Konfirmandenspruch

HERR, ich schreie zu dir,
ich spreche: Du bist meine Zuflucht,
mein Teil im Land der Lebenden.
Ps 142,6

Liebe Gemeinde

Es sind mehr als 20 Jahre seit meiner Konfirmation vergangen, doch ich kann mich noch gut erinnern. Wie es üblich ist, habe auch ich damals von unserem Pfarrer einen Konfirmandenspruch mit auf den Lebensweg bekommen. Er wünschte mir damals, dass mich dieser Vers begleiten solle. Dieses Wort ist mir zum Segen geworden. Schon oft habe ich in ihm Kraft empfangen, wenn ich müde geworden war. Es tröstete mich in mancher trüben Stunde. Und es erinnerte mich im Erfolg immer wieder, auf welchem Boden ich stehe. Über das Fundament meines Lebens verfüge ich nicht. Es ist von einem anderen gelegt. Mein Konfirmandenspruch ist mir zum Kompass auf dem Lebensweg geworden.

Heute, an meinem Geburtstag, habe ich das Bedürfnis, über diesen Vers zu predigen. Ich möchte zurückblicken, über mein Leben nachdenken und davon erzählen, was mir mein Konfspruch bedeutet. Ich möchte träumen und mit euch meinen Traum teilen.

Es geht mir dabei nicht darum mich selber darzustellen. Weder will ich mich feiern, noch suche ich nach bewundern. Ich führe auch keinen Seelen-Stripteas auf, sondern teile euch ein paar Gedanken und Erinnerungen mit zu meinem Umgang mit diesem Vers. Es sind gewissermassen ein paar Zeilen aus dem Gespräch, das ich mit diesem Vers führe.

Mein Ziel ist es, euch exemplarisch zu zeigen, was es heissen kann mit dem eigenen Konfirmandenspruch zu leben. Es ist mein ganz persönlicher Umgang mit diesem Wort. Weder ist es beispielhaft gelungen, noch misslungen. Niemand soll sich damit messen, aber es lädt jeden ein über sein Verhältnis zum Wort nach zu denken. So endet auch jeder Abschnitt meiner Überlegungen mit einer Frage. Es ist jedem einzelnen überlassen, diese Fragen auch zu seinen Fragen zu machen.

Mein Konfirmandenspruch hängt heute in meinem Büro. Jeden Tag sehe ich ihn. Das ist möglich, weil mein Konfpfarrer ihn damals auf ein Poster für mich schrieb. Ich habe so nicht nur den Spruch, sondern auch ein Bild zum Spruch geschenkt bekommen. Es war ein Geschenk, auch wenn ich es neben all den anderen Gaben zuerst ein wenig übersehen habe.

Natürlich freute mich das Poster. Als Erinnerung an eine schöne Zeit hängte ich es noch in der Woche nach dem Festgottesdienst in meinem Zimmer auf. Doch schon nach wenigen Wochen wurde das Bild zum Alltag. Ich nahm es nicht mehr bewusst wahr.

Erst mit der Zeit lernte ich den Wert dieses Verses kennen. Seither war er immer in der Nähe meines Arbeitsplatzes. Bei jedem Umzug transportierte ich das Plakat mit dem Vers mit besonderer Vorsicht und hängte es jeweils als eines der ersten Bilder auf.

Der Konfirmandenvers ist mir wichtig geworden. Ich will ihn nicht vergessen. Es gilt, in Abwandlung eines Sprichworts: „In den Augen, im Sinn!“ Mein Vers hat seinen festen Platz.

Wie hast du es mit deinem Spruch? Hängt er auch im Büro, oder über dem Bett? Hat er einen festen Platz in deinem Alltag oder hast du ihn zu den Erinnerungstücken gelegt, die man nur zu besonderen Gelegenheiten hervor holt? Ist er gar bei einem Umzug verloren gegangen? Hast du ihn vergessen? Wo hat dein Vers seinen Platz in deinem Leben?

