Entscheidendes

Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!
Mk 12,17

Liebe Gemeinde

Entscheidungen sind ein Teil unseres Lebens. Jeden Tag müssen wir uns zwischen tausend kleinen Alternativen entscheiden. Oft wird es uns nicht einmal bewusst. Ja, wir wären hoffnungslos überfordert, wenn wir jeden noch so kleinen Entschluss bewusst treffen müssten.

Doch neben diesem ganz alltäglichen Entscheiden, gibt es auch die grossen Entscheidungen. Welchen Beruf soll ich wählen? Soll ich künden und mich einer neuen Herausforderung stellen, oder doch lieber im alt bekannten bleiben? Will ich heiraten oder doch ungebunden bleiben?

Mit jedem Ja ist stets ein Nein zu anderen Alternativen und mit jedem Nein zugleich ein Ja zum Unbekannten verbunden. Oft vergessen wir dies bei unseren Entscheidungen nur allzu gern. Wir lassen uns ein auf den Glauben, man könne Nein sagen und dann komme dann schon etwas Besseres. Oder man sage Ja, weil alles andere doch immer nur schlechter sein kann.

Abstimmungen sind so oft Entscheidungen zwischen einem konkreten Vorschlag, zu dem man Ja oder Nein sagen kann, und einer verborgenen, oft der Fantasie jedes Einzelnen überlassenen Alternative, ja einer ganzen Vielzahl von Alternativen. Es heisst in der Politik: Den grössten Fehler, den man bei einem Referendum machen könne, sei es einen konkreten Gegenvorschlag ein zu bringen. Es ist einfacher gegen etwas zu sein, als für eine Alternative zu argumentieren.

Fast könnte man meinen der Pharao, von dem wir in der Lesung (Ex 5) hörten, wisse das. Er stellt das Volk Israel vor die Entscheidung und könnte gesagt haben: „Gehorcht mir. Nehmt mich als euren Gott. Ich bin der Herr über Leben und Tod. Tut was ich euch sage! Dann dürft ihr leben! Sonst vernichte ich euch.“

Sein Machtanspruch ist absolut. Es darf keine andere Autorität neben ihm geben. Aus diesem Anspruch reagiert er auf die Bitte des Moses, die zumindest für unsere Ohren, doch durch aus verständlich klingt. Das Volk möchte seine Tradition leben. Es soll seinen Gott verehren dürfen.

So ist uns die Reaktion des Pharaos zuerst einmal unverständlich. Moses bittet doch nur um die Möglichkeit ein Fest für Gott zu feiern (Ex 5). Er will zusammen mit dem Volk dem Gott der Väter ein Opfer bringen. Der Tradition gemäss sollen sie frohe Lieder singen und die alten Geschichten hören. Es sollte ihnen doch erlaubt sein in der Fremde, die eigene Religion zu leben.

Ja, die Israeliten sollen dabei nicht einmal das religiöse Empfinden der Ägypter stören. Extra drei Tagesmärsche weit, wollen sie für das Fest in die Wüste ziehen. Kein Ägypter müsste sich daran stören. Einfach eine Woche Ferien sollte ihnen der Pharao gewähren.

Die Bitte würde wohl bei manchem von uns auf offene Ohren stossen. Es wäre für uns undenkbar einem anderen seine Religion zu verbieten.

Der Moslem bei uns darf am Freitag die Moschee aufsuchen. Der Jude bei uns darf am Samstag zum Sabbat Gottesdienst in die Synagoge. Der Hindu darf wie selbstverständlich seinen Göttern Opfergaben darbringen. Jeder bei uns, ob Schweizer oder Ausländer, ist frei seine Religion auszuleben oder darauf zu verzichten. Es gibt nur wenige Einschränkungen.

Die Religionsfreiheit als Freiheit zur Religion, ist bei uns ein hohes Gut. Die wenigen Einschränkungen sind oft gut begründet, wenn auch nicht alle. So ist das Verbot von der Mädchenbeschneidung ohne Zweifel richtig und wichtig. Andere Einschränkungen dagegen dann doch zumindest hinterfragbar, wie das Schächtungsverbot oder gar widersinnig, wie das Verbot vom Bau von Minaretten. Denn versteckte Religion neigt viel leichter zu Extremismus als öffentlich markierte und damit erkennbare Religion.

Doch zurück zum Pharao.

Er geht nicht auf die Bitte ein. Nein. Er lehnt sie nicht nur ab, er bestraft gar das Volk für die Bitte des Moses. Der Pharao merkt, dass Gott eine Bedrohung für seine Macht ist. Der Gott der Väter, fordert vom Volk gehorsam, wie es auch der Pharao fordert. Ein Spannungsfeld öffnet sich.

Gott handelt in der Geschichte, so berichtet es die Bibel.

Gott handelt, damit wird deutlich, dass Gott kein abstrakter Gedanke, keine ausserweltliche Idee und kein immer gleiches, unveränderliche Etwas ist. Gott ist ewig, aber nicht an seine Ewigkeit gebunden. Gott handelt in der Geschichte. Sein Tun wirkt in der Zeit.

Der Erzähler berichtet in unserer Lesung nicht abstrakt. Er erklärt nicht das Spannungsfeld, sondern erzählt davon. Er berichtet von einem Pharao, einer Person der Vergangenheit. Er erzählt von Ereignissen an einem konkreten Ort. Ägypten als Land existiert bis heute. Er zählt Handelnde auf: Mose, Aron, den Pharao, die Sklavenaufseher und das Heer der Sklaven.

