Einen neuen Geist und ein neues Herz

Und ich werde euch ein neues Herz geben, und in euer Inneres lege ich einen neuen Geist.
Ez 36,26

Liebe Gemeinde

Mein Onkel war Mechaniker. Er konnte so gut wie alles flicken, das einen Motor hatte. Mit Zahnrädern, Kugellagern, Kolben, Kurbelwellen und Hydrauliksteuerungen kannte er sich aus. Eine Metallfeile lag ihm genauso gut in der Hand, wie ein Schraubenzieher oder ein hochmodernes Elektroschweissgerät. Er konnte Metall schneiden, in Form treiben und zu einem grossen Stück zusammenschweissen.

Im Beruf arbeitete er für die EMPA, die eidgenössische Materialprüfungsanstalt in der Versuchswerkstatt. In seiner Freizeit schenkte er alten Autos ein neues Leben.

Ich konnte ihm dabei Stunden lange zu sehen, als ich noch ein Kind war. Es war spannend, wie er aus Rostlauben, die er vor der Verschrottung rettete, in monatelanger Detailarbeit Stück um Stück kleine Traumautos schuf. Es waren rechte Juwelen.

Einmal durfte ich sogar mitfahren. Ein besonderes Erlebnis! Ich erlebte die Landschaft viel intensiver, als ich es je in einem modernen Auto kann. Dazu der knatternde, hämmernde und kernige Klang des Motors. Man hörte, wie die Nockenwelle arbeitete, sich die Ventile öffneten und schlossen und die Abgase ihren Weg durch Krümmer und Auspuff fanden. Musik in meinen Ohren!

Sein Beruf war meinem Onkel mehr als ein Beruf – Es war Berufung und Leidenschaft zugleich. Mit ganzem Herz war er Mechaniker.

Er war gut. Sehr gut sogar. Manchmal konnte man meinen, er könne mit seinen Händen Wunder tun, so gut brachte er auch die kaputtesten mechanischen Herzen von Maschinen wieder zum schlagen – oder halt besser: zum Schnurren.

Aus Altem Neues schaffen – Wer möchte das nicht? Aus Altem Neues schaffen, nicht nur bei defekten Maschinen, sondern auch im eigenen Leben. Neuanfang. Ein besserer Mensch werden. Neue Wege einschlagen.

Gerade in dieser Zeit, in der ein neues Jahr beginnt, möchten manche Menschen es ihm gleich tun. Wir wollen unser eigenes Leben in Ordnung bringen. Flicken, was kaputt ist.

Wir nehmen uns gute Vorsätze vor. Wir fassen uns ein Herz. Wir schöpfen neuen Mut. Endlich soll es gelingen. Endlich wollen wir zu den Menschen werden, die wir sein möchten. Endlich wollen wir sein, wie Gott uns gedacht hat.

So schmiedet mancher Pläne. Man setzt sich Ziele. Wer es ernst meint, nimmt die Ziele auseinander. In kleinen Schritten will man sich seinem Ziel nähern. Jeder getane Schritt, motiviert zum weiter gehen.

Der veränderungswillige Mensch beginnt sich selbst zu vermessen. Er steht auf die Waage, trägt ein Schrittzähler und eine Smartwatch. Jeder kleinste Fortschritt wird dokumentiert. So gelingt es ihm sich selber zu optimieren.

Gute Vorsätze können eingehalten werden. Zumindest für eine Zeit. Wir können gesündere, sportlichere, ausgeglichenere Menschen werden. Doch es ist mit viel Energie und Aufwand verbunden. Es bleibt eine beständige Anstrengung. Gerade dann, wenn ein Mensch seine Gewohnheiten verändern will.

Neue Gewohnheiten lassen sich nicht über Nacht einüben. Die alten Gewohnheiten sind zäh und werden oft mehr überdeckt, als wirklich verändert. Nur wenig braucht es und der alte Mensch bricht wieder an die Oberfläche durch.

Das zeigt sich erst recht, wenn es nicht um eigene Gewohnheiten geht, sondern wenn ein ganzes Volk, ja die Menschheit betroffen ist.

Gerade in den Herausforderungen, die uns das neue Jahr als Gesellschaft bringen wird, ist ein Wandeln des Geistes und des Herzens bitter nötig.

Auch im Jahr 2017 werden viele Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Ein Bruchteil davon wird es nach Europa schaffen, einige auch in die Schweiz.

Sie suchen Hilfe. Sie wollen nichts anderes als leben dürfen. Doch viel Misstrauen und Missgunst erwartet sie. Gerade auch nach den Anschlägen der Adventszeit ist die Angst gross. Der Terror des sogenannten Islamischen Staates sät Zwietracht und Angst.

Dabei ist es noch nicht lange her, dass Europa und Amerika die Herausforderung gemeinsam angepackt haben. „Yes, we can“ und „Wir schaffen das!“ rief man einander zu. Man meinte es so und glaubte einander. Die Menschheit wollte anpacken. Der Wille war gross. Eine friedlichere, menschlichere Welt war nahe. Der Motor der Menschlichkeit sollte wieder schnurren. Hoffnung keimte auf.