Es brauchte seine Zeit bis ich begann ihn schätzen zu lernen. Ja, dieser Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen. Vielleicht werde ich den wahren Wert meines Spruchs zu Lebzeiten nie ganz erfassen. Doch damals, ein halbes Jahr nach der Konfirmation kurz vor meinem 17. Geburtstag, begann ich zu begreifen.

Es begann mit einer Niederlage. Bis ins Gymnasium, der Kanti, wie man im Aargau sagt, musste ich nie für die Schule lernen. Doch im Gymi änderte sich dies. Besonders in den Fremdsprachen war ich schwach. Kaum eine Prüfung, die zur Zufriedenheit meiner Lehrer und mir verlief. Es wurde immer schlimmer, denn mir fehlten gute Lernstrategien. Am Ende der Probezeit lag das geforderte Niveau deutlich über meinem. Ich bestand nicht und musste die Schule verlassen.

Eine schmerzhafte Niederlage. Ich war am Boden zerstört. Es war nicht schön mit dieser Nachricht nach Hause zu kommen. Eine Welt brach über mir zusammen. Ich verkroch mich in mein Zimmer.

Da las ich den Spruch zum ersten Mal anders. „HERR, ich schreie zu dir, ich spreche: Du bist meine Zuflucht!“ Der Sänger des Psalms mit seinem existenziellen Rufen und ich mit meinem Klagen vor Gott waren in diesem Moment eins. Was bis zu jenem Moment bestenfalls eine fromme Ahnung und ferne Hoffnung war, wurde zur tröstlichen, nahen Erfahrung. Gott ist da! Er lässt mich in meiner Not nicht allein. Er steht mir bei, egal welcher Art meine Bedrängnis ist.

Mit dieser Erfahrung veränderte sich mein Glaube. Er machte einen Sprung vom Naiven zum Realisten. Aus kindlichem Glauben, der darauf vertraut, dass Gott vor aller Gefahr bewahrt, wurde ein erwachsener Glaube, der auch in den Brüchen des Lebens trägt. Mein Glaube weiss seither, dass Bedrängnis zum Leben gehört. Auch mit Gott läuft es nicht immer, wie ich es möchte. Er hält die finsteren Seiten des Lebens nicht von mir fern. Sogar das Todesdunkel mutet er den Menschen seiner Schöpfung zu.

Doch ich muss nicht alleine gehen. Er geht mit. Zu ihm darf ich schreien. Er ist meine Zuflucht!

Mancher von uns versteht seinen Konfspruch nicht von Anfang an, wie auch ich Zeit brauchte um zu verstehen. Es braucht den rechten Moment, der einem die Augen öffnet. Den Wert des Segenswortes lernt man erst mit der Zeit kennen.

Wie geht es dir? Hast du schon angefangen den Wert zu sehen? Wie war es bei dir, als dir die Augen aufgingen? Oder, kannst du dem Versprechen deines Konfverses noch nicht vertrauen?

Der unehrenhafte Abgang vom Gymi öffnete mir die Augen. Bei allem Gottvertrauen muss ich doch auch meine Fähigkeiten nutzen. Nach dem Erlebnis, wohl viel später als manch anderer, begriff ich, dass man sich im Leben anstrengen muss, wenn man etwas erreichen will. Ich nutzte die zweite Chance, den Teil im Land des Lebens, den Gott mir gegeben und meine Eltern mir finanziert haben.

Ich machte auf anderem Weg die Matur. Der Umweg hat mir gut getan, auch wenn mein Leben weiterhin nicht nur gradlinig verlief. Ich traf echte Lehrerinnen und Lehrer, die mich weit über die Grenzen ihrer Schulfächer hinaus prägten.

