Jauchzet dem Herrn, alle Lande!

Jauchzet dem Herrn, alle Lande!
Dienet dem Herrn mit Freuden,
kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!
Erkennet, dass der Herr allein Gott ist:
Er hat uns gemacht, und sein sind wir,
sein Volk und die Schafe seiner Weide.
Ziehet ein durch seine Tore mit Danken
in seine Vorhöfe mit Lobgesang;
danket ihm, preiset seinen Namen!
Denn der Herr ist gütig;
Ewig währt seine Gnade
und seine Treue von Geschlecht zu Geschlecht
Ps 100

Liebe Gemeinde

Höre ich diesen Psalm, so sehe ich eine fröhliche Schar mit diesem Psalm auf den Lippen, die hinauf nach Jerusalem zum Tempel Gottes zieht. Mit sich führen sie einen prächtigen Stier, der zum Dankopfer für die Heilung einer schweren Krankheit bestimmt ist. Als sich der Zug nähert, erkenne ich den Mann, der krank gewesen war. Er ist fröhlich. Vor lauter Glück über die Genesung singt und johlt er laut. Seine Familie und seine Freunde feiern mit.

Der Mann hat allen Grund Gott zu loben. Solange er krank gewesen war, war er aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Man hatte Angst vor ihm. Man fürchtete sich anzustecken. Darum wollte man möglichst nichts mit ihm zu tun haben. Erst als die Krankheit überstanden war und Gott ihn gesund gemacht hatte, durfte er in sein Dorf zurückkehren. Mit dem Opfer in Jerusalem dankt er Gott für die Heilung und kehrt endgültig in die Gesellschaft zurück.

Auch wir sind miteinander unterwegs. Gemeinsam haben wir uns im Advent der Krippe unseres Herrn Jesus Christus genähert. Jeden Sonntag haben wir eine weitere Kerze auf dem Adventskranz entzündet um den Fortschritt auf dem Weg hin zu Weihnachten zu dokumentieren. Wir näherten uns Woche für Woche ein Stück dem Stall bei Bethlehem.

Jetzt sind wir angekommen. Heute Morgen ist es so weit. Weihnachten ist da!

Kannst du dich noch an dein allererstes Weihnachtsfest erinnern? Daran wie es war zum ersten Mal den geschmückten Baum mit den brennenden Kerzen zu sehen? Erinnerst du dich noch daran, wie es von den Guetzli und dem Festessen duftete? Und erst die Vorfreude kurz bevor die Mutter oder der Vater die Geschenke verteilte!

Ich erinnere mich noch gut, wie wir damals in der Stube des alten Bauernhauses meiner Grosseltern sassen. Mein Grossvater las die Weihnachtsgeschichte und leitete uns zum Singen der Weihnachtslieder an, die er an der Heimorgel begleitete.

Wir Kinder sicherten uns immer die besten Plätze auf der Sitzbank des Kachelofens. „Ihr dürft auf die Kaust“, sagte das Grosi, „aber ihr müsst still sitzen und einander nicht stören!“ Wir gaben uns Mühe. Doch es gelang uns Kinder nie ganz still zu sitzen. Die Kaust war zu heiss für unsere jungen Popos. Darum wechselten wir immer hin und her von der einen zur anderen Backe. Und doch, die Plätze auf der Sitzbank des Ofens waren unter uns Kindern immer die beliebtesten.

Ich kann heute nicht mehr sagen, wie nahe dieses friedliche Bild der Weihnachtsfeier bei meinen Grosseltern der Wirklichkeit in unserer Familie kam. Gut möglich, dass sich meine Erinnerungen durch die lange Zeit, die seither vergangen ist, rosa färbten. Doch ich erinnere mich gern an jenes Feiern unter dem Weihnachtsbaum im alten Bauernhaus.

„Jauchzet dem Herrn alle Lande! Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!“ Mit dieser weihnächtlichen Erinnerung im Rücken lässt es sich gut in den Ruf des Sängers des Psalms miteinstimmen. Doch, ist dies Weihnachten?

Ist man in einer Situation, wie es der Schreiber des Psalms war, so fällt es leicht zu jubeln. Denn erst kürzlich wurde er aus grosser Not gerettet. Seine Welt war nun wieder in Ordnung.

Doch wie war es für seine Familie und seine Freunde? Was wenn einer aus der fröhlichen Gruppe, die hinauf nach Jerusalem zum Tempel zog, Sorgen hatte? Was geschah mit dieser Sorge? Durften Sie Platz haben im jauchzenden Zug hinauf zum Tempel? Dürfen wir auch mit unseren Sorgen an Weihnachten vor Gott treten? Wenn es uns nicht zum Feiern zumute ist? Wenn Weihnachten zur Belastung wird?

In der fröhlichen Weihnachtszeit scheint es kaum Raum für Kummer und Sorgen zu geben. Krankheit, Zweifel, Streit und Einsamkeit gehören nicht ins Bild einer gelungenen Weihnachtsfeier. Und doch haben Hilfsangebote wie „die dargebotene Hand“ in dieser Zeit Hochkonjunktur.

Kannst du dir vorstellen, wie es für einen einsamen Menschen ist, heute Weihnachten zu feiern? Kannst du dir vorstellen, wie es sich anfühlt, heute mit seinem Partner gestritten zu haben?
Kannst du dir vorstellen, wie es ist, heute körperlich und seelisch krank zu sein?
Kannst du dir vorstellen, wie es ist, heute Abend von seiner Familie getrennt zu sein? Und dabei zu wissen, dass heute auf der ganzen Welt Weihnachten gefeiert wird?