Doch heute?

Amerika kehrt unter Donald Trump zur Devise „Amerika first!“ zurück. Europa streitet über die Verteilung der Hilfesuchenden. In der Schweiz ist die Forderung nach mehr Grenzkontrolle und dem Ende der Personenfreizügigkeit mehr als salonfähig geworden.

Der Motor der Entwicklung hin zu einer menschlicheren Welt ist ins Stocken geraten. Die Kolben haben sich in den Zylinder fest gefressen.

Das Herz ist verdorben. Menschlichkeit umfasst nicht die ganze Welt. Der Kreis wird enger. Das Dorf, die Freunde, die Familie.

Das Gerichtswort des Propheten Ezechiel, das wir in der Lesung (Ez 18) hörten, erfüllte sich an Israel. Es wird uns zur Anklage. Wie es Israel damals nicht schaffte für das ganze Volk zu sorgen und der Egoismus immer stärker um sich griff, so schaffen wir es heute je länger je weniger uns als Teil einer Menschheit zu sehen. Einer Menschheit, die als Ganzes von Gott geschaffen wurde und der sein Wort gilt: „Ich will euch Gott sein.“

Unsere Angst vor dem Fremden wird vor Gott zur Anklage. Unser Unvermögen uns zum Wohl dieser Welt einzusetzen, spricht auch über uns das Urteil. Unser Herz hat seine Funktion verloren. Es funktioniert nicht mehr. Es ist nutzlos, wie ein kaputter Automotor, der bloss noch ein Stück Schrott ist.

Ja, unser Herz hätte einen Mechaniker nötig, wie es mein Onkel für so manches Autowrack war. Einer, der sich uns annimmt und flickt, was zu flicken ist.

Doch auch mein Onkel konnte bei den Autos nicht immer alles reparieren. Manchmal war ein Teil so verrostet, dass alle Restaurationskunst nichts vermochte. Nicht jedes Bauteil konnte er flicken. Hie und da hat sich der Rost bis in den Kern gefressen. Es gab keine Rettung.

Auch für das Volk, zu dem der Prophet Ezechiel sprach, gab es keine Hoffnung mehr auf Reparatur. Es war in seinem innersten verfault und die Sünde ging ganz durch ihr Herz.

Die Gerichtsworte, die wir in der Lesung hörten, brachen den Stab über diesem Volk. Es sind Worte, die auch uns ins Herz treffen müssen, wenn wir sie mit klarem Verstand lesen. Was der Prophet dem alten Israel vorwirft, das muss auch unserer Welt vorgehalten werden. Fast ist es so, als ob wir uns in diesen uralten Worten spiegelten.

Es stürzt mich in tiefe Trauer, wenn ich in diesen Spiegel blicke und unsere Welt erkenne. Es könnte einem alle Hoffnung rauben.

Doch das Gerichtswort soll nicht das letzte Wort haben. Gott lässt das nicht zu.

Stiess mein Onkel bei einem Autowrack auf Rost, der durch und durch ging, so wie unsere Sünden durch und durch gehen, da wusste er, was zu tun ist. Er zögerte nicht. Er nahm die Flex und schnitt das zerstörte Teil heraus. Er tauschte es aus, denn es war nicht zu reparieren.

Gleiches verspricht Gott. Das Herz des Volkes, das durch und durch von der Sünde des Egoismus zerfressen ist, flickt er nicht. Nein. Er verspricht diesem Volk ein neues Herz. Es soll neu werden! Nicht bloss geflickt.

Einen neuen Geist und ein neues Herz können wir uns nicht selbst schaffen. Es ist etwas völlig anderes als ein Neujahrsvorsatz, den wir uns in diesen Tagen fassen mögen. Wir können es nicht selber machen, wir können es uns nicht einmal selbst verdienen.

Einen neuen Geist und ein neues Herz können wir nur als Geschenk empfangen. Es ist eine Gabe. Aus reiner Gnade ist es gegeben.

Doch der neue Geist und das neue Herz sind mehr als Hoffnung. Es ist gemachtes Geschenk. Es ist schon da.

Der neue Geist und das neue Herz ist uns an Weihnachten geschenkt worden. In Jesus Christus ist der neue Geist und das neue Herz Wirklichkeit geworden.

Das Versprechen, das Gott der Menschheit im Wort des Propheten gab, löste er in Jesus Christus ein. Er ist der neue Geist und das neue Herz.

Nur eingebaut werden muss es. Gott selber will es uns einbauen, wenn wir ihn lassen. Wohnt Christus in unserem Herz, werden auch wir von der Rostlaube zum Traumauto.
Amen

Share Button
Dieser Beitrag wurde in Predigten veröffentlich und mit diesen Tags versehen , , , , , . Verweis sezten auf denPermanentlink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.