Schliesslich studierte ich Theologie und absolvierte das Vikariat. Ich wurde Pfarrer und versuche seither mein Bild, meine Vision von Kirche zu leben. „Kirche ist für mich Weggemeinschaft“, schrieb ich in meiner Selbstvorstellung als ich vor mehr als fünf Jahren hier das Pfarramt antrat. Ich beschrieb meine Sicht der Aufgabe und erklärte, dass „ich als Pfarrer auf diesem Weg unterstützen möchte.“

Das stimmt auch heute noch. Es ist schön im Rückblicken zu sehen, dass das „auf dem Weg sein“ immer wieder gelingt.

Nur Visionen erfüllen sich nicht immer ganz. Es gab in den vergangenen Jahren auch Momente und Situationen, in denen Menschen mehr erwarteten als ein Mitgehen. Es ist eine Herausforderung mitzugehen, besonders dann, wenn Menschen das Bedürfnis haben, dass der Pfarrer für sie geht. Dass der Weg nicht mitgegangen, sondern für einen gegangen wird. Es ist schwer, wenn aus unterstützen abtreten wird. Nein sagen, fällt mir schwer. Doch kann kein Mensch für einen anderen den Lebensweg gehen.

In solchen Momenten bin ich wieder bei meinem Psalmenwort. Du Gott, bist meine Zuflucht. Eine Zuflucht, die nur für mich da ist. Im Gebet begegne ich meinem Gott. Im Zwiegespräch in der Stille finde ich Ruhe und neue Kraft. Vor Gott und mit Gott kann ich klarer sehen. Was ist meine Aufgabe? Was ist nicht meine Aufgabe? Wann gilt es Nein zu sagen?

Gerade dann, wenn das Gegenüber ganz genau zu wissen meint, was der Pfarrer zu tun und zu lassen hat und völlig davon überzeugt ist, dass Gott natürlich auf seiner Seite steht, braucht es diese Kraft, die nur von Gott kommen kann. Kraft, zu der mir mein Konfspruch eine Türe auftut. Mein Spruch ist ein Segenswort, das mich stärkt.

Wie geht es dir ? Findest du Kraft, Weisheit und Trost in deinem Konfspruch? Wenn du es nicht findest, was fehlt dir, damit du von Gott erbeten kannst, was du brauchst? Was brauchst du um ihn anrufen zu können?

Seit zwanzig Jahren lebe ich mit meinem Konfspruch. Ich habe ihn unzählige Male bewusst und unbewusst gelesen. Ganz verschiedene Übersetzungen sind mir in all diesen Jahren begegnet und ich habe ihn natürlich während dem Studium auch im hebräischen Urtext gelesen und übersetzt. Ich vertraue darauf, dass er mich auch weiterhin begleiten wird. Er ist ein Spruch für das Leben.

Was werde ich in ihm sehen, wenn ich alt geworden sein werde? Was wird er meinem 75jährigen Ich einmal sagen, wenn ich dann auf mein Leben zurückblicke?

Ich hoffe, es wird viel Dank sein. Was mir heute als schier unüberwindbaren Berg erscheint, wird im Rückblick vielleicht zu einem Abenteuer und einer lehrreichen Reise geworden sein. Wenn Gott mir gnädig sein wird, wie er es mir bisher war, werde ich gar ein kleines Stück Weisheit gefunden haben. Ich wünsche mir Geduld auf diesem Weg, und dass er seine Kraft in mir wirken lässt.

Es würde mich stolz machen, wenn ich dann erkennen darf, dass ich Menschen helfen konnte und es mir ab und an gelang auf Gott hinzuweisen.

Für unsere Kirche wünschte ich mir, dass uns all die Gespräche, alle Entscheidungen und alles Diskutieren – ja, und auch die Konflikt, die wir miteinander ausgetragen haben – uns letztlich näher zu einander bringen werden. Ich wünsche mir, dass mein Vers zu unserem Vers werden darf. Eines Tages werden wir miteinander zu Gott beten: „Gott du bist unsere Zuflucht. Unser Teil im Land vom Leben und unsere Zuversicht in Ewigkeit.“
Amen

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