Es wird geschichtlich erzählt, wenn auch nicht historisch. Doch das ist ein modernes Problem. Erst seit der Aufklärung wird zwischen wirklichem und bloss erzähltem Geschehen unterschieden. Erst der moderne Forscher lässt sich nicht mehr genügen an der Überlieferung, sondern will prüfen, ob es wirklich passiert ist, ob es historisch ist.

Die Antike lässt sich genügend, wenn die Geschichte die Identität begründet. Es muss nicht so gewesen sein. Aber es muss die Identität begründen. Doch es ist eine Identität, die in Raum und Zeit, eben in der Geschichte begründet ist.

So hat unsere Lesung ihre Vorgeschichte. Diese wirkt in die Erzählung hinein.

Das Volk, das hier in Ägypten ist, ist ein konkretes Volk. Es waren die Nachkommen Jakobs, die in der Fremde zahlreich geworden waren. Sie kamen damals nicht freiwillig. Vielmehr hat sie Gott nach Ägypten geführt. Die Hungersnot in der Heimat hätten sie nicht überstanden. Die gute Vorsehung Gottes hat ihnen das Leben gerettet. Joseph vertraute ihm. Durch Joseph bewahrte Gott Israel, Ägypten und die ganze Welt vor den Folgen der grossen Trockenheit, der sprichwörtlichen sieben mageren Jahre.

Ägypten, das Sklavenhaus der Gegenwart der Erzählung aus der Lesung, war damals in der Zeit des Joseph gleichbedeutend mit der Befreiung aus der Not. Ägypten bedeutete für Jakob und seine Nachkommen Rettung und nicht Unterdrückung.

War Ägypten Israels Heil?

Ja und Nein. Es konnte Heil bedeuten, doch es war nicht das Heil. Gott machte es eine Zeit lang zum Heil. Er handelte in der Geschichte.

Doch nun, als Gott durch den Pharao am Handeln gehindert wird, wird aus Ägypten das Sklavenhaus.

Ägypten bedeutete Heil, solange sein Pharao auf Joseph hörte und damit auf Gott vertraute. Der damalige Pharao nahm diese Hilfe an. Er liess sich die Träume deuten. Dem Joseph befahl er entsprechend zu handeln. Joseph liess die Kornkammern in den sieben fetten Jahre füllen. Die Vorräte des Pharaos waren die Vorräte Gottes. Jener Pharao war weise. Er hat auf Gott vertraut ohne es zu wissen.

Israel wurde gerettet. Doch vergass es bald seinen wahren Retter. Es verwechselte das Mittel der Rettung, die Kornkammern Ägyptens, mit dem Retter. Die Geschichte verschleierte ihnen den Blick.

Anstatt der Macht Gottes zu vertrauen, begannen die Israeliten auf die Macht des Pharaos zu setzten. Seine Macht aber zwang sie unter sein Joch. Der Pharao spannte das Volk Gottes vor seinen Karren und machte es für seine Zwecke nutzbar.

Doch Gott lässt sich die Hybris des Ägypters nicht gefallen. Er greift ein. Wieder durch einen Menschen. Mose tritt vor den Pharao. Mose wird zu einem neuen Joseph.

Doch der neue Pharao lässt sich nicht mehr ein auf Gott. Ägypten, der Ort des Heils für Jakob und seine Nachkommen, wird zum Ort der Unterdrückung.

Anstatt, dass der Pharao Gott gibt, was ihm gebührt und das Volk zur Verehrung in die Wüste ziehen lässt, will er seine Macht zeigen. Er will seine Position nicht teilen. Ja, er will Gott nicht geben, was ihm gebührt.

Der Absolutheitsanspruch des Pharaos auf seine Sklaven führt eine Entscheidung herbei. Das Volk Gottes, die Nachkommen Jakobs, muss sich entscheiden. Entweder Gott oder der Pharao. Entweder wagen sie den Bruch mit der Welt, wie sie sie kennen oder sie brechen ganz mit Gott. Entweder wählen sie Ägypten oder die Wüste. Sklaverei oder Freiheit.

Ein sowohl, als auch. Ein Stück Welt und ein Stück Himmel. Gehorsam gegen Gott und Gehorsam gegen den Pharao gibt es nicht. Die Entscheidung, vor die sie gestellt sind, ist eine absolute Entscheidung. Kein Wenn und Aber. Kein sowohl, als auch. Kein weder noch ist möglich. Ihre Entscheidung ist ein entweder oder. Der Bruch mit Ägypten, dem Pharao, der Macht der Welt oder mit Gott.

Das Volk muss sich entscheiden zwischen der Macht des Pharaos über Leben und Tod in der Zeit und der Macht Gottes, die entscheidet über Leben und Tod in Ewigkeit.

Keine Frage, wie zu entscheiden!

Doch das Volk, das hier in die Entscheidung gerufen ist, kann seine Situation noch nicht überblicken. Nicht unverhüllt dürfen sie entscheiden, sondern verhüllt in der Geschichtlichkeit und unter den Bedingungen von Raum und Zeit müssen sie entscheiden. Die Klarheit, wo wir in der Analyse gewonnen haben, ist ihnen noch nicht gegeben. Sie blicken auf Mose, nicht auf Gott.

Auch wir müssen uns in unserem Leben immer wieder entscheiden. Auch über unseren Entscheidungen liegt der Schleier der Geschichtlichkeit. Was Gut und Richtig ist, wissen wir oft nicht. Was des Kaisers und was Gottes ist, erkennen wir oft nicht.

Doch wir dürfen uns in aller Unsicherheit auch von der Geschichte des Moses führen lassen. Es ist schon ein guter Schritt, wenn wir in unserem Entscheiden bei aller Unsicherheit der Wahl uns bewusst sind, dass wir als Menschen, die vor Gott stehen, entscheiden. Es liegt an uns, ob wir dabei auf ihn vertrauen.
Amen

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