menschen und mit ihr das Denkvermögen.

Heisst es bei Matthäus, wer reinen Herzens sei, der werde Gott schauen, so ist das unverdorbene und unverstellte Denken gemeint. Der Mensch, der rein über Gott denkt, wird Gott erfahren und erkennen.

Bloss: Wer ist es konkret, der Gott schaut?

Mir sind beim Nachdenken einige Gestalten aus der Bibel eingefallen, die in Frage kommen. Drei von ihnen möchte ich etwas beleuchten.

Da sind zuerst einmal Adam und Eva. Sie verkehren im Garten Eden direkt mit Gott. Das geht solange gut, wie sie nicht von der Frucht der Erkenntnis essen; jener Frucht, die in der Kunst gern als Apfel dargestellt wird, wenn sich dies auch aus der Bibel nicht ergibt.

Mit dem ersten Bissen in diese geheimnisvolle Frucht werden Adam und Eva sich selber bewusst. Der Sündenfall ist eingetreten.

Der Sündenfall trennt den Menschen von Gott, nicht weil er gegen das göttliche Verbot verstossen hat, sondern weil der Mensch sich selbst erkennt. Er merkt, dass er nackt ist. Er merkt, dass er Gott nichts zu bieten hat. Der Mensch, der sich selbst bewusst ist, muss das Paradies verlassen. Denn er hält die Gegenwart Gottes nicht aus. Sie ist ihm zur vernichtenden Kraft geworden. Dies zeigt die zweite Gestalt, die ich an dieser Stelle erwähnen will.

Diese zweite Gestalt ist Mose. Er darf Gott immer wieder begegnen. Zuerst im brennenden Dornbusch, dann auf dem Berg, auf dem Gott ihm die Zehn Gebote gibt und später im Zelt der Begegnung. Mose spricht mit Gott, wie mit einem Menschen. Doch bei keinem dieser Gespräche sieht Mose Gott. Gott ist verhüllt im Dornbusch, in einer Wolke und schliesslich in einer Rauchsäule.

Doch Mose ist neugierig. Er möchte seinen Gott wenigstens einmal mit eigenen Augen sehen. So bittet er Gott. Gott will ihm diesen Wunsch gewähren, doch darf er ihm nicht ins Gesicht sehen. Die Herrlichkeit Gottes ist selbst für Mose zu gross. Wer sie sieht, stirbt.

So lässt Gott Mose in einer Felsspalte Deckung suchen. Er hält seine Hand über ihn. Gott zieht an ihm vorbei, nimmt für einen Augenblick die Hand weg und Mose darf einen Blick auf seinen Rücken erhaschen. Kurz und flüchtig ist dieser Augenblick, so dass Mose überlebt. (Ex 33,18-23)

Wenn nicht einmal Moses Herz rein genug war, wer dann darf noch hoffen Gott zu schauen?

Doch anders als erwartet gibt es diese Menschen. Sie sind die dritte Gruppe von denen ich berichten will.

Ihnen fehlt, was wie selbstverständlich zu Adam und Eva und auch Mose gehört hat. Ihnen fehlt das Wissen um Gott. Sie wissen nichts von ihm. Ja, er spielt in ihrem Leben keine Rolle.

Diese dritte Gruppe, sind raue Männer. Sie leben weit weg von ihren Familien. Es ist ein hartes und ein einsames Leben, das sie führen. Sie geniessen kein Ansehen bei den Menschen. Sie sind ganz anders als es Adam und Eva und auch Mose waren.

Zuunterst und an letzter Stelle stehen sie in der Gesellschaft. Man traut ihnen nichts Gutes, dafür viel Schlechtes zu. Kommt etwas weg oder wird gestohlen und eine Gruppe von ihnen ist in der Gegend, so wird nicht lang nach dem Schuldigen gesucht. Sie sind Sündenböcke und man verachtet sie.

Doch just eine Gruppe dieser rauen Männer darf, was Mose nicht durfte und was Adam und Eva nach dem Sündenfall nicht mehr konnten. Sie dürfen Gott unverhüllt schauen.

Mag sein, dass der eine oder andere von ihnen als Knabe durchaus ein Stück religiöse Bildung mitbekommen hatte. Doch für das schwere Leben, das sie führten, war dieses Wissen nicht von Nutzen. Sie haben es vergessen; vielleicht sogar verdrängt, weil sie die Gebote und Verbote bei ihrem Lebensstil nicht halten konnten, wie es die anderen, die sesshaft waren, tun konnten.

So haben sie nichts gewusst, als ein Engel ihnen in kalter Nacht erschienen war. Sie haben sich reinen Herzens auf seine Botschaft eingelassen. Die Lohnhirten auf dem Feld waren die einzigen in ganz Israel, die nicht wussten, dass Gott nicht in einem armseligen Stall Mensch werden kann. Sie wussten nicht, dass das unmöglich ist.

Weil sie es nicht wussten, konnten sie es glauben. Sie konnten darauf vertrauen, dass es sein kann, was ihnen der Engel versprach. So waren sie es, die ungebildeten, unfrommen und verachteten Hirten, die sich zur Krippe aufmachten.

Sie haben Gott gesehen. Seine ganze Herrlichkeit duften sie schauen im Kind in der Krippe. Sie haben Gott gesehen und dabei nicht gewusst, dass sie sterben müssten, weil kein Mensch die Herrlichkeit Gottes aushalten kann. So sind sie nicht gestorben. Ihr reines Herz hat sie bewahrt.

Sie haben Gott gesehen und dabei nicht gewusst, dass sie nackt und mit leeren Händen vor ihm knien. So haben sie aus dem Nichts gegeben, das ihr Besitz war.

Sie sind reinen Herzens gewesen, weil kein Wissen und kein Meinen; keine Weisheit und kein Vorurteil ihren Verstand und ihre Seele verdunkelte. Die Hirten sahen, wie Gott Mensch wurde.

„Selig, die reinen Herzens sind – sie werden Gott schauen“, sagt Jesus in der Bergpredigt. Ob es uns auch gelingen kann, Gott im Unbekannten zu erblicken? Ob es uns auch gelingen kann, Gott im Fremden zu erkennen? Ob es uns auch gelingen kann, Gott in seinem Gegenteil zu begegnen? Einem Gott, der ganz anders ist, als wir es uns in unserer Religiosität vorstellen?

Gott kommt. Erwartet unerwartetes!
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.