In der Weihnachtsgeschichte begegnen uns die Hirten auf dem Feld. Sie hüten ihre Schafe, in der Dunkelheit der Nacht getrennt von ihren Familien. Die Einsamkeit macht ihnen längst nichts mehr aus, denn sie haben sich seit vielen Jahren daran gewöhnt. Sie machten sich nicht fröhlich auf zum Tempel, wie die Gruppe der Feiernden aus dem Psalm. Sie waren nicht gefasst auf Weihnachten. Weihnachten, das plötzlich und ohne Vorwarnung zu ihnen kam.

„Fürchtet euch nicht! Den siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volke widerfahren wird“. Mit diesen Worten begrüsst sie ein Engel ganz in Licht gekleidet. Sein Strahlen schafft mitten in der Dunkelheit der Nacht auf dem Feld Gott einen Raum.

Bei Bethlehem, weit ab von den Zentren der damaligen Hochkultur, wurde Christus der Herr geboren. Mitten in das Leid der einfachen Menschen. „Denn euch ist heute der Retter geboren“, verkündet der Engel.

„Euch ist heute der Retter geboren!“ Er sagt nicht, euch ist heute einer geboren, der euch später einmal retten wird. Nein, der Retter ist da. Hier und jetzt. Ihr seid gerettet, es gilt heute, nicht erst in ferner Zukunft!

Durch diesen Zuruf befreit, machen sich die Hirten auf nach Bethlehem zur Krippe, in die Maria Christus hinein gelegt hat.

Die Schar der Hirten macht sich auf hin zum Mitmensch gewordenen Gott.

Wie haben Sie sich wohl aufgemacht? Wenn ich mir den Zug der Hirten vorstelle, so stelle ich mir ein anderes Bild vor als bei der fröhlich jauchzenden Gruppe des Psalms.

„Was war das? Ist das wirklich geschehen?“, mögen sich die Hirten gefragt haben. Gut möglich, dass sie begannen zu diskutieren. Lohnt es sich dieses Kind zu suchen? Können wir die Schafe einfach so alleine lassen? Plötzlich rief einer von ihnen in die Diskussion hinein: „Lasst uns nach Betlehem gehen und die Geschichte sehen, die der Herr uns kundgetan hat!“ So machten sie sich mit Neugier und Verwunderung auf die Suche. Gewohnt vom Leben enttäuscht zu werden, setzten sie ihre Hoffnung auf die Botschaft des Engels.

Als sie sich dem Stall mit der Krippe nähern, erkennen sie eine Frau und ein Mann, die sich an einer Krippe zu schaffen machen. Sie treten ein und erblicken in der Krippe das neugeborene Kind. Gott hat sein Versprechen gehalten. Der Retter ist da! Verletzlich und zart liegt das Kind im Stroh und lächelt sie an. Gott ist Mensch geworden. Er ist zu uns gekommen.

Wenn wir uns im Advent auf den Weg zur Krippe gemacht haben, so konnten wir das nur, weil Gott uns längst entgegengekommen ist. So ist im Advent nicht unser Kommen zur Krippe wichtig, sondern dass uns Gott in der Krippe entgegenkommt. Er selbst ist an Weihnachten Mensch geworden und hat uns erst zur vollen Menschlichkeit befreit.

„Fürchtet euch nicht! Denn euch ist heute der Retter geboren!“ Das ist die Botschaft des Engels. Mit dieser Botschaft durchbricht der Engel die Einsamkeit der Hirten auf dem Feld. Mitten in die Dunkelheit der Nacht spricht er seine Botschaft. Die Hirten machen sich auf und finden Jesus in der Krippe. Überwältigt von diesem Ereignis verlassen sie den Stall.

Doch kehren sie nicht sogleich zurück zu ihren Schafen. Nein, sie gehen durch die Stadt und verkünden die frohe Botschaft. Sie selbst werden zu Engeln, zu Boten des Retters und Heilands. Die Frohe Botschaft, die sie zu den Menschen in der Stadt bringen, lässt es auch ihnen Weihnachten werden. Auch den Bewohnern der Stadt gilt die Botschaft des Engels. „Fürchtet euch nicht! Denn euch ist heute der Retter geboren.“

Gerade von Weihnachten her dürfen wir selbst zu Engeln werden. Du und ich können in der Begegnung mit kranken, zweifelnden, streitenden und einsamen Menschen Boten Gottes sein. Nicht dass wir Krankheit, Zweifel, Streit und Einsamkeit beseitigen könnten. Auch die Hirten kehrten wieder aufs Feld zu ihren Schafen zurück in die Einsamkeit der Nacht. Doch schien ihnen wohl die Dunkelheit der Nacht nun heller, da sie wussten und sahen, dass ihnen der Retter geboren war.

Die Not der Menschen können wir oft nicht beseitigen. Aber wir können in den Nöten der Welt für einander da sein. Können ein Zeichen setzen, können mittragen. Wir können einander zu Mitmenschen werden, weil Gott uns zum Mitmensch geworden ist. Nicht nur heute an Weihnachten, nein an jedem Tag, des kommenden Jahres.

So können du und ich gerade mitten aus dem Leben mit all seinen Nöten, wie die Hirten zur Krippe kommen und uns gegenseitig mit den Worten des Psalmensänger zurufen: „Jauchzet dem Herrn, alle Lande! Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!“

Nicht weil wir von aller Not befreit sind, sondern weil wir in aller Not wissen, dass wir für einander da sind und Gott, der Retter, uns nicht alleine lässt.
Amen